Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 17

*** Fragen und Antworten ***

Nach dem Essen wurden ihnen ihre Zimmer gezeigt. Die Mädchen schliefen im ersten Stock, die Jungen im zweiten. Der dritte war Hartmut vorbehalten. In jedem Stockwerk gab es zwei schmale Doppelzimmer, ein Badezimmer, dessen Einrichtung dem in Petras Haus ähnelte, und eine kleine Kammer, in der Haushaltsgegenstände aufbewahrt wurden. Da die Zimmer im zweiten Stock alle bereits belegt waren – Ludwig und Bikkapuna teilten sich ein Zimmer, Johann und Hargor das andere – war hier die Kammer für Tirvo frei geräumt und ein kleines Klappbett hineingezwängt worden. Es war einigermaßen eng, und er hatte nur ein winziges Fenster, aber im Gegensatz zu Aurora war er ohnehin kaum Besseres gewohnt.

Auroras und Mai-shins Zimmer sah nach Osten hinaus. An gegenüberliegenden Wänden standen zwei Betten. Ohne größere Mühe erriet die Elbin, dass dasjenige mit dem blauen Bettzeug Mai-shins sein musste. Im Zimmer verstreut standen Vasen, Gläser und Töpfe mit blauen Blumen. Hätte Aurora persönlichen Besitz gehabt, wäre es dafür recht eng geworden, denn Mai-shin hatte ihre gemeinsame Kommode mit allerlei Büchern, mit Stoffen und Nähzeug, sowie mit zahlreichen Tiegeln, Tuben und Gläsern, die blaue Farbe enthielten, in Beschlag genommen. So legte Aurora aber einfach den Bilderköcher unter ihr Bett und hatte ihre Sachen damit fertig eingeräumt.

„Lernst du jetzt mit mir?“, fragte Mai-shin erwartungsvoll. Sie hielt ein großes Schreibheft in der Hand, welches mit Eintragungen in einer zierlichen, sehr ordentlichen Schrift vollgeschrieben war.

„Ich hoffe, du kannst meine Notizen lesen. Bei mir zu Hause schreiben wir ganz anders. Eigentlich schreiben die meisten Menschen dort gar nicht, und ich kann in meiner Muttersprache nur ein wenig lesen, und eure phonetische Schrift ist überhaupt ganz anders als unsere.“

Aurora fragte nicht nach, was eine phonetische Schrift war. „Du schreibst doch sehr sauber und klar, das wird bestimmt kein Problem sein! Aber lass uns doch wieder hinaus in die Sonne gehen, ja?“

Mai-shin stimmte zu, und sie kehrten zum Bach zurück und setzten sich in den Schatten des Felsens, unter dem die Lashani schon vormittags gelernt hatte.

Aurora schlug das Heft auf. „Na, dann wollen wir mal sehen – du lieber Himmel!“

Mai-shin hatte die Seiten zweigeteilt: Links standen einzelne Wörter, rechts Erklärungen dafür.

„Realität, Redundanz, Referenz, Rehabilitation, Rekapitulation, Rekonstruktion, Rekonvaleszenz, Reminiszenz, Reparationen, Requiem, Ressentiment, Reversibilität, Rezession… Mai-shin, die Hälfte dieser Wörter kenne ich ja nicht einmal!“

„Du machst es falsch herum!“, entgegnete die Angesprochene vorwurfsvoll. „Sag mir nicht die Vokabeln, sondern die Definitionen! Nur so kann ich meinen aktiven Wortschatz erweitern.“

„Deinen… aktiven Wortschatz?“

„Die Wörter, die mir einfallen, wenn ich spreche“, erklärte Mai-shin ihr.

„Ja, schon klar… Aber Mai-shin, verstehst du denn nicht? Ich habe keine Ahnung, was ‚Reminiszenz‘ bedeutet, und ‚aktiver Wortschatz‘ befindet sich auch nicht in meinem aktiven Wortschatz – oder jedenfalls bis eben nicht – und trotzdem bin ich mir sicher, dass ich mir keine Sorgen vor einer Sprachprüfung der Anstalt machen müsste. Wieso hast du so viel Angst vor dieser Prüfung? Ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass du sie bestehen wirst! Und bitte, fang nicht gleich wieder an zu weinen!“

Es war zu spät. Erneut rannen Tränen die Wangen der Lashani herunter.

„Ich darf aber kein Risiko eingehen… Wenn ich den Allmächtigen Kaiser enttäusche… Ich weiß nicht, was er dann mit meiner Familie macht.“

Aurora wartete betreten ab, bis Mai-shins Schluchzen ein wenig leiser geworden war, dann fragte sie behutsam nach. „Wer ist denn dieser Allmächtige Kaiser?“

Mai-shin sah sie schockiert an. „Das weißt du nicht? Er ist der Herrscher von ganz Fernland – oder zumindest von Ostfernland, denn im Westen hat er ja den urländischen Flüchtlingen gestattet, sich anzusiedeln. In seinem Auftrag bin ich hierher geschickt worden, um in der Anstalt ausgebildet zu werden und dann zurückzukehren, um ihm zu dienen. Und wenn ich versage… wenn ich seine Erwartungen nicht erfülle… sein Zorn wird furchtbar sein! Und ich will nicht, dass meinen Eltern etwas passiert, und meinen Geschwistern, und meinen Freunden im Dorf.“

„Du meinst, er würde ihnen dann etwas antun? Das ist doch eine Riesengemeinheit!“, rief Aurora empört aus.

Mai-shin blickte auf. „Wie bitte?“

„Ich meine, das ist doch eine Sauerei, dir so viel Angst zu machen! Was ist das denn für ein doofer Kaiser, dessen Untertanen ihm nur gehorchen, wenn er sie so einschüchtert?“

„Wie kannst Du nur so reden? Der Allmächtige Kaiser ist von den Engeln als Herrscher über uns eingesetzt! Kennst du denn gar keinen Respekt? Kein Wunder, dass du aus Urland fliehen musstest!“

„Mai-shin, wer sich so verhält, hat keinen Respekt verdient, egal ob er sich Kaiser nennt oder nicht!“ Aurora wurde jetzt wütend. „Und meine Flucht aus Urland war nicht meine Schuld!“

Mai-shin griff sich ihr Heft. „Ich denke, ich lerne doch lieber alleine. Nochmals danke für dein Angebot.“

Sie eilte davon. Na toll, dachte Aurora. Gleich am ersten Tag fange ich damit an, mir Freunde zu machen.

***

„Hast du Lust, ein bisschen zu würfeln?“ Ludwig stand in der Tür vor Tirvos Kammer und hielt einen ledernen Würfelbecher in der Hand.

„Nein danke, lass mal“, entgegnete er.

„Komm, du musst mir doch eine Chance geben, mein Geld zurückzugewinnen!“

„Oder du schuldest mir danach noch mehr als vorher. Es sei denn natürlich, du setzt beim Würfeln irgendwie deine Gabe ein.“

„Die Würfel sind aus Holz, nicht aus Knochen“, brummte Ludwig.

„Hä?“

„Meine Gabe sind Knochen.“

„Ach so.“ Tirvo wunderte sich, was das für eine Gabe sein sollte. „Also darf man über die Gaben von Grenzenlosen reden, ja?“

„Naja, manche empfinden es als unhöflich, direkt danach gefragt zu werden, aber reden kann man schon darüber.“

„Prima!“, strahlte Tirvo. „Dann machen wir es diesmal anders herum: Ich stelle dir keine Fragen über Dinge, über die man nicht redet, sondern du erzählst mir Dinge, über die man reden darf!“

„Was denn für Dinge?“, fragte Ludwig ein wenig misstrauisch.

„Dinge über die anderen Schüler, und über Hartmut – so etwas eben, wie dass Hartmut Gedanken lesen kann.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Dinge, die mir helfen zu vermeiden, in noch mehr Fettnäpfchen zu treten.“

„Ach so – gut. Ja, können wir machen.“

„Gehen wir wieder zum See?“

„In Ordnung“, stimmte Ludwig zu.

Rogo begleitete sie wieder. Sie durchquerten die Küche, in der Mareike mit dem Abwasch beschäftigt war, während Tideline das Geschirr offenbar damit abzutrocknen versuchte, dass sie es mit dem Geschirrtuch in der Hand wütend anstarrte.

„Fangen wir doch mit den Mädels an“, schlug Tirvo vor.

„Ja – gut. Also, über Tideline weiß ich gar nicht so viel. Sie redet kaum mit mir. Sie redet überhaupt nicht viel, sondern schläft meistens. Sie stammt wohl aus einer recht wohlhabenden Familie aus Urland und kommt mit ihrem Leben als Grenzenlose hier in Arkheim nicht wirklich zurecht. Sie ist es halt gewohnt, bedient zu werden. Naja, und sie kann Hartmut nicht ausstehen.“

„Er ist ja auch sehr gewöhnungsbedürftig“, murmelte Tirvo.

„Er wäscht sich eben nicht – du weißt schon.“

Tirvo machte eine Bewegung, als wolle er Ludwig erwürgen, und dieser zuckte zurück.

„Ich meine, es ist halt so, in Ordnung?“

„Muss wohl“, seufzte Tirvo. „Und was ist Tidelines Gabe?“

„Stille. Aber Hartmut hat ihr verboten, sie ohne besonderen Grund anzuwenden.“

„Sie kann Stille machen?“

„Absolut kein Geräusch. Das ist ziemlich verstörend, kann ich dir sagen.“

„Kann ich mir vorstellen“, pflichtete Tirvo ihm bei. „Und Mareike?“

„Sie stammt aus Osthafen – das ist eine Stadt an der Südküste. Von dort aus treiben wir Handel mit Ostfernland. Ihre Eltern haben gemerkt, dass sie grenzenlos ist, als sie… äh… naja, sie haben es eben gemerkt und sie nach Kaperstadt gebracht. Sie kann heilen.“

Tirvo pfiff durch die Zähne. „Wie praktisch! Und Mai-shin?“

„Sie kommt aus Ostfernland, aus irgendeinem kleinen Dorf. Sie lernt die ganze Zeit über, weil der Allmächtige Kaiser wohl gedroht hat, ihrer Familie etwas anzutun, wenn sie ihm keine Ehre macht. Und ihre Gabe… nun…“

Ludwig beugte sich verschwörerisch zu ihm hinunter.

„Sie kennt sich sehr gut mit Vögeln aus. Verstehst du?“

Rogo jaulte kurz gequält auf und sah Ludwig vorwurfsvoll an. Tirvo benötigte einen Moment, dann lachte er. „Ich verstehe.“

Der Hund blaffte zwei Mal kurz und lief dann los.

„Ist er jetzt wütend auf dich?“, fragte Tirvo.

„Was? Nein, natürlich nicht. Er hat den Spruch halt schon ein paar Mal gehört. Ich denke, er ist Geld verdienen gegangen, um seine Schulden bei dir zu bezahlen.“

„Wie macht er das?“, wollte Tirvo wissen.

„Ich denke, er wird ein paar Kaninchen fangen.“

„Ah.“

Sie hatten den See wieder erreicht. Tirvo sprang gleich wieder ins Wasser, auch wenn er diesmal vorher seine Kleidung auszog. Ludwig blieb am Ufer sitzen und spielte mit seiner Axt.

„Und die anderen? Die Jungs?“

„Bikkapuna und Hargor stammen aus Wildland. Hargor ist der Sohn einer tagmokratischen Ketzerin und eines Wüstenzwergs, was natürlich verboten ist. Seine Eltern wurden deswegen nach seiner Geburt getötet. Bikkapuna und er waren beide Rudersklaven auf einer Galeere des Meerbundes, die von der Arkheimer Flotte aufgebracht wurde. Hargor entdeckte bei seiner Ankunft in Kaperstadt seine Gabe – er kann unheimlich schnell rennen, weißt du – und floh in die Wälder. Bikkapuna wurde zu Hartmut gebracht, schaffte es aber nicht, in ein ordentliches Fürsprechverhältnis übernommen zu werden, weil sein Gemein zu schlecht war. Er zog daraufhin als Vogelfreier mit einem Wanderzirkus durch das Land und verdiente sich mit seiner Gabe Geld – naja, viele zahlten auch einfach für seinen Anblick, und manchmal hat er auch… also, die Leute bezahlten halt Geld dafür, ihn zu sehen. In Wildland hatten sie ihm den Nachnamen Baumschlepper gegeben, aber den hat er abgelegt, als er geflohen ist.“

„Und was ist seine Gabe?“, hakte Tirvo nach.

„Er kann sich schrumpfen – so klein, dass man ihn gar nicht mehr sieht.“

„Aber jetzt ist er wieder hier“, stellte Tirvo fest.

„Ja, das kam durch Hargor. Nachdem der sich einige Jahre alleine in der Wildnis durchgeschlagen hatte, hörte er von der Anstalt und von Hartmuts Turm und kam von selbst hierher. Als Hartmut ihm dann irgendwann von Bikkapuna erzählte, machte er sich auf die Suche nach ihm und überredete ihn, es noch einmal zu versuchen. Aber ich glaube, Bikkapuna hat das nur Hargor zuliebe getan. Ihm scheint gar nicht wirklich an einer Aufnahme in die Anstalt zu liegen, und er tut auch kaum etwas, um sein Gemein zu verbessern.“

Tirvo ließ sich nachdenklich im Wasser treiben. „Jetzt ist noch Johann übrig,“

„Johann kommt direkt hier aus Kaperstadt. Seine Eltern scheinen ein bisschen Geld zu haben. Er ist ein stiller Typ, aber sehr höflich, mit ausgezeichneten Manieren. Manchmal glaube ich, er lebt mehr in seinen Bildern als in der wirklichen Welt.“

„Er malt Bilder?“

„Es ist seine Gabe. Er verdient einen Haufen Geld damit.“

Tirvo ließ die vielen Informationen, die Ludwig ihm gegeben hatte, in sich einsickern. Ob er mit seiner Gabe auch Geld verdienen konnte?

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Veröffentlicht on Februar 1, 2011 at 7:51 pm  Schreibe einen Kommentar  

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