Das Sandmädchen

Es ist eine klare Sommernacht, die Sterne schimmern hell vom Himmel auf die Vorstadt herab, und ich gleite vorsichtig durch das halb geöffnete Fenster ins Kinderzimmer der Familie Reimers. Dort nehme ich wieder menschliche Größe an und schüttle den Feenstaub aus meinen langen blonden Haaren und den Falten meines rosa Kleids. Selbst wenn die Feenwelt nicht für die meisten Menschen unsichtbar wäre, würden die glitzernden Körnchen in diesem unglaublich unaufgeräumten und wohl monatelang ungesaugten Zimmer kaum auffallen.

Der Junge ist dreizehn Jahre alt und übergewichtig. Treibt keinen Sport, verbringt selbst im Sommer den ganzen Tag im Haus und ernährt sich von Burgern und Cola. Ist es da verwunderlich, dass er nicht schlafen kann – überfressen, überzuckert und koffeiniert? Doch dafür bin ich ja da.

Ich nehme ein wenig Schlafsand zwischen die Finger und trete an sein Bett heran. Dann halte ich inne: Etwas stimmt nicht! Mit schlaflos starrenden Augen sieht der Junge durch mich hindurch… nein Moment… er sieht mich an!

Das darf doch nicht wahr sein, von hunderttausend Kindern besitzt nur eines Feensicht und dieser Bengel muss natürlich dazugehören! Was mache ich jetzt nur? Gleich fragt er mich, wer ich bin…

„Bist du Minako Aino?“

„Was bin ich?“ Ich bin perplex. Hat er gerade japanisch gesprochen?

„Sailor Venus. Du siehst aus wie sie.“ Er hat sich im Bett aufgerichtet. Sein T-Shirt ist zu kurz, ich kann seine Hüftringe sehen.

Oh nein, ich bin doch keine Manga-Figur! Mir wird bewusst, dass der Junge auf meine nackten Beine starrt. Hey, ich trage dieses kurze Kleid, weil es bequem ist – nicht um einen pubertierenden Jungen scharfzumachen, der mich eigentlich gar nicht sehen können sollte, verflixt noch mal!

„Ich bin das Sandmädchen.“ Zeit, zum Geschäftlichen zu kommen. „Und du musst jetzt schlafen.“ Mit geübtem Fingerschnipsen streue ich den Schlafsand in seine Augen.

Er niest, einmal, zweimal, dreimal, schüttelt sich und reibt sich die Augen. „Ich bin aber nicht müde, ich will mich lieber mit dir unterhalten!“ Na klar, bei Kindern mit Feensicht wirkt der Schlafsand natürlich nicht… Das verspricht ein anstrengender Abend zu werden! Also gut, dann eben anders.

„Wie heißt du eigentlich?“ frage ich, um Zeit zu gewinnen.

„Benjamin“ antwortet er und starrt mich weiter an. Wenigstens sieht er mir jetzt ins Gesicht und nicht auf die Beine.

„Na schön Benjamin, dann erzähle ich dir eben eine Geschichte.“ Ich moduliere meine Stimme zu einem melodiösen, einschläfernden Singsang. „Es war einmal ein tapferer Ritter, der zog aus, um eine schöne Prinzessin zu befreien. Seine Rüstung strahlte hell in der Sonne, sein Schwert war scharf und sein Pferd schnell…“

„Was für eine Rüstung?“

„Bitte?“ Jetzt hat er mich aus meinem Erzählfluss gerissen.

„Kette oder Plattenpanzer?“

Ich ertappe mich dabei, dass ich IHN anstarre. „Wieso ist das wichtig?“

„Kette schützt nicht so gut wie Platte, aber Platte ermüdet ihn schneller, und er kann sie nur kurze Zeit tragen.“

„Aha.“ Mehr fällt mir dazu echt nicht ein.

„Steht alles hier drin.“ Er beugt sich vor – danke, auf den Anblick dieser Hinterbacken hätte ich verzichten können! – und greift nach einem dicken Buch, das zwischen den McDonalds-Verpackungen liegt.

„Rollenspiel“ lese ich. Nanu, ein Spiel in Buchform? Das weckt mein berufliches Interesse. Ich nehme es ihm aus der Hand und beginne darin zu blättern.

Au Mann, mehr als dreihundert Seiten Spielregeln! Was ist nur aus den Zinnsoldaten von damals geworden? Ich setze mich zu ihm aufs Bett, schließe meine Augen, senke den Kopf und presse das Buch gegen meine Stirn.

„Es ist etwas kompliziert…“ Den Rest dieses Satzes verschluckt er. Das Buch hat zu leuchten begonnen und glitzernde Funken dringen aus den Seiten in meine Schläfen. Feenkräfte, mein Junge, da staunst du aber!

Nach einer knappen Minute ist der Zauber beendet, und ich lege das Buch beiseite.

„Also los, Benjamin, spielen wir! Du bist der Ritter. Nimm einen Zwanzigseiter, um deine Attributswerte auszuwürfeln. Du hast doch bestimmt einen?“

Das war eine dumme Frage – er hat nicht einen, sondern ungefähr ein Dutzend. Aus einem Lederbeutelchen lässt er sie auf das Bett kullern. Mensch, die sehen aber schick aus! Ich schnappe mir den hübschesten. Benjamin beginnt zu würfeln und seine Spielwerte auf einem Zettel zu notieren. Nach 20 Minuten ist Hieronymus der Starke kampfbereit, im Kettenhemd, mit einem magischen Schwert und einem schlachterprobten Streitroß.

Zeit, die Prinzessin zu befreien!

Hieronymus muss vielen Gefahren trotzen. Bereits auf dem Weg zum verwunschenen Schloss begegnet er Räubern, die er aber mit Hilfe seines Zauberschwertes in die Flucht schlägt. Als er später die morsche Zugbrücke betritt, verpatzt er seinen Geschicklichkeitswurf und landet im Burggraben bei den Krokodilen. Schließlich bezwingt er den fürchterlichen Werwolf, welcher die Kammer der mit einem Schlafzauber behexten Prinzessin bewacht.

Für ein, zwei Stunden versinke ich mit ihm in dieser Märchenwelt, die mich an das Feenreich erinnert, bevor dieses von Klingonen und Riesenrobotern überlaufen wurde. Warum nehmen nur so viele Feenwesen die Gestalt menschlicher Phantasieprodukte an… sehe ich wirklich wie Sailor Venus aus? Ein Blick in den Spiegel reißt mich zurück in die Wirklichkeit. Es ist weit nach Mitternacht, und der Junge schläft immer noch nicht! Aber ich habe noch eine Überraschung für ihn.

„Mit lautem Heulen stürzt die verwundete Bestie von der Brüstung hinab in den Burggraben. Schwer atmend kannst du nun dein Schwert zurück in die Scheide stecken und dich der schlafenden Prinzessin zuwenden, die ausgestreckt auf dem Himmelbett liegt. Was tust du?“

„Wie sieht sie aus?“

Oh nein, er wird doch nicht…! „Dunkelhaarig. Kurze, schwarze Haare! Braune Augen, nicht blau. Sie ist sittsam in ein langes Schlafgewand gekleidet.“

„Ist sie hübsch?“

Hm, tja, nun, sie ist eine Märchenprinzessin, also…

„Sie ist das schönste Mädchen, das du jemals gesehen hast.“

Benjamin schließt die Augen. Was wird er…

„Ich küsse sie.“

Na also!

„Okay, als du sie küsst, spürst du die Macht des Schlafzaubers, der sie seit sieben Jahren gefangen hält. Mach‘ einen Willenskraftwurf!“

Mit meinen Gedanken greife ich nach dem Würfel, während er ausrollt. Feenzauber, wirke!

„Eine Eins“, murmelt Benjamin enttäuscht.

„Der Schlafzauber erfasst auch dich, und du sinkst neben ihr aufs Bett.“ Ich streiche ihm mit der Hand kurz über die Augen. Sofort kippt sein Kopf zurück auf das Kissen und er schläft ein.

Endlich.

„Träum‘ schön von deiner Prinzessin“, sage ich leise, als ich vom Bett aufstehe. Mein Blick fällt noch einmal auf das Rollenspielbuch. Hatte da nicht etwas von „Live Action Roleplaying“ dringestanden, mit mittelalterlichen Gewandungen und nachgemachten Schwertern aus Latex? Gibt es nicht sogar Schwertkampfkurse für Jugendliche?

Ich konzentriere mich noch einmal auf meine Feenkräfte und flüstere dem schlafenden Jungen einen Gedanken ein. Dann werfe ich die Burgerschachteln in den Papierkorb, bevor ich mich auf Fluggröße schrumpfe.

Wer weiß Benjamin, vielleicht wird ja doch noch ein Ritter aus dir.

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Veröffentlicht on Dezember 17, 2006 at 11:29 pm  Comments (5)  
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5 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Nettes kleines Märchen. Erinnert mich an „Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort“ von Jostein Gaarder.

  2. und es ist wirklich zeitgemäß. Es kommt auch leicht autobiographisch rüber :p ( das mit dem Rollenspiel natürlich…)

  3. Ähem! So dick war ich nie (insbesondere nicht mit 13, da war ich ein Hänfling), Rollenspiele habe ich erst mit 16 kennengelernt, und Burgerpackungen waren in meinem Zimmer nie zu finden (mag Burger auch nicht besonders).

    Ich muss diese Unterstellung also weit von mir weisen! Du wirst von meinem Anwalt hören… 8-)

  4. Das oben genannte Buch solltest du übrigens (falls du es noch nicht kennen solltest) wirklich mal lesen, wenn du dich für philosophische Kinder/Jugend Romane begeistern kannst.

  5. Das gefällt mir sehr gut! Wunderbar… *muaha* und irgendwie ein schönes Bisschen sarkazynironisch! Fein, fein!


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