Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 2

*** Wasser ***

„Tirvo, kommst du?“

Tirvo Banrus sah von dem Haufen zerbrochener Stühle, die er und sein Vater mit Hilfe einiger Nägel und eines Topfes Pferdeleim wieder zusammenzuflicken versuchten, auf. Ein halbes Dutzend seiner Kumpel stand vor dem Fenster der kleinen Hafenkneipe, die seine Eltern betrieben, und in der es gestern Abend wieder einmal eine Schlägerei zwischen betrunkenen Fischern gegeben hatte.

Sein Vater schüttelte den Kopf. „Wir brauchen die Stühle heute Abend.“

Tirvo senkte den Kopf wieder und fuhr fort, die Aufsatzfläche des Stuhlbeins, das er in den Händen hielt glattzuhobeln, damit der Leim daran haften würde. Wenn es nach ihm ginge, konnten die Betrunkenen, die alle paar Tage erneut die Einrichtung zerschlugen, ihre Schnäpse auch im Stehen kippen. Echte Seeleute waren sie in seinen Augen eh nicht – sie fuhren jeden Morgen ein paar Seemeilen auf das Meer hinaus, warfen, kaum außer Sichtweite der Küste, ihre Netze aus und legten sich dann mit einer Flasche Rum im Arm an Deck ihrer verdreckten kleinen Kutter zum Schlafen hin. Die meisten von ihnen konnten nicht einmal richtig mit ihren Segeln umgehen – mit der Ebbe hinausfahren und mit der Flut zurückkehren, das stellte die Grenze ihrer Seemannskunst dar. Tirvo hatte an seiner Schule einen Segelkurs belegt und glaubte, bereits nach ein paar Tagen Unterricht mehr über Wind- und Strömungsverhältnisse zu wissen als die meisten der Kneipengäste hier, die beim leisesten Anzeichen eines aufziehenden Sturms eilig zum Ufer zurückkehrten und ihre Boote vertäuten. Für sie war der Ozean ein schlafendes Raubtier, und Männer und Frauen, die in ihrem Leben noch nicht mehr als einen Tag Fahrt von ihrem Heimatort entfernt gewesen waren, überboten sich mit Geschichten von Seeungeheuern, denen sie angeblich begegnet waren, und die mit jedem Krug, dessen Inhalt durch ihre Kehle floss, größer wurden.

Tirvo glaubte nicht an Seeungeheuer. Seine Lehrer hatten ihm beigebracht, dass solche Monster Ausgeburten eines furchtsamen, undisziplinierten Geistes waren – Ängste, welche vor dem inneren Auge derjenigen, die nicht genügend Vertrauen in die Wohlordnung der Welt fanden, Gestalt annahmen. SUCHE UND VERTRAUE AUF DIE ORDNUNG DER WELT IN ALLEN DINGEN, so stand es im tagmokratischen Kodex. Doch so häufig die Priester auch bei den morgendlichen Andachten von ihrer Kanzel gegen diese liederlichen und unordentlichen Geschichten wetterten – ihre Predigten schienen die Herzen der Zuhörer nicht zu erreichen und die Räumlichkeiten der Kirche nicht zu verlassen, und jeden Abend wieder übertrafen die selben Bürger, die morgens noch mit gesenktem Blick den Litaneien des Gerechten Glaubens gehorcht hatten, einander mit ihrem Seemannsgarn.

Aber auch an der Schule wurde ihm eingetrichtert, welche Gefahr der Ozean der Versuchung für diejenigen, die ihn befuhren, darstellte – ein Abgrund, in welchem der Unvorsichtige zu versinken drohte; eine natürliche Grenze, welche der Rechtschaffene nicht überschreiten durfte. Manchmal träumte Tirvo davon, eines Tages auf einem der Schiffe des Meerbundes zu segeln, die zwar nicht den Ozean, jedoch immerhin das Südmeer überquerten, welches Urland von Wildland trennte. Oder besser noch: Nach Norden zu fahren, dorthin, wo es so kalt war, dass das Wasser zu Eis wurde, auf einem Walfänger, weit entfernt von den geordnet besiedelten Gebieten der Tagmokratie! Tirvo sah das Meer nicht als Gefahr, sondern als Abenteuer, welches darauf wartete, bestanden zu werden; ein fremder Lebensraum mit eigenen Gesetzen und Ordnungen, die es zu erkunden galt. Eines Tages würde er das Meer befahren, hatte er sich geschworen.

Aber heute saß er auf dem schmutzigen Boden des Schankraums, der nach Schweiß, Tabakrauch und erbrochenem Alkohol roch und ging seinem Vater dabei zur Hand, Sitzgelegenheiten zu reparieren, die nur allzu bald wieder als Schlagwaffen missbraucht werden würden. In wenigen Stunden würde der Schankbetrieb wieder aufgenommen werden, und bis dahin musste die Arbeit erledigt sein. Tirvo seufzte und griff nach dem Pinsel, um den Leim aufzutragen.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Tirvo sah auf. Sein älterer Bruder Kerri stand hinter ihm.

„Los, geh‘ schon. Ich mache für dich weiter.“

Dankbar stand er auf. Kerri knuffte ihn in die Schulter. „Geh‘ und spiel mit deinen kleinen Freunden.“

Tirvo verkniff sich eine beleidigte Antwort – schließlich war er bereits 13 Jahre alt! – und nickte nur dankbar. Dass Kerri vermutlich überhaupt nur hier war, weil das Treffen mit der jungen, blonden Weberin, die er auf dem letzten Tanzfest angesprochen hatte, nicht für ihn zufriedenstellend verlaufen war, und sein Bruder ihm weniger einen Gefallen tun, als vielmehr seine Gedanken ablenken und seine Hände beschäftigen wollte, sprach er wohlweislich nicht an.

„Bis Mitternacht bist du wieder hier.“ Sein Vater sah nicht auf, als Tirvo sich sein Ölzeug griff und nach draußen in den Regen trat.

Die anderen grinsten ihn an. Bilgor, der Zwergenjunge, der die meisten Nachmittage im Menschenviertel anzutreffen war, obwohl weder ihre Eltern, noch ihre Lehrer es guthießen, wenn Vertreter verschiedener gerechter Völker ohne besonderen Grund ihre Zeit miteinander verbrachten, zog mit großer Geste das Barometer hervor, welches sein Vater, der Leuchtturmwärter, ihm geschenkt hatte. „Es wird Sturm geben. Kommst Du mit zum Deich?“

Tirvos Augen leuchteten auf. Er liebte den Anblick der gewaltigen Wellen, wie sie sich an der Deichmauer brachen, und das Gefühl der salzigen Gischt auf seiner Haut. Während eines Unwetters war es am schönsten – das Wasser schien von allen Seiten auf ihn einzuprasseln, von oben, von unten, von den Seiten, und er konnte sich ausmalen, wie es wäre, an Bord eines großen Schiffes zu sein, welches dem Sturm trotzte; an der Reling zu stehen, inmitten der tosenden Wassermassen, und auf die wogenden Wellen zu schauen.

„Pass‘ aber auf, dass du nicht fortgeweht wirst, Langer!“

Jemand anders nahm es ihm ab, den spöttischen Kommentar über den niedrigen Schwerpunkt des Zwergs zu machen, welchen dieser natürlich bewusst herausgefordert hatte, und unter gutmütigen Frotzeleien bahnten sich die Jugendlichen ihren Weg durch die verschlammten Straßen des kleinen Fischerstädtchens zum Strand und schließlich zu dem eine gute Meile entfernten Deich, welcher das tiefer gelegene Ackerland schützte.

Dort war der Himmel so grau wie die See, und der Wind peitschte Gischt und Regen gleichermaßen in ihre Gesichter. Tirvo bemerkte erstaunt, dass einige Wellen den Deich bereits überspülten – das kam nur selten vor. Doch heute schienen Sturm und Flut im Zusammenspiel den Ozean zu Höchstleistungen anzuspornen. Die See greift das Land an. Mit diesem Satz hatte Tirvos Großvater, der vor einigen Jahren verstorben war, solche Stürme immer kommentiert. Die Küstenbewohner hatten Deiche wie diesen gebaut, um ihr Land gegen die See zu verteidigen.

„Scheiße, Mann – siehst du das?“

Bilgor, der neben ihm stand, zeigte nach vorne. Tirvo erschrak. Ein Teil des Wassers war nicht über die Deichkrone in die dahinter gelegenen Dünen, in denen sie standen, gelangt, sondern durch ein handtellerbreites Loch in der Deichmauer.

„Lauft zurück in den Ort! Gebt Bescheid, dass der Deich zu brechen droht!“, kommandierte der Zwerg. In diesem Moment erinnerte er stark an seinen Vater, den grimmigen Leuchtturmwärter, obwohl er bislang nur den leisesten Ansatz von dessen üppigem Bart aufwies. „Ich sehe zu, ob ich das Loch irgendwie abdichten kann.“

Die anderen Jungen rannten. Tirvo blieb stehen.

„Was ist?“, schnauzte Bilgor ihn an.

„Vielleicht brauchst du Hilfe. Außerdem glaube ich nicht, dass du das Loch erreichen kannst.“

Der Zwerg setzte zu einer wütenden Entgegnung an, doch dann begriff er, dass Tirvo ihn nicht verspotten wollte – das Leck befand sich gute zwei Meter über dem Boden und damit außerhalb seiner Reichweite, und bei diesem Wetter war an ein Erklimmen der Deichmauer nicht zu denken.

„In Ordnung. Ich sage dir, was du tun musst.“

Tirvo widersprach nicht. Die Deiche in der Gegend waren alle von Zwergen erbaut worden, und jedermann ging davon aus, dass die Angehörige dieses Volks eine besondere Beziehung zu Erdarbeiten hatten.

Bilgor wies ihn an, das Innere des Lochs zu ertasten und ihm zu beschreiben. Das war gar nicht so einfach, da der Druck des durchströmenden Wassers enorm war. Außerdem wurde Tirvos Hand beinahe sofort eiskalt, aber er beachtete dies nicht weiter – er hatte schon früher festgestellt, dass er im Wasser aus irgendeinem Grund nicht fror. Der Zwerg suchte währenddessen geeignete Steinbrocken, die er ihm mit genauen Anweisungen, wie Tirvo sie zu verkanten hatte, zureichte. Das Wasser hinter dem Damm stand bereits höher, als Tirvos Stiefel reichten – was bedeutete, dass Bilgor sich bis zur Hüfte im Wasser befand.

Der Zwerg fluchte plötzlich. „Da ist noch eines.“ Er zeigte auf ein weiteres Leck, nur ein paar Meter entfernt. „Es liegt etwas tiefer, da komme ich ran. Kommst du hier alleine klar?“

Tirvo wurde einer Antwort dadurch enthoben, dass nur eine Armlänge neben ihm ein weiterer Stein aus der Mauer herausbrach, gefolgt von einem Salzwasserstrahl. „Es hat keinen Sinn“, rief er. „Der Deich bricht!“ Die See gewinnt.

Widerstrebend gab Bilgor ihm Recht. „Lass uns verschwinden.“

Sie rannten zurück Richtung Ort. Bilgor, der bereits halb schwimmen musste, fiel zurück. Ungeduldig blieb Tirvo stehen, um auf ihn zu warten. Dann schrie der Zwerg auf einmal auf.

„Scheiße, Mann, ich stecke fest!“

Gegen die stärker werdende Strömung kehrte Tirvo um. „Was heißt das, du steckst fest?“

„Mein Bein – ich glaube, ich habe mir mein verdammtes Bein gebrochen!“

Tirvo tauchte. Unter Wasser sah er natürlich nichts, aber er konnte fühlen: Bilgor war in eines der mit Zement ausgegossenen Löcher getreten, welche ausgehoben worden waren, um Pfeiler darin zu verankern, an denen man wiederum für Verbesserungsarbeiten auf Land gezogene Boote befestigen konnte, damit sie nicht von einer Windbö umgestürzt wurden. Eigentlich waren diese Löcher mit einem eingelassenen Holzgitter abgedeckt, aber hier war dies nicht so – jemand hatte es vermutlich gestohlen. Oder war die Strömung bereits so stark, dass sie es fortgetrieben haben konnte? Wenn es nicht richtig aufgesetzt worden war, war dies wohl möglich, dachte er. Jedenfalls hatte der Fuß des Zwergs sich irgendwie in diesem Loch verhakt.

„Ich kann mich nicht befreien, Tirvo! Hilf mir!“ In Bilgors Stimme war die Panik nun deutlich zu hören.

Tirvo schätzte die Entfernung zum Ort ab. Wie lange würde er brauchen, um Hilfe zu holen? Ging es vielleicht schneller, wenn er schwimmen würde? Aber die anderen holten ja bereits Hilfe. Das hoffte er zumindest.

Bilgor hatte seinen Blick bemerkt. „Scheiße, Mann, lass mich hier nicht alleine, ja?“

Tirvo schüttelte den Kopf. „Ich helfe dir.“ Er legte die Arme unter Bilgors Schultern und zog vorsichtig. „Tut das sehr weh?“

Ein lauter Schrei des Zwergenjungen war Antwort genug. Er steckte tatsächlich fest.

Ratlos ließ Tirvo von ihm ab. „Am besten, wir warten einfach hier, bis Hilfe kommt.“

In diesem Moment hörte er ein unfassbar lautes Grollen und Poltern. Wenige Sekunden später wurden sie von einer Sturzflut erfasst.

Der Deich war gebrochen.

zum nächsten Kapitel
zur Kapitelübersicht
Advertisements
Veröffentlicht on Dezember 10, 2010 at 3:54 pm  Schreibe einen Kommentar  

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s