Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 19

*** Der Spiegel der Erkenntnis ***

Bereits im dritten Stockwerk war der Gestank nach Hartmuts ungewaschenem Körper allgegenwärtig. Sie betraten jedoch seine privaten Räumlichkeiten nicht, sondern stiegen die Treppen weiter bis zu einer Luke zum Dachgeschoss empor, an der Tirvo bereits wartete. Diese Luke war durch ein massives Vorhängeschloss gesichert, welches Hartmut nun öffnete. Dann zog er eine Klappleiter herunter und stieg hinauf. Aurora und Tirvo folgten ihm.

Die Luft in dem Raum unter dem Kuppeldach war zum Schneiden – schwül und stickig und geschwängert mit Hartmuts Körpergeruch. Die beiden Schüler begannen sofort zu schwitzen und bemühten sich, möglichst flach zu atmen. Es war dunkel – zwar hatte der Raum Fenster, doch waren diese von schweren, zugezogenen Vorhängen verdeckt. Hartmut zündete einige Kerzen an und schloss dann die Luke.

An den Wänden des Raumes befanden sich mehrere Pulte und Regale, auf denen in großer Unordnung alchemische Apparaturen, Behälter mit unterschiedlichsten Substanzen und Bücher durcheinander lagen. In der Mitte des Raums stand ein niedriger Tisch und auf diesem ein hoher, zweiseitiger Glasspiegel. Vor dessen beide Seiten stellte Hartmut Kerzen. Davor lag jeweils ein großes Sitzkissen auf dem Boden. Auf diesen nahmen die Schüler auf Hartmuts Geheiß Platz.

„Ihr seid beide grenzenlos. Das bedeutet, dass ihr eine besondere Gabe habt. Üblicherweise lässt sich die Natur dieser Gabe in einem einzigen Begriff zusammenfassen. Was ist die Natur eurer Gabe?“

„Wasser“, antwortete Tirvo sofort.

„Luft“, antwortete Aurora nach kurzem Zögern.

Hartmut nickte nachdenklich. „Und dann gibt es da noch etwas anderes.“

„Was?“, fragten die beiden Schüler gleichzeitig.

„Das werden wir jetzt herausfinden. Trinkt dies hier, jedoch nur zur Hälfte.“

Hartmut reichte jedem von ihnen einen Becher mit einer übelriechenden, klaren Flüssigkeit. Widerwillig nahmen sie Schluck um Schluck von dem bitteren Gebräu, bis ihre Becher halb leer waren. Dann gaben sie diese Hartmut wieder, der einen Pinsel ergriff und die Restflüssigkeit daraus auf den Spiegelflächen verstrich.

„Und was passiert nun?“, wollte Tirvo wissen.

„Seht in den Spiegel und wartet ab“, antwortete Hartmut.

Sie gehorchten schweigend.

***

Aurora fiel es schwer, die Augen offen zu halten. Die vor ihr stehende Kerze erzeugte noch mehr Wärme, und die Luft erschien ihr kaum noch atembar. Sie schüttelte energisch den Kopf, um wach zu bleiben.

Dann erstarrte sie. Ihr Spiegelbild hatte das Kopfschütteln nicht mitgemacht. Stattdessen lächelte es ihr spöttisch zu.

„Na, Mädchen?“, sprach es sie an. „Meinst du, du findest auch hier in Fernland bald jemanden, den du ins Unglück stürzen kannst?“

„Wie? Ich weiß nicht, was… Wer bist du?“

Ihr Spiegel-Ich äffte ihren verwirrten Tonfall nach. „Wer bin ich? Eine gute Frage, Aurora Yirell, nicht wahr? Wer bin ich? Wer bist du? Du kennst doch die Antwort, nicht wahr? DU BIST DIE MÖRDERIN DEINER ELTERN!“

Aurora zuckte zusammen. „Nein… das ist nicht wahr!“

„Oh, natürlich ist das wahr! Deinetwegen ist dein Vater gestorben, und deine Mutter gewiss auch. Du musstest ja die dir gesetzten Grenzen überschreiten. Schweben, immer schweben, durch die Luft gleiten – hältst du dich für einen Engel? Ist der Boden nicht mehr gut genug für dich? Ist er zu hart für deine zarten Füßchen?“

„Aber Härte verträgst du ja eh nicht“, fuhr die Aurora im Spiegel fort. „Süße Worte und Zärtlichkeit, das gefällt dir! Dein Vater hat dich zwar vor Jessika gewarnt, aber hast du auf ihn gehört? Natürlich nicht! Immer bist du zu ihr gelaufen und hast ihr alle deine Geheimnisse anvertraut. Und als dein Vater dich auf den rechten Weg zurück führen wollte, warst du da bereit gewesen, Buße zu tun? Natürlich nicht! Stattdessen hast du Jessika alles verraten, weil sie ja immer so lieb zu dir gewesen war, so zärtlich, so verständnisvoll! Sie war niemals streng zu dir, sie hätte dich niemals geschlagen – und weißt du auch, warum? Weil du ihr egal warst! Weil du für sie nur ein dummes, williges Werkzeug warst, um deine Familie der Inquisition auszuliefern!“

Die Aurora vor dem Spiegel schluchzte.

„Ja, heule nur, du verwöhntes kleines Balg! Hast du dein Pferdchen verloren? Wird dir nicht mehr jede Woche ein neues Kleid geschneidert? Oder vermisst du etwa doch deinen Vater, der sein Leben für dich gegeben hat? Bis zu seinem letzten Atemzug hat er für dich gekämpft, und deinetwegen ist er gestorben – weil er dich geliebt hat, wirklich geliebt, und nicht nur schöne Worte gemacht. Ja, er war streng zu dir, ja, er hat dich geschlagen – und warum? Weil du ihm wichtig warst! Wichtiger als sein eigenes Leben. Dein Vater hat dich geliebt, Aurora, und weil du das nicht verstanden hast, ist er gestorben.“

Vor Auroras tränenschwimmenden Augen stand ihr Vater, aufrecht, mit der Peitsche in der Hand, so wie sie ihn im Keller ihres Hauses gesehen hatte.

„Ja“, flüsterte sie. „Ich weiß. Mein Vater hat mich geliebt, und ich habe seine Liebe nicht angenommen. Mein Vater hat mich geliebt.“

„Und bist du jetzt bereit, wahre Liebe anzunehmen, Aurora Yirell?“

„Ja… ja. Ja, ich bin bereit.“ Weinend brach sie auf dem Kissen zusammen.

***

Tirvo war durstig, und er verspürte das Bedürfnis, sich zu waschen – die Luft in dem Raum unter dem Dach stank, und sein ganzer Körper war schweißverklebt. Die Kerze, die vor ihm stand, flackerte stark.

Nein. Nicht die Kerze selbst – lediglich ihr Spiegelbild flackerte.

Tirvo sah genauer hin. Im Spiegel war eigentlich gar keine Kerze mehr zu erkennen, nur noch dieses Flackern – wie das Flackern des Heiligen Feuers auf dem Platz der Gerechtigkeit.

Er schaute sein Spiegelbild an. Es war an eine steinerne Säule gebunden, genau so wie er damals. Es bewegte den Mund und schien ihm etwas sagen zu wollen, aber er konnte nichts verstehen – zu laut war das Toben der Menge. Ihr gesamter Zorn war auf ihn gerichtet.

Tirvo schloss die Augen, doch das half nichts – nur um so klarer sah er die hassverzerrten Gesichter seiner Schattenländer Mitbürger vor sich. Ihre Beleidigungen und Flüche verletzten ihn beinahe körperlich. Am schlimmsten jedoch waren die Beschimpfungen seiner eigenen Eltern.

Die Hitze des Heiligen Feuers war unerträglich. Tirvo spürte, wie er langsam austrocknete. Der Hass seiner Mitbürger traf ihn wie sengende Sonnenstrahlen. Warum konnte er nicht dorthin fliehen, wo es dunkel, kühl, und still war; wo kein Feuer und keine Sonne brannten und dieser Hass ihn nicht finden konnte?

Tirvo stellte sich vor, wie er langsam im Boden versank, so wie Wasser in die Erde rann, zu einem tiefen, kühlen Ort. Hier herrschte Ruhe, hier tat ihm niemand weh. Hier konnte er die Augen wirklich schließen und die feindselige Welt über sich vergessen. Hier konnte er Frieden finden.

***

Ein frischer Luftzug und die letzten Strahlen der im Westen versinkenden Abendsonne brachte die beiden Schüler wieder zu sich. Hartmut hatte die Vorhänge zurückgezogen und die Fenster geöffnet. Die Kerzen im Raum waren niedergebrannt. Gerade war ihr Fürsprecher damit beschäftigt, die Spiegelflächen mit einem Tuch abzureiben.

„So, dann wissen wir jetzt also Bescheid“, sagte er – wohl mehr zu sich selbst, dachte Aurora. Sie jedenfalls fühlte sich lediglich verwirrt.

„Geht in die Küche und wartet auf mich.“

Sie stellten keine Fragen und taten, wie er ihnen geheißen hatte. Die Küche war leer. In einer großen Pfanne lagen die beiden fachmännisch zerlegten und in einer Kräutersoße marinierten Hasen. Tirvo nahm sich einen großen Krug, füllte diesen mit Wasser und trank ihn in einem tiefen Zug aus.

Einige Minuten später kam Hartmut zu ihnen. Er hatte einige sehr offiziell aussehende, mit einem Stempel der Anstalt von Arkheim versehene Papiere, ein kleines Tintenfass und eine Schreibfeder bei sich. Hartmut las ihnen den Inhalt der Papiere vor: Es waren Urkunden, die ihr provisorisches Fürsprechverhältnis mit ihm dokumentierten. Nachdem er ihnen nochmals erklärt hatte, welche Pflichten dies für sie bedeutete – im Wesentlichen, dass sie alles zu tun hatten, was er ihnen befahl – unterzeichneten sie.

Hartmut händigte ihnen jeweils eine Kopie dieser Papiere aus. Danach sagte er ihnen, sie sollten schlafen gehen, und sie gehorchten. Vorher wuschen sie sich noch rasch. Dann zog Tirvo sich in seine Kammer zurück, und Aurora begab sich in das Zimmer, welches sie sich mit Mai-shin teilte. Die Lashani saß im Schein einer Öllampe vor dem offenen Fenster und lernte. Ein Sperling hockte auf ihrer Schulter. Die Elbin wünschte ihr eine gute Nacht und kroch in ihr Bett.

Ihr erster Tag im Dienst der Anstalt, über die sie immer noch kaum etwas wussten, war vorüber.

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Veröffentlicht on Februar 9, 2011 at 1:06 am  Schreibe einen Kommentar  

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