Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 10

*** Ausgelacht ***

„Gisela hat Glück gehabt, dass sie mich noch angetroffen hat; ich wollte gerade eben das Haus verlassen.“

Mit diesen Worten griff ihre Gastgeberin nach einem Rucksack, sowie nach einem großen Bogen aus hellem Holz und einem Köcher mit Pfeilen, die sie sich umschnallte beziehungsweise umhängte.

„Es wäre wirklich einfacher, wenn sie euch direkt zu Hartmut brächte, aber sie meidet ihn und seinen Turm nun einmal. Naja, jedenfalls werde ich ihm Bescheid geben. Macht es euch so lange hier bequem! Falls ihr Hunger habt, findet ihr in der Speisekammer etwas zu essen. Ihr könnt euch auch einen Tee aufbrühen, aber bitte lasst die Finger von meinem Wein. Ach ja, das Badezimmer ist im ersten Stock. Im Boiler müssten sich noch Kohlen befinden, falls ihr ein heißes Bad nehmen wollt. Wenn ihr etwas lesen möchtet – im Wohnzimmer stehen ein paar Bücher. Ihr könnt natürlich auch in den Garten gehen, aber bitte verlasst nicht das Grundstück, das gäbe nur Ärger! Ich bin erst spät heute Abend zurück. Bleibt so lange bitte hier und wartet auf mich… und stellt nichts an, ja?“

Noch bevor sie – wieder einmal! – versichern konnten, dass sie gewiss nichts anstellen würden, stürzte Petra aus der Tür und ließ sie allein zurück – genauer: Allein mit einer zweistelligen Anzahl Hunde. Aurora und Tirvo warfen sich einen Blick zu.

„Ich gehe ein Bad nehmen“, sagte die Elbin.

„Ich mache uns so lange etwas zu essen“, entgegnete der Menschenjunge.

Aurora stieg die Treppe zum ersten Stock hinauf. Hier zumindest sah sie keine Hunde. Sie fand das Badezimmer, in dem sich tatsächlich eine emaillierte Badewanne und ein Boiler befanden. Letzterer war mit Wasser gefüllt und sein Kohlefach mit Kohle. Ein durch die Wand führendes Metallrohr mit einer Pumpe versorgte sowohl den Boiler, als auch einen Kaltwasserspeicher mit Brunnenwasser, und mit Hilfe von Wasserhähnen ließ sich der Zufluss von kaltem und warmem Wasser regulieren – eine etwas primitivere Variante der Einrichtung, wie sie sie aus dem Jagdhaus der Yirells kannte, welches nicht an die Versorgung mit fließendem Wasser, über welches das Haupthaus verfügte, angeschlossen war.

Auf einmal wurde ihr bewusst, dass die meisten Häuser in Schattenland nicht einmal über solch eine primitive Installation verfügten – üblicherweise wurden das Wasser vom nächstgelegenen Brunnen mit Eimern geholt und in einen großen Heizkessel geschüttet, und aus diesem wurde es wiederum mit Eimern in Waschzuber umgefüllt. Andererseits machte Petra Eichlers Haus nicht unbedingt den Eindruck von besonderer Wohlhabenheit. War solcher Luxus für einfache Bevölkerungsgruppen in Arkheim normal?

Aurora fachte das Feuer im Boiler an, ließ schon einmal etwas kaltes Wasser in die Wanne und füllte den Kaltwasserspeicher mit der Pumpe wieder auf. Das war eine einigermaßen anstrengende Tätigkeit, aber sie war körperlich nicht schwach, und nachdem sie die meiste Zeit während der letzten Wochen eingesperrt in engen Räumlichkeiten verbracht hatte, genoss sie die Gelegenheit, sich wieder körperlich betätigen zu können. Als ihr das Wasser im Boiler heiß genug erschien, ließ sie so viel davon in die Badewanne ein, wie sie es gerade noch zu ertragen glaubte und löschte dann das Feuer. Bevor sie schließlich in die Wanne stieg, füllte sie auch den Boiler wieder auf. Auf dem Wannenrand befand sich eine Schale mit einem großen Stück Seife darin. In diese war etwas eingeprägt: Ein bärtiges Zwergengesicht, und darunter standen die Worte „Seifensieder – feine Seifen seit 347 A.Z.“ Das war merkwürdig.

Ganz langsam ließ sie sich in das heiße Wasser gleiten. Wie lange war es her, dass sie zuletzt ein richtiges Bad genommen hatte? Als sie darüber nachdachte, überfielen sie mit Macht die Erinnerungen an ihre Kindheit, und an ihre Familie, und an das schreckliche Ende, welches ihr Vater genommen hatte. Sie ließ ihren Tränen freien Lauf.

***

Tirvo sah sich mit gesundem Appetit in Petras gut gefüllter Speisekammer um: Zwei große Laibe verschiedener Sorten Brot, einige Dauerwürste und ein großer Schinken, mehrere Käse, ein halber Stockfisch, ein Tiegel mit Butter, ein kleines Fässchen mit eingelegten Gurken, ein Dutzend Eier, ein Sack Kartoffeln, ein weiterer mit Zwiebeln, verschiedene Gemüsesorten, eine Schale mit Beeren, die er nicht kannte, die aber sehr lecker aussahen, zahlreiche Gewürze, Salz, Zucker, sogar Pfeffer… Die Auswahl in der Küche seiner Eltern war kaum größer gewesen, auch wenn die Vorratsmengen dort natürlich reichlicher bemessen gewesen waren. Gelegentlich, wenn seine Mutter sich nicht wohl fühlte, oder wenn besonders viele Gäste anwesend waren, hatte Tirvo ein wenig in der Küche ausgeholfen, und wenn er auch niemals von sich gesagt hätte, dass er KOCHEN könne, so war er doch zumindest in der Lage, Essen zuzubereiten. Obwohl sie auf dem Meerdrachen nicht schlechter gegessen hatten als die Mannschaft, verlangte es ihn jetzt nach einer richtigen Mahlzeit. Er entschied sich für Bratkartoffeln und Rühreier mit Bohnen, Zwiebeln und ein wenig Schinkenspeck.

Während er sorgfältig eine Scheibe vom Schinken abschnitt, bemerkte er, dass ihm zwei Hunde in die Küche gefolgt waren und ihn beobachteten. „Das ist nichts für euch!“, sagte er und versuchte dabei Strenge und Überzeugungskraft in seine Stimme zu legen. Einer der Hunde – eine Art Dachshund, dachte Tirvo – legte seinen Kopf schief und bellte kurz zwei Mal. Der andere – ein großer Vorstehhund – verließ einfach die Küche.

„Siehst du“, sagte Tirvo, „Dein Freund ist besser erzogen als du! Aber ich will mal nicht so sein“, fuhr er fort, und schnitt ein kleines Stück Speck ab, das er zu Boden fallen ließ. „Hier hast du!“

Der Dachshund sah kurz zu ihm auf. Dann drehte er sich um und ging, ohne dem herabgefallenen Fleischstück die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Tirvo blieb verdattert zurück.

***

Nachdem sie einige Minuten einfach nur die angenehme, gleichmäßige Wärme des Wassers, in dem sie lag, genossen hatte, wusch Aurora ihren Körper und ihre Haare gründlich. Dann trocknete sie sich mit einem sauberen Handtuch, das sie auf einem Stapel zusammen mit einem halben Dutzend weiteren auf einem kleinen Regal gefunden hatte, ab. Schließlich nahm sie sich eine Haarbürste – sie hoffte, dass Petra ihr nicht böse sein würde, wenn sie sich diese auslieh – und bändigte mit zusammengebissenen Zähnen vor einem kleinen Metallspiegel ihre seit Wochen ungekämmten langen Haare, so gut sie es vermochte. Das Ergebnis sah immer noch mehr nach einem Dienstmädchen, welches eine heimliche Liebesnacht mit dem Stallburschen in der Scheune verbracht hatte, als nach der sorgfältig gepflegten Frisur einer Yirell aus, aber es war zumindest deutlich besser als vorher.

Als sie gerade beschloss, dass sie im Moment nicht mehr ausrichten konnte, stieg ihr aus dem Flur der Geruch von Bratkartoffeln in die Nase und erinnerte sie daran, dass sie hungrig war. Rasch ließ sie das Wasser aus der Wanne, räumte das Bad auf und ging hinunter in die Küche.

***

Nach dem Essen erledigte sie den Abwasch, während Tirvo – erheblich kürzer als sie – das Bad benutzte. Dann begab sie sich ins Wohnzimmer, um sich die Bücher, von denen Petra gesprochen hatte, anzusehen. Vielleicht fand sie ein Buch, das ihr erklären konnte, was es bedeutete, grenzenlos zu sein?

Doch sie wurde herb enttäuscht. Zwar fand sie tatsächlich ein gutes Dutzend gedruckter Bücher vor – ein weiterer Hinweis darauf, dass in Arkheim die einfache Bevölkerung mehr Besitz hatte, als in der Tagmokratie, wo nur die wohlhabenderen Familien sich eine kleine private Bibliothek leisten konnten – doch diese erzählten nur Geschichten, wie sie in ihrer Heimat fahrende Bänkelsänger vorzutragen pflegten: „Herz und Schmerz, gesungen in Quint‘ und Terz“, wie es hieß. In der Tagmokratie wäre es undenkbar gewesen, solch seichte Unterhaltung in gedruckte Form zu bringen – diese kostspielige Prozedur war wertvolleren Inhalten wie Lehrbüchern für die Schule vorbehalten.

Tirvo hatte sich zu ihr gesellt und sich ebenfalls eines der Bücher gegriffen. Plötzlich stupste er sie an und zeigte auf einen kleinen Eintrag auf der Innenseite des Einbandes: „Gedruckt in der Anstalt von Arkheim, 554 A.Z.“ Als sie nachsah, stellte sie fest, dass die übrigen Bücher ähnliche Einträge besaßen. Was hatte es mit dieser Anstalt nur auf sich?

Schließlich stieß sie auf ein Buch, in dessen Klappentext tatsächlich von einer Grenzenlosen die Rede war. Da es sich offensichtlich um eine kitschige Liebesgeschichte handelte, hatte sie nicht viel Hoffnung, allzu viel Nützliches darin zu finden, aber nichtsdestotrotz begann sie darin zu lesen – was sonst konnte sie Sinnvolles tun?

***

Tirvo hatte lustlos in einigen Büchern geblättert, ohne auf etwas zu stoßen, was sein Interesse geweckt hätte. Nun lümmelte er sich bequem auf Petras Wohnzimmerliege herum und beobachtete die zahlreichen im Wohnzimmer befindlichen Hunde. Sie schienen wirklich herausragend erzogen – keiner sprang auf Tische oder Stühle, kaute den Teppich oder die Vorhänge an, rannte wild durch die Gegend, wie Hunde es gelegentlich zu tun pflegten, oder verrichtete gar sein Geschäft. Stattdessen dösten sie entweder in einer Ecke vor sich hin, oder standen in kleinen Gruppen zusammen und…

…unterhielten sich?

Tirvo rieb sich die Augen. Natürlich gaben sie nur hundetypische Geräusche von sich – leises Bellen, Knurren, Jaulen und Hecheln, aber die Art und Weise, wie sie sich verhielten, kam ihm immer seltsamer vor. Er sah zu Aurora hinüber, um diese zu fragen, ob ihr auch etwas aufgefallen war und bemerkte einen großen Sennhund, der die Vorderpfoten über die Lehne ihres Sessels gelegt hatte… und mitlas.

Plötzlich hatte Tirvo keine Zweifel mehr. Die Augen des Hundes folgten eindeutig den Zeilen des Buches.

„Aurora!“

Sie benötigte eine Sekunde, bevor sie reagierte. Das Buch war die erwartete Enttäuschung – die Hauptfigur war ein junges Mädchen, in dessen Gegenwart Blumen zu blühen begannen, Vögel besonders schön sangen und Kranke genasen, die aber aus unerfindlichen Gründen immer wieder ihre Herrschaft bestahl, obwohl sie dies eigentlich gar nicht wollte, und die deswegen alle ihre Stellungen verlor. Was für ein Unfug!

„Was ist?“

„Aurora, der Hund hinter dir… liest mit.“

Leicht erschrocken drehte sie sich um und blickte in das Gesicht des Sennhundes.

„Blödsinn“, erwiderte sie automatisch. Aber der Hund blickte sie tatsächlich mit intelligent erscheinenden Augen an!

„Du… liest wirklich mit?“, fragte sie zögernd.

„WUFF!“, kam die eindeutige Antwort zurück.

„Du kannst tatsächlich LESEN?“, fragte sie noch einmal nach.

„WUFF!“

„Und… du kannst auch verstehen, was ich sage?“

Diesmal blieb ein Bellen als Antwort aus. Stattdessen senkte der Sennhund den Kopf und legte in einer eindeutigen Geste seine rechte Vorderpfote über die Augen. Einige andere Hunde im Zimmer begannen hell zu kläffen.

Nach ein paar Sekunden begriff Aurora, dass sie ausgelacht wurde.

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Veröffentlicht on Januar 2, 2011 at 9:01 pm  Schreibe einen Kommentar  

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