Spiele im Schloss

Jede Nacht derselbe Traum.

Sie durchschritt die leeren Räume des Schlosses, alleine, suchend. Aus Einsamkeit wurde Verzweiflung, dann Furcht, schließlich Panik. Die Flure nahmen kein Ende, alle Türen glichen sich, jeder Raum war unbenutzt und verlassen.

Und irgendwo wartete das Monster. Es hatte keinen Namen, kein Gesicht, keine Form. Aber es war hier. In diesen Räumen, in diesem Schloss. Es wohnte hier. Sie wusste das, mit einer Gewissheit jenseits von bloßem Wissen. Sie spürte es. Sein Atem erfüllte jedes Zimmer. Seine Aura war überall. Davonlaufen war sinnlos, deshalb rannte sie nicht. Ihre Schritte brachten sie nicht voran. Sie konnte nicht fort. Es gab kein anderswo, zu dem sie fliehen konnte. Das Schloss war ihre Welt. Und in dieser Welt wohnte das Monster.

Vielleicht war das Schloss das Monster.

Trotzdem suchte sie – was oder wen, wusste sie nicht. Es war auch unwichtig. Nur irgendetwas, was nicht hierhergehörte. Etwas von außerhalb. Etwas, das bewies, dass es ein „außerhalb“ überhaupt gab. Doch mit jeder Tür, die sie aufstieß, wurde ihre Hoffnung geringer und die Verzweiflung größer. Sie war allein hier, allein mit dem Monster. Niemand würde sie retten. Sie war verloren.

Jedesmal endete der Traum damit, dass sie aufgab, kraftlos zu Boden sank, das Gesicht in den Händen verbarg und weinte. Sollte das Monster kommen, sie konnte ihm doch nicht entfliehen. Sie konnte ihrer Bestimmung nicht entkommen.

***

Ludmilla erwachte durch ein Klopfen an der Tür ihrer Kemenate. Durch die hohen Fenster fiel bereits hell der Schein der Morgensonne in ihr Zimmer. Früher hatte immer das erste Tageslicht sie geweckt, und sie war mit den Vögeln aufgestanden. Aber dann hatten die Träume begonnen. Sie war immer später zu Bett gegangen, hatte das Einschlafen aufgeschoben, bis die Müdigkeit unüberwindlich wurde. Jetzt schlief sie weit in den Tag hinein, bis Hubert sie weckte.

Sie wischte sich den Schlaf aus den Augen. „Ich bin wach!“, rief sie. Hubert, der Schlossdiener, betrat leise den Raum. Auf dem Frühstückstablett in seinen Händen befanden sich Scheiben frischgebackenen Brotes, Konfitüre und warme Milch. Er stellte das Tablett auf ihrem Nachttisch ab und musterte sie.

„Einen wunderschönen Morgen wünsche ich Euch, Prinzessin.“ Er fragte nicht mehr, wie sie geschlafen hatte – sie kannten beide die Antwort.

„Danke, Hubert“, erwiderte sie mit einem kleinen Gähnen. „Es ist wirklich ein schöner Morgen.“ Sie blickte den alten Mann freundlich an. Er war der Mittelpunkt ihrer kleinen Welt, war immer für sie da, ertrug ihre Launen und Stimmungsschwankungen. Er war der einzige der Bediensteten, zu dem sie ein wenig Vertrauen gefasst hatte und mit dem sie sich unterhalten konnte.

Sie schob die Bettdecke zurück, um zum Waschraum zu gehen und ihre Morgentoilette zu verrichten, doch sie hielt inne, als sie bemerkte, dass Hubert noch etwas sagen wollte. Sie sah ihn fragend an.

„Heute abend wird Euer Gemahl Euch besuchen, Prinzessin“, sagte der Diener mit freundlicher Stimme.

Ludmilla sah ihm in die Augen. Er erwiderte ihren Blick, schwieg. Sie wartete auf die Aufregung und die mit etwas Angst vermischte Vorfreude, die sich früher bei ihr nach dieser Ankündigung eingestellt hatten, doch sie blieben aus. Zu oft schon war sie enttäuscht worden.

Der Diener wandte seine Augen zuerst ab. „Heute abend wird er wirklich kommen“, bekräftigte er. Ludmilla antwortete nicht, sondern griff nach ihrem bereitgelegten Morgenmantel und zog ihn über ihr Nachtgewand. Als Hubert sich anschickte, den Raum zu verlassen, rief sie ihm nach: „Lass‘ bitte mein Pferd satteln; ich möchte ausreiten!“

Hubert drehte sich in der Tür um und verbeugte sich. „Wie Ihr wünscht, Prinzessin“, antwortete er. Dann verließ er den Raum und zog die Tür hinter sich zu.

***

Das Schloss lag auf einem bewaldeten Hügel, umgeben von Viehweiden und Ackerland. Zwei Wegstunden entfernt befand sich ein kleiner Marktflecken. Hubert ritt oft dahin, um Bestellungen für die Schlossküche aufzugeben, oder um bei fahrenden Krämern nach Spielzeug für sie zu fragen. Die Händler hatten schnell begriffen, dass es sich lohnte, auch längere Umwege auf ihren Reisestrecken in Kauf zu nehmen, um besonders schöne oder ausgefallene Stücke hierherzubringen. Ludmilla fragte sich manchmal, ob der alte Mann vielleicht heimlich selbst damit spielte, obwohl sein ruhiges, ernstes Gebaren das gewiss nicht vermuten ließ. Die Mengen, in denen er aufziehbare Tiere, teuer ausstaffierte Puppen und hölzerne Geschicklichkeitsspiele einkaufte, sowie die Tatsache, dass gerade die unterhaltsamsten Exemplare immer wieder auf unerklärliche Art verschwanden, ließen den Gedanken jedoch naheliegend erscheinen. Sie war ihm deswegen auch gewiss nicht böse. Eher war es ihr schon unangenehm, wie er sie mit schönem Tand überhäufte, und auch das faszinierendste Spielzeug verlor doch recht schnell seinen Reiz. Sie fühlte sich nicht zu alt zum Spielen – immerhin war sie eine Prinzessin, warum sollte sie also nicht ihre Zeit damit vertrödeln? – aber alleine zu spielen verdrängte die Langeweile immer nur vorübergehend und neigte dazu, ihre Einsamkeit bereits nach kurzer Zeit noch zu verstärken.

Auf ihrer Suche nach menschlicher Gesellschaft war sie zuerst ein paar Mal ins Dorf hinuntergeritten, aber sie hatte bald gemerkt, dass sie sich dort nicht wohl fühlte. Die Menschen dort waren nicht unfreundlich, im Gegenteil, aber sie behandelten sie mit einem Ausmaß an Ehrfurcht, welches selbst den Respekt, der ihr vom Schlosspersonal entgegengebracht wurde, weit überstieg, und das eine normale Unterhaltung unmöglich machte. Dazu kam, dass Ludmilla die hierorts übliche Mundart kaum verstand. Meistens hatte sie einen Sprecher zwei-, dreimal bitten müssen, das Gesagte zu wiederholen – wobei sie festgestellt hatte, dass die breite Sprechweise der Dörfler bei langsamerem Sprechtempo häufig nur noch unverständlicher wurde – und selbst dann die Bedeutung nur erraten können. Außerdem bekam sie immer schnell ein schlechtes Gewissen, die einfachen Menschen von ihrer Arbeit abzuhalten, nur weil sie, die verhätschelte Prinzessin, sich langweilte.

Stattdessen ritt sie ihren Fuchs über die umliegenden Wiesen und in die benachbarten Hügel, immer auf der Suche nach noch unentdeckten, ruhigen Plätzen, an denen sie einfach still liegen und die Augen schließen konnte, etwas von dem Schlaf nachholen, den sie nachts nicht fand. An einem solchen Ort war die Einsamkeit erträglicher, die Stille, nur von Vogelzwitschern und dem gelegentlichen Schnauben ihres Pferdes unterbrochen, erschien passend. Hier war es richtig, alleine zu sein.

Doch diese innere Ruhe war ein vergänglicher Zauber. Bereits wenn sie einen Ort das zweite Mal aufsuchte, erschien er ihr nur allzu bekannt. Anstatt Stille hörte sie Schweigen. Die Bäume, Sträucher und Felsen wurden zu Mauern. Sobald sie auch nur abstieg, wurde sie von Unruhe erfasst. Sie konnte nicht verweilen, sie musste weiterreiten, musste eine neue Stelle suchen, deren Zauber noch frisch und unverbraucht war.

Deshalb ritt sie immer weiter fort. Hubert hatte sich daran gewöhnt, ihr einen Korb mit belegten Broten mitzugeben, da sie kaum einmal zum Mittagsmahl im Schloss zurück war. Tatsächlich war sie zuletzt nur selten deutlich früher als bei Sonnenuntergang zu Hause eingetroffen.

Ein einziges Mal war sie nach Einbruch der Nacht noch draußen gewesen. Sie hatte sich im stark zerklüfteten, felsigen Gelände westlich des Schlosses herumgetrieben und nicht auf den Stand der Sonne geachtet. Als ihr schließlich bewusst wurde, dass die Dunkelheit in wenigen Minuten über das Land fiel, hatte sie Angst bekommen und ihr Pferd zu äußerster Eile angetrieben. Die Monsterjäger hatten diesen Teil des Landes zwar vor einigen Jahren von allem gesäubert, was gefährlicher als ein Wolf war (und Wölfe griffen einen Reiter nicht an), aber trotzdem fühlten sich die Menschen in der Finsternis immer noch schutzlos. Geschichten über fremdartige, widernatürliche Wesen, die in den Nachtstunden umhergingen, waren bis in ihre behütete kleine Welt vorgedrungen.

Beim panischen Heimritt über den dunklen Waldpfad war es dann passiert: Ihr Pferd war gestrauchelt und hatte sie abgeworfen. Alle Versuche, es zu beruhigen und wieder aufzusteigen, scheiterten – es hatte sich am Vorderhuf verletzt. Zitternd vor Kälte und Angst hüllte sich Ludmilla in ihre Decken und wartete ab. Ein Dutzendmal schreckte sie auf, wenn sie ein Geräusch hörte, das sie mit ihrem geringen Verständnis des nächtlichen Waldlebens nicht einordnen konnte, und glaubte, dass jetzt das Monster aus ihrem Traum sie holen würde. Aber dann war es natürlich doch Hubert gewesen, zusammen mit dem Stallknecht, der im Fackelschein die Wege zum Schloss abgesucht hatte und sie schließlich fand.

Ihr Pferd hatte sich so schwer verletzt, dass es nie wieder richtig hätte laufen können. Als Hubert es einige Schritte beiseite führte, um es zu töten, wurde ihr erst bewusst, dass sie ihm nie einen Namen gegeben hatte. Mit nur einer Spur Überraschung stellte sie fest, dass der Verlust ihres Pferdes sie nicht härter traf als das Verschwinden eines Spielzeugs. Und als bereits am nächsten Tag im Stall ein neues Pferd für sie bereitstand – der Fuchs, den sie jetzt ritt – hatte sie dieses Geschenk ebenso aufgenommen wie ein neues Spielzeug, das Hubert ihr vom Markt mitbrachte: Mit höflichem, zurückhaltenden Dank, ohne echte Freude oder Überraschung.

Und natürlich hatte sie auch diesem Pferd keinen Namen gegeben.

***

Heute ritt Ludmilla eher ziellos durch die nähere Umgebung des Schlosses. Gestern hatte sie in einigen Stunden Entfernung einen kleinen See entdeckt, dessen Ufer sie genauer erkunden wollte, aber jetzt verspürte sie doch keine Lust, ihn so bald wieder aufzusuchen. Stattdessen scheuchte sie ihr Pferd die schlossnahen Hügel hinauf und hinunter, genoss den kühlenden Luftzug auf ihren Wangen. Es war Spätsommer, und die Getreidefelder leuchteten goldgelb. Ab und zu hielt sie an, um von oben herab den Bauern bei der Arbeit zuzusehen. Aus dieser Entfernung erinnerten sie Ludmilla an das Puppenspiel, das Hubert ihr vor einigen Monaten mitgebracht hatte – kleine Blechfiguren, die von Federn aufgezogen einfache Bewegungen vollführten. Einige Tage hatte dieses Kunstwerk sie fasziniert, und sie verbrachte viele Stunden damit, das halbe Dutzend nachgebildeter Bauern und Handwerker in immer neuer Anordnung zusammenzustellen. Schließlich war sie aber auch dieses Spiels überdrüssig geworden und hatte die Figuren in einer Schublade ihres Spielzimmers verstaut. Seitdem hatte Ludmilla sie nicht mehr gesehen – als sie Hubert nach ihrem Verbleib fragte, zuckte dieser nur mit den Schultern. Am nächsten Tag dann hatte er sie mit einem neuen Geschenk überrascht, das – wie den Großteil ihres Spielzeugs – angeblich ihr Gemahl auf seinen Reisen für sie ausgesucht und hierher hatte kommen lassen: eine Mädchenpuppe in Kindergröße, die man aus- und anziehen und deren blonde Haare man frisieren konnte. So schön diese Puppe auch war, so uninteressant fand es Ludmilla jedoch, sich mit ihr zu beschäftigen, und so setzte sie sie schon bald in eine entfernte Ecke ihres Spielzimmers und überließ es dem Zimmermädchen, sie gelegentlich abzustauben. Diese Puppe war nicht verschwunden und starrte sie mit ihren bemalten Glasaugen immer vorwurfsvoll an, wenn Ludmilla ihr Spielzimmer betrat, was diese jedoch geflissentlich ignorierte.

Gerade, als sie beschloss, doch noch einmal dem See einen Besuch abzustatten, bemerkte Ludmilla den Reiter, der die Straße zum Dorf hin entlanggeritten kam. Sie sah sofort, dass es sich nicht um Hubert handelte, denn er ritt erheblich forscher, als Hubert es zu tun pflegte, und kam aus der dem Schloss entgegengesetzten Richtung. Außerdem glaubte sie, Teile einer metallenen Rüstung und vielleicht einen Helm in der Sonne aufblitzen zu sehen. Bereits ein Reiter, der nicht zum Schloss gehörte, war in dieser Gegend ein äußerst seltener Anblick. Einen gerüsteten Kämpfer hingegen hatte sie nicht mehr gesehen, seit sie vor zwei Jahren ihre Heimatstadt verlassen hatte, um den ihr unbekannten Fürsten zu heiraten, der ihren verschuldeten Vater mit viel Geld überredet hatte, sie fortzugeben.

Ludmilla trat sofort den Heimritt zurück zum Schloss an, denn es konnte gar keinen Zweifel daran geben, dass der Weg des Fremden ihn dorthin führen würde, und sie wollte dabei sein, wenn er empfangen wurde.

***

Als sie im Schlosshof eintraf, fand sie das Schlosspersonal in hektischer Betriebsamkeit vor. Vom Zimmermädchen zum Küchenmeister schien jeder Wassereimer zu schleppen, und der Geruch nach Reinigungslauge lag in der Luft. Überrascht stellte sie fest, dass Hubert selbst auf den Knien lag und schrubbte – ausgerechnet die Türschwelle zum Vorratslager, das ihres Wissens kaum jemals betreten wurde!

Ludmilla stieg ab. Für einen Augenblick blieb sie unentschlossen stehen. Sie war es gewohnt, dass der Stallknecht ihr sofort die Zügel abnahm und das Pferd zu den Stallungen führte. Dann schalt sie sich selbst eine verwöhnte Göre und winkte Hubert, der heranstürmen wollte, ab. Sie konnte ihr Pferd gut alleine versorgen.

Der Weg zum Stall führte sie am langgestreckten Vorratsgebäude vorbei. Was genau wurde dort eigentlich gelagert? Gedankenverloren ließ sie ihren Blick darüber schweifen. Plötzlich blieb sie stehen und stieß einen Laut der Überraschung aus. War das ein Gesicht, dort an einem der kleinen Fenster? Ludmilla ließ die Zügel fallen und rannte zu der Stelle. Angestrengt spähte sie durch das schmutzige Glas. Wenn Hubert das Lager schon putzte, hätte er mit diesen Fensterscheiben anfangen sollen! Drinnen war es dunkel, sie konnte nichts erkennen. Hatte sie sich geirrt? Verwirrt kehrte sie zu ihrem Pferd zurück.

Später, als sie es striegelte, kam ihr die Frage in den Sinn, wozu ein Vorratslager eigentlich Fenster benötigte.

***

Eine halbe Stunde später stand Ludmilla gewaschen und in ihre offizielle Garderobe gekleidet neben Hubert und erwartete die Ankunft des Fremden. Wie klein der Schlossdiener doch war! Sie konnte auf sein dünnes, ergrautes Kopfhaar hinabsehen. Beide schwiegen. Huberts Gesichtsausdruck wirkte verschlossen, die Lachfältchen schienen Sorgenfalten gewichen zu sein. Sie wollte ihn mit Fragen bombardieren, wusste aber, dass sie nur ausweichende Antworten erhalten würde. So, als wenn sie nach dem Fürsten, ihrem Gemahl, fragte. Nein, nicht ganz – anstelle von Verlegenheit spürte sie Beunruhigung in ihm. War er wegen ihres Besuchers in Sorge?

In der mittäglichen Stille hörte sie das Klappern der Hufe, bevor der Reiter in Sicht kam. Das Schloss hatte keine Befestigungsanlagen außer einem breiten Graben, dessen Aufgabe es war, wilde Tiere fernzuhalten. Dieser Landstrich lag weit ab vom politischen Geschehen und hatte seit Menschengedenken keinen Krieg erlebt; eine friedliche, abgeschiedene Randprovinz des Reiches. Um so stärker beeindruckte sie der Anblick des Mannes, der jetzt auf dem Pfad zwischen den Bäumen in Sicht kam und sein Roß im forschen Trab auf die Brücke lenkte, die den Graben überspannte.

Er ritt einen gewaltigen Rappen, einen Hengst, dessen Brust und Flanken mit ledernen Rüstungsteilen geschützt waren. Er selbst trug einen Helm mit offenem Visier, sowie einen metallenen Brustpanzer über einem Kettenrock. An einer Seite des Pferdes hing eine beinahe doppelt mannslange Lanze, an der anderen eine Satteltasche, auf der ein kleiner Käfig festgebunden war. Der Reiter war mit Schwert und Schild bewaffnet. Sein Wappen zeigte ein blutiges Schwert und einen abgetrennten Drachenkopf.

Ein Monsterjäger! Selbst in ihrer Heimatstadt hatte Ludmilla nie einen Angehörigen dieses elitären Ordens zu Gesicht bekommen. Was mochte ihn hierher führen? War diese Region nicht mehr sicher? Mit einem kleinen Schrecken dachte Ludmilla an die vielen Male, die sie alleine durch entfernte Gegenden geritten und schlimmer, dort abgestiegen war.

Wenige Schritte vor ihnen hielt der Ankömmling sein Tier an. Mit einer eleganten, mühelos erscheinenden Bewegung schwang er sich vom Pferd. Den herbeigehuschten Stallknecht wehrte er mit einer beiläufigen Bewegung der Hand ab. Er trat heran und nahm den Helm ab. Darunter kam ein recht junges Gesicht zum Vorschein, vielleicht Anfang Zwanzig. Unter kurzen blonden Haaren musterten sie eisblaue Augen. Sein sorgfältig gestutzter Kinnbart betonte erstaunlicherweise seine Jugend noch.

„Seid willkommen, Meisterjäger!“, begrüßte Hubert ihn mit der offiziellen Anrede. „Unser Schloss sei Euer Quartier, so lange Ihr es wünscht.“ Seine Steifheit wunderte Ludmilla.

Der Reiter überging den Schlossdiener und wandte sich direkt an sie. „Fürstin?“ Er deutete eine Verbeugung in ihre Richtung an. Ludmilla benötigte einen Moment, die ungewohnte Titulierung auf sich zu beziehen. Hubert sprang ein. „Wir reden die Herrin von Schloss Schwarzhügel für gewöhnlich mit ‚Prinzessin‘ an.“

Diesen Einwurf nahm er zur Kenntnis, ohne den Blick von ihr zu lösen. “ ‚Prinzessin‘ ist der Titel einer in die Königsfamilie geborenen Tochter. Meines Wissens nach seid Ihr eine bürgerliche Frau, welche den Fürsten von Schwarzhügel geehelicht hat. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich im Irrtum befinde.“

Ludmilla wusste nicht, was sie entgegnen sollte. Ihr Besucher sprach mit ihr wie zu einer Gleichgestellten – bestenfalls! Seit ihrer Reise zum Schloss hatte sie nur noch Gespräche mit Menschen niedrigeren Ranges geführt. Wieder war es Hubert, der für sie antwortete. „Ihr befindet Euch nicht im Irrtum, Meisterjäger. Es ist nur so, dass in dieser Gegend etwas andere Bräuche herrschen als im Kernland des Reiches.“

Die eisblauen Augen blickten sie weiter unverwandt an. „Selbstverständlich hat jedes Fürstentum das Recht auf eigene Sitten und Gebräuche. Solange sie nicht den Dekreten der Reichsführer widersprechen, heißt das natürlich.“

Wieder vergingen einige Herzschläge, bis Ludmilla sich der Bedeutung dieser letzten Bemerkung bewusst wurde. Der Ritter hatte ihnen gedroht!

Huberts Miene versteinerte, aber diesmal entgegnete er nichts. Es war an ihr, eine Antwort zu geben. Stattdessen fragte sie: „Und wie werdet Ihr genannt, Ritter?“ Kaum hatten die Worte ihren Mund verlassen, zuckte sie zusammen – sie hatte ihn nicht mit dem korrekten Titel angesprochen. Wenn es noch irgendeinen Zweifel gegeben hatte, dass sie nicht imstande war, die Rolle der Fürstin von Schwarzhügel auszufüllen, dann war dieser jetzt ausgeräumt.

Seine Reaktion überraschte sie aber: Er lächelte. „Nun, wenn es in dieser Gegend so üblich ist, sollt Ihr eine Prinzessin sein und ich ein Ritter!“

Sie setzte zu einer Entschuldigung an, brachte aber kein Wort heraus. Ihre Verwirrung schien ihn zu amüsieren, er lächelte noch breiter. Oh Ihr Götter, sein Lächeln war umwerfend! Sie fühlte sich immer weniger wie die Fürstin und immer mehr wie das siebzehnjährige Bürgermädchen.

„Mein Name ist Iwain von Hartburg. Sehr erfreut, Eure Bekanntschaft zu machen, Prinzessin.“ Diesmal zeigte er nicht einmal den Ansatz einer Verbeugung – er nickte ihr zu, immer noch lächelnd. Es fehlte nur noch, dass er ihr zuzwinkerte!

Wieder war es Hubert, der das Schweigen brach. „Wünscht Ihr, dass wir uns um Euer Pferd und Gepäck kümmern, Meisterjäger?“

Zum ersten Mal sah dieser ihn an und antwortete ihm direkt. „Vielen Dank für das Angebot, aber dieser Ritter weiß sich alleine zu versorgen.“ Er lächelte immer noch, doch die Wärme war daraus gewichen. Hubert verbeugte sich nur.

Iwain schritt zu seiner Satteltasche und band den darauf befestigten Käfig los. Ludmilla hörte ein Fauchen und Kratzen. Etwas Pelziges bewegte sich darin.

„Mein Frettchen ist ein wenig unruhig – der Geruch von Lauge reizt seine empfindliche Nase.“

Hubert setzte zu einer Antwort an, verstummte jedoch wieder. Sie beschloss, diesmal ihm zu Hilfe zu eilen. „Das tut mir leid, Ritter.“ (Er hatte sie schließlich auch Prinzessin genannt, richtig?) „Hätte ich von der Ankunft Eures Frettchens heute gewusst, hätte ich natürlich angeordnet, den Putztag zu verschieben.“ Aus den Augenwinkeln registrierte sie den überraschten Blick des Dieners. Nun, sie wollte versuchen, zumindest den Anschein von Autorität wiederzuerlangen.

„Und ich hatte angenommen, Ihr hättet mir zu Ehren geputzt!“ Sein beiläufiger Tonfall, während er sein Pferd von dessen Traglast befreite, verleitete sie zu einer unüberlegten Erwiderung.

„Aber keineswegs, Eure Ankunft war eine Überraschung für uns. Es ist mein Gemahl, den wir erwarten!“ Ohne sagen zu können weshalb, spürte sie doch sofort, dass sie besser den Mund gehalten hätte. Hubert zuckte geradezu zusammen, während Iwains Gesichtsausdruck ernst wurde. Wieso hatte sie nur das Gefühl, dass dieses Gespräch weitaus bedeutsamer war, als sie erkennen konnte?

„Ja richtig, Euer Gemahl. Ich hatte angenommen, dass er mich begrüßen würde. Er kehrt also heute von einer Reise zurück?“ Der durchdringende Blick seiner Augen strafte seinen leichten Konversationston Lügen.

Ludmilla hoffte, dass Hubert für sie antworten würde, aber dieser blieb stumm. „Ich hoffe es. Natürlich kann es immer vorkommen, dass er aufgehalten wird.“

„Natürlich. Mit Eurer Erlaubnis, Prinzessin, bringe ich jetzt mein Pferd in den Stall.“ Da war es wieder, dieses Lächeln. Ohne ihre Entgegnung abzuwarten, führte er den Rappen fort. Sie blickte Hubert an, der schweigend dastand. Als Iwain um die Ecke gebogen war, näherte sie sich neugierig seinem Gepäck. Aus dem kleinen, mit weichem Leder ausgeschlagenen Holzkäfig starrte das Frettchen sie mit roten Augen an. Es fauchte wieder, und sie konnte seine nadelspitzen Zähne sehen. Wieso führte der Jäger dieses Frettchen mit sich? Er würde es wohl kaum auf Kaninchen abgesehen haben.

Und wieso hatte Hubert vor seiner Ankunft das Schloss putzen lasen?

Der Diener räusperte sich. „Prinzessin… Euer Gemahl ist tatsächlich aufgehalten worden. Es tut mir sehr leid.“

Sie nahm es ungerührt zur Kenntnis. „Ich vermute, Mittagessen wird in einer Stunde serviert? Ich denke, ich werde mich so lange ins Spielzimmer begeben. Richtet Iwain… dem Meisterjäger… aus, dass er mich dort aufsuchen darf, wenn er es wünscht.“ Der Diener setzte zu einer Erwiderung an, aber sie ließ ihn stehen. Sie hatte seine Geheimniskrämerei satt.

***

Tief in Gedanken versunken saß Ludmilla im Schaukelstuhl. Ihre Hände streichelten ein Daunenkissen, ein schlechter Ersatz für die kleine schwarze Plüschkatze, die Hubert ihr vor einigen Wochen als Geschenk mitgebracht hatte. Auch sie war schon lange nicht mehr auffindbar. Warum verschwanden immer gerade diejenigen Spielsachen, die ihr am meisten Freude bereiteten? Der häßliche kleine Kobold mit den bunten Haaren und der groben Holzwollfüllung, dessen Anblick sie verabscheute, fläzte sich hingegen immer noch auf einer Ecke der Kommode und grinste debil in den Raum. Vom anderen Ende des Zimmers starrte die blonde Mädchenpuppe herüber. Ungeliebte Kinder waren sie. Ludmillas Gedanken wanderten zu ihrer Familie, zu ihrem Vater, der sie verkauft hatte, um seiner Familie ein Leben in Schande und Armut zu ersparen. Hatte ihr Vater sie geliebt?

Mit einem Schrei fuhr sie aus dem Schaukelstuhl auf. Neben ihr stand Iwain und blickte sie aus seinen blauen Augen unverwandt an. Sie hatte ihn nicht den Raum betreten hören.

Sein Mund verzog sich zu einem um Verzeihung heischenden Lächeln. „Ich wollte Euch nicht erschrecken… Prinzessin.“ Galant bückte er sich nach dem Kissen, das sie fallen gelassen hatte und strich es mit einigen kurzen, kräftigen Bewegungen seiner Hände glatt. „Euer Diener sagte mir, Ihr hättet meine Gegenwart gewünscht.“

Ludmilla spürte, wie ihre Wangen sich erhitzten, als das Blut hineinschoß. Seine Augen… sie ließen sie nicht los, starrten sie unaufhörlich an. Sie war es gewohnt, dass ihre Gesprächspartner ihrem Blick auswichen, aber Iwain sah sie offen und ohne Scheu an, bis sie es nicht mehr ertrug und ihr Gesicht abwandte, immer noch den Anblick seines Lächelns in ihrem Geist. Mühsam zwang sie ihren trockenen Mund zu sprechen.

„Nun, Iwain…“ Mit Entsetzen wurde sie gewahr, dass sie ihn mit seinem Namen angesprochen hatte, doch jetzt konnte sie nicht mehr zurück. „Wie Euch Hubert sicherlich bereits mitgeteilt hat, wird sich die Ankunft meines Mannes um unbestimmte Zeit verzögern. Ich dachte… Ihr könntet mir ein wenig Gesellschaft leisten.“

Sie wagte es nicht, sich zu ihm umzudrehen. Sie wollte nicht in seinen Augen sehen, wie er den Stab über sie brach, über die junge Kaufmannstochter, die in eine gesellschaftliche Stellung geraten war, die sie nicht ausfüllen konnte, und die das einsame Leben im Schloss nicht mehr ertrug.

Drei endlose Atemzüge vergingen, bis er ihr antwortete. „Ganz wie Ihr wünscht, Prinzessin.“ Sanft legte er seine Hand auf ihre Schulter. Mit leichtem Druck brachte er sie dazu, sich ihm zuzuwenden. Für einen kurzen Moment glaubte sie, er würde sie zu sich heranziehen, mit seinen kräftigen Händen an sich drücken und seine Lippen auf die ihren pressen.

Aber natürlich tat er das nicht. Stattdessen lächelte er sie freundlich an und führte sie zu der kleinen Sitzecke am Fenster. „Erzählt mir ein wenig von Eurem Gemahl, Prinzessin. Ist er oft auf Reisen?“

Ludmilla seufzte. Der Augenblick der Nähe war vorüber – sie wusste nicht, ob sie darüber enttäuscht oder erleichtert war. In jedem Fall tat es ihr gut, sich einem Menschen anzuvertrauen.

„Eigentlich immer. Hubert hat mir erklärt, dass er Angehöriger eines Bündnisses ist, das sich zum Ziel gesetzt hat, die entfernten Provinzen des Reiches näher zusammenzubringen. Ich weiß gar nicht genau, was das bedeutet.“ Sie zuckte mit den Schultern. Den Punkt, an dem ihre Unkenntnis ihr peinlich war, hatte sie hinter sich gelassen.

„Der Bund zur Vermittlung und Verbreitung von handwerklichem Wissen. Seine Mitglieder besuchen Gildenvertreter in allen Provinzen des Reiches. Ihrer Ansicht nach würden die Gilden davon profitieren, sich über ihre regional unterschiedlichen Verfahrensweisen auzutauschen. Da die lokalen Gilden jedoch eifersüchtig über die Wahrung ihrer Geheimnisse wachen, sind diese Gespräche… nun, heikel. Und geheim. So geheim, dass niemand mit Sicherheit sagen kann, ob sie tatsächlich stattfinden.“ Er lächelte wieder. „Deswegen wahrscheinlich fällt es Eurem Gemahl so schwer, seine Verabredungen mit Euch einzuhalten.“

Ludmilla atmete heftig aus. „Wenn er es doch nur ein einziges Mal täte.“ Diesmal suchte sie seinen Blick. „Iwain… ich habe meinen Gemahl bisher nur auf Bildern gesehen.“

Die Augen des Ritters wurden ernst. „Das habe ich vermutet, Prinzessin.“

„Er hält nur über Brieftauben Kontakt mit uns… mit Hubert.“

„Eine vernünftige Vorsichtsmaßnahme. Ludmilla…“ Die Nennung ihres Vornamens durchzuckte sie wie ein Schlag, so dass der darauf folgende Satz nur mit Verzögerung zu ihr durchdrang. „…Ihr müsst jederzeit darauf eingerichtet sein, dass ihm etwas zustößt. Euer Mann hat viele Feinde.“

Er stand auf. „Ich denke, das Essen ist angerichtet. Wir sehen uns, Prinzessin.“

Sie sah ihm nach, bewegungslos, wortlos. Von der Kommode grinste der Kobold sie an.

***

Das Essen war ein Albtraum. Aufgetragen wurde es in dem langgestreckten Speisesaal im Herzen des Schlosses, dessen fensterlose Dunkelheit auch die zahlreichen Kerzenleuchter kaum durchdringen konnten. Seit dem Abend ihrer Ankunft hatte Ludmilla nicht mehr in diesem Raum gegessen. Sie verabscheute die miefige Düsternis der hölzernen Wandverkleidungen und die Leere der endlos langen Tafel, an der sie – so verlangte es ihre Stellung – alleine hätte sitzen müssen. Stattdessen nahm sie die Mahlzeiten in ihrem Zimmer zu sich, vor dem Erkerfenster, mit Blick über die Baumwipfel des umgebenden Waldes hinab.

Der Besuch des Meisterjägers verlangte aber natürlich nach einem standesgemäßen Mittagsmahl, mit Iwain und ihr als den einzigen Teilnehmern. Dankeswerterweise hatte Hubert ihre Gedecke nicht gegenüberliegend an den langen Enden der Tafel auftragen lassen, gute zehn Meter voneinander entfernt, auch wenn es das Protokoll eigentlich erfordert hätte, sondern an den Seiten am Kopfende der Tafel, so dass sie einander auf Armreichweite gegenüber saßen.

Trotzdem kam keine Unterhaltung zu Stande. Sie aßen schweigend, Ludmilla verzweifelt bemüht, sich an all die Benimmregeln und Tischmanieren zu erinnern, die ihr Vater ihr damals in den Tagen vor ihrer Abreise einzutrichtern versucht hatte, und die sie in den letzten Monaten völlig ignoriert hatte. Iwain handhabte die zahlreichen verschiedenen Gedecke und Gläser mit müheloser Leichtigkeit, prostete ihr ab und zu mit einem Lächeln zu und schien ihre Unsicherheit und Unbeholfenheit nicht wahrzunehmen. Aber er sprach nicht, und sie musste sich zu sehr auf den Vorgang des Essens konzentrieren, um Konversation zu betreiben. Sie hätte auch nicht gewusst, worüber sie sich nach jenem doch sehr privaten Gespräch im Spielzimmer, hier in Anwesenheit der Bediensteten und vor allem Huberts, der es sich nicht nehmen ließ, alle Gänge selbst aufzutragen, hätten unterhalten sollen.

Erst als das letzte Gedeck abgetragen worden war und nur noch eine Karaffe mit schwerem Wein und zwei Gläser auf dem Tisch standen, richtete er das Wort an sie. „Spielt Ihr Schach, Prinzessin?“

Überrascht sah sie ihn an. „Mein Vater hat es mir beigebracht. Auf Schloss Schwarzhügel habe ich ein wenig mit Hubert gespielt, als mein Gemahl mir ein aus Marmor gearbeitetes Spiel als Geschenk zukommen ließ.“

Er lächelte. „Nun, ich wäre auch enttäuscht, wenn eine so gebildete junge Dame wie Ihr nur mit Puppen spielte.“ Sie lächelte zurück, unsicher, ob er ihr ein Kompliment gemacht oder sie aufgezogen hatte.

„Vielleicht hättet Ihr Lust, eine Parte mit mir zu spielen, Prinzessin?“

Ludmilla verzog das Gesicht ein wenig. „Leider ist dieses Spiel vor einigen Monaten…“

„verschwunden“, wollte sie sagen, als ihr Blick auf den hinter Iwain stehenden Hubert fiel. Ihr Götter, er war kreidebleich!

„…beim Abstauben beschädigt worden“, beendete sie den Satz geistesgegenwärtig. Natürlich, das Verschwinden der Spielsachen würde dem Schlossdiener peinlich sein. Was tat er nur damit? Egal, diese Angelegenheit ging ihren Besucher nichts an.

„Wie bedauerlich.“ Wenn dem Meisterjäger etwas aufgefallen sein sollte, ließ er es sich nicht anmerken. Er wandte sich zu Hubert um. „Ich werde heute nachmittag ein wenig die Umgebung des Schlosses erkunden. Ich könnte die Begleitung eines ortskundigen Reiters gebrauchen.“

„Ich stehe selbstverständlich zu Eurer Verfügung, Meisterjäger.“ Hubert sprach mit ausgesuchter Höflichkeit und großem Respekt, aber Ludmilla merkte, dass er einen starken Unwillen verspürte.

„Auch ich könnte Euch begleiten, Meisterjäger“, schlug sie vor. „Ich kenne mich in der Gegend gut aus.“

Er bedachte sie wieder mit seinem unwiderstehlichen Lächeln. „Vielen Dank für dieses verlockende Angebot, Prinzessin. Aber das Pensum, das ich heute noch zu absolvieren gedenke, lässt sich, fürchte ich, im Damensitz nicht bewältigen.“

Ludmilla entschloss sich, wortlos zu nicken und sich von der Tafel zurückzuziehen, anstatt ihn darauf hinzuweisen, dass sie keineswegs im Damensitz zu reiten pflegte.

***

Natürlich träumte sie auch diese Nacht. Wieder durchschritt sie das leere Schloss. Raum reihte sich an Raum, Tür an Tür. Wieder war sie sich der Gegenwart des Monsters bewusst, doch dieses Mal war es nicht nur eine abstrakte Bedrohung.

Heute verfolgte es sie. Wann immer sie ein Zimmer verließ, sah sie aus den Augenwinkeln, wie sich hinter ihr eine Tür öffnete, hörte, wie etwas den Raum betrat. Egal, wie schnell sie auch lief, ihr Verfolger blieb stets genau eine Tür zurück.

Schließlich blieb Ludmilla stehen. Wohin sollte sie auch fliehen? Langsam, unter größter Willensanstrengung drehte sie sich um, starrte auf die Tür, durch die das Monster gleich kommen würde. So schrecklich sein Anblick auch sein mochte, sie wollte sich ihm stellen. Sie musste wissen, wovor sie weglief.

Endlose Sekunden vergingen, dann begann die Tür sich mit unerträglicher Langsamkeit zu öffnen. Endlich konnte sie die Gestalt dahinter erkennen.

Es war Iwain.

Fassungslos rang sie um Atem. Nicht das Monster hatte sie gejagt, Iwain war ihr gefolgt, um sie vor ihm zu beschützen! Mit einem befreienden Lachen schritt sie auf ihn zu, rief seinen Namen.

Er lächelte ihr zu, mit diesem unwiderstehlichen Lächeln, von dem sie den Blick nicht abwenden konnte. Seine eisblauen Augen durchbohrten sie, hielten sie gefangen, ließen sie in ihrer Bewegung innehalten, bannten sie fest an ihren Platz.

Hilflos, unfähig sich zu bewegen, sah sie ihn an, beobachtete, wie sein Lächeln immer breiter wurde, wie seine Augen sie immer durchdringender anstarrten, wie seine Haare wuchsen, struppiger wurden und sich von blond zu bunt verfärbten… bis Iwain sie plötzlich mit dem wahnsinnigen Grinsen des Kobolds anstarrte.

Dann nahm er sein Schwert und schlug ihr den Kopf ab.

***

Ludmilla erwachte, aufrecht im Bett sitzend, die Hände in ihre Decke verkrampft, am ganzen Leib zitternd. Mühsam verdrängte sie das Bild des irren Ritters aus ihrem Verstand. Die Erinnerung daran verblasste nur widerstrebend. Ihr Mund war ausgetrocknet, und sie griff nach der kleinen Karaffe mit Wasser, die neben ihrem Bett stand. Ihre halb heruntergebrannte Nachtkerze verriet ihr, dass sie erst knapp zwei Stunden geschlafen hatte.

Mit dem Ärmel ihres Nachthemdes wischte sie sich den Schweiß von der Stirn. Sie nahm einen weiteren Schluck Wasser. Langsam beruhigte sich ihr Pulsschlag wieder und wurde ihr Atmen gleichmäßiger. Ihr Götter, hatte sie der Besuch des jungen Meisterjägers derartig durcheinandergebracht?

Nun, sie musste sich eingestehen, dass sie den ganzen Nachmittag und Abend an ihn gedacht hatte. Sie hatte gehofft, dass sie ihn zum Abendmahl sehen würde, doch Hubert und er waren erst lange nach Einbruch der Nacht wiedergekehrt, und es ziemte sich für eine Dame von Rang nicht, sich zu dieser Uhrzeit noch in der Gesellschaft von Herren zu befinden. Wie immer hatte sie lange wach gelegen, doch diesmal kreisten ihre Gedanken um Iwain, nicht wie sonst um ihren Gemahl.

Bestimmt hatte sich im Schlaf ihr schlechtes Gewissen gemeldet und Iwains Auftritt in ihrem Traum verursacht. Sie war mit dem Fürsten von Schwarzhügel vermählt. Ihr Verlangen durfte keinem anderen Mann gelten.

Sie erinnerte sich an Huberts Worte von heute morgen: Heute abend würde ihr Gemahl sie besuchen. Oh, wenn es doch nur einmal wahr wäre!

Melancholisch blickte Ludmilla in den Schein der niederbrennenden Kerze. Deren gleichmäßige Flamme pflegte eine beruhigende Wirkung auf sie auszuüben, wenn sie abends nicht einschlafen konnte, doch heute Nacht flackerte sie in einem sanften Luftzug und spiegelte ihre nervöse Stimmung wieder.

Wieso flackerte die Kerze? Die Fenster ihrer Kemenate waren vollständig abgedichtet, die Tür zum Flur war geschlossen. Wo lag der Ursprung dieses Luftzuges?

Vielleicht war es die immer noch lebendige Erinnerung an ihren Albtraum, die sie daran hinderte, sich ruckartig umzudrehen. Stattdessen griff sie nochmals nach der Wasserkaraffe und rückte sich beim Trinken umständlich zwischen den Kissen zurecht. So unauffällig wie möglich warf sie dabei einen Blick in die Richtung, aus welcher der Lufthauch kam.

In der hölzernen Vertäfelung hinter dem Kopfende ihres Bettes zeichnete sich ein handbreiter dunkler Spalt ab. Ludmilla war sich sicher, dass sie ihn zum ersten Mal bemerkte.

Was war das wieder für ein Geheimnis?

Mit einem Mal überfiel sie Tatendrang. Ohne weiter nachzudenken, sprang sie aus dem Bett und stürzte auf die Öffnung in der Wand zu, griff mit ihren Händen nach den Holztafeln und schob sie auseinander. Sie glitten mühelos beiseite und gaben den Blick auf einen schmalen, in der Mauer verborgenen Gang frei. Das unsichere Licht ihrer Kerze fiel auf das Gesicht einer darin befindlichen Gestalt – ein Gesicht, das sie von zahlreichen im Schloss hängenden Gemälden kannte. Es war das Gesicht ihres Gemahls!

Für einen kurzen Augenblick starrten sie einander an, voller Überraschung und Entsetzen. Dann sprach er ihren Namen aus – „Ludmilla!“ – gerade als ihr Blick seinen Körper hinabwanderte und sie zu schreien begann, aus Leibeskräften, nicht aufhören wollend; immer weiter schrie und schrie, minutenlang, selbst nachdem sie längst wieder alleine war, bis schließlich Iwain zur Tür hereinstürmte und sie kraftlos in seine Arme fiel und das Bewusstsein verlor.

Sie hatte das Monster gefunden.

Sie war mit ihm verheiratet.

***

Kaltes Wasser – der Restinhalt ihrer kleinen Karaffe – spritzte in ihr Gesicht. Kräftige Hände ohrfeigten sie, links, rechts, links, immer wieder, bis sie mit einer abwehrenden Bewegung bewies, dass sie wieder zu sich gekommen war.

Sie lag wieder auf ihrem Bett. Iwain hatte sich über sie gebeugt, seine Augen musterten sie besorgt. Zum ersten Mal sah sie ihn ohne seine Rüstung, in teure, aber bequeme Tagesgewänder gekleidet. Sein Schwert allerdings hing in einer Lederscheide von seinem Gürtel herab.

„Prinzessin?“

Sie beugte sich ein wenig vor, stützte sich auf ihre zitternden Hände, schob sich in eine sitzende Position.

„Es ist gut, Iwain – ich bin wach.“

Für einen kurzen Moment gab sie sich der beruhigenden Illusion hin, dass sie wiederum nur geträumt hatte, dass die Episode mit der Geheimtür in der Wand hinter ihrem Bett nur ein weiterer Albtraum gewesen war, aus dem sie schreiend erwachte, so dass Iwain ihr zur Hilfe eilte.

Doch dann sah sie hinter sich und erspähte hinter der auseinandergeglittenen Täfelung jenen in der Mauer verborgenen Gang, in dem sie das Monster – ihren Ehemann! – erblickt hatte. Schaudernd umklammerte sie ihr Kopfkissen.

Es klopfte an die Tür, ihre Zofe fragte nach ihrem Befinden. Iwain schickte sie mit einigen barschen Worten fort. Dann wandte er sich wieder ihr zu, mit einem freundlichen, aber ernsten Gesichtsausdruck.

„Dieser Gang war Euch nicht bekannt… Ludmilla?“

Sie schüttelte stumm den Kopf.

„Schloss Schwarzhügel ist ein sehr altes Gebäude. Es wurde zu einer Zeit errichtet, als das Reich noch nicht vereinigt war. Hunderte kleiner Fürsten und Barone, sowie einige selbsternannte Könige stritten damals um Privilegien und Macht. Erpressung und Meuchelmord waren Hauptmittel der Politik. Die meisten Schlösser und Burgen aus dieser Zeit verstecken in ihren Mauern ein wahres Labyrinth aus geheimen Gängen, die dazu dienten, Gäste auszuspionieren und gegebenenfalls im Schlaf zu überfallen und zu erdolchen.“

Iwain stand auf. „Ich nehme allerdings nicht an, dass es die Entdeckung dieses Ganges gewesen ist, die Euch dermaßen erschreckt hat. Was habt Ihr gesehen, Ludmilla?“

Sie schloss kurz die Augen. „Meinen Gatten“, flüsterte sie.

Er wirkte nicht im geringsten überrascht. „Und sein Anblick war… anders, als Ihr ihn Euch vorgestellt hattet?“

„Sein Gesicht…“

Sie benötigte einen zweiten Anlauf. „Sein Gesicht erkannte ich sofort. Aber sein Körper… Iwain, er ist kein Mensch!“

Er nahm diese Aussage ungerührt zur Kenntnis. „Beschreibt ihn mir.“

Sie zögerte einen Moment, versuchte ihre Gedanken zu ordnen.

„Vom Kinn abwärts… Er besaß so etwas Ähnliches wie einen Brustkorb, Schultern, von denen menschliche Arme ausgingen. Doch seine Haut… Er trug keine Kleidung. Seine Haut wurde nach unten hin immer feuchter, glitschiger. Sein Körper war vollständig unbehaart, abgesehen vom Gesicht. Und er hatte keine Beine! Er war… wie eine dieser Schnecken ohne Gehäuse, die der Gärtnersjunge immer aus unserem Salat sammeln muss, nur kräftiger, mit Muskeln, die sich unter der schleimigen Haut abzeichneten, und er hielt seinen Oberkörper aufrecht, wie eine Kobra.“

Der Aufruhr in ihrem Magen kam urplötzlich, als sie sich den schrecklichen Anblick wieder ins Gedächtnis rief. Gerade noch rechtzeitig griff sie nach ihrem Nachttopf und erbrach sich darin.

Wohlerzogen wandte der Ritter sich ab und wartete, bis ihre Unpäßlichkeit vorüberging. Sie wischte sich den Mund sauber. Ihre Augen tränten, und ihre Stimme schwankte, als sie ihn fragte:

„Iwain… Was in aller Götter Namen habe ich geheiratet?“

Er räusperte sich. „Nun – zuerst solltet Ihr wissen, dass Eure Ehe selbstredend nichtig ist. Dieser heilige Bund muss zwischen zwei Menschen geschlossen werden. Abgesehen davon ist die Ehe offensichtlich auch noch nicht… nun, vollzogen worden.“

Ludmilla würgte wieder. Iwain hielt inne, doch sie ermutigte ihn weiterzusprechen.

„Das Wesen, das ihr gesehen habt, ist ein Schleimling. Eine alte Rasse, die der Legende zufolge entstand, als ein zorniger Gott ein stolzes, aber maßloses Volk für seinen Hochmut strafte, indem es sie von der Brust abwärts in Gewürm verwandelte. Ihre menschlichen Gesichter durften sie behalten, als Mahnung an all diejenigen, die sich über den Willen der Götter erheben. Schleimlinge sind schlau und verschlagen, und obwohl sie im Reich als ausgestorben gelten, wird gemunkelt, dass sie sich in einigen abgelegenen Gegenden heimlich zu Herrschern über menschliches Volk aufgeschwungen haben. Dieses Gerücht können wir wohl nunmehr als bestätigt ansehen.“

Iwain kratzte sich mit einem selbstzufriedenem Ausdruck in den Augen seinen kurzen Kinnbart.

„Ich hatte schon längere Zeit vermutet, dass dieser sogenannte Bund zur Vermittlung und Verbreitung von handwerklichem Wissen in Wirklichkeit nur zur Tarnung für eine Gruppe nichtmenschlicher Fürsten und Gildenmeister diente – eine willkommene Ausrede für ihre ständige Abwesenheit, sowie eine Gelegenheit, ihre finsteren Pläne zu verfolgen!“

Ihr schwirrte der Kopf. Alles, alles war eine Lüge gewesen!

Der Meisterjäger wandte sich dem geheimen Gang zu und zog sein Schwert.

„Die Spur ist frisch, ich werde mein Frettchen nicht benötigen. Ihr wartet hier, Ludmilla, bis ich diese Brut vernichtet habe. Morgen früh brechen wir in die Reichshauptstadt auf. Eure Aussage wird für die Reichsführer, die meine Befürchtungen bisher als Spinnerei abgetan haben, von allerhöchstem Interesse sein! Und natürlich muss Eure Ehe annulliert werden.“

Mit diesen Worten verschwand er aus ihrem Blickfeld. Einige Sekunden hörte sie noch den Nachhall seiner Schritte, dann war sie wieder allein.

***

Ludmilla saß bewegungslos auf ihrem Bett. Gesichter tanzten durch ihren Geist. Hubert, Iwain, ihr Gemahl, wieder Hubert… Wo war der Schlossdiener eigentlich? Warum stand er ihr nicht bei?

So offensichtlich diese Erkenntnis auch war, so unvorbereitet wurde sie davon überfallen. Natürlich hatte Hubert alles gewusst! Der einzige Mensch, dem sie ihr Vertrauen hatte schenken können, er hatte sie tagtäglich belogen.

Trotzdem, warum war er nicht herbeigeeilt, als sie sich die Seele aus dem Leib geschrien hatte? Sie zuckte zusammen. Was wäre denn, wenn er jetzt zu ihr käme? Wie würde er handeln, nun da sein Geheimnis aufgedeckt war?

Entsetzt stellte sie fest, dass sie Angst vor ihm hatte. Wer war überhaupt auf ihrer Seite? Iwain – nur Iwain! Doch der Ritter hatte sie zurückgelassen. Wäre es nicht sicherer für sie gewesen, ihn zu begleiten?

Entschlossen stand sie auf. Iwain war erst eine Minute fort, sie würde ihn einholen können. Hier würde sie jedenfalls nicht mehr bleiben – dieses Schloss war ein Gefängnis, ein Käfig wie derjenige, in welchem der Jäger sein Frettchen hielt: Edel ausgestattet, aber nichtsdestotrotz ein Käfig.

Sie erinnerte sich an ihren Traum, an ihre Suche nach dem außerhalb. Nun, es gab ein außerhalb, und Iwain würde ihr helfen, es zu finden.

Vorsichtig zündete sie mit der Kerze eine Öllampe an, dann betrat sie den Gang, in dem ihr Gatte und der Meisterjäger verschwunden waren.

Unter ihren nackten Fußsohlen spürte sie den rauen, kalten Stein, aber auch Spuren von Feuchtigkeit. Angeekelt begriff sie, dass der dünne, schmierige Film, der den Boden bedeckte, von ihrem Gemahl – wieso konnte sie nicht aufhören, so von ihm zu denken, er war nicht ihr Mann, er war ein Monster! – von dem Schleimling stammte; die Kriechspur war, die er hinterließ.

Nach wenigen Schritten gelangte sie an abwärts führende Stufen, denen sie folgte. Diese mündeten in eine Art schmalen Flur, von dem verschiedene Abzweigungen ausgingen. Iwain hatte Recht gehabt, Schloss Schwarzhügel war von einem Netz von geheimen Wegen durchzogen.

Ohne große Mühe konnte sie im Licht der Öllampe der Spur des Schleimlings folgen. Es ging eine weitere Treppe hinunter, dann einen langgestreckten Gang entlang. In Gedanken vollzog Ludmilla die von ihr zurückgelegte Strecke nach. Das Ergebnis überraschte sie keinesfalls: Ihr Weg führte sie unter das Vorratslager im Schlosshof.

Der Gang endete vor einer hölzernen Tür, die offensichtlich eingetreten worden war. Einige Meter davor, auf dem Boden, lag regungslos eine menschliche Gestalt.

Hubert.

Er blutete aus einer Wunde an der Schläfe. Ludmilla vermutete, dass Iwain den Diener mit dem Knauf seines Schwertes bewusstlos geschlagen hatte. Allem, was sie heute Nacht erfahren hatte zum Trotz, schossen ihr Tränen in die Augen. Sie blieb stehen und betrachtete den kleinen alten Mann mit dem freundlichen Gesicht, der auf Schloss Schwarzhügel ihr einziger Freund gewesen war. Wie hatte er ihr das nur antun können?

Geräusche drangen an ihr Ohr, das Klirren von Metall auf Metall, hektische Schritte, stoßweises Atmen. Kampfeslärm.

Ohne Zögern nahm sie ihren Weg wieder auf. Die Wissbegierde war stärker als ihre Angst. Sie musste das Geheimnis des Schlosses entdecken.

Sie trat in einen weiten Flur hinaus, dessen Wände von Lampen erhellt waren. Linkerhand führte eine Treppe hinauf – zweifelsohne zum Gebäude des Vorratslagers. An den Seiten befanden sich zwischen Wandteppichen einige schmale Türen. Am rechten Ende schloss eine größere Tür aus massivem Holz, die wie diejenigen im Schloss mit Schnitzereien verziert war, den Gang ab. Vor dieser Tür fand der Kampf statt.

Iwain und der Schleimling standen sich gegenüber, Schwerter in ihren Händen. Das monströse Wesen bewegte seinen amorphen Unterkörper mit beeindruckender Schnelligkeit, auch seine muskulösen Arme standen an Kraft denen des Ritters in nichts nach.

Doch Iwain war der erfahrenere Kämpfer, das sah selbst sie mit ihren ungeübten Augen. Schlag für Schlag trieb er das Monster, dessen Paraden jedes Mal ein wenig später kamen, einen kleinen Schritt weiter zurück. Sie erkannte die Verzweiflung in seinem Blick. Wieder ertappte sie sich dabei, wie sie von ihm als ihrem Gemahl dachte – sein Gesicht, es war so menschlich!

Mit einem heiseren Schrei stürzte der Schleimling plötzlich vor, legte all seine Kraft in einen gewaltigen Hieb. Doch Iwain trat gewandt beiseite und ließ seinen Gegner, getragen von dessen eigenem Schwung, an ihm vorbeistürmen. In einer blitzartigen Bewegung hob er sein Schwert und schlug nach dem Nacken des Wesens.

Ein ekelhaftes Knacken war zu hören, als die Klinge das Monster enthauptete. Sein wurmartiger Körper zuckte noch einmal, dann lag er still. Sein Kopf kullerte in einer absurd anmutenden Bewegung herunter und rollte eine kurze Strecke den Flur entlang, auf sie zu. Dunkles Blut schoss aus dem geköpften Torso heraus.

Von der grausigen Szene gelähmt starrte Ludmilla auf den abgetrennten Kopf, der mit einer letzten Drehung ausgerechnet so liegen blieb, dass die toten Augen ihres Mannes – des Monsters, er war ein Monster! ermahnte sie sich – sie anstarrten. Etwas Flehendes schien in ihrem Blick zu liegen.

„Ludmilla? Was tut Ihr hier?“ Iwain sah sie zornig an, während er einen der Wandbehänge abriß, um sein Schwert damit zu reinigen.

„Ich… ich wollte nicht alleine zurückbleiben. Ich dachte…“

Iwain unterbrach ihre gestammelte Rechtfertigung. „Bewegt Euch nicht von der Stelle. Gleich wird alles vorüber sein.“

Ludmilla blickte ihn fragend an. Gleich? Er ignorierte sie jedoch und wandte sich der Tür am Ende des Flures zu. Mit aller Kraft trat er dagegen, doch das massive Holz gab nicht nach. Noch einmal versuchte er es auf diese Weise, dann steckte er sein Schwert in die Scheide und begann mit Anlauf, die rechte Schulter voran, gegen die Tür anzurennen.

Was befand sich hinter dieser Tür? Warum hatte der Schleimling sein Leben dafür gegeben, sie zu verteidigen, anstatt vor dem Monsterjäger zu fliehen?

Seine toten Augen blickten Ludmilla unverwandt an, und plötzlich fügten sich in ihrem Kopf alle Puzzleteile zusammen. Sie lief los. Gerade als die Tür unter der Wucht von Iwains Anrennen nachgab, holte sie ihn ein.

Iwain stolperte in den Raum hinein. Mit rudernden Armen versuchte er, sein Gleichgewicht zu halten, doch seine Füße rutschten auf dem schmierigen Boden aus, und er fiel hin. Im Bruchteil eines Augenblicks überflog Ludmillas Blick das Rauminnere. Da war das federgetriebene Puppenspiel auf einem langen Tisch aufgebaut, da kuschelte sich die schwarze Plüschkatze in einen Schaukelstuhl, und da stand das marmorne Schachspiel auf einem kleinen Podest direkt neben der Tür.

Iwain rappelte sich auf. Sein Blick war auf eine Ecke des Raumes gerichtet. Mit einem verzerrten Grinsen zog er sein Schwert.

Mit beiden Händen griff Ludmilla nach dem schweren Schachbrett, dessen Figuren zu Boden polterten. Irritiert blickte sich Iwain nach ihr um.

Seine abwehrende Bewegung kam zu spät. Mit aller Kraft schlug Ludmilla ihm das Schachbrett über den Kopf. Der Monsterjäger fiel zu Boden; sein Schädel war gebrochen.

Wie der Kobold in ihrem Spielzimmer lag er da, bewegungslos, die Glieder ausgestreckt, mit irrem Blick zur Decke starrend.

***

Einige Zeit später betrat Hubert das Zimmer, einen improvisierten Verband um die Stirn gewickelt.

„Prinzessin…“

Sie schnitt ihm das Wort ab.

„Meisterjäger Iwain hat die vermeintliche Abwesenheit meines Gemahls ausgenutzt, um mich unsittlich zu bedrängen. Als mein Gatte überraschend zurückkehrte, hat er ihn angegriffen und ermordet. Es ist mir jedoch gelungen, ihn zu überraschen und zu überwältigen. Sorgt dafür, dass seine Leiche zurück in die Reichshauptstadt geschafft wird. Meine Aussage in schriftlicher Form wird beiliegen; sollten die Reichsführer es wünschen, werde ich selbstverständlich auch persönlich Zeugnis ablegen.“

Sie holte tief Luft.

„Des weiteren wünsche ich, dass Ihr Kontakt zum Bund zur Vermittlung und Verbreitung von handwerklichem Wissen aufnehmt. Unterrichtet ihn von dem tragischen Tod meines Gatten und macht Mitteilung, dass seine Ehefrau gedenkt, seine Arbeit in diesem Bündnis fortzuführen.“

Der Schlossdiener sah sie mir einer Mischung aus Erstaunen und Ehrerbietung an.

„Das wäre dann alles, Hubert.“ Sie gestattete sich ein Lächeln.

Er lächelte zurück und verbeugte sich. „Wie ihr befehlt… Fürstin.“

Er verließ den Raum, Iwains Leiche hinter sich herziehend.

Ludmilla wandte sich um.

„Ihr könnt jetzt herauskommen, Kinder, die Gefahr ist vorbei.“

Sekunden vergingen, dann hörte sie schleifende Geräusche auf dem Parkettboden. Ein Jungengesicht lugte hinter einem Schrank hervor. Unter dem Bett waren zunächst die langen, blonden Haare eines Mädchens zu erkennen, bis diese ihren Kopf ganz hervorschob.

Ludmilla lächelte und setzte sich in den Schaukelstuhl, nahm die kleine Stoffkatze auf den Schoß und streichelte sie. An der gegenüberliegenden Wand hingen zwei große Bilder. Eines zeigte ihren verstorbenen Gemahl – aber anders als die Bilder im Schloss nicht nur sein Portrait, sondern den ganzen Körper. Der Künstler hatte es verstanden, den schlangenartigen Leib kräftig und anmutig darzustellen.

Daneben hing ein Bild von ihr, wie sie schlafend im Bett lag. Er musste es aus dem Gedächtnis gemalt haben. Wieso nur hatte er sie geheiratet? Sie würde es vielleicht niemals erfahren.

Zögernd, Windung für Windung, kamen die beiden Kinder auf sie zugekrochen.

„Mama?“, fragte das Mädchen leise.

Sie stand auf und schloss die beiden in ihre Arme. Die Berührung war nicht unangenehm, kaum anders als ein nasser menschlicher Körper.

Das war also die finstere Verschwörung gewesen, die Iwain aufzudecken gedachte: Ein aussterbendes Volk, das verzweifelt versuchte, seine Kinder zu schützen.

„Ja, ich bin jetzt Eure Mama“, antwortete sie. „Ich werde dafür sorgen, dass Euch niemand etwas tut!“

Ihr Blick fiel auf die Blechfiguren, die zu einem Art Bauerntanz im Kreis angeordnet waren.

Sie nahm das Mädchen an die eine Hand, den Jungen an die andere, und führte sie an diesen Tisch.

Dann begann sie, mit ihnen zu spielen.

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Veröffentlicht on Dezember 17, 2006 at 11:11 pm  Comments (1)  
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  1. Was für eine tolle Geschichte!


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