Die Angst des Zwergs

(für Sylvi)

Es war einmal ein Zwerg, der war mit einem Elb befreundet. Wundert Euch nicht: Diese Freundschaften waren damals gar nicht so selten, wie man heute denkt, auch wenn die Zwerge schon immer ein wenig grummelig waren und die Elben schon immer ein wenig hochnäsig. Aber es gab auch schon immer in beiden Völkern Männer und Frauen mit gutem Herzen, und wenn sie einander trafen, dann konnte es geschehen, dass sie über das ungewohnte Verhalten des anderen hinwegsahen und dessen gute Seiten erkannten, und so entstand manchmal eine Freundschaft.

Der Elb freundete sich also mit dem Zwerg an, der oft mit seinem Zwergenkarren durch den Wald des Elben zog, um Glitzersteine zum Markt zu bringen und sie dort zu verkaufen. Davon lebte er, auch wenn diese Steine nicht allzu viel wert waren. Der Weg durch den Wald aber war gefährlich für einen kleinen Zwerg, der sich doch im Gebirge viel besser auskannte als zwischen all den Bäumen, und er musste häufig Angriffe von Räubern oder Wölfen abwehren. Der Elb begleitete ihn und half ihm dabei. So hatten sie einander kennen gelernt: Der Elb hatte den Mut und die Kraft des Zwergs bewundert, der sich nur mit seiner Axt gegen ein Rudel Wölfe verteidigte, und war ihm mit seinem Bogen zu Hilfe geeilt, und der Zwerg hatte die guten Augen und die ruhige Hand des Elben bewundert.

Wenn sie gemeinsam durch den Wald gingen, dann fragte der Elb oft den Zwerg: „Kleiner Freund, Du bist so tapfer, gibt es denn nichts, wovor Du Angst hast?“ Der Zwerg antwortete aber nicht, und der Elb wunderte sich – Elben sind ein gesprächiges Volk, und die Schweigsamkeit des Zwergs verstand er nicht. Da er aber nun einmal keine Antwort bekam, erzählte der Elb stattdessen von seinem Leben im Wald und von den Tieren, die dort wohnten, von den Bäumen, die dort wuchsen, und von all den vielen Dingen, die in seiner langen Lebenszeit im Wald geschehen waren. Und der Zwerg hörte aufmerksam zu, und immer wenn der Elb eine Geschichte beendete, sagte er: „Freund Elb, ich höre dir gerne zu, du hast so eine schöne Stimme, und du weißt so viele Dinge. Gibt es irgendetwas, was du nicht weißt?“ Darauf pflegte der Elb zu lachen und zu antworten: „Ja, mein kleiner Freund, ich weiß nicht, wovor ein Zwerg Angst hat.“ Aber obwohl das natürlich ein Trick von ihm war, um doch noch eine Antwort auf seine Frage zu erhalten – denn Elben sind nun einmal neugierig – blieb der Zwerg stumm.

Eines Tages beschloss der Elb, den Zwerg in dessen Höhle zu besuchen, obwohl das ein weiter Weg für ihn war, und obwohl er das Gebirge nicht mochte. Aber er wollte gerne wissen, wie der Zwerg wohnte. So kam es, dass er ihn auf seinem Heimweg begleitete. Der Weg war steinig und führte an tiefen Abgründen vorbei, und der Elb mochte gar nicht hinuntersehen, denn seine scharfen Augen, die ihm gestatteten, selbst in der Tiefe noch jede Kleinigkeit zu erkennen, ließen ihm diese Abgründe um so schrecklicher erscheinen. Der Zwerg aber schritt furchtlos voran und zeigte keinerlei Erschöpfung, obwohl er seinen schweren Karren, auf den er seine Einkäufe vom Markt geladen hatte, ziehen musste.

So gelangten sie zur Höhle des Zwergs, und dieser stellte seinen Karren ab und öffnete dem Elb die Tür. Drinnen war es ein wenig düster, aber nicht völlig dunkel, da viele Glitzersteine in die Wände eingelassen waren, und als der Zwerg einige Kerzen anzündete, wurde deren Licht von überall zurückgeworfen, und die Höhle erschien hell und freundlich. Da sah der Elb, dass sie eine hohe Decke hatte, und die Luft deshalb gar nicht so stickig darin war, wie er befürchtet hatte, und obwohl der Zwerg nicht viel besaß, wirkte seine Höhle durch das Glitzern doch nicht ganz so ärmlich.

„Ein schönes Zuhause hast Du, mein Freund. Wo findest du nur all diese Glitzersteine?“, fragte der Elb.

„Die schürfe ich aus einer Mine tief unter meiner Wohnhöhle. Soll ich dir zeigen, wie?“, antwortete der Zwerg und griff schon nach seinem Werkzeug.

„Aber nicht doch, du bist doch gerade erst angekommen und sicherlich noch ermüdet von der Reise!“, versuchte der Elb abzuwehren, denn er war selbst ziemlich müde, doch der Zwerg lachte:

„Ach was, Freund Elb, so schnell ermüdet ein Zwerg nicht! Wir sind ein zähes Volk und brauchen nicht viel Schlaf. Komm mit, es geht dort hinunter!“

Und der Elb folgte dem Zwerg eine lange Treppe hinab, die in einer Höhle von gewaltigen Ausmaßen endete. Aus dieser Höhle führten viele Schächte in ferne Tiefen, und als der Zwerg sich anschickte, in einen hinabzuklettern, blieb der Elb stehen.

„Ach, Freund Zwerg, dieses Geklettere in der Dunkelheit, das ist nichts für mich! Gehe du nur allein. Ich habe gute Augen und kann dir mit den Blicken folgen; das Licht deiner Fackel erhellt ja deinen Weg.“

„Wie du meinst, Freund Elb, dann sieh eben von hier zu.“ Ohne weitere Worte stieg der Zwerg in die Tiefe hinab, und obwohl es den Elb vor dem Abgrund graute, beugte er sich vor und verfolgte den Weg seines Freundes.

Dieser kletterte an spitzen Felsvorsprüngen hinunter, und obwohl er natürlich Handschuhe trug, konnte der Elb erkennen, wie die scharfen Kanten in seine Finger schnitten. Dann gelangte er in einen Bereich, in dem die Luft giftig war – das bemerkte der Elb am Flackern der Fackel – und musste für lange Zeit den Atem anhalten. Schließlich erreichte er eine Schicht, in der Glitzersteine zu finden waren, tief im Herzen des Berges, und begann sie aus dem Gestein zu meißeln, und der Elb sah, das dies äußerst mühsame Arbeit war, selbst für einen Zwerg, und schüttelte traurig den Kopf – das Leben im Wald war so viel leichter, und doch lebte er nicht in solcher Armut wie der Zwerg.

Schließlich machte dieser sich auf den Rückweg, und der Elb war heilfroh, als sein Freund endlich wieder sicher in der großen Höhle war. Stolz zeigte ihm der Zwerg den kleinen Beutel mit Glitzersteinen, den er mit nach oben gebracht hatte, und der Elb musste noch einmal den Kopf schütteln, als er daran dachte, wie wenig dieser Beutel doch auf dem Markt einbringen würde, und wie oft der Zwerg also in den Schacht steigen und sein Leben riskieren musste, um seinen Unterhalt zu verdienen.

„Freund Zwerg, du bist so unglaublich tapfer. Sieh nur, deine Hände sind völlig zerschnitten von dem scharfen Felsgestein – tut das nicht furchtbar weh?“, fragte er.

„Ach, das macht nichts, ich bin nicht so empfindlich, ich ertrage Schmerzen gut und bin daran gewöhnt“, antwortete der Zwerg lächelnd.

„Und was ist mit den giftigen Gasen? Du kannst doch nicht völlig verhindern, dass du sie einatmest. Hast du denn keine Angst, dass du dich langsam vergiftest und eines Tages schwach und krank wirst?“

„Ach, Freund Elb, mache dir keine Sorgen. Wir Zwerge sind zäh und vergiften uns nicht so schnell, und überhaupt, wer sagt denn, dass ich so lange lebe, dass ich mir darum Gedanken machen müsste“, antwortete der Zwerg und lächelte immer noch.

„Und hast du denn gar keine Angst, dass du einmal beim Klettern abrutschst und dich in der Tiefe zu Tode stürzt?“

„Ach, du weißt doch, ich bin ein geschickter Kletterer. Und selbst wenn ich abstürzen sollte – ich bin doch nur ein kleiner Zwerg, und mein Leben ist nicht viel wert. Wenn ich sterbe, dann sterbe ich eben“, antwortete der Zwerg und lächelte weiterhin sorglos, aber die scharfen Augen des Elben erkannten nun die Traurigkeit, die sich hinter diesem Lächeln verbarg, und er wurde ganz verlegen.

Und wenn Elben verlegen sind, dann sehen sie nicht zu Boden wie Menschen oder Zwerge, dann sehen sie zur Decke – eigentlich zum Himmel, wenn sie im Freien sind, aber in der Höhle des Zwergs gab es natürlich keinen Himmel. Doch als der Elb seinen Blick über die Höhlendecke schweifen ließ, glaubte er ein Funkeln zu erkennen und sah ganz genau hin, und dann stieß er einen Laut der Überraschung aus.

„Sieh nur, mein Freund, was dort oben glitzert! Das ist doch ein riesiger Diamant, ich kann ihn ganz genau erkennen!“, rief er.

„Ach ja, Freund Elb, ich glaube schon, dass das ein Diamant ist“, gab der Zwerg leise zur Antwort, und der Elb wunderte sich, dass er keinerlei Begeisterung zeigte.

„Ja, wusstest du denn nicht, dass du einen solchen Diamanten in deiner Höhle hast?“, fragte der Elb verwundert.

„Dochdoch“, murmelte der Zwerg, „das wusste ich schon.“

Jetzt war der Elb völlig verwirrt. „Ja aber, Freund Zwerg, was kletterst du denn nur immer in diese fürchterlichen Schächte hinab, wenn du doch nur einmal zur Decke klettern und diesen Diamanten schürfen müsstest? Weißt du denn nicht, dass er ganz allein bestimmt mehr wert ist als all die billigen Glitzersteine in deiner Mine zusammengenommen?“

„Aber natürlich, mein Freund, das weiß ich selbstverständlich“, nuschelte der Zwerg in seinen Bart, und der Elb sah eine Träne seine Wange hinunterlaufen und verstand die Welt nicht mehr.

„Ja, aber warum…“ Dem Elben gingen die Worte aus.

Der Zwerg aber wischte sich mit seinen groben Arbeitshandschuhen die Träne aus dem Gesicht und sah zu Boden, und da der Elb seinen Freund kannte, wusste er, dass dieser jetzt sehr verlegen war. Schließlich begann der Zwerg zu sprechen:

„Du verstehst das nicht, Freund Elb, ich bin mein Leben lang immer nur nach unten geklettert, in die Tiefe, die finsteren Schächte hinab. Ich glaube nicht, dass ich nach oben klettern kann.“

„Was für ein Unsinn“, rief der Elb aus, „ein so geschickter Kletterer wie du, und der Weg ist doch viel ungefährlicher! Das kann doch nicht der Grund sein!“

Da begann der Zwerg tatsächlich zu weinen und ließ die Tränen frei in seinen Bart fließen, ohne sie abzuwischen.

„Ach, Freund Elb, das kannst du nicht verstehen! Ich habe so viele Glitzersteine in meiner Höhle, aber nur einen Diamanten. Was ist, wenn ich mich beim Schürfen ungeschickt anstelle, und er fällt in einen der tiefsten Schächte, wo ich ihn niemals wiederfinde? Was ist, wenn ich ihn zum Markt bringen will, und er wird mir von Räubern gestohlen, oder das Geld, das ich für ihn erhalte, von einem Taschendieb? Und vielleicht finde ich heraus, dass es doch kein richtiger Diamant ist?“

Der Elb hörte fassungslos zu und konnte es kaum glauben. War das sein kleiner, tapferer Freund, der all diese Befürchtungen äußerte? Dieser sah ihn jetzt aus geröteten Augen an und sprach mit brechender Stimme:

„Freund Elb, du wolltest doch immer wissen, wovor ich Angst hätte. Ich bin mein Leben lang arm gewesen. Ich kenne es nicht anders und habe mich daran gewöhnt. Ich bin nicht glücklich, aber auch nicht unglücklich. Wenn ich jetzt aber einen Diamanten besäße… wenn ich auch nur einen Moment reich wäre, oder es auch nur glaubte… und danach wieder arm würde… In meinem jetzigen Leben habe ich nichts zu verlieren. Mein Besitz ist wertlos und mein Leben bedeutungslos. Der Diamant würde alles ändern. Ich würde reich sein, und ich würde wichtig sein. Ich würde glücklich sein. Und wenn ich dann wieder arm würde, mit dem Wissen, wie es war, reich zu sein – dann wäre ich furchtbar unglücklich und könnte mein Leben nicht mehr ertragen.“

„Und davor habe ich Angst“, beantwortete der Zwerg nun endlich die Frage seines Freundes und ging mit gesenktem Kopf an ihm vorbei zur Treppe.

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Veröffentlicht on Dezember 17, 2006 at 11:27 pm  Comments (5)  
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5 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Das Alter der Zielgruppe sinkt weiter…
    Aber auch wieder ein sehr nettes Märchen. Besonders gut gefällt mir folgende Stelle:

    „Und wenn Elben verlegen sind, dann sehen sie nicht zu Boden wie Menschen oder Zwerge, dann sehen sie zur Decke – eigentlich zum Himmel, wenn sie im Freien sind, aber in der Höhle des Zwergen gab es natürlich keinen Himmel. Doch als der Elb seinen Blick über die Höhlendecke schweifen ließ, glaubte er ein Glitzern zu erkennen und sah ganz genau hin, und dann stieß er einen Laut der Überraschung aus.“

    Die Idee, dass Elben wenn sie verlegen sind in den Himmel und nicht auf den Boden schauen ist wirklich klasse, fühlt sich sehr „tolkienisch“ an und passt auch noch super in die Geschichte.

  2. Nick, das Alter der Zielgruppe ist 17… Märchen sind nicht nur etwas für Kinder. Eigentlich waren sie das nie, das ist eine spätere Umdeutung.

  3. Hallo Andreas,

    nachdem ich bisher immer nur Cindy & Bert von dir gelesen habe ( jaja immer diese Insider :) )habe ich mich nun einmal an deine andere Kost heran gewagt.

    Diese Kurzgeschichte liest sich sehr angenehm und ist doch mit einer beachtlichen Aussage verbunden.

    Es erinnert mich ein wenig an meine private Situation, da für mich 2006 in Sachen Privatleben im Vergleich zu den bisherigen Jahren meines Lebens ausgesprochen toll war.
    Viele Dinge die ich erlebt habe werden mir ewig in Erinnerung bleiben, jedoch denke ich dass ich 2007 dieses Level mit großer Sicherheit nicht halten können werde.

    Dies stimmt mich momentan traurig und ich habe das Gefühl, dass es mir besser ginge wenn ich 2006 nicht den Diamanten ausgegraben und nun wieder verloren hätte.

    Andererseits zielt die Kurzgeschichte wahrscheinlich eher darauf ab der Zielgruppe klarzumchen, dass sie den Diamanten ausgraben soll anstatt ihn ungenutzt verstauben zu lassen,oder ?
    Ich werde vermutlich auch zum Schluß kommen dass es richtig war meinen Diamanten auszugraben.

    Man sieht also, auch die Zielgruppe der Mitzwanziger fühlt sich von Märchen in gewisser Hinsicht angesprochen.

    Gruß,
    Thomas

  4. Vielen Dank, Thomas, für das Lesen meiner Geschichte und für Dein Feedback!

    Was Deine Vermutung angeht: Ja…nein…

    Tatsache ist, dass diese Geschichte eine Menge Bedeutungsebenen hat. Viele davon KANN außer der „Zielgruppe“ und mir einfach niemand verstehen. Da geht es um viele, viele Dinge mehr, als andere Leser sehen können, und jedes Bild, jede Formulierung hat eine Bedeutung.

    Die naheliegende Deutung „Ich könnte Dein Diamant sein“ ist nicht völlig verkehrt, gehört aber nicht in den Vordergrund, auch weil diese Lesart mit den viele anderen Insider-Ebenen nicht zusammenpasst, denn darin geht es NICHT um mich.

    Unabhängig von dem ganzen Insiderkram lässt sich dieses Märchen aber, denke ich, auch sehr viel allgemeiner lesen.

  5. Ich habe mich jetzt doch entschlossen, den korrekten Genitiv zu benutzen. Früher dachte ich, „des Zwergen“ klinge irgendwie altertümlich, aber heute klingt das auch für mich einfach nur noch falsch.


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