Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 27

*** Die Abmachung ***

Mit einem Pochen in seinem Kopf, das sich anfühlte, als wenn jemand seine Schläfen von innen mit einem Hammer bearbeitete, kam Tirvo wieder zu sich. Er lag auf dem Boden der Höhle. Wo waren die anderen? Was war mit dem Oger?

Er blinzelte. Schwacher Lichtschein verriet ihm, in welcher Richtung sich der Höhlenausgang befinden musste. In einiger Entfernung glaubte er eine Bewegung wahrzunehmen. Stöhnend richtete er sich auf.

Eine Katze saß auf dem Boden der Höhle und starrte ihn aus gelb leuchtenden Augen an. Mit ihrer rechten Vorderpfote winkte sie ihn heran.

Langsam ging Tirvo auf sie zu. Sie drehte sich um und ging mit peitschendem Schwanz vor ihm her. Er folgte ihr aus der Höhle.

Draußen angelangt, blieb er erschreckt stehen. Vor dem Höhleneingang saß eine weitere Katze zwischen zwei Löwen, deren Pfoten und Mäuler blutverschmiert waren. Die Katze, die ihn führte, ging selbstverständlich zwischen ihnen hindurch. Tirvo nahm seinen Mut zusammen und lief weiter hinter ihr her, ohne die Löwen anzusehen, die ihm jedoch keinerlei Beachtung schenkten.

In einigen Metern Entfernung sah er den Oger auf einem Felsen sitzen. Ein blond gelocktes Mädchen in Waisenhauskleidung lehnte sich gegen seine unförmigen Knie. Die gewaltige Hand des Ogers umfasste zärtlich ihre Wange und Schulter. Das Mädchen schien zu weinen.

Noch etwas weiter weg hockte Aurora neben der auf dem Boden liegenden Mareike. Auch sie weinte. Hinter ihr lehnte sich Ludwig mehr liegend als sitzend gegen einen Baumstamm. Er wirkte der Ohnmacht nahe und presste beide Hände gegen seinen Bauch. Tirvo bemerkte, dass sein zerrissenes Hemd blutdurchtränkt war. Rogo konnte er nirgends sehen.

Er ließ sich neben Aurora nieder, die Mareikes leblose Hand streichelte. „Was ist denn bloß passiert?“, fragte er leise.

Stockend berichtete ihm die Elbin von den Geschehnissen der letzten Minuten. Tirvo schluckte ein paar Mal. Dann richtete er sich wieder auf und wandte sich Marianne zu.

„Du kannst mit Katzen sprechen?“, fragte er sie. Das Mädchen nickte. „Dann bist du die Grenzenlose, von der Hartmut gesprochen hat“, schlussfolgerte er.

„Das bin ich wohl“, antwortete Marianne leise.

„Du musst mit uns zum Turm kommen“, teilte Tirvo ihr mit. „Die anderen Kinder bringen wir zum Waisenhaus zurück. Sie sind noch in der Höhle, oder?“

Der Oger sprang auf, und Marianne verlor beinahe das Gleichgewicht. „NEIN!“, brüllte er. „MEINE KINDER!“

Tirvo wich einige Schritte zurück. „Aber die Kinder können doch nicht in deiner Höhle bleiben! Noch dazu mit den Löwen!“

„Sie werden nicht zurück zum Waisenhaus gehen“, sagte Marianne entschlossen.

Aurora sah auf. „Sie wollen wirklich lieber bei Chonk und den Löwen leben?“

Tirvo dachte an Thelunia Pymithiel. Ein wenig konnte er die Kinder verstehen.

Marianne nickte. „Chonk wird für sie sorgen. ER mag Kinder. Und die Löwen sind seine Freunde. Sie werden ihnen nichts tun. Außerdem sind ja auch noch Tammi und Mimmi da.“

Die beiden Katzen sahen zu ihnen herüber.

„Du hast mit ihnen die Flucht aus dem Waisenhaus geplant, nicht wahr?“, fragte Tirvo.

Marianne bejahte. „Ich habe vor einigen Wochen entdeckt, dass ich mit Katzen sprechen konnte. Ilida und ich waren schon vorher mit Tammi und Mimmi befreundet gewesen, und die beiden haben uns erzählt, dass sie im Wald einen Oger kennen, der sich Kinder wünscht. Mit ihrer Hilfe sind wir dann entkommen. Eduard und Holger haben unsere Flucht beobachtet und wollten mit uns gehen.“

Zärtlich sah sie zu den beiden Katzen hinüber. „Ohne sie wäre das Leben im Waisenhaus unerträglich gewesen. Katzen sind gute Freunde.“

„Hunde auch“, murmelte Aurora leise.

Marianne zuckte mit den Schultern. „Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ihr euch um uns hier keine Sorgen machen müsst.“

„Wir haben aber den Auftrag, die Kinder zum Waisenhaus zurück zu bringen“, beharrte Tirvo.

Marianne blitzte ihn an. „Ach ja? Dann diskutiert das am besten mit Chonk und den Löwen aus!“ Der Oger grunzte zustimmend.

Tirvo senkte den Kopf. Sollte er erneut versagen?

Ein leises Stöhnen Ludwigs unterbrach die eingetretene Stille.

„Wir müssen ihn zu einem Arzt bringen“, wies Aurora auf das Offensichtliche hin.

„Aber der Auftrag“, murmelte Tirvo.

Aurora blickte Marianne an. „Wärst du wenigstens bereit, mit uns zum Turm zurück zu kommen? Das grenzenlose Kind hat Priorität, hat Hartmut gesagt.“

Marianne sah nachdenklich drein. Chonk legte ihr seine Hand auf die Schulter. „Ich weiß nicht… Wenn ich grenzenlos bin, ist das vermutlich besser. Aber nur, wenn die anderen hier bleiben dürfen!“

„Tirvo.“ Aurora winkte ihn zu sich heran. „Wir können die anderen Kinder sowieso nicht mitnehmen. Gegen Chonk und die Löwen kommen wir nicht an, und ich will auch gar nicht gegen sie kämpfen.“

„Aber der Auftrag“, flüsterte Tirvo widerstrebend.

„Hartmut hat doch gesagt, das grenzenlose Kind ist das Wichtigste. Was die anderen Kinder angeht… Können wir nicht sagen, die Löwen hätten sie gefressen?“

„Hartmut kann Gedanken lesen“, erinnerte Tirvo sie.

„Ich weiß… Aber wir haben nun einmal nicht die Möglichkeit, den Auftrag vollständig auszuführen. Können wir es nicht wenigstens der Vorsteherin gegenüber behaupten? Vielleicht ist Hartmut damit einverstanden. Wir müssen jetzt sowieso Ludwig zurück zum Turm bringen. In der Zwischenzeit würde Chonk mit den Kindern vermutlich erneut fliehen. Da ist es doch besser, wir kehren wenigstens mit Marianne zurück!“

„Na gut“, willigte Tirvo ein. Es schien keine Alternative zu geben.

Sie wandten sich wieder Marianne zu. „Also abgemacht“, sagte Aurora. „Du kommst mit uns zum Turm, und wir sagen der Vorsteherin, dass die Löwen die übrigen Kinder gefressen hätten. Äh… dich haben sie in Ruhe gelassen, weil du halt grenzenlos bist und ihre Sprache sprichst.

„Einverstanden“, sagte Marianne und gab der Elbin die Hand. „Dann komme ich mit euch.“

Chonk gab ein Schluchzen von sich. „MA-RI-AN-NE!“

Das Mädchen drehte sich zu ihm um und tätschelte seine riesige Hand. „Schon gut, Chonk. Es ist besser so für uns alle. Und du hast ja noch Ilida, Eduard und Holger.“

Chonk lächelte, obwohl eine haselnussgroße Träne seine Wange hinunterlief. „Meine Kinder!“

„Ja, sie sind jetzt deine Kinder“, bestätigte Marianne. „Und irgendwann komme ich euch besuchen, versprochen! Jetzt gehst du aber am besten zu ihnen. Sie sind bestimmt ganz verängstigt, weil sie nicht wissen, was hier draußen passiert ist.“

Der Oger hob Marianne hoch wie eine Puppe. Sie legte ihre Arme um seinen fleischigen Hals. „Auf Wiedersehen, Chonk.“ Dann ließ er sie vorsichtig wieder herab, drehte sich um und ging zurück zur Höhle, die er mit den beiden Löwen hinter sich betrat.

Tammi und Mimmi kamen näher. Marianne ließ sich auf die Knie nieder und miaute. Die Katzen miauten ebenfalls. Dann rieben sie ihre Nasen an der von Marianne und folgten Chonk in die Höhle.

Marianne stand auf und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Wir können gehen“, sagte sie.

Aurora nahm die tote Mareike an den Armen, Tirvo an den Beinen. Ludwig richtete sich mit Mariannes Hilfe mühsam auf und stütze sich schwer auf sie. Langsam machten sie sich auf den Rückweg.

Gut, dass ich mir den Weg gemerkt habe, dachte Tirvo. Was mochte wohl aus Rogo geworden sein? Ob er es zurück zu Hartmut geschafft hatte?

Nach einem langen, anstrengenden Marsch erreichten sie in der Abenddämmerung den Turm.

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Veröffentlicht on März 9, 2011 at 7:35 pm  Schreibe einen Kommentar  

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