Kill the birds, tuppence a sling

Der Weg zur Kirschenallee führt mich an St. Paul’s vorbei. Eine alte Frau hat mein Geschäft übernommen; die Londoner Jugend ist begeistert, die Glasermeister sind es auch, und den Straßenfegern ist es egal, ob sie Taubenmist oder tote Vögel von den Bordsteinen putzen müssen. Schleudern will ich aber nicht mehr verkaufen: In Nummer 17 wird eine Erzieherin gesucht, und auch wenn mir die Weiblichkeit, welche das Suffix impliziert, vollständig abgeht, besitze ich alle notwendigen Qualifikationen.

Ich lasse mir Zeit, genieße den Londoner Frühlingsmorgen, atme den Duft der Kirschenblüten. Die Schornsteinfeger streiken und haben Posten aufgestellt. Nicht, dass Erzieherinnen eine Gefahr für ihr Gewerbe darstellten, aber eine Hand wäscht die andere, und Männer in Schwarz erweisen einander Gefallen. So kann ich mich darauf verlassen, dass keine meiner Konkurrentinnen das Haus der Familie Banks erreicht: Ein Sperrriegel aus Kaminkehrern hindert sie daran, zur Not auch gerne mit anzüglichen Bemerkungen oder Handgreiflichkeiten. Die Londoner Polizei mischt sich natürlich nicht ein: Auch die Bobbies sind gewerkschaftlich organisiert und haben Verständnis für die raueren Seiten des Arbeitskampfes.

Pünktlich um zehn Uhr vormittags betätige ich den Türklopfer. In der blitzblank geputzten Eingangstür spiegelt sich meine Erscheinung: Lang, hager, bleich, im perfekt sitzenden schwarzen Anzug und mit einem schwarzen Zylinderhut. Auch Regenschirm und Koffer sind natürlich schwarz. Ich lächle meinem Spiegelbild mit zwei perfekten Reihen perlweißer Zähne zu.

Die Dame des Hauses öffnet die Tür, ebenso ihren Mund zu einer Begrüßung, schließt aber letzteren sofort wieder und erstere beinahe, doch ich mache einen kleinen Schritt nach vorne und stelle meinen Fuß auf die Schwelle.

„Mrs. Banks?“

Sie findet die Sprache wieder. „Ich befürchte, Sie haben sich in der Tür geirrt… Wir benötigen keinen Totengräber.“

Ich lächle sie an. „Ich bin wegen Ihrer Anzeige hier, Mrs. Banks.“

„Unsere Anzeige? Aber… George? Wir haben doch nach einer Erzieherin inseriert, nicht wahr?“

Ihr Mann tritt auf den Flur heraus.

„Selbstverständlich haben wir das, Liebes. Würden Sie sich bitte erklären, Mister…“

Ich ziehe den Hut, verbeuge mich. „Poppins. Marcus Poppins.“

„Mister… Poppins, ich kann wirklich nicht nachvollziehen, weswegen Sie es für angebracht halten, sich auf diese Stelle zu bewerben.“

Meine nächsten Worte wähle ich mit Bedacht. „Mr. Banks… Wir leben in einem modernen Zeitalter. England wird wieder von einem König regiert, Männer stehen Banken und Handelsgesellschaften vor. Ist es da noch zeitgemäß, wenn wir die Erziehung unserer Kinder, die Zukunft unseres Landes, in schwache weibliche Hände legen?“

„Nun…“ Er legt die Stirn in Falten. Ich habe den richtigen Ton getroffen. Seine Frau schaut ein wenig indigniert, aber es ist nicht die Hobby-Suffragette, die ich überzeugen muss.

„Dem Wortlaut ihrer Anzeige entnehme ich, dass Ihre Kinder alt genug sind, keine Amme mehr zu benötigen.“

„Das ist richtig.“

„Da somit die biologischen Notwendigkeiten weiblicher Pflege fortfallen, sind die anzustrebenden Erziehungsziele Anstand und Disziplin, oder sehen Sie das anders, Mr. Banks?“

„Selbstredend“, pflichtet er mir bei, „aber…“

Ich setze nach: „Möchten Sie die Vermittlung dieser grundlegenden britischen Tugenden lieber einem Mann oder einer Frau überlassen, Mr. Banks?“

„Nun…“

Ich kann beinahe hören, wie es hinter der Stirn des Bankangestellten rattert, als er versucht, dieses neuartige Konzept zu analysieren. So muss er auch aussehen, wenn er eine Kreditanfrage überprüft.

„Ich besitze ausgezeichnete Referenzen, Mr. Banks.“

Das gibt den Ausschlag. Er wendet sich seiner Frau zu: „Schatz, rufe die Kinder.“

„Aber, George…“

„Ja, Liebes?“ Ich genieße die väterliche Strenge in seinem Blick.

„Ich weiß nicht, ob es für sie nicht vielleicht ein wenig ungewohnt ist, einen männlichen Erzieher zu haben.“

„Nun, dann werden sie sich eben daran gewöhnen müssen! Mr. Poppins wird ihnen die Flausen schon austreiben, nicht wahr?“

Ich gestatte mir ein weiteres Lächeln.

„Gewiss, Mr. Banks. Ich denke allerdings, dass sie mich rasch akzeptieren werden. Ich besitze viel Erfahrung mit Kindern.“

„Da hörst Du es, Winifred.“

„Wenn Du meinst, George… Jane? Michael?“

Viel zu schnell erscheinen die beiden am Treppenabsatz, um nicht gelauscht zu haben.

„Kinder, sagt Mr. Poppins Guten Tag. Er ist Euer neuer Erzieher.“ Tonfall und Blick ihres Vaters genügen, damit sie ihrer Verwunderung nicht sprachlich Ausdruck verleihen.

Ich trete zwei Schritte nach vorne und habe die Eltern nun im Rücken.

„Guten Tag, Mr. Poppins“, sagt Jane artig.

„Guten Tag“, murmelt Michael.

„Guten Tag, Kinder“, erwidere ich ernst. Dann zwinkere ich ihnen zu.

Als sie mich erstaunt anblicken, verziehe ich die Mundwinkel langsam zu einem Grinsen, immer weiter, bis zu den Ohren. Dann lasse ich meine Zunge in einer kleinen Spirale hervorschießen und tippe mir damit gegen die Stirn.

Die Kinder keuchen überrascht, ihre Augen beginnen zu leuchten. Einen Erzieher, der solche Grimassen zu schneiden vermag, haben sie gewiss nicht erwartet!

Ich drehe mich zu ihren Eltern um, die von meinem kleinen Kunststück nichts mitbekommen haben, selbstverständlich wieder mit ernstem Gesicht.

„Zwei ganz reizende Kinder haben sie da, Mr. und Mrs. Banks. Ich bin sicher, wir werden uns ganz ausgezeichnet verstehen.“

„Ja… ja!“ beeilen sich die beiden Gören zu versichern. „Wir werden ganz brav sein und alles tun, was Mr. Poppins sagt, versprochen!“ Zauberei – ich liebe sie!

„Nun, wenn das so ist…“ Ihre Mutter gibt den letzten Widerstand auf. Ich habe gewonnen.

***

Ich beziehe eine Kammer unter dem Dach. Ein Bett, ein Nachttisch, ein kleiner Schrank – ausreichend. Als ich meinen Koffer ausräume, sehen Jane und Michael zu.

„Merkwürdige Dinge haben Sie da, Mr. Poppins“, sagt der Junge. „Wozu sind die gut?“

Ich drehe mich zu ihm um. „Du bist ein neugieriger Junge, Michael… sei immer schön artig, dann wirst Du es bald herausfinden!“

„Versprochen?“

„Versprochen“, nicke ich. Beide werden sie es herausfinden. Ich verstaue meine Gerätschaften im Schrank, schließe ihn sicherheitshalber ab.

„Wieso seid Ihr beide eigentlich noch wach?“

„Wir sind noch nicht müde, Mr. Poppins. Wir wollen noch nicht schlafen!“

„Das ist sehr vernünftig von Euch… denkt an die Kinder, die im Frachtraum des Schiffes eingeschlossen wurden!“

Die beiden kriegen große Augen. „Was denn für Kinder?“

Ich setze mich auf die Bettkante. „Mein Dienst beginnt erst morgen – vielleicht sollte ich Euch die Geschichte dann erzählen.“

„Nein, bitte – bitte erzählen Sie sie uns jetzt, Mr. Poppins!“

„Na gut, ganz wie Ihr wollt…“ Draußen beginnt es zu dämmern. Ich drehe die kleine Gaslampe auf dem Fensterbrett herunter. Erwartungsfroh setzen sich die beiden Kinder im Halbdunkel auf den Boden.

„Es waren einst zwei böse Kinder, die spielten ihren Eltern und den Nachbarn ständig Streiche. Sie hießen… Joan und Mickey, ein Mädchen und ein Junge, genau wie Ihr.“

Ich lehne mich zurück und schlage meine langen Beine übereinander.

„Eines Tages trieben sie es zu weit, und ihre Eltern wurden sehr wütend auf sie. Da rannten sie fort und versteckten sich. Sie liefen zum Hafen, an dem immer ein großes Durcheinander herrschte, und wo sie niemand beachtete. Doch dann kam ein Polizist vorbei, und sie krochen in eine große Kiste, damit er sie nicht sah. Das war aber keine gute Idee gewesen, denn kurz darauf kamen zwei Hafenarbeiter und nagelten die Kiste mit einem schweren Holzdeckel zu.“

„Haben die Kinder denn nicht gerufen?“, stößt Michael atemlos hervor.

„Natürlich haben sie das, laut um Hilfe geplärrt haben sie! Aber entweder haben die Arbeiter sie über dem ganzen Hafenlärm nicht hören können, oder…“

Ich neige mich vor und flüstere verschwörerisch: „…oder es war ihnen egal, und sie wollten sie nicht hören!“ Jane schlägt sich entsetzt mit der Hand vor den Mund.

Ich fahre fort: „Die Kiste wurde dann auf ein Schiff verladen, das nach Amerika fuhr. Wisst Ihr, wo Amerika liegt?“

Sie schütteln stumm den Kopf.

„Es liegt sehr, sehr weit entfernt, auf der anderen Seite des Atlantiks, und die Reise dorthin dauert mehrere Wochen. So lange waren die beiden in der Kiste eingeschlossen und hatten nichts zu essen… Wisst Ihr, was richtiger Hunger ist, Kinder? Nein, das wisst Ihr nicht! Vielleicht werdet Ihr ab und zu einmal ohne Abendessen ins Bett geschickt, aber Ihr habt keine Vorstellung davon, wie es ist, wochenlang keinen einzigen Bissen zu bekommen, wenn Euer Magen zu einem riesigen, schmerzenden Loch wird, das Ihr nicht zustopfen könnt, wenn Ihr vor Schwäche nicht mehr stehen könnt, wenn der bloße Gedanke an Nahrung Euch hilflos zittern und sabbern lässt und Euch in den Wahnsinn treibt!“

Mit schreckensgeweiteten Augen starren die beiden mich an. Die Sonne ist jetzt untergegangen. Als ich die Lampe lösche, ist es beinahe vollständig finster in der Kammer.

„In der Kiste war natürlich kein Licht, und so saßen die beiden im Dunkeln. Das Schiff schlingerte und stampfte, und sie wurden hin- und hergeworfen. Bald aber übertönte das Knurren ihrer Mägen das Rauschen der Wellen und das Rattern der Maschinen. Sie mussten etwas essen – aber was? In der Kiste war nichts – außer ihnen beiden natürlich…“

Ich lausche in die Stille. Sie haben den Atem angehalten. Langsam beginnt ihr kindlicher Verstand zu begreifen, worauf meine Geschichte hinausläuft.

„Der Hunger wurde immer größer und der Schmerz in ihren Bäuchen immer unerträglicher. Ab und zu tastete der eine nach dem anderen, um sich zu überzeugen, dass er noch lebte… und dass er noch wach war. Denn wenn einer von ihnen einschlief, das wussten beide, dann würde der andere die Gelegenheit nutzen und ihn erwürgen… um ihn dann zu essen.“

Jane gibt ein kleines Wimmern von sich. Als Michael nach ihr greifen will, um sie zu beruhigen, rückt sie panisch beiseite.

„Wer… wer von den beiden…“ Michael bringt die Frage nicht zu Ende.

Ich warte einige Sekunden ab, bevor ich antworte.

„Keiner, Michael. Sie trauten sich beide nicht einzuschlafen und blieben wach… bis sie schließlich vor Schwäche starben.“

„Wie schrecklich“, keucht Jane.

„Richtig, Jane. Und weil sie so böse Kinder gewesen und einen so fürchterlichen Tod gestorben waren, ließ sie der Herrgott nicht in den Himmel. Deswegen gehen sie jetzt als Geister um. Sie sind in alle Ewigkeit dazu verflucht, genau so hungrig herumzustreifen, wie sie gestorben sind. Da sie aber böse Kinder waren und nun böse Geister sind, schleichen sie sich heimlich nachts in Kinderzimmer und flüstern die Namen der Kinder darin …“

Wieder beuge ich mich vor, forme beinahe unhörbar die Worte: „Jane. Michael.“

Sie zucken zusammen.

„Und wenn die Kinder dann keine Antwort geben, dann wissen Joan und Mickey, dass sie schlafen… und dann essen sie sie auf, bei lebendigem Leibe!“

Urplötzlich lasse ich die Gaslampe wieder aufflammen – ah, es geht doch nichts über Zauberei! Die beiden stoßen einen Schreckensschrei aus.

„So Kinder, und jetzt ab ins Bett! Es ist höchste Zeit!“

Mit verstörtem Blick fliehen sie aus meiner Kammer.

Zufrieden sehe ich noch ein wenig aus dem Fenster. Auf dem gegenüberliegenden Dach vergewaltigt ein Dutzend Schornsteinfeger ein unvorsichtiges Dienstmädchen. London bei Nacht, es besitzt seine ganz eigene Magie!

Ein Stockwerk tiefer liegen Jane und Michael wach. Zwei so unschuldige Seelen, zwei so zarte Körper – Marcus Poppins steht eine wunderbare Zeit bevor.

Nur ein Löffelchen voll Zucker, und jedes Gift wird willig geschluckt.

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Veröffentlicht on Februar 23, 2007 at 4:18 am  Comments (2)  
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2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. genial

  2. kewl :) gefällt mir, die idee ^-^


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