Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 18

*** Entschuldigungen ***

Nachdem Mai-shin sie stehen gelassen hatte, beschloss Aurora, ein paar Kampfübungen zu machen. Sie hatte natürlich kein Schwert, aber ein Stock würde es auch tun – sie war im Schwertkampf ebenso wie im Umgang mit dem Kampfstab und auch ein wenig im waffenlosen Kampf ausgebildet worden. In der Nähe des Turms hatte sie einen kleinen Schuppen bemerkt – vielleicht würde sie dort etwas Passendes finden.

Tatsächlich befand sich in dem engen, mit allerlei Werkzeug voll gestopften Schuppen sogar ein richtiger Kampfstab, knapp eineinhalb Meter lang, mit in Metall gefassten Enden. Vermutlich hatte ein früherer Schüler ihn bereits zum Üben benutzt. Mit diesem in den Händen begab sich die Elbin dann ein paar hundert Meter nach Westen, wo sie ein flaches, wenig bewachsenes und von Steinen weitgehend frei geräumtes Areal bemerkt hatte und begann dort ihre Übungen. Nach einigen Wochen des eingesperrt Seins in engen Räumen bei schlechter Ernährung war sie zunächst noch ein wenig eingerostet, aber sobald ein paar Minuten vergangen waren, erinnerte sich ihr Körper wieder an die Bewegungsabläufe, die sie von ihm verlangte, und das altvertraute Gefühl der Schwerelosigkeit stellte sich wieder ein.

Ich bin leicht wie Luft, dachte sie. Hatte Tirvo nicht einmal erwähnt, dass das Wasser sein Freund sei? Vielleicht ist die Luft mein Freund.

Sie übte weiter, ohne Pause, bis sie von der Anstrengung und den warmen Strahlen der Sonne völlig durchgeschwitzt war. Plötzlich hörte sie lautes Händeklatschen.

Erschrocken drehte sie sich um. Wenige Meter hinter ihr stand jemand, den sie zunächst für einen Halbling hielt – aber warum war sein Kopf kahl rasiert? Nicht einmal Augenbrauen besaß er!

Natürlich, erinnerte sie sich, das muss Hargor sein, der haarlose Zwerg.

„Bravo! Du bewegst dich wirklich graziös!“, rief dieser ihr zu.

Wundersame Anmut und überirdische Grazie, dachte sie und musste lächeln.

„Hallo, ich bin Aurora Yirell aus der Tagmokratie.“

„Ich weiß“, antwortete der Zwerg. „Ich bin Hargor Donnerfels, ein ehemaliger wildländischer Sklave.“ Er sprach sehr schnell. Nachdem ihre Augen sich auf seine Haarlosigkeit eingestellt hatten, schätzte Aurora, dass auch er umgerechnet nicht viel älter als sie war.

„Hartmut hat mich nach dir geschickt, damit du das Abendbrot nicht verpasst.“

Ungläubig sah Aurora zum Himmel. War es wirklich schon so spät? Tatsächlich, die Sonne stand bereits recht tief über dem Horizont.

„Danke sehr.“ Sie sah, wie er mit einer raschen Bewegung etwas aufhob. „Sind das Kaninchen?“

„Hasen.“ Er zeigte sie ihr. Die Hälse der Tiere waren verdreht. Wunden konnte sie jedoch keine erkennen, nicht einmal die typischen Abschürfungen von Fangschlingen.

„Wie hast du sie erlegt?“

„Ich habe ihnen das Genick gebrochen.“

„Das sehe ich – aber wie hast du sie gefangen?“

„Mit den Händen.“

„Mit den HÄNDEN?“ Das konnte sie nicht glauben.

Hargor grinste sie an. Dann duckte er sich blitzschnell und war auf einmal fort. Wo er eben noch gestanden hatte, befand sich eine kleine Staubwolke.

Aurora sah sich um. Wo war er geblieben? Da entdeckte sie ihn am Eingang des Turms. Er winkte ihr zu.

Er ist sehr schnell, hatte Ludwig gemeint. Das war nicht übertrieben gewesen.

***

Ludwig war gegangen, um ein paar Holzarbeiten zu machen, wie er gesagt hatte, und Tirvo schwamm allein im See. Er dachte an sein Zuhause – an die Bürger, die er gerettet hatte, und die ihn zum Dank dafür der Inquisition übergeben hatten; an seine Familie, die ihn verleugnet hatte; an die Bürgermassen, die ihn mit ihrem Hass überflutet hatten.

Sie hatten kein RECHT dazu besessen, entschied er. Sie hatten ihm Unrecht angetan. Er beschloss, sie eines Tages dafür bezahlen zu lassen. Es war kein Hass in seinen Gedanken, kein Gefühl der Rache – nur kalte Entschlossenheit. Wenn er stärker wäre, wenn er mehr über die Welt und seine eigene Gabe wissen würde, würde er einen Weg finden, Vergeltung zu üben.

„Tirvo!“

Die Stimme drang nur sehr leise und verzerrt an sein Ohr. Ihm wurde bewusst, dass er sich auf den Grund des Sees hatte sinken lassen. Rasch tauchte er auf.

Am Ufer stand eine kleine, völlig haarlose Gestalt.

„Hargor?“, riet er.

„Richtig. Hallo, Tirvo! Ich dachte schon, du wärst ertrunken, so lange, wie du da unten geblieben bist. Zeit zum Abendessen!“

Er blinzelte. „Schon so spät? Steht das Essen schon auf dem Tisch?“

Wo Hargor eben noch gestanden hatte, wirbelte Sand auf. Tirvo rieb sich ungläubig die Augen. Wo war der Zwerg geblieben?

Plötzlich stand Hargor wieder da.

„Noch nicht, aber in fünf Minuten. Ludwig lässt dir ausrichten, wenn du zu spät bist, isst er deine Portion mit.“

Dann war er wieder verschwunden. Tirvo schwamm ans Ufer, zog sich an und rannte zum Turm.

***

Diesmal waren sie beim Essen zu zehnt – die neun Schüler und Hartmut. Dieser saß von Tirvo aus gesehen am anderen Ende des Tisches, zwischen Ludwig und Bikkapuna, worüber Tirvo auch sehr froh war. Dann erinnerte er sich an das, was Ludwig ihm erzählt hatte und wurde rot.

„Hartmut?“, sagte er leise. Sein Fürsprecher sah ihn an.

„Ich… ich wollte mich nur…“

„Schon gut“, schnitt dieser ihm das Wort ab. Tirvo senkte den Blick.

„Was war das denn?“, flüsterte Aurora, die neben ihm saß, ihm zu.

„Er kann Gedanken lesen“, flüsterte Tirvo zurück.

„Oh“, antwortete Aurora. „OH!“, wiederholte sie plötzlich etwas lauter. Auch sie senkte ihren Blick und konzentrierte sich auf ihr Essen.

Als sie fertig waren, stand Hartmut auf. „Aurora, Tirvo – der Spiegel der Erkenntnis ist für euch bereit. Kommt in ein paar Minuten ins Dachgeschoss.“

Sie fragten nicht nach – wenn er ihnen eine Erklärung hätte geben wollen, was es mit diesem Spiegel auf sich hatte, hätte er es getan.

„Tideline, Hargor hat uns zwei Hasen mitgebracht. Du gehst erst schlafen, wenn du sie für morgen bratfertig zubereitet hast.“

Die Halblingin blitzte Hartmut an, und Aurora kam in den Sinn, dass ihre Grenzenlosigkeit ihr offensichtlich nicht die Gabe verlieh, mit Blicken zu töten.

***

Tirvo war schon auf dem Weg zur Treppe, als Ludwig ihn ansprach.

„Hier, dein Geld.“ Er zählte ihm zehn Kupferkreuzer in die Hand.

„Danke. Wie viel ist das eigentlich?“

Ludwig benötigte einen Moment, um die Frage zu verstehen.

„Für zwei Kreuzer bekommst du in den meisten Gaststätten ein Bier, für fünf Kreuzer eine Schüssel Suppe. Als einfacher Arbeiter verdienst du vier oder fünf Kreuzer die Stunde. Hundert Kupferkreuzer sind ein Silberschilling, zwanzig Silberschillinge eine Goldmark. Man kann Kreuzer auch in Hälften und Viertel zerbrechen, siehst du hier?“ Er zeigte auf eine kreuzförmige Einprägung auf der Rückseite der Münzen. „Deswegen heißen sie Kreuzer.“

„Ah, danke.“ Tirvo sah sich um. „Wo ist eigentlich Rogo?“

„Er wird es wohl bis Sonnenuntergang nicht mehr schaffen und in einer Kaperstädter Freistatt übernachten.“

„Natürlich.“

Tirvo begann, die Treppen zum Dachgeschoss hin zu erklimmen.

***

„Mai-shin?“

Beim Essen hatten sie kein Wort miteinander gewechselt, aber in ihrem gemeinsamen Zimmer unternahm Aurora einen Versuch, sie anzusprechen.

„Ja?“ Die Lashani sah sie nur kurz an, während sie akribisch irgendetwas aus einem Buch in ihr Arbeitsheft übertrug.

„Es… es tut mir leid wegen vorhin. Ich verstehe, dass du Angst um deine Familie hast.“ Sie schloss die Augen. „Meine Eltern sind meinetwegen gestorben.“

Aurora spürte eine Berührung an ihren Händen, zart wie eine Vogelfeder. Sie öffnete die Augen wieder. Mai-shin stand vor ihr und streichelte ihr sanft die Finger.

Stockend redete die Elbin weiter. „Mein Vater… Er hätte sein Leben retten können, indem er mich verriet. Stattdessen hat er es für den hoffnungslosen Versuch hingegeben, mir zu helfen.“

Sie setzte sich auf ihr Bett. „Was aus meiner Mutter geworden ist, weiß ich nicht. Wahrscheinlich hat sie sich umgebracht, bevor die Inquisition sie ergreifen konnte – oder sie ist einfach an Schwäche gestorben. Sie war sehr krank, weißt du.“

Mai-shin hatte sich neben sie gesetzt und hielt ihre Hand. „Es tut mir wirklich leid, Aurora.“ Einige Sekunden saßen sie still nebeneinander. Vom Fenster hörte Aurora das traurige Pfeifen eines kleinen Vogels.

Plötzlich stand die Lashani auf. „Möchtest du ein Bild meiner Familie sehen?“

„Ja, gerne.“

Mai-shin griff in eine Schublade der Kommode und zog ein kaum mehr als handtellergroßes, gerahmtes Bild hervor. Darauf waren beinahe zwei Dutzend Personen zu sehen. Alle wiesen diese fremdartigen, ostfernländischen Gesichtszüge auf. Mai-shin zeigte Aurora ihre Großeltern und Eltern, ihre Geschwister, Vettern, Basen, Onkel und Tanten. Sie selbst war auch auf dem Bild, lachend in der Mitte, in einem leuchtend blauen Kleid. Ihre übrigen Familienmitglieder trugen ärmliche, abgetragene Sachen aus grobem ungefärbten Leinen.

„Das ist sehr hübsch, Mai-shin. Ich wünschte, ich hätte auch so ein Bild von meinen Eltern. Wer hat es gemalt?“

Mai-shin standen schon wieder Tränen in den Augen. „Johann.“

„Johann?“, fragte Aurora verblüfft. „Aber wie… ich meine, er kennt deine Familie doch gar nicht, oder?“

„Er sagt, er hat sie nach meinem Bild von ihnen in meinem Geist gemalt.“

„Das kann er? Kann er denn auch Gedanken lesen?“

Mai-shin schüttelte den Kopf. „Nicht so wie Hartmut, nein. Er hat seine Hand auf meinen Kopf gelegt und mit der anderen Hand gemalt. Er sagte, er hätte ihre Gesichter gar nicht selbst bewusst wahrgenommen, bevor das Bild fertig war.“

„Das ist wirklich erstaunlich“, meinte Aurora beeindruckt.

„Er ist wirklich äußerst talentiert“, sagte Mai-shin leise, während sie zärtlich über das Bild strich, bevor sie es wieder wegräumte.

„Willst du nicht auch das Bild sehen, das er von mir gemalt hat? Es ist ebenfalls sehr beeindruckend.“

Mai-shin antwortete nicht, sondern sah zur Tür. Auch Aurora bemerkte jetzt den beißenden Geruch ihres Fürsprechers, der dort stand.

„Mai-shin, lass uns bitte einen Augenblick allein.“ Folgsam stand die Lashani auf und ging.

Hartmut betrat den Raum. „Zeig mir bitte das Bild, das Johann von dir gemalt hat.“

Aurora gehorchte, griff unter das Bett, zog den Köcher hervor und rollte die Leinwand vorsichtig aus. Hartmut betrachtete das Gemälde einige Zeit schweigend, dann bedeutete er ihr, es wieder zusammenzurollen.

„Er hat es dir also geschenkt“, stelle er fest. Sie nickte.

„Das war ein sehr wertvolles Geschenk, Aurora. Ein solches Bild hätte er in Kaperstadt auch für zehn oder mehr Goldmark verkaufen können.“

Aurora nickte erneut.

„Aber es ist gut, dass er das nicht getan hat, denke ich. Sorge dafür, dass niemand anders dieses Bild zu Gesicht bekommt.“

Sie verstand nicht, aber sie nickte ein drittes Mal und verstaute den Köcher wieder unter ihrem Bett.

„Komm nun. Der Spiegel der Erkenntnis wartet.“

Fügsam begleitete sie ihn die Treppen hinauf zum Dachgeschoss.

zum nächsten Kapitel
zur Kapitelübersicht
Advertisements
Veröffentlicht on Februar 5, 2011 at 5:46 pm  Schreibe einen Kommentar  

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s