Minni Orakel und der große Zauberer Alimaktus

(für Marion Linke)

Einmal kam die gute Fee Minni Orakel auf ihren Wanderungen durch die Welt auch in das Land Zabúrien, das von dem mächtigen Zauberer Alimaktus beherrscht wurde. Wie es ihre Natur war, half sie den Menschen, denen sie unterwegs begegnete, mit guten Ratschlägen und manchmal auch mit einem kleinen Zauber (obwohl sie ungern zauberte, denn sie pflegte immer zu sagen: „Zauberei ist der Beweis, dass man zu dumm oder zu faul war, ein Problem auf vernünftige Art zu lösen“). Schon bald konnte man überall im Land hören, dass eine gute Fee eingetroffen sei, die die Menschen von ihren Sorgen befreie und wirkliche Wunder vollbringen könne, und immer, wenn sie in ein Dorf kam, wurde sie freundlich empfangen, und ein großes Fest wurde zu ihren Ehren gefeiert.

Diese Neuigkeiten kamen aber auch dem Zauberer Alimaktus zu Ohren, und dieser wurde sehr ärgerlich, denn es gefiel ihm gar nicht, dass jemand anders in seinem Land zauberte und von den Menschen bewundert wurde! Also entschloss er sich eines Tages, seinen Zaubererturm zu verlassen, um die Fee Minni Orakel zu einem Zauberduell zu fordern. Heimlich machte er sich des Nachts auf und reiste auf seinem fliegenden Teppich in das Dorf Eichenbach, wo die gute Fee am nächsten Morgen eintreffen sollte, und die Dorfbewohner bereits voller Freude und Ungeduld warteten. Dort verkleidete er sich als armer Bauersmann, und als der Tag anbrach, mischte er sich unerkannt unter die Leute.

Als dann die Fee in das Dorf kam, liefen alle Menschen gleich zu ihr, und jeder wollte mit ihr reden oder sie berühren. Manche brachten ihr Geschenke, doch die meisten berichteten ihr von ihren Nöten, und Minni Orakel hörte jedem zu, schlichtete Streitigkeiten, tröstete und beriet, doch konnte der Zauberer Alimaktus nicht erkennen, dass sie auch nur ein einziges Mal zauberte. Schließlich jedoch, als schon fast alle mit ihr gesprochen und von ihr Hilfe erhalten hatten, kam ein kleines Mädchen weinend zu ihr gelaufen, das hielt einen Vogel in seinen Händen, der war von einer Katze verletzt worden und konnte nicht mehr fliegen. Und weil das Mädchen so weinte und die gute Fee Mitleid mit ihr und dem kleinen Vogel hatte, strich sie mit ihrem Zauberstab über dessen Gefieder, und siehe! da flatterte der Vogel mit seinen Flügeln und flog singend auf die linke Schulter der Fee.

Da lachte der Zauberer, und er warf seine Verkleidung ab und gab sich zu erkennen. Und er verspottete Minni Orakel, weil sie ihre Zauberkunst an einen kleinen Vogel verschwendete und forderte sie zum Duell heraus und höhnte: „Weil du Dich aber so gut mit Tieren verstehst, kleine Fee, so lass dies unseren Wettkampf sein: Wer von uns über das mächtigere Tier gebietet, soll der Sieger sein; der Verlierer aber muss das Land für immer verlassen.“

Und Minni Orakel erklärte sich einverstanden, doch bedang sie sich aus, dass erst in einem Monat entschieden werden sollte, welches Tier denn das mächtigere sei, denn eine solche Wahl müsse mit Bedacht getroffen werden. Damit wiederum erklärte sich der Zauberer Alimaktus einverstanden, und sofort stieß er seinen Zauberstab in die Luft und sprach mit donnernder Stimme die Beschwörung, die Feuerzahn, den stärksten aller Drachen, herberief, und als dieser im Brausen eines Sturmes herbeieilte, warf er ihm eine Zauberfessel um, die ihn gänzlich unter seinen Willen zwang. Dann lachte er wieder und sprach zu Minni Orakel: „Nun magst du einen Monat suchen oder ein Jahr, aber ein mächtigeres Tier als Feuerzahn wirst du in der ganzen Welt nicht finden, und dieser untersteht nun meinem Befehl!“ Doch die gute Fee antwortete ihm nicht, sondern sprach mit dem kleinen Vogel auf ihrer Schulter. Da wandte Alimaktus sich erzürnt ab und flog zurück in seinen Turm, wo er Feuerzahn in eine Höhle sperrte, die dieser niemals verlassen durfte.

Als nun aber eine Woche vergangen war, verlangte der Drache Feuerzahn, seinen Meister zu sprechen und bat: „O großer Zauberer Alimaktus, ich bin nun seit einer Woche in dieser Höhle gefangen und kann die Sonne nicht sehen und den Wind nicht spüren. Ich bitte Euch, erlaubt mir, die Höhle zu verlassen und mich in die Lüfte zu erheben.“

Doch Alimaktus antwortete: „Das kann ich nicht zulassen, Drache, du würdest die Gelegenheit nützen und fortfliegen“, und schlug ihm die Bitte ab.

Als nun aber die zweite Woche vergangen war, verlangte Feuerzahn wiederum, Alimaktus zu sprechen und bat: „O großer Zauberer Alimaktus, ich bin nun seit zwei Wochen in dieser Höhle gefangen und langweile mich entsetzlich. Ich bitte Euch, erlaubt mir, einen anderen Drachen zu rufen und meine Kräfte mit ihm zu messen.“

Doch Alimaktus antwortete: „Das kann ich nicht zulassen, Drache, du könntest dich verletzen“, und schlug ihm die Bitte ab.

Als nun aber die dritte Woche vergangen war, verlangte Feuerzahn abermals, den Zauberer zu sprechen und bat: „O großer Zauberer Alimaktus, ich bin nun seit drei Wochen in dieser Höhle gefangen und fühle mich entsetzlich einsam. Ich bitte Euch, erlaubt mir, ein Weibchen hierherzuholen, das mir Gesellschaft leistet.“

Doch Alimaktus antwortete: „Das kann ich nicht zulassen, Drache, sie würde versuchen, dich zu befreien“, und schlug ihm auch diese Bitte ab.

Als nun aber der Monat um war, kehrte Alimaktus in das Dorf Eichenbach zurück, doch dieses Mal ritt er auf dem Rücken des Drachen, den er sich unterworfen hatte. Im Dorf erwartete ihn bereits Minni Orakel, und sie hatte kein anderes Tier bei sich als den kleinen Vogel, der wieder auf ihrer Schulter saß. Da lachte der Zauberer lauthals und verspottete die Fee. Der Drache Feuerzahn aber stieß einen tiefen Seufzer aus und sagte: „Ach, ich wünschte, ich wäre wie dieser kleine Vogel da.“

Da verstummte Alimaktus verdutzt und fragte ihn: „Wie kannst du nur so etwas sagen, Drache, dass du wie diese schwache kleine Kreatur sein willst, wo du doch das mächtigste Tier der Welt bist? Deine Schwingen verursachen Stürme, dein Feuer ist so heiß, dass es Gold schmilzt, und dein Körper so stark, dass er Festungen zerschmettert!“

Doch der Drache entgegnete: „Was nützen mir meine Flügel, wenn ich nicht fliegen kann, wohin ich will? Was nützt mir mein Feuer, wenn ich es nicht im Kampf mit ebenbürtigen Gegnern einsetzen kann? Und was nützt mir mein starker Körper, wenn ich keine Gefährtin habe, die ihn bewundert? Als ich noch frei war, war ich das mächtigste Tier der Welt, jetzt aber bin ich nur noch Euer Sklave, machtloser selbst als dieser Vogel, der fliegt, wohin er will, der mit seinen Freunden rauft, wann immer es ihm gefällt, und der ein Weibchen hat, mit dem er sich ein Nest baut. Ich weiß es, denn er hat mich oft in meiner Höhle besucht und mir davon erzählt.“

Da fragte Minni Orakel den Drachen: „O Feuerzahn, sage mir, wenn Alimaktus dir deine Freiheit und Macht wiedergäbe, würdest du ihm dann noch gehorchen?“

Und Feuerzahn antwortete: „Nein, denn ich bin ihm nichts schuldig.“

Nun fragte Minni Orakel den Vogel auf ihre Schulter: „Kleiner Vogel, ich habe noch keinen Dienst von dir gefordert. Doch wenn ich dich um einen solchen bäte, würdest du ihn mir erweisen?“

Und der kleine Vogel antwortete: „Ja, Minni Orakel, denn ich liebe dich.“

Da sah der große Zauberer Alimaktus ein, dass er das Duell verloren hatte, und voller Scham verließ er das Land Zabúrien und kehrte nie mehr zurück. Die gute Fee Minni Orakel aber befreite den Drachen Feuerzahn von der Zauberfessel und zog weiter zu neuen Abenteuern. Doch immer, wenn ihr Weg sie wieder in das Land Zabúrien führte, besuchte sie das Dorf Eichenbach und den kleinen Vogel, der dort nistete.

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Veröffentlicht on Dezember 17, 2006 at 11:13 pm  Schreibe einen Kommentar  
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