Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 21

***Wahnsinnig ***

Aurora wandte sich nun dem anderen Buch zu. Dessen erstes Kapitel trug den Titel „Was bedeutet es, grenzenlos zu sein?“ Genau das möchte ich endlich verstehen, dachte sie und begann zu lesen.

Jeder Grenzenlose besitzt eine Gabe und einen Wahnsinn. Seine Gabe ermöglicht es ihm, Dinge zu tun, die nach den Naturgesetzen unmöglich sind – also die durch die Natur gesetzten Grenzen zu überschreiten oder schlichtweg zu ignorieren. Die Art der Gabe eines Grenzenlosen lässt sich für gewöhnlich mit einem einzigen Begriff beschreiben. Das ist keine präzise Definition, die jedoch auch unmöglich wäre. Der Grenzenlose kann Dinge tun, welche mit seinem Verständnis seiner Gabe zusammenhängen, sei es durch eine offensichtliche Verbindung oder eine subtile, möglicherweise abstrakte Assoziation. Um seine Gabe einzusetzen, muss er die notwendige Geisteskraft aufbringen (abhängig von der Stärke der angestrebten Wirkung), sowie die Wirkung kontrollieren (um so schwieriger, je stärker die Wirkung und je abstrakter die Assoziation mit seiner Gabe ist). In Stresssituationen und besonders zu Beginn der Pubertät kann es passieren, dass ein Grenzenloser seine Gabe unbewusst und ohne Verständnis ihres Wesens anwendet. Solche Ereignisse enden häufig in Katastrophen.

Der Wahnsinn eines Grenzenlosen steht nur selten in einem direkten, offensichtlichen Zusammenhang mit seiner Gabe und scheint manchmal überhaupt keine Verbindung dazu zu haben. Er äußert sich in einem mehr oder weniger fest umrissenen, irrationalen Verhaltensmuster. Der Grenzenlose muss lernen, seinen Wahnsinn zu kontrollieren, um nicht zu einer Gefahr für sich und andere zu werden. Jedoch muss er ihm auch immer wieder zumindest für kurze Zeit nachgeben, damit er sich nicht intensiviert. Im Fall eines harmlosen Wahnsinns ist es für den Grenzenlosen ratsam, ihm sehr häufig oder sogar andauernd nachzugeben, wenn auch mit gelegentlichen Unterbrechungen, um sicherzustellen, dass der Grenzenlose ihn noch kontrollieren kann.

Die Intensität des Wahnsinns kann niemals abnehmen und stagniert deswegen im besten Fall, nimmt jedoch in der Praxis langsam (in einigen Fällen auch schneller) immer weiter zu. Die Hauptauslöser für eine Intensivierung des Wahnsinns sind extreme Stresssituationen und die Weigerung über längere Zeit, ihm nachzugeben. Sobald die Intensität des Wahnsinns eines Grenzenlosen das Maß, in welchem er seine Gabe beherrscht, übersteigt, wird der Wahnsinn unkontrollierbar und endgültig. Für einen endgültig wahnsinnigen Grenzenlosen ist der Tod eine Erlösung und eine Gnade, die ihm so rasch wie möglich gewährt werden sollte. Um das Eintreten des endgültigen Wahnsinns zu verhindern, werden alle Grenzenlosen nachdrücklichst dazu angehalten, die Beherrschung ihrer Gabe laufend zu verbessern. Außerdem wird über temporäre Ausbrüche des Wahnsinns, soweit dies möglich ist, hinweg gesehen.

Nur der Fürsprecher eines Grenzenlosen besitzt das Recht, diesen ohne zwingende Notwendigkeit nach dessen Wahnsinn zu fragen oder darauf anzusprechen; dies ist ansonsten grob unhöflich und beleidigend, wenn nicht sogar gefährlich, da Gespräche über den Wahnsinn eines Grenzenlosen diesen möglicherweise intensivieren.

Körperkontakt mit Heiligem Stahl kann eine Intensivierung des Wahnsinns verhindern, beeinflusst jedoch gleichzeitig auch die Beherrschung der Gabe negativ.

Aurora legte das Buch beiseite und starrte Mai-shin an, die in ihrer blauen Kleidung und mit ihren blau gefärbten Haaren in ihrem Zimmer zwischen einem Dutzend Sträußen mit blauen Blumen auf ihrem mit blauer Wäsche bezogenen Bett saß. Dann dachte sie an Hartmut, der sich nicht wusch, an Hargor, der sich am ganzen Körper rasierte – und an das Dienstmädchen aus Petras kitschigem Roman, welches immer wieder seine Herrschaften bestahl. Und war dies nicht auch die Erklärung für Johanns unwirklich überzogene Schwärmerei von ihr, und auch dafür, dass Tideline immer schlief? Du weißt schon, erinnerte sie sich an den Spruch, den sie gestern ständig zu hören bekommen hatte. Nein, ich weiß nicht, dachte sie empört – niemand hat mir gesagt, dass ihr alle wahnsinnig seid!

Dann verbesserte sie sich in Gedanken: Niemand hat mir gesagt, dass WIR alle wahnsinnig SIND! Waren Tirvo und sie denn nicht ebenfalls grenzenlos?

Aber was war dann ihr Wahnsinn?

Tirvo klopfte an die Tür. „Essen ist fertig.“

Aurora sah ihm in die Augen. „Wir sind alle wahnsinnig“, teilte sie ihm feierlich mit.

„Ich weiß“, entgegnete er. „Ich habe es auch gelesen.“

Mai-shin legte ihr Buch beiseite. „Lasst uns essen gehen“, schlug sie vor.

Sie gingen essen.

***

Aurora und Tirvo verbrachten den Nachmittag damit, weiter in Hartmuts Büchern zu blättern, aber sie konnten sich nicht wirklich auf deren Inhalt konzentrieren. Stattdessen forschten sie in ihrem Verhalten der letzten Wochen nach irgendwelchen Absonderlichkeiten, welche ihnen einen Hinweis auf ihren Wahnsinn geben konnten. Offensichtlich hatte Hartmut alles, was er dazu wissen musste, durch den Spiegel der Erkenntnis erfahren, doch sie erinnerten sich nur vage an wirre und verstörende Träume.

Gegen 16 Uhr kehrten Ludwig und Bikkapuna mit dem mit Lebensmitteln und Haushaltswaren voll beladenen Handwagen zurück. Auch Rogo war bei ihnen. Aurora und Tirvo halfen ihnen beim Abladen und Einräumen.

Danach saßen sie in der Küche zusammen. Tirvo bereitete Ludwig und Bikkapuna rasch noch ein paar Portionen Hase zu und gönnte sich selbst auch noch einen Nachschlag. Auch Rogo bekam etwas ab. Tirvo bemerkte, dass dieser einen kleinen Lederbeutel um den Hals trug.

„Was hast du denn da?“

Rogo kam zu ihm hinüber und senkte den Kopf. Tirvo begriff und nahm ihm den Beutel ab. Darin befanden sich offenbar einige Münzen.

„Du bezahlst deine Schulden?“

Rogo blaffte Zustimmung.

„Danke, Rogo.“ Tirvo zählte das Geld. Es waren dreizehn Kupferkreuzer. Er nahm sich zehn davon und tat die übrigen zurück in den Beutel. „Soll ich ihn dir wieder umhängen?“

Rogo schüttelte den Kopf.

„Gib ihn mir“, meinte Ludwig kauend. „Ich hebe es für ihn auf. So handhaben Pfoten das üblicherweise, wenn sie Geld oder anderen Besitz haben, den sie nicht mit sich herumtragen können oder wollen: Sie hinterlegen ihn bei einem bürgerlichen Freund.“

Tirvo fragte sich, was passierte, wenn dieser Bürger den Besitz der Pfote für sich behielt. Dann erinnerte er sich an das, was Petra ihnen über das Schicksal von Pfotenquälern erzählt hatte und gelangte zu dem Schluss, dass er die Antwort kannte.

***

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kehrte Hartmut zurück und ließ sie zu sich rufen.

„Aurora, Tirvo, ich werde morgen früh einen Auftrag für euch haben. Ihr werdet die Führung übernehmen – ich möchte mir ein Bild von euren Fähigkeiten machen. Fragt die anderen Schüler, wer von ihnen euch begleiten möchte. Wenn ihr Mareike fragt, sagt ihr, es könne gefährlich werden.“

Gehorsam standen sie auf. „Ich frage die Mädchen, du die Jungs?“, schlug Aurora vor. Tirvo nickte.

Die Elbin fragte als Erstes Mai-shin. „Muss ich?“, war deren Antwort. „Ich meine, wenn Hartmut es anordnet, gehe ich natürlich mit, aber ich würde lieber lernen.“

Aurora beruhigte sie, dass sie nicht mitkommen müsse und ging zu Mareikes und Tidelines Zimmer.

„Ach, naja, ich weiß nicht…“, reagierte Mareike zögernd auf ihre Frage.

„Ich komme mit!“, sagte Tideline entschlossen.

„Ich dachte, du schläfst?“, fragte Aurora verwirrt. Dann erinnerte sie sich an das, was Hartmut ihr gesagt hatte. „Es kann aber gefährlich werden.“

Tideline zuckte mit den Schultern.

„Ja?“, meinte Mareike. „Na gut, ich bin dabei.“

***

Tirvo sprach als Erstes Johann an, der gerade aus Kaperstadt zurückgekehrt war. Der sagte ihm, wenn es sein müsse, käme er mit, aber er würde lieber malen wollen. Auch Hargor erteilte ihm eine Absage, weil Hartmut für ihn morgen bereits andere Aufgaben vorgesehen hätte.

Ludwig und Bikkapuna saßen auf der Terrasse und würfelten, während Rogo ihnen zusah.

„Warum nicht? Ist vielleicht Spaß!“, grinste Bikkapuna.

„Klar, ich bin dabei!“, brummte Ludwig.

Tirvo ging zurück in die Küche, wo er Aurora und Hartmut antraf. Sie informierten ihren Fürsprecher.

„Tideline?“, fragte dieser. „Die bleibt schön hier und lernt erst einmal das zu tun, was ich ihr sage. Aber Mareike solltet ihr mitnehmen. Und entweder Bikkapuna oder Ludwig, aber nicht beide.“

Tirvo begab sich erneut zur Terrasse. „Nur einer von euch soll mitgehen.“

„Ich!“, tönten beide gleichzeitig.

„Hab ich zuerst gesagt!“, rief Bikkapuna.

„Unsinn!“, knurrte Ludwig.

„Wuff!“, gab Rogo Laut.

„Hey – Hund hat keine Stimme!“, empörte sich Bikkapuna.

„WUFF!“, wiederholte Rogo lauter und sah den Dunkelmenschenjungen drohend an.

„Zwei gegen einen, ungerecht ist das“, beschwerte dieser sich kleinlaut.

„Heißt das, du willst auch mitkommen?“, fragte Tirvo nach.

„Wuff!“

Das war also entschieden.

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Veröffentlicht on Februar 16, 2011 at 9:34 am  Schreibe einen Kommentar  

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