Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 25

*** In die Löwenhöhle ***

Zunächst war der Wald noch nicht allzu dicht bewachsen und das Gelände noch recht eben, doch bereits nach wenigen Hundert Metern nahm das Unterholz zu, die Bäume standen näher beieinander, und ihr Weg führte sie über kleine Hügel und Felsen, durch Senken, sowie kleine Hänge hinauf und hinab. Die Luft war unter dem Blätterdach kühler und voller Gerüche, die zumindest Aurora und Tirvo größtenteils unbekannt waren. Beide hatten die Laubwälder in Schattenland gelegentlich besucht – Aurora auf ihren Ausritten mit Feuerschweif deutlich häufiger als Tirvo, den es mehr zur See hin gezogen hatte, aber der natürlich auch einfach noch nicht so lange lebte wie die Elbin – doch die Wälder bei Kaperstadt waren voll fremdartiger Pflanzen, und auch einige Baumarten kannten sie nicht. Außerdem erschien ihnen dieser Wald auch lauter. Vielleicht lag es daran, dass ihnen die Geräusche nicht vertraut waren, oder vielleicht raschelten die Blätter hier tatsächlich stärker, und die Insekten brummten und sirrten kräftiger und häufiger. Einmal scheuchte Tirvo versehentlich eine kleine Schlange auf, die ihn jedoch nur kurz anzischte und dann vor ihm floh.

Ludwig, der mit Rogo vorausging, fühlte sich jedoch offensichtlich nicht im Geringsten unsicher – er hat ein Jahr lang alleine in diesen Wäldern gelebt, erinnerte sich Tirvo – und auch Mareike schritt still und entschlossen voran. Es gab also wohl nichts zu befürchten. Am ehesten machte Tirvo der Gedanke Sorgen, dass sie irgendwie von Rogo getrennt werden könnten und den Rückweg nicht mehr fänden. Zwar war er einigermaßen geübt darin, sich am Sonnenstand zu orientieren, doch hatte er diese Fertigkeit bislang nur auf See geübt. Er bemühte sich deswegen, sich einige Landmarken einzuprägen. Glücklicherweise sahen sie immer wieder große Felsen, an die er sich halten konnte.

Sie waren etwa zwei Stunden unterwegs, als Rogo plötzlich anhielt und die Ohren spitzte. Dann begann er, systematisch die nähere Umgebung abzuschnüffeln. Schließlich wandte er sich ihnen zu und ließ ein leises, kehliges Knurren hören.

„Was ist, mein Junge?“, fragte Ludwig ihn.

Rogo sah sich kurz um und lief ein paar Schritte zu einem umgestürzten Baumstamm. Auf diesen legte er sich dann bäuchlings und ließ seine Pfoten herab baumeln.

„Was zum Henker macht er da?“, fragte Tirvo verwirrt. Auch Aurora und Mareike schienen ratlos.

Ludwigs Gesicht verfinsterte sich. „Berglöwe“, erklärte er kurz.

Rogo blaffte zwei Mal leise und kehrte zu ihnen zurück. „ZWEI Berglöwen“, verbesserte Ludwig sich.

Aurora war schockiert. „Heißt das, dass sie die Kinder gefressen haben?“ Aber Rogo schüttelte den Kopf.

„In Fernland sind Katzen und Berglöwen miteinander befreundet, ebenso wie Hunde und Wölfe“, erklärte Mareike ihnen. „Diese wilden Tiere sind allerdings nicht intelligent. Trotzdem können die Pfotenvölker sich mit ihnen ein wenig verständigen, ungefähr so, wie Menschen es auch mit Pferden oder Greifen vermögen.“ Oder mit den Hunden und Katzen in Urland, dachte Aurora.

„Wenn die Kinder von Tammi und Mimmi hierher gebracht wurden, dann werden die Löwen ihnen vermutlich nichts getan haben“, ergänzte Mareike. „Ihre Spur führt doch von hier weiter?“

Sie sah Ludwig an, nicht Rogo, als sie das fragte, aber trotzdem antwortete der Hund mit einem Nicken.

„Die Berglöwen nehmen auch am Pfotenkrieg Teil, oder?“, fragte Tirvo, der sich an das erinnerte, was Petra Eichler ihnen erzählt hatte.

„Ja“, antwortete Ludwig knapp.

„Aber wir bieten Rogo eine mobile Freistatt, nicht wahr?“, fragte Aurora ängstlich.

„Eigentlich schon“, gab Ludwig zurück. „Aber Löwen halten sich nicht immer an die Regeln. Vermutlich verstehen sie sie einfach nicht.“

„Sollte Rogo dann nicht besser zurückbleiben?“, sorgte sich Aurora. Rogo blickte sie an und knurrte.

„Und wie sollen wir dann der Spur weiter folgen?“, gab Ludwig zurück.

Die Elbin wusste darauf keine Antwort. Rogo beendete schließlich ihre Diskussion, indem er einfach weiter lief, und sie beeilten sich, ihm zu folgen.

***

Nur eine gute Viertelstunde später hielt der Rüde erneut an und wies mit der Pfote auf eine Felswand in ungefähr dreißig Metern Entfernung.

„Was ist dort?“, fragte Tirvo leise. Rogo gab kein Geräusch von sich, sondern wies nur weiterhin in die selbe Richtung.

„Sollen wir dort hochklettern?“, fragte Tirvo nach, aber der Hund schüttelte den Kopf.

„Wir verstehen nicht, was du uns mitteilen willst“, sagte Aurora. Auch Ludwig wirkte ratlos.

Offenkundig ungeduldig zeigte Rogo erneut zu der Felswand. Als sie ihn immer noch nicht verstanden, gab er ein kaum hörbares Jaulen von sich, machte ein paar Schritte zu einer Stelle, an der das Erdreich besonders weich zu sein schien und begann, mit einer Pfote eine schmale Furche zu ziehen.

„Eine Höhle“, begriff Ludwig im selben Moment, in dem Aurora hinter einem überwachsenen, vorstehenden Felsen den Schatten eines Eingangs zu erkennen glaubte. Rogo setzte sich hin und nickte. Möglicherweise (da war Tirvo sich nicht sicher) rollte er auch ein wenig mit den Augen.

„Die Höhle der Löwen“, bemerkte Mareike mit einem seltsamen Tonfall in der Stimme.

„Und was nun?“, fragte Aurora.

„Wir gehen natürlich hinein“, antwortete Mareike. „Die Kinder werden gewiss darin sein.“

„Wir können doch nicht einfach eine Löwenhöhle betreten“, protestierte die Elbin.

„Rogo auf jeden Fall kann es nicht“, stellte Ludwig fest. „Selbst wenn die Löwen uns als mobile Freistatt akzeptieren, kann er sich wohl kaum darauf berufen, wenn er ihre Behausung betritt. Und ich werde ihn hier draußen nicht allein lassen“, ergänzte er.

„Wir sind immer noch drei Grenzenlose“, erinnerte Mareike sie. „Wir werden doch wohl mit ein paar Löwen fertig werden! Und den Kindern haben sie ja auch nichts getan, sagt Rogo.“

Unsicher sah Aurora Tirvo an. „Ich weiß ja nicht… Was meinst du?“

„Wir haben einen Auftrag“, murmelte dieser. „Und wir sollen alles in unserer Macht stehende tun, um ihn eigenständig auszuführen.“ Ich will Hartmut nicht erneut enttäuschen, fügte er in Gedanken hinzu.

„Genau“, bestätigte Mareike. Sie griff nach ihrem Dolch und setzte sich entschlossen in Bewegung. Tirvo machte es ihr nach und folgte ihr.

Aurora zuckte ergeben mit den Schultern, zog ebenfalls ihren Dolch und schloss sich an. Und ausgerechnet der Größte von uns bleibt mit seiner Axt zurück, dachte sie.

***

Der Höhleneingang, der tatsächlich zum größten Teil von jenem vorstehenden Felsen verdeckt war, erwies sich als wesentlich breiter, als sie aus der Entfernung vermutet hätten. Tirvo und Mareike konnten die Höhle nebeneinander betreten. Sie mussten sich auch nicht bücken: Die Höhlendecke befand sich gute zwei Meter über ihren Köpfen.

Als Aurora ihnen folgte, schlug ihr typischer Raubtiergestank entgegen. Es war nicht völlig dunkel – durch den Eingang fiel nicht allzu wenig Licht herein, und nachdem sich die Augen der Elbin an die Umstellung gewöhnt hatten, konnte sie erkennen, dass sich die Höhle bereits nach wenigen Metern deutlich verbreiterte. Tiefer hinein wurde es natürlich düsterer. Sie gingen leicht abwärts. In einiger Entfernung vermeinte Aurora auszumachen, dass der Höhlengang zur Seite abknickte. Außerdem glaubte sie, ein leichtes Flackern zu erkennen – Flammenschein? Hatten die Kinder ein Feuer entzündet?

Sie gingen jetzt alle drei nebeneinander und näherten sich vorsichtig dem Knick, ihre Dolche vor sich haltend. Sie mussten jeden Moment damit rechnen, von den Löwen angesprungen zu werden.

Dann hörten sie lautes Poltern, welches ihnen rasch entgegen zu kommen schien. Im nächsten Augenblick stürmte ein Oger mit einer gewaltigen Keule in seinen Händen um die Ecke, gab ein ohrenbetäubendes Brüllen von sich und stürzte sich auf sie.

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Veröffentlicht on März 2, 2011 at 5:25 pm  Schreibe einen Kommentar  

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