Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 26

*** Leben und sterben ***

Trotz ihrer Überraschung sprang Aurora augenblicklich federleicht zwei Meter zurück. Tirvo reagierte nicht annähernd so schnell wie sie, aber es gelang ihm noch, sich zu ducken, als der Oger blindwütig und ungezielt um sich schlug. Mareike hingegen blieb einfach aufrecht stehen, ihren Dolch entschlossen, aber ungeschickt vor sich haltend. Wenige Zentimeter neben ihrem Kopf donnerte die baumdicke Keule gegen den Fels und brach große Splitter aus der Wand.

„Mareike – zurück!“, schrie Aurora. Doch das Mädchen reagierte nicht darauf. Stattdessen führte sie ihre Klinge mit einem raschen, aber kraftlos erscheinenden Streich gegen den Arm des Ogers. Dieser brüllte erneut, wandte sich ihr zu und hob seine Keule.

Tirvo warf sich nach vorne. Obwohl er sich mit aller Kraft vom Höhlenboden abstieß, gelang es ihm nicht, den massigen Körper des Ogers aus dem Gleichgewicht zu bringen, aber zumindest sein Dolch bohrte sich tief in dessen Hüfte. Mit einem röhrenden Schrei, der Schmerz, Wut oder auch Überraschung ausdrücken mochte, ließ sein Gegner die Keule fallen und griff mit riesigen Händen nach Tirvos Kopf. Tirvo, der nicht mehr auszuweichen vermochte, fühlte sich emporgehoben. Er strampelte und trat wirkungslos um sich. Dann schmetterte der Oger ihn mit dem Kopf voran wuchtig gegen die Höhlenwand, und er verlor das Bewusstsein.

Aurora sprang wieder nach vorne und fuchtelte mit ihrem Dolch im Blickfeld des Ogers herum, um dessen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dieser ließ Tirvos erschlafften Körper fallen, nahm seine Keule wieder auf und wandte sich ihr zu. Vorsichtig tänzelte sie zurück, lockte ihn Schritt für Schritt weg vom ohnmächtigen Tirvo und von Mareike, die beinahe bewegungslos mit ausgebreiteten Armen und – wenn die Elbin sich das nicht bloß einbildete – geschlossenen Augen dastand.

„Komm doch und hol mich!“, schrie sie, weiter zurückweichend. Mühelos duckte sie sich unter einem mächtigen, jedoch plump geführten Keulenschlag hindurch. Es ist egal, wie stark sie sind, so lange sie dich nicht treffen, erinnerte sie sich an die Worte ihres Kampfkunstlehrers. Als der Oger seinen nächsten Schlag senkrecht von oben führte, machte sie einen raschen Schritt beiseite und an ihm vorbei und stieß ihm ihren Dolch an einer Stelle in die Hüfte, von der sie hoffte, dass dort eine wichtige Schlagader verlief. Sie wurde mit einem lauten Brüllen und einem heraus spritzenden Schwall Blut belohnt.

Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, dass Mareike sich ihnen wieder näherte. Ihren Zuruf, dass das offensichtlich kampfunerfahrene Mädchen zurück bleiben solle, beachtete diese nicht, oder vielleicht ging er auch in dem die ganze Höhle erfüllenden Heulen des Ogers unter. Erneut führte das Menschenmädchen einen ungeschickten Streich in Richtung des Ogers. Dieser ignorierte sie jedoch – glücklicherweise, dachte Aurora – und drehte sich wieder zu ihr um. Noch während er seine Keule hob, schlitzte die Elbin ihm mit einem blitzschnell geführten Streich den Arm auf, so dass er seine Waffe erneut fallen ließ. Diesen Kampf kann ich gewinnen, dachte sie erleichtert – ich darf nur nicht unvorsichtig werden.

„Hört auf, hört auf, HÖRT SOFORT AUF!“

Reflexartig wich Aurora zur Seite zurück, um in die Richtung blicken zu können, aus der dieser Ausruf gekommen war, ohne den verwundeten Oger aus den Augen zu lassen. Ein Menschenmädchen in ungefähr ihrem umgerechneten Alter, das die graue Kleidung der Waisenhauskinder trug, rannte mit wild fuchtelnden Armen und einer Fackel in der rechten Hand aus dem Höhleninneren auf sie zu.

„Hört auf!“, rief sie erneut, und langsam ließen Mareike und Aurora ihre Dolche sinken – auch, weil sie der beiden Löwen ansichtig wurden, welche dem Mädchen in wenigen Metern Entfernung folgten.

„Warum greift ihr Chonk an? Was hat er euch getan?“, schrie das Mädchen. Die Elbin konnte erkennen, dass ihr Gesicht tränenüberströmt war.

„Aber… er hat doch uns angegriffen“, rechtfertigte sie sich schwach.

„Was erwartet ihr denn, wenn ihr mit gezogenen Waffen in sein Heim eindringt?“ Das Mädchen unterstrich seinen Vorwurf, indem sie mit der Fackel auf sie zeigte.

„Wir… wir waren doch auf der Suche nach euch Kindern. Wir mussten doch denken, er tut euch vielleicht etwas an!“

„Wieso sollte Chonk uns etwas antun?“, entrüstete das Mädchen sich. „Er passt doch auf uns auf!“

„Meine Kinder“, meldete der Oger sich zu Wort. „MEINE KINDER!“

Das Mädchen warf die Fackel beiseite und stürzte auf ihn zu. „Chonk, oh Chonk“, schluchzte sie, „was haben sie nur mit dir gemacht?“

„Chonk blutet“, antwortete dieser, während er sich zu ihr hinunterbeugte. „Schau! Blutet viel!“

„Es tut uns leid“, murmelte Aurora fassungslos, während sie ängstlich die beiden Löwen im Auge behielt, die unruhig auf und ab gingen, jedoch keinerlei Anstalten machten, näher zu kommen.

„Ich kann ihn heilen“, mischte sich Mareike leise ein.

Das Mädchen wandte sich ihr zu. „Ja? Dann tu das bitte, rasch!“

Mareike steckte ihren Dolch ein und näherte sich langsam mit ausgestreckten Händen Chonk, der sie mit großen Augen ansah und leicht zusammenzuzucken schien. „Hab keine Angst!“, sprach sie ihn an. Was für eine absurde Situation, dachte Aurora.

Mareike legte vorsichtig ihre Hände auf die Wunden des Ogers, die bereits nach wenigen Sekunden zu bluten aufhörten. „Siehst du, schon geht es dir besser“, munterte sie ihn auf, und Chonk grunzte zustimmend.

„Danke“, sagte das Mädchen. „Aber wenn ihr ihn nicht verletzt hättet, müsstet ihr ihn auch nicht heilen.“

„Es war eben ein Missverständnis“, entschuldigte sich Aurora.

„Wer seid ihr eigentlich? Ihr seid Grenzenlose, nicht wahr?“

„Ja“, antwortete Aurora. „Hartmut Widermann ist unser Fürsprecher. Das ist Mareike Schneider, und ich bin Aurora Yirell.“ Plötzlich erinnerte sie sich an Tirvo, der immer noch bewusstlos etwas tiefer in der Höhle liegen musste. „Der Junge gehört auch zu uns. Kann Mareike sich um ihn kümmern, oder haben die Löwen da etwas dagegen?“

„Nein, natürlich nicht“, entgegnete das Mädchen. „Sie sind nur ein wenig nervös wegen des Blutgeruchs, aber sie werden euch nichts tun.“

Sofort trat Mareike furchtlos zwischen den beiden Löwen hindurch und beugte sich zu Tirvo hinunter.

„Ich heiße Marianne Baierlein“, stellte das Mädchen sich vor.

„Hallo, Marianne“, begrüßte die Elbin sie und reichte ihr die Hand, nachdem sie ihren Dolch weggesteckt hatte. „Die Vorsteherin des Waisenhauses hat uns damit beauftragt, euch zu suchen.“

Marianne setzte zu einer Entgegnung an, doch in diesem Moment ruckten die beiden Köpfe der Löwen in die Höhe, und sie gaben ein lautes Fauchen von sich. Aurora erschrak, als Marianne sich den großen Katzen zuwandte und ebenfalls fauchte. Dann drehte sie sich mit schreckgeweiteten Augen wieder zu der Elbin.

„Ihr habt doch nicht etwas einen HUND mitgebracht?“, fragte sie alarmiert.

Noch bevor Aurora antworten konnte, sprangen die beiden Löwen bereits an ihr vorbei Richtung Höhlenausgang.

„Rogo!“, rief die Elbin entsetzt und stürmte hinterher.

Als sie ins Freie gelangte, sah sie, dass Ludwig und Rogo, möglicherweise durch die Kampfgeräusche aus der Höhle angelockt, sich deren Eingang bis auf wenige Meter genähert hatten. Die beiden Löwen hatten sie in einer Felsnische gestellt und griffen nun an. Ludwig hatte sich mit seiner Axt in den Händen schützend vor seinen Hundefreund gestellt, doch sie sprangen ihn an und warfen ihn um. Ludwig schrie gellend auf, und Aurora sah eine Blutfontäne aus seinem Leib spritzen, als die Raubkatzen ihn mit ihren Krallen und Zähnen bearbeiteten. Rogo jaulte lauthals und sprang einem der Löwen an die Kehle, doch dieser ließ nicht von Ludwig ab, während der zweite Löwe dem Rüden mit einem Streich seiner Pranke die Flanke aufriss und ihn zwang, sich zurückzuziehen.

Vor Entsetzen erstarrt beobachtete Aurora das blutige Geschehen. Was konnte sie tun?

Sie sah, dass Marianne ihr aus der Höhle gefolgt war. „Bitte, unternimm doch etwas!“, rief sie ihr zu, ohne zu wissen, was das Mädchen in dieser Situation überhaupt tun konnte.

Marianne ließ sich auf alle Viere nieder und begann, laut zu fauchen und zu miauen. Es dauerte einige Sekunden, bis die Löwen sie überhaupt beachteten. Dann jedoch ließen sie tatsächlich von Ludwig ab und wandten sich stattdessen dem jetzt ebenfalls stark blutenden Rogo zu. Dieser jaulte erneut auf, bevor er sich umdrehte und davon stürzte. Die Berglöwen setzten zur Verfolgung an, aber ein lautes Fauchen von Marianne hielt sie zurück. Widerwillig drehten sie sich um und trotteten zurück zum Höhleneingang, vor dem Aurora plötzlich zwei Hauskatzen sitzen sah.

Die Elbin schaute zu Ludwig, aber sie wandte rasch ihre Augen wieder ab. In ihrer Magengrube breitete sich ein Gefühl der Übelkeit aus. Der große Menschenjunge lag bewegungslos und blutend auf dem Boden, und Aurora konnte erkennen, dass Eingeweide aus seinem aufgerissenen Bauch heraushingen.

In diesem Moment kam Mareike aus der Höhle gerannt. Mit einem Schrei stürzte sie auf Ludwig zu. Als sie ihn erreichte, zog sie ihr Hemd aus. Dann presste sie ihren nackten Oberkörper auf den von Ludwig und drückte ihr Gesicht dabei tief in seine blutenden Wunden.

Aurora wartete ab. Was sonst konnte sie tun?

Nach einer halben Minute bäumten sich Mareike und Ludwig gleichzeitig mit einem lauten Stöhnen auf. Dann setzte der Junge sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf. Er war immer noch schwer verletzt, doch seine Bauchdecke hatte sich geschlossen, und das Blut tropfte nur noch aus ihm heraus, anstatt zu sprudeln.

Von einer schlimmen Ahnung erfasst, näherte sich Aurora zögernd dem zu Boden gestürzten Menschenmädchen. Ihr Körper war eiskalt, und die Elbin konnte weder Atemtätigkeit noch Pulsschlag feststellen.

Mareike war tot.

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Veröffentlicht on März 6, 2011 at 12:00 am  Schreibe einen Kommentar  

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