Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 3

*** Buße ***

Aurora fiel. Was war nur geschehen? Rasend schnell kam ihr der Boden entgegen.

Ich bin ein Blatt im Wind.

Verzweifelt versuchte sie, sich an das Gefühl der Schwerelosigkeit bei ihren Kampfübungen zu erinnern. Ich schwebe – schwebe – schwebe…

Sinnlos. Gleich würde sie den Felsboden erreichen. Ergeben schloss Aurora ihre Augen, entspannte sich.

Doch der Aufprall blieb aus. Sie fühlte sich emporgehoben, getragen von einem Luftwirbel. Für einige Sekunden schoss sie beinahe waagerecht dahin, sich um sich selbst drehend. Dann schlug sie hart auf den Boden auf und wurde ohnmächtig.

***

Mit pochenden Kopfschmerzen gelangte sie wieder zu Bewusstsein. Ihr war kalt. Mühsam öffnete sie ihre Augen. Sie befand sich in einem Kellerraum des Haupthauses, bäuchlings auf einer Pritsche liegend, mit Ledergurten festgeschnallt. Ihr Oberkörper war nackt.

Vor ihr stand ihr Vater. Er hielt eine Reitpeitsche in der Hand.

„Bist du wach?“, fragte er. Sie nickte ängstlich.

„Du kannst schreien, wenn du willst. Hier kann uns niemand hören.“

„Aber… Vater?“

Er schlug sie. Der Schmerz war grausam, unvorstellbar. Niemals zuvor war sie so geschlagen worden. Ihre Frage ging in einem Schrei unter. Erneut schlug ihr Vater zu, mit unbewegter Miene, immer wieder, ihr Flehen nicht beachtend. Schmerzen, die unerträglich waren, wurden unerträglicher. Auroras Schreie mündeten in Wimmern, verstummten schließlich ganz. Unbarmherzig sauste die Peitsche auf ihren brennenden Rücken nieder, löschte alle anderen Sinneseindrücke aus. Sie war gefangen in pulsierender, endloser Pein.

Schließlich ließ er doch von ihr ab. Durch einen Tränenschleier sah Aurora, wie er zu der kostbaren Familienausgabe des tagmokratischen Kodex griff.

„Buße will ich tun, für meine grenzenlosen Gedanken, für meine ungerechten Taten. Sühnen will ich, den Weg zurück finden zu Ordnung und Rechtschaffenheit. Schmerz soll meine Rettung sein, soll der Preis sein, den ich für meine Rückkehr auf den rechten Pfad zahle. Ich habe gesündigt, doch ich bin bereit Buße zu tun, mit meinem Leib, mit meinem Geist und mit meiner Seele, auf dass mir der Himmel nicht verschlossen werde und ich nicht hinab fahren muss zu den Dämonen in der Hölle…“

Aurora verlor erneut das Bewusstsein.

***

Aus einem Traum, in dem sie von einem Feuersturm hinab in die Flammen der Hölle getrieben wurde, weckte sie die Berührung einer Hand an der Schulter.

„Armes Kind! Ich konnte erst kommen, nachdem dein Vater das Haus verlassen hatte. Was ist nur geschehen? Komm‘, ich will dich wenigstens zudecken; du musst ja erbärmlich frieren.“

Ihre Erzieherin, Jessika, legte ihr eine Wolldecke über die Schultern. Aurora fror nicht – im Gegenteil, ihr Rücken brannte weiterhin wie Feuer – doch sie widersprach nicht, froh über dieses Zeichen des Mitleids und der Zuneigung.

„Ich… muss etwas furchtbar Böses getan haben“, schluchzte sie.

Für einen Augenblick huschte ein Ausdruck über Jessikas Gesicht, den Aurora nicht zu deuten vermochte.

„Magst du mir davon erzählen, Kleines?“

Stockend, da das Sprechen ihr Schmerzen verursachte, berichtete Aurora ihr von den Ereignissen des Tages. Jessika hörte ihr aufmerksam und verständnisvoll zu, fragte gelegentlich nach, strich ihr ab und zu tröstend mit der Hand über die Wangen. Als Aurora zu dem kam, was ihr Vater hier im Keller mit ihr getan hatte, versagte ihr schließlich die Stimme.

„Es ist gut, Kind. Versuche ein wenig zu schlafen. Bald wird alles vorbei sein.“

Jessika stand auf. Da war wieder dieser merkwürdige Ausdruck in ihrem Gesicht, und diesmal erinnerte Aurora sich, dass sie ihn schon einmal gesehen hatte – vor langer Zeit, als sie noch ein kleines Kind gewesen war.

Es war der Tag gewesen, an dem ihre vorherige Erzieherin entlassen wurde, weil in ihrem Zimmer Familienschmuck der Yirells gefunden worden war, und an dem Jessika ihre Stelle übernommen hatte. So lange ihr Vater sich noch im Raum befand, hatte Jessikas Gesicht Mitleid gezeigt, doch als sie mit dem kleinen Elbenmädchen alleine im Zimmer war, hatte es sich verändert und genau dieses Gefühl verraten, welches Aurora auch jetzt darauf erkennen konnte und mit einem Mal verstand:

Dieses Gefühl war Triumph.

Ihre Erzieherin verließ sie, und Aurora blieb mit der furchtbaren Ahnung zurück, dass sie gerade eben etwas wirklich Schlimmes getan hatte.

***

Endlose Stunden lag sie wach. An Schlaf war trotz ihrer Erschöpfung nicht zu denken. Wenn doch nur ihr Vater wiederkäme! Selbst wenn er sie nur wieder schlagen würde, es wäre Aurora lieber gewesen als diese Einsamkeit voller Angst und Schuldgefühlen.

Dann hörte sie endlich seine Schritte. Er betrat den Kellerraum, die Peitsche an seinem Gürtel, in den Händen den Kodex, aus dem er mit lauter Stimme vorlas:

„Wir müssen die Grenzen beachten, die uns gesetzt sind, auf dass wir nicht in Grenzenlosigkeit und Wildheit Verderben über uns und über andere bringen. Wir müssen unseren richtigen Platz in dieser Welt finden und ihre Ordnung befolgen, um ihr Gleichgewicht, das um unserer Sünden willen gestört ist, wieder herzustellen. Wir müssen maßvoll und gerecht leben…“

Sein Blick fiel auf sie, und er stockte, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Er warf den Kodex beiseite und rannte zu ihr, riss ihren Kopf hoch und schrie sie an:

„Wer hat dir die Decke gebracht?“

Aurora konnte nicht sprechen. Die Angst, die sie in den Augen ihres Vaters sah, übertrug sich auf sie und verschloss ihre Kehle.

Ihr Vater schüttelte sie. „WER?“

Sie benötigte mehrere Anläufe für die Antwort. „Jessika…“

„Hast du mit ihr gesprochen?“, brüllte er sie an.

Sie konnte nur nicken.

Von einer Sekunde zur anderen wich die Spannung aus dem Körper ihres Vaters. Seine aufrechte Haltung wurde gebeugt, sein Kopf senkte sich. Seine strenge Miene fiel wie eine Maske von ihm ab. Hoffnungslosigkeit trat in seine Augen. Mit leiser Stimme sagte er:

„Dann sind wir verloren…“

Eilig begann er sie loszubinden.

***

Sie schafften es bis zu den Stallungen. Dort bereits endete ihre Flucht: Ein Dutzend Ritter der Ordnung erwartete sie, angeführt von einer Inquisitorin. Sie wurden zu Boden geworfen und gefesselt.

„Jomal Yirell und Aurora Yirell, ihr seid der Ausübung und wissentlichen Unterstützung von Grenzenlosigkeit angeklagt. Kraft des mir unmittelbar vom Tagmokraten übertragenen Amtes nehme ich euch hiermit in Gewahrsam und entziehe euch bis zum Abschluss eures Prozesses alle bürgerlichen Privilegien.“

Die Inquisitorin wandte sich Auroras Erzieherin zu, die ein wenig abseits stand. „Gute Arbeit, Jessika Augenstein.“

In Jessikas Augen blitzte Triumph, und Aurora lernte in diesem Augenblick, was es bedeutete, jemanden zu hassen.

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Veröffentlicht on Dezember 13, 2010 at 12:53 am  Schreibe einen Kommentar  

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