Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 24

*** Ermittlungen ***

Armer Tirvo, dachte Aurora, die das Ganze durch den Zaun hindurch beobachtet hatte. Aber manchmal hat es ja auch sein Gutes, Buße zu tun.

Eine Minute, nachdem seine Bestrafung ihr Ende gefunden hatte, trat Tirvo durch die Vordertür wieder zu ihnen hinaus.

„Wir… können jetzt wieder mit der Frau Vorsteherin reden“, sagte er stockend.

Aurora berührte ihn sanft an der Schulter. „Lass besser Mareike und mich sprechen, in Ordnung?“

Der Menschenjunge nickte.

„Einen Augenblick“, sagte Mareike. „Halte kurz still.“

Sie trat an ihn heran und ließ ihre Hand von seinem Rücken in seine Hose gleiten. Tirvo rührte sich nicht. Er spürte den sanften Druck ihrer Finger an seinen wund geprügelten Stellen und sog scharf die Luft ein. Doch bereits nach wenigen Sekunden fühlte er, wie der Schmerz nachließ, und er bildete sich ein, dass er sogar merkte, wie seine Wunden sich schlossen.

Als Mareike ihre Hand wieder hervorzog, war aus dem sengenden Schmerz ein leichtes, dumpfes Ziehen geworden. Überrascht bedankte Tirvo sich bei ihr. Dann betraten sie zu dritt (Ludwig und Rogo blieben wiederum draußen zurück) erneut das Haus des Anstands.

***

Diesmal gab es weder Tee noch Kekse für sie, was allerdings keinen wirklichen Verlust bedeutete. Sie nahmen wieder auf den Holzstühlen im Besuchszimmer Platz (Tirvo fragte artig um Erlaubnis, stehen zu dürfen, welche Thelunia ihm großmütig gewährte) und führten die vorangegangene Unterhaltung fort, als wenn zwischendurch nichts weiter geschehen wäre.

„Haben Sie vielleicht eine Idee, wohin die Kinder gegangen sein könnten, Frau Vorsteherin?“, fragte Aurora in ausgesucht höflichem Tonfall.

„Kinder in diesem Alter haben ständig irgendwelche Flausen im Kopf! Wer kann schon sagen, welche Dummheit ihnen diesmal in den Sinn gekommen ist?“

„Von außerhalb kann ihnen jedenfalls niemand geholfen haben, denn Sie hatten ja die Eingangstür ordentlich verschlossen“, stellte die junge Elbin fest.

„Was ist mit der Katzenklappe, Frau Vorsteherin? Die steht doch gewiss nachts offen, oder?“, erkundete sich Mareike.

„Selbstverständlich! Ich kann die Katzen doch nachts nicht ein- oder aussperren“, antwortete Thelunia. Natürlich, Katzen sind ja keine Kinder, dachte Aurora.

„Wenn die Katzen auch Zutritt zu Ihren privaten Räumlichkeiten haben, wäre es dann nicht möglich, dass zum Beispiel Tammi und Mimmi sich Ihre Schlüssel nachts ausgeborgt haben“, fragte Aurora vorsichtig.

„Ausgeschlossen! Katzen sind anständige Pfoten – sie sind doch keine Hunde! NIEMALS würden sie so etwas tun!“, entrüstete die Vorsteherin sich.

„Ach so… natürlich, entschuldigen Sie, Frau Vorsteherin. Ich bin gerade erst aus Urland nach Arkheim gekommen und kenne mich mit Pfoten noch nicht so gut aus“, ruderte Aurora hastig zurück.

„Wenn allerdings eines der Kinder GRENZENLOS sein sollte… immerhin sind sie ja gerade in dem Alter. Wer weiß, mit welcher Teufelei sie die armen Katzen dazu gezwungen haben!“, echauffierte Thelunia sich.

„Das wäre natürlich eine Möglichkeit“, murmelte Aurora. „Vielen Dank für den Hinweis, Frau Vorsteherin.“

Diese lächelte gönnerhaft. „Kann ich euch sonst noch irgendwie helfen?“

„Es wäre gut, wenn wir uns mit den anderen Kindern ein wenig unterhalten könnten. Vielleicht weiß ja eines etwas“, schlug Mareike vor.

„Selbstverständlich habe ich bereits eingehend mit allen Kindern gesprochen“, versetzte die Vorsteherin. „Sie wissen nichts. Aber wenn ihr ihnen selbst noch einmal Fragen stellen wollt, kann ich sie gerne herbei rufen.“

Die drei Schüler wechselten Blicke. In der Gegenwart Thelunia Pymithiels würde gewiss keines der Kinder ihnen helfen wollen.

„Vielen Dank für das Angebot, Frau Vorsteherin, aber wenn Sie die Kinder bereits eingehend befragt haben, dann können wir das gewiss auch nicht besser“, antwortete Aurora.

„Wäre es möglich, dass wir uns die Zimmer der verschwundenen Kinder kurz ansehen, Frau Vorsteherin?“, warf Tirvo schüchtern ein. „Nur, damit wir uns ein Bild machen können. Sicherlich hätten Sie es selbst bemerkt, wenn irgendetwas nicht in Ordnung gewesen wäre.“

„Gewiss“, antwortete Thelunia. Sie stand auf. „Folgt mir.“

Das Zimmer der Mädchen und das der Jungen unterschieden sich kaum voneinander. Persönlichen Besitz schienen die Kinder nicht ihr Eigen genannt zu haben. Die Einrichtung war noch kärger als die bei Hartmut im Turm, und die Betten wirkten nicht allzu bequem. Die Fenster waren von außen vergittert, aber den Schülern fiel auf, dass die beiden Zimmer untereinander lagen, und dass ein Ast eines Apfelbaums im Garten nahe an sie heranreichte.

„Ilida Torstein ist eine Zwergin, nicht wahr, Frau Vorsteherin?“, fragte Mareike.

„Natürlich. Die anderen drei Kinder sind Menschen.“

„Vielen Dank, Frau Vorsteherin“, äußerte Aurora, nachdem sie beide Zimmer besichtigt hatten.“Mit Ihrer Erlaubnis würden wir uns dann jetzt gleich auf die Suche machen.“

Thelunia erteilte ihnen diese Erlaubnis, und sie verließen das Grundstück wieder.

***

Draußen trafen sie Ludwig und Rogo und hielten eine Lagebesprechung ab.

„Wetten, dass es die Katzen waren?“, meinte Ludwig. „Die Biester sind verschlagen und schlau.“

„Und sie können sich offenbar überall im Haus frei bewegen. Nur in die Zimmer der Kinder kommen sie nachts nicht hinein. Wahrscheinlich ist es der Vorsteherin nicht recht, wenn auch die Kinder mit ihren geliebten Katzen schmusen“, mutmaßte Aurora.

„Ich gehe davon aus, dass Tammi und Mimmi den Kindern zur Flucht verholfen haben“, sagte Tirvo. „Sie haben nachts einfach die Schlüssel aus den Gemächern der Vorsteherin geholt und sie den Kindern durch das Fenster zugereicht. Ihr habt doch auch den Apfelbaum bemerkt? Von dort aus konnten Katzen gewiss problemlos auf die Fensterbretter springen.“

„Dann haben die Kinder sich befreit und alle Türen wieder hinter sich zu geschlossen, und die Katzen haben die Schlüssel zurück gebracht“, ergänzte Aurora. „Danach sind sie dann an der Stelle, die Rogo ausfindig gemacht hat, über den Zaun geklettert. Die Katzen konnten sich natürlich einfach durch die Gitterstäbe zwängen – die sind schließlich dafür da, Kinder einzusperren, nicht Katzen.“

„Es müssen noch mehr Katzen eingeweiht gewesen sein“, sagte Ludwig. „Sie sind schließlich extra an dieser Stelle auf und ab gelaufen, um die Spuren der Kinder zu überdecken. Aber Rogos Spürnase konnten sie nicht in die Irre führen!“ Er gab dem großen Hund einen Klaps.

„Ich würde gerne mit den Kindern sprechen“, meinte Aurora nachdenklich. „Dass sie der Vorsteherin nichts sagen wollten, ist ja kein Wunder.“

„Du kannst es ja versuchen.“ Mareike wies mit dem Arm in Richtung des Waisenhauses, auf dem einige Kinder gerade damit beschäftigt waren, den Hof zu fegen. „Thelunia scheint nicht in der Nähe zu sein.“

Die Schüler traten wieder näher an den Zaun heran. „Hallo! Wir würden gerne mit euch reden“, rief Aurora sie an.

Die Waisen sahen nur kurz hoch. Ein Mädchen schüttelte den Kopf. „Die Frau Vorsteherin hat uns verboten, mit Fremden zu reden.“

„Das ist in Ordnung“, versicherte Aurora ihr. „Wir haben gerade mit der Frau Vorsteherin gesprochen. Sie macht sich Sorgen wegen eurer verschwundenen Freunde, und wir dachten uns… dass euch vielleicht doch noch etwas Wichtiges eingefallen sein könnte, was uns hilft, sie zu finden.“

Erneut schüttelte das Mädchen den Kopf. „Wir wissen nichts. Das haben wir der Frau Vorsteherin auch bereits gesagt.“

„Ich meinte ja nur, dass es vielleicht etwas gibt, was ihr der Frau Vorsteherin nicht sagen wolltet, weil… weil es möglicherweise unhöflich wäre“, versuchte Aurora es erneut. „Wir würden es dann auch für uns behalten, versprochen!“

Keines der Kinder zeigte eine Reaktion, aber Aurora bemerkte, dass eine der Katzen sie ansah und langsam auf sie zuging.

„Kannst du uns vielleicht helfen?“, fragte die Elbin hoffnungsvoll.

Direkt vor ihr hielt die Katze an und begann, mit ihrer Vorderpfote Linien in den Schotter zu ziehen.

„L-A-S-S-T…“ begann Aurora zu buchstabieren.

„Lasst es“, murmelte Tirvo, noch bevor die Katze fertig geschrieben hatte. Das Mädchen, mit dem Aurora gesprochen hatte, eilte rasch herbei und strich den Schotter mit ihrem Besen wieder glatt.

„Das hat keinen Sinn“, meinte Mareike. „Weder Kinder noch Katzen werden uns etwas sagen, fürchte ich.“

Sie gingen zu Ludwig und Rogo zurück.

„Am besten, wir folgen einfach der Spur der Kinder“, schlug Tirvo vor.

Rogo bellte kurz Zustimmung und lief dann voraus. Die Schüler folgten ihm.

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Veröffentlicht on Februar 27, 2011 at 10:43 am  Schreibe einen Kommentar  

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