Ein Königsmord

Ein leises Bimmeln kündigt das Kommen des Narren an.

Wie ein Wasserrinnsal windet sich die Melodie zwischen den starren Hölzern der alten Bäume hindurch. Das Rascheln der Blätter gibt sanft den Rhythmus an, und die langen Gräser bewegen ihre Halme im Takt. Die Tiere des Waldes lauschen verwirrt; als das Spiel lauter wird, huschen sie davon. Der Narr erscheint auf der Lichtung.

Sein Gewand leuchtet hell in Rot und Orange im Sonnenlicht, und die Glöckchen an seinem Rock blitzen. Er tanzt leichtfüßig unter den Bäumen, weite Sprünge wechseln sich mit raschen Drehungen ab. Kaum können seine sanft schimmernden Augen den ruckartigen Bewegungen seines Kopfes folgen. Wilde Schritte zeichnen bizarre Figuren auf den Grund, obwohl er ihn mit seinen kostbaren Schuhen fast nicht zu berühren scheint. Die lange Kapuze schwingt in majestätischer Bewegung; sie kann den Tänzer nicht einholen, also tanzt sie ihre eigene Weise. Noch einmal umrundet der Narr die Lichtung, dann verschwindet er wieder im Schatten der Bäume. Sein Weg scheint vom Zufall bestimmt, doch er hat ein Ziel: Der Narr ist unterwegs, den Seekönig zu töten.

***

Hinter dem Wald, auf der anderen Seite des großen Flusses, erhebt sich das Land in schroffem Felsgestein zu gewaltigen Klippen, unter denen die Brandung den immerwährenden Kampf der See gegen das Land führt. Hier hat der Seekönig seine Burg. Ihre hohen Zinnen ragen aus dem schweren Nebel, dessen wallende Schwaden ihren Weg bis hinauf zu den Mauern gefunden haben, wie mächtige alte Bäume aus Stein auf; aus deren Kronen leuchtet hell der flackernde Schein von Lampen. Vom höchsten Turm, der die privaten Gemächer des Königs beherbergt, überschaut ein schmaler Balkon sein Reich von den Ufern des Flusses bis zu den weit vor der Küste liegenden Inseln. Auf diesem Balkon zeigte sich der König seinem Volk, von dort erhob er seine Stimme zu den Massen, die sich erwartungsvoll im Burghof und vor den Toren drängten. Aber nun ist die Burg leer. Der König sitzt einsam in einem alten, hölzernen Lehnstuhl am Fenster und sieht an den zurückgezogenen Vorhängen vorbei in die Ferne. Früher pflegte er stets auf das Meer zu schauen; in seinem Blick glitzert noch immer das tiefe Blaugrün des Wassers. Doch heute schweifen seine Augen landwärts, zum Fluss, und weiter zu dem fernen Wald, den er nicht mehr sehen kann. Der Seekönig erwartet seinen Mörder.

***

Der Narr hat seinen Tanz unterbrochen, der Wald liegt hinter ihm, und das ferne Rauschen des Flusses begleitet seine Schritte. Mit ernstem Gesicht schreitet er durch die Hügel, folgt einem Pfad, der nur in seiner Erinnerung existiert. Einmal erst ist er hier gewesen, doch er findet seinen Weg so sicher, als ob er bezeichnet und befestigt wäre. So geht er stundenlang, über steinige Abhänge und durch schmale Schluchten. Schließlich erreicht er den Zauberfelsen.

Hier hält er inne. Der Felsen steht stolz und aufrecht im Schatten einer überhängenden Wand, groß wie ein Riese, die Gestalt eines ruhenden Adlers mit gefalteten Flügeln. Er birgt einen Hohlraum, der magisch verschlossen ist; nur wer die geheimen Worte kennt, vermag ihn zu öffnen.

Der Narr kniet nieder. Aus einer der vielen Taschen seines bunten Umhangs zieht er ein Buch hervor, einen schmalen Band, in Leder geschlagen. Vorsichtig, als sei es zerbrechlich, legt er es auf seine Handflächen und nähert es dem Stein. Dann spricht er die magischen Worte, und plötzlich erscheint dort eine schwarze Höhlung, in die er seine Arme strecken kann. Er legt das Buch hinein: Denn wer ein Ding aus dem Zauberfelsen nimmt, muss ihm ein anderes wiedergeben. Nun befinden sich ein Schwert, ein Ring und das Buch darin. Er kann sich nehmen, was er begehrt, doch wählt er den Ring, so verbleiben Schwert und Buch; entscheidet er sich für das Schwert, so muss er Buch und Ring lassen. Niemals kann er zwei Dinge zugleich besitzen.

Mit festem Griff zieht er das Schwert hervor. Die feine Klinge schimmert hell im Tageslicht. Bedächtig hebt er sie empor, die Spitze zur Sonne gereckt. Lange steht er unbewegt. Endlich lässt er die Waffe sinken, wirft noch einmal einen Blick zurück zum Felsen, der erneut massiv und fest steht. Dann beginnt er wieder seinen Tanz. Mit geschmeidigen Bewegungen, das Schwert schwingend, setzt er seinen Weg fort.

***

In der Burg ist es Nacht, und alles ist ruhig. Der Seekönig ist in seinem Stuhl eingeschlafen; das Mondlicht bescheint sein Gesicht. Ein Klingeln von Glöckchen weckt ihn.

Der Narr tanzt die Treppe hinauf. Mit zierlichen Sprüngen erklimmt er die letzten Stufen.

Der König dreht sich nicht um. Lange genug musste er warten, jetzt kennt er keine Eile mehr. Der Narr durchtanzt den Raum, bis er an die Lehne des Stuhles gelangt, auf dem der König sitzt. Mit einer Pirouette kommt er dort zum Stehen.

„Ich bin zurückgekehrt, König“, ruft er mit hoher Stimme.

„Wie es prophezeit war“, antwortet der König leise.

„Ich besitze das Schwert“, ruft der Narr lauter.

„Wie es prophezeit war“, wiederholt der König in gleichbleibendem Tonfall.

„Ich werde Euch töten!“, ruft der Narr aus, nunmehr mit voller Lautstärke, so dass seine Worte durch die leere Burg hallen.

„Wie es prophezeit war“, wiederholt der Seekönig noch einmal. Langsam steht er auf, noch immer mit dem Rücken zum Narren.

Dieser hebt das Schwert hoch über den Kopf, und mit einer federleichten Bewegung enthauptet er den König. Dann wirft er die blutige Waffe auf einen Tisch und streckt sich auf dem königlichen Bett aus, wo er sofort in tiefen Schlaf versinkt.

***

Es ist Morgen. Stimmen wecken ihn; er richtet sich auf. Er erblickt eine Versammlung von Männer und Frauen – das Volk ist zurückgekehrt. Er springt aus dem Bett, wirft seine Kapuze, lässt die Schellen klingeln.

„Ich habe den König getötet!“, ruft er stolz.

Sie heben ihn auf ihre Schultern, in einer Prozession tragen sie ihn die lange Treppe hinab. Einer geht ihm mit dem abgeschlagenen Haupt des Königs voraus, ein anderer hält ihm das Schwert. So gelangen sie in den Burghof.

Dort stehen Tausende zusammen, versammelt wie einst bei einer Rede des Königs. Man hat dessen Thron herbeigeschafft: Auf diesen wird der Narr nun gesetzt. Der ist verwirrt. Er hat den König getötet. Seine Pflicht ist erfüllt, sein Tanz ist beendet. Doch sie erwarten mehr, scharen sich um ihn. Gesichter starren ihn an.

„Ich habe den König getötet!“, ruft der Narr nochmals aus.

Da brandet Jubel auf, sie feiern ihn mit lautem Gesang. Nun hält er es nicht mehr aus. Ungelenk steht er auf und bahnt sich seinen Weg aus dem Hof. Einige wollen ihn festhalten, doch er windet sich aus ihrem Griff. Sein Gewand bleibt zurück.

Nackt flieht er aus der Burg, fortgetrieben vom Lärm der Menge, deren Rufen zu einem Sturm angeschwollen ist. Das Schwert ist verloren, das Buch und der Ring sind unerreichbar. Der Narr weint.

Der Seekönig ist tot.

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Veröffentlicht on Dezember 17, 2006 at 11:26 pm  Comments (5)  
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5 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Ein Märchen – wie schön :)

    Jedenfalls kommt es märchenartig herüber.
    Das Ende gefällt mir, wie immer bei Deinen Geschichten, es gibt keinen Sieger in Deiner Geschichte.

    Du kannst so schön mit Worten Bilder malen das es ein Genuss ist Deine Geschichten zu lesen – manchmal entfleuschen Dir zu viele Adjektive, aber es sind nie so viele das sie stören würden.
    (Du bleibst immer grade so unter meiner Adjektiv Schmerzgrenze.)

    An diese Geschichte gefällt mir besonders die Aufteilung:

    Szene mit Narr
    Szene mit König

    Damit sind die Hauptprotagonisten im Spiel.

    Der Weg des Narren zum König.
    Die letzten Augenblicke des Königs.

    Das Ende – Feier der Tat des Narren und Flucht des Narren, nackt und mittellos in die Welt.

    Die Geschichte ist rundum stimmig und schön ^.^

  2. Hi jaddi, schön, dass Du Dich doch noch hierher verirrt hast!

    Ja, auf das Ende lege ich bei meinen Geschichten immer ganz besonderen Wert – häufig ist es das Erste, was vom Text feststeht, obwohl es erstaunlicherweise gerade bei dieser Geschichte anders herum war, da hatte ich die Anfangsszene im Kopf, den durch den Wald tanzenden Narren, und wusste einfach, dass er unterwegs war, den König zu töten… frag‘ nicht!

    Was mich besonders freut ist, dass Du immer wieder sagst, dass ich mit meinen Worten Bilder malen kann, denn da bin ich mir recht unsicher, weil ich so ein miserabler Beobachter bin (Du weißt ja… Neue Schuhe? Neues Kleid? Oh Schatz, Du hast ja eine Gasmaske auf!)

  3. Der Narr war sich der Konsequenzen nicht bewusst. Er hat seine Aufgabe erfüllt ohne sie zu hinterfragen oder einen andere Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Dennoch hatte er nicht wirklich eine Wahl, sein Handeln war determiniert. Ob dies dem König schon immer klar war?

    Die Geschichte ist super! Dass du hier nicht das Ende als erstes im Kopf hattest verwirrt mich nur noch mehr.

    Und warum bitte ein Seekönig und nicht einfach ein König? (nur, wenn du das verraten kannst ohne zu viel zu verraten)

  4. Warum?

    Bei diesem Text gibt es sehr viele warums, auf die ich zuerst keine Antwort weiß. Ich würde sie finden, wenn ich lange genug darüber nachdächte, aber das bedeutete, meine eigene Geschichte zu analysieren und mich selbst zu analysieren, und das will ich hier nicht.

    Der Text ist, wie er ist (wenn ich nicht eines Tages nach dem tasuendsten Mal Lesen wieder Tippteufelchen finde). Genau so wenig, wie die handelnden Personen Fragen zum warum stellen, will ich es tun.

  5. Das Thema erinnert mich etwas an die Kurzgeschichte „Hop-Frog“ von Edgar A. Poe. In der wird ebenso ein Tyrann von seinem Narren getötet, wobei die Methode sehr originell ist (ohne zuviel zu verraten). Sehr lesenwert auf jeden Fall. Wenn man danach googelt kann man den Text zumindest im englischen Original finden.
    Grüße
    U.


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