Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 29

*** Küchengespräch ***

Frustriert rappelte Aurora sich auf, nachdem sie zum dritten Mal innerhalb weniger Minuten bei einer eigentlich einfachen Bewegungsübung gestolpert und hingefallen war. Was war nur mit ihr los? Warum konnte sie sich nicht konzentrieren?

Erneut begab sie sich in ihre Ausgangsposition, den rechten Fuß einen halben Schritt vor und neben dem linken, die Knie leicht gebeugt, den Kampfstab mit beiden Händen im Schulterabstand in Brusthöhe gegriffen, links unter der Handfläche, rechts darüber.

Einige Sekunden verharrte die Elbin so, atmete bewusst und bemühte sich, ihre Gedanken zu fokussieren. Dann stieß sie einen spitzen Schrei aus, sprang vor, duckte sich, während sie gleichzeitig den Stab hochriss, ließ ihn über ihrem Kopf kreisen…

…und stieß einen Fluch aus, als die Waffe ihren Händen entglitt und in ein nahes Gebüsch flog. Es hatte einfach keinen Sinn heute!

Missmutig zog sie den Stab aus dem Gebüsch und ging zurück zum Turm. Woher kam nur diese innere Unruhe? Irgendetwas schien ihr zu fehlen. Seit einigen Tagen bereits schlief sie schlecht, fühlte sich ständig müde und erschöpft und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.

In der Küche des Turms traf sie Marianne an, die im Kreis zahlreicher Katzen ein aufwändiges Abendessen vorbereitete. Was hatte das Mädchen aus dem Waisenhaus sich in kaum einer Woche verändert! Aus ihren eingefallenen Wangen waren Pausbäckchen geworden, und ihr dürrer Körper begann weibliche Formen zu zeigen. Kein Wunder, dachte Aurora mit einem leichten Schmunzeln, sie isst ja auch für zwei. Offenbar hatte sie beschlossen, alles, was sie im Waisenhaus hatte entbehren müssen, in kürzester Zeit nachzuholen.

Marianne aß aber nicht nur mit Begeisterung, sie kochte auch mit Leidenschaft! Einige Male war es ihr sogar bereits gelungen, Tideline aus ihrer Missmutigkeit zu reißen und das Halblingmädchen in die Küche mitzuschleppen, um Rezepte auszuprobieren. Was ihr an Übung fehlte, machte sie mit Eifer wett, und mit Tidelines Ratschlägen und gelegentlicher Unterstützung sorgte sie dafür, dass die Mahlzeiten im Turm von Tag zu Tag abwechslungsreicher und leckerer wurden.

„Hallo, Aurora“, begrüßte das Menschenmädchen sie. „Kennst du schon Linda und Pedro?“ Sie wies mit einem Kochlöffel auf zwei Katzen, die nebeneinander auf einem Stuhl saßen und ihr beim Kochen zusahen. „Die beiden haben mir erzählt, dass die Anstalt Katzenland ist! Ist das nicht toll? Ich werde ganz viele neue Freunde finden!“

„Hallo“, grüßte Aurora freundlich niemanden im Besonderen. Sie mochte Katzen ja, aber Mariannes ständig wechselnde Besucher überforderten ihr Gedächtnis für Katzennamen und -gesichter. „Wo ist denn Ludwig?“ Sie hatte gelernt, in Gegenwart von Katzen Rogo nicht direkt zu erwähnen.

„Er ist den Tag über in Kaperstadt“, antwortete Marianne. „Ich denke, er würfelt wieder.“

Die Elbin runzelte die Stirn. Sie hatte unterdessen mitbekommen, dass Ludwigs Wahnsinn irgendwie mit Glücksspiel und Wetten zu tun hatte. Wie schon so oft in den letzten Tagen fragte sie sich, was denn nun eigentlich ihr Wahnsinn sein mochte. Hoffentlich ist es etwas einigermaßen Harmloses, so wie zum Beispiel bei Mai-shin, dachte sie und verdrängte, so gut es ihr gelang, die Erinnerung an Mareikes Schicksal.

„Ach ja“, fiel ihr ein, als sie an das Lashanimädchen dachte. „Heute Abend hält Mai-shin ihren Vortrag, nicht wahr?“

Marianne, die gerade den Griff eines Gemüsemessers im Mund hatte, nickte.

„Ich finde ja wirklich, sie muss niemandem mehr beweisen, wie gut sie die Gemeinsame Sprache beherrscht“, meinte Aurora. „Aber wahrscheinlich braucht sie es zur Selbstbestätigung. Weißt du eigentlich, welches Thema sie sich ausgesucht hat? Ich habe ihren Notizzettel gesehen: Fundamentale Differenzen zwischen west- und ostfernländischer Alltagsphilosophie – du lieber Himmel! Ich bin sicher, ich werde kein Wort verstehen!“

Marianne, die damit beschäftigt war, mit raschen Handbewegungen eine milchige Flüssigkeit in einem kleinen Topf schaumig zu rühren, murmelte Zustimmung.

„Sie übertreibt es wirklich“, fuhr Aurora fort. „Jeden Abend geht sie nach mir schlafen, und jeden Morgen steht sie vor mir auf. Ich habe ernsthafte Zweifel daran, dass sie überhaupt schläft!“

Mariannes genuschelte Antwort ging in den laut klatschenden Geräuschen unter, die sie mit dem Rührstab verursachte.

„Wie bitte?“, fragte die Elbin nach.

Das Menschenmädchen nahm das Messer aus ihrem Mund. „Ich sagte, Tideline ist der Meinung, ihr könntet beide ein wenig mehr Schlaf gebrauchen.“

„Klar, dass Tideline das sagt“, entgegnete Aurora ein wenig gereizt. „Wir können aber nicht alle den ganzen Tag schlafen.“

„Es ist schon ein wenig besser geworden“, behauptete Marianne, doch Aurora hatte den Verdacht, dass sie ihre Zimmergenossin nur in Schutz nahm.

„Es stimmt aber schon irgendwie“, räumte sie mit einem Seufzen ein. „Ich schlafe zuletzt tatsächlich nicht allzu gut. Vielleicht steckt mich ja Mai-shins Unruhe an.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Was soll’s. Kann ich dir irgendwie helfen?“

„Besser nicht“, versetzte Marianne. „Nicht, dass du die Töpfe hier genau so durch die Gegend wirfst wie deinen Kampfstab.“

Aurora starrte sie an. „Woher weißt du das denn?“

„Hargor war vor ein paar Minuten hier. Er hat dich gesehen.“

Na großartig, dachte Aurora. Da ist er seit einer Woche das erste Mal wieder da und muss mich ausgerechnet dabei beobachten.

„Wird er zum Abendessen hier sein?“

Marianne schüttelte den Kopf. „Er hat sich nur rasch etwas zu essen geholt und ist sofort weiter gelaufen.“

„Dann hat Johann sein Zimmer weiterhin für sich allein“, folgerte Aurora. „Meinst du, er malt wirklich die ganze Zeit darin? Warum tut er das nicht draußen? Ich habe beinahe das Gefühl, er geht uns aus dem Weg.“

Wieder nuschelte Marianne etwas.

„Was?“

Marianne richtete ihren Blick auf die Zwiebeln, die sie gerade würfelte. „Er geht wohl mir aus dem Weg.“

„Wieso das denn?“, fragte Aurora perplex.

„Naja…“ Marianne fixierte weiterhin die Zwiebeln. „Er stand neulich mit einem Blumenstrauß vor mir und hat… sehr nette Dinge zu mir gesagt. Ich wusste ja nicht, dass es nur… du weißt schon… ist und habe wohl… falsch reagiert.“

„Oh“, gab Aurora betreten von sich.

„Er ist aber auch ein süßer Junge“, murmelte Marianne, während sie aus den Zwiebelwürfeln Zwiebelwürfelchen machte.

Aurora wechselte das Thema. „Tirvo ist wieder am See?“

„Ja“, erwiderte Marianne rasch, dankbar über die neue Richtung des Gesprächs. „Er ist ja beinahe mehr im Wasser als an Land. Ich wundere mich, dass er nicht darin schläft.“

„Bring ihn nicht auf Ideen!“, lachte Aurora. „Nachher wird er uns noch zum Fisch!“

Jetzt lachte auch Marianne. „Genau das hat Bikkapuna auch zu ihm gesagt!“

„Wo ist der eigentlich?“, fragte die Elbin. „Mit seiner Gabe könnte er sich ja überall verstecken!“

„Hier im Turm benutzt er sie aber nicht“, informierte sie Marianne. „Er hat mir erzählt, er hätte Angst, dass eine der Katzen ihn dann vielleicht mit einer Maus verwechselt. Als ob Katzen so dumm wären!“

„In Wildland gibt es, glaube ich, nur Großkatzen. Da kann ich schon verstehen, wenn er ein wenig Angst vor Katzen hat.“

„Naja. Ich finde ihn überhaupt merkwürdig. Dass er immer nackt herumläuft und so. Äh… sehen eigentlich alle Jungs so aus?“

„Wie?“, fragte Aurora begriffsstutzig. Dann errötete sie leicht. „Ach so! Ich… ich weiß nicht. Ich habe da auch noch nicht so viel Erfahrung.“

„Im Waisenhaus müssen sich Jungs und Mädchen immer strikt voneinander fern halten“, sagte Marianne. „Haus des Anstands heißt es ja auch.“

Eine der Katzen miaute. „Linda!“, rief Marianne mit gespielter Empörung aus. „So etwas sagt man aber nicht über die Frau Vorsteherin!“

Linda miaute erneut, und Marianne begann zu kichern. „DAS glaube ich ja nun doch nicht“, meinte sie glucksend.

„Was denn?“, fragte Aurora, die sich von der Unterhaltung ausgeschlossen fühlte.

„Äh…“ Marianne wurde rot. „Ich fürchte, das lässt sich nicht übersetzen.“

Aurora beschloss, die Angelegenheit nicht weiter zu verfolgen. „Ich begreife sowieso nicht, wie du dich mit den Katzen verständigst. Für mich klingt jedes Miauen gleich.“

Sofort begannen die Katzen in der Küche, auf ein Dutzend verschiedene Arten zu miauen.

„Jaja, schon gut!“, räumte Aurora ein, „nicht wirklich GLEICH, aber… ich meine, es ist für mich ein Laut, aber du verstehst immer gleich ganze Sätze!“

„Du musst auf die Ober- und Untertöne achten!“, erklärte ihr Marianne. „Pfoten sagen Dinge nicht nacheinander, sondern gleichzeitig. Mai-shin meinte… Moment – wie war das? Ach ja: Unsere Sprache sei sequenziell, aber die Pfotensprachen seien simultan.“

„Was bedeutet das denn?“

„Naja, das Gleiche, was ich vorher gesagt habe, nur eben mit Elbwörtern… Wieso verstehst du das eigentlich nicht? Du bist doch eine Elbin!“

„Schon, aber diese Wörter stammen aus dem Altelbischen, und das wird seit über zweitausend Jahren nicht mehr gesprochen. Die Stadtelben haben es zu Gunsten der Gerechten Sprache aufgegeben, als sie sich der Ordnung zuwandten, und nur Fragmente davon sind erhalten geblieben“, gab Aurora wieder, was ihr Hauslehrer sie gelehrt hatte.

Marianne nickte. „So wie in den Städtenamen Genessos und Arkos, richtig?“

„Genau“, pflichtete Aurora ihr bei. „Zumindest weiß ich es von Genessos. Das heißt so viel wie der Ursprung. Arkos sagt mir allerdings nichts.“

„Das ist der alte Name von Arkheim“, teilte Marianne ihr mit. „Thelunia hat uns das beigebracht. Arkos und Genessos bedeuten im Wesentlichen das Gleiche, deswegen haben die Flüchtlinge in Fernland ihre Hauptstadt so genannt. Sie soll ja einen Gegenentwurf zu Genessos darstellen. Der Magistrat hat dann aber bald beschlossen, den Namen zu modernisieren, um sein Bekenntnis zum Wandel zu demonstrieren.“

„Interessant“, log Aurora, die sich für geschichtliche Themen nicht begeistern konnte. „Wie viele werden wir eigentlich beim Abendessen sein?“, lenkte sie nicht übermäßig geschickt ab.

„Sieben“, strahlte Marianne sie an. „Wenn ich davon ausgehe, dass Ludwig wieder bis spät nachts in Kaperstadt bleibt und Bikkapuna nicht lieber Glasscherben oder rostige Nägel isst.“

„Hör bloß auf“, wehrte Aurora angewidert ab, als sie sich daran erinnerte, wie sie den Dunkelmenschenjungen zum ersten Mal seinem Wahnsinn hatte nachgehen sehen. In Gedanken zählte sie durch: Sie, Marianne, Mai-shin, Tideline, Tirvo, Johann und Bikkapuna. „Was ist mit Hartmut?“

„Er muss noch etwas in Kaperstadt erledigen und isst dort, hat er gesagt. Er hat aber versprochen, rechtzeitig zu Mai-shins Vortrag zurück zu sein.“

Aurora nickte nachdenklich. „Was hältst du eigentlich von Hartmut?“

„Naja“, antwortete Marianne zögernd, „er stinkt halt. Du weißt schon. Aber ich denke, er ist eigentlich sehr nett.“

„Hat er dich auch in den Spiegel der Erkenntnis schauen lassen?“, fragte Aurora so direkt, wie sie es sich traute. Abgesehen von Tirvos und ihrem Wahnsinn war der von Marianne der einzige, den sie noch nicht kannte.

„Ja“, meinte die Angesprochene beiläufig. Sie hatte sich unterdessen wieder ihren Töpfen und Pfannen zugewandt. „Aber das war keine große Sache. Ich bin einfach eingeschlafen und nach sieben Minuten wieder aufgewacht, sagt Hartmut.“

„Ich weiß nur noch, dass ich ganz merkwürdige Dinge geträumt habe… von meinem Vater, glaube ich“, gestand die Elbin leise.

„Es muss schlimm sein, seine Eltern zu verlieren“, erwiderte Marianne mitfühlend. „Ich habe ja nie welche gehabt, oder zumindest kannte ich sie nie.“

„Wie bist du denn in das Waisenhaus gelangt?“

„Ins Haus des Anstands wurde ich erst mit neun Jahren gebracht. Jüngere Kinder nimmt Thelunia nicht auf – die können ja noch nicht richtig arbeiten. Vorher habe ich in einem anderen Waisenhaus für Kinder, die noch nicht im Schüleralter sind, gelebt. Mir wurde gesagt, eine Katze hätte mich auf der Türschwelle abgelegt, als ich noch ein ganz winziges Baby war.“

Aurora war nicht überrascht. „Und hier bist du jetzt glücklich?“

„Oh ja!“, strahlte Marianne. „Das ist ja beinahe wie in einer richtigen Familie hier – naja, keine RICHTIGE Familie natürlich, aber halt so eine Art Familie von Grenzenlosen! Und in der Anstalt wird es bestimmt auch sehr schön!“

Aurora wünschte sich, sie besäße ein wenig von Mariannes Optimismus. Stattdessen zerbrach sie sich weiterhin den Kopf darüber, was bei den Engeln denn nur ihr Wahnsinn war. Sie sagte noch etwas Nettes zu Marianne über das Essen, welches diese gerade zubereitete und ging auf ihr Zimmer, in dem Mai-shin hektisch damit beschäftigt war, die Notizen für ihren Vortrag zu sortieren. Es waren bestimmt dreißig in ihrer zierlichen Handschrift beidseitig beschriebene Blätter.

Das konnte ja etwas werden.

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Veröffentlicht on März 16, 2011 at 12:52 am  Schreibe einen Kommentar  

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