Die Stunde der Panther

Der Direktor lüftet mit theatralischer Geste den Zylinder, schwenkt ihn, dreht sich dabei im Kreis.

„Sehr verehrte Damen und Herren, geschätztes Publikum! Heute zeigen wir Ihnen etwas ganz Besonderes, etwas Außerordentliches!“

Alle Lichter richten sich auf die Mitte der Manege, auf die bunte Holzkiste, die dort liegt. In dicken, schwarzen Strichen steht darauf geschrieben: Pantera Negra.

„Es ist Zauberei, es ist Magie, es ist einzigartig und unbeschreiblich, und es findet nur heute statt, nur hier, nur mit Ihnen und mir: Es ist die Stunde der Panther!“

Für einen Moment herrscht Stille, dann beginnt das Orchester einen Trommelwirbel – leise zunächst, sich dann steigernd, immer lauter und lauter, bis er ohrenbetäubend ist, das gesamte Zelt erfüllt und jedes andere Geräusch übertönt.

Dann plötzlich wieder Stille, greifbar.

Aus der Kiste springt ein Panther.

Er ist tiefschwarz, muskulös, elegant. Bernsteinaugen glitzern im Licht der Scheinwerfer. Langsam, mit wiegenden Schritten, geht er dem Direktor entgegen, nähert sich ihm auf wenige Zentimeter, bleibt stehen. Mann und Tier sehen einander an.

Dann schreitet die große Katze gemessen auf den Rand der Manege zu. Schreie ertönen, wo ist die Absperrung, die Zuschauer sind nicht geschützt, das ist gefährlich!

Ruhig setzt sich das Tier auf seine kräftigen Hinterbacken, nahe genug an den Zuschauern, dass diese die Hand ausstrecken und es berühren könnten. Wenn sie sich trauten.

Schweigen, Entsetzen, Faszination.

Ein zweiter Panther entsteigt der Kiste, gleich dem ersten, schwarz und majestätisch. Auch er nähert sich dem Direktor, sie tauschen Blicke. Auch er spaziert gemächlich zum Manegenrand, lässt sich dort nieder, in einigen Metern Abstand zum ersten.

Die Zuschauer wagen nicht, laut zu atmen. Zu sprechen schon gar nicht. Wind umstreicht das Zirkuszelt, das Flattern des Stoffes ist der einzige Laut.

Ein dritter Panther erscheint. Die Kiste, sie misst nur zwei mal einen Meter, ist einen halben Meter hoch, wie haben die Tiere darin Raum gefunden? Ein Mysterium! Die große Katze folgt dem Weg ihrer Vorgänger, nimmt ihren Platz gegenüber den Zuschauern ein.

Nacheinander entsteigen neun weitere Panther der Kiste. Bald ist ihr Kreis geschlossen, jeder Zuschauer kann einem der Tiere in die Augen sehen.

Weiterhin Stille.

Der Direktor ergreift wieder das Wort.

„Sehen Sie die Schönheit, spüren Sie die Wildheit, erleben Sie das Geheimnis des Schwarzen Panthers! Öffnen Sie Ihren Geist, überwinden Sie Ihre Angst! Kommen Sie näher, immer näher, schauen Sie den Tieren in die Seele!“

Eine junge Frau erhebt sich, zögernd, macht einen Schritt voran, beugt sich nieder. Die Gesichter von Mensch und Katze liegen Nase an Nase, Auge an Auge. Sekundenlang verharren sie.

Dann weicht die Frau zurück, keucht laut, ungläubig, taumelt auf ihren Platz zurück.

„Oh mein Gott, ich habe es gesehen! Ich habe es wirklich gesehen! Es ist… es ist unbeschreiblich, unglaublich… so unfassbar schön!“

Unsicheres Gemurmel erfüllt das Zelt. Andere Zuschauer wagen sich vor. Sie neigen sich den Raubkatzen entgegen, blicken tief in die glühenden Augen.

Und dann sehen auch sie es, spüren die Faszination, durchleben das Unerklärliche. Alles, alles ist anders! Hinter den Augen des Panthers liegt eine fremde Welt, und sie sind nun Teil davon.

Einer nach dem anderen drängen sich die Menschen nach vorne, verschmelzen ihren Geist für kurze Zeit mit dem der Tiere. Jeder wagt es, keiner bleibt zurück. Sie alle erleben die Stunde der Panther.

Am nächsten Morgen durchsucht die Polizei den Zirkus, die Behörden sind alarmiert. Diese Tiere, woher kamen sie, wohin gingen sie, stellen sie eine Gefahr für die Bevölkerung dar?

Sie finden ein leeres Zelt, verlassene Wohnwagen, einen alten Mann mit Zylinder, eine Holzkiste.

Die Panther, die können sie nicht finden, denn in den Herzen der Menschen – dort können sie nicht suchen.

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Veröffentlicht on Dezember 17, 2006 at 11:04 pm  Comments (1)  
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One CommentHinterlasse einen Kommentar

  1. Sehr schön gefällt mir bis jetzt am besten. (mal gucken vielleicht schreiben ich noch ein bisschen was zur Intention und Wirkung, muss die Geschichte aber erstmal „sacken“ lassen) Das einzige was mich stört ist der Begriff „Hinterbacken“.


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