Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 30

*** Von Unruhe, Tod und Angst ***

Eigentlich war der Turmsee ein sehr ruhiges Gewässer – viel zu klein, um ein eigenes Wetter zu entwickeln, und von stürmischen Winden durch die ihn umgebenden Wälder und Hügel weitgehend abgeschirmt. Das halbe Dutzend Bäche, die ihn speisten, und von denen derjenige, welcher nahe am Turm vorbeifloss, bereits der größte war, hielten sein Wasser nur ein wenig in Bewegung, und natürlich entstand eine gewisse Strömung zu seinem Abfluss hin. Dieser war jedoch auf den ersten paar hundert Metern seicht und ruhig, bevor er dann als Wasserfall in die Schlucht hinab stürzte, in welcher er das im Süden befindliche Gebirge durchquerte, und selbst an diesem Ablauf war das Wasser auch für mäßig erfahrene Schwimmer nicht wirklich gefährlich.

Trotzdem hatte Tirvo in letzter Zeit, wann immer er in diesem See badete (und das tat er häufig) Verwirbelungen und unruhige Unterströmungen bemerkt. Zwar bedeutete dies natürlich nicht, dass er sich um seine Sicherheit sorgen musste – dazu fühlte er sich im Wasser viel zu geborgen – aber er fand keine Erklärung dafür. Irgendetwas musste das Seewasser aufwühlen.

Er war es gewohnt, dass das Baden im See ihn beruhigte, aber auch dies traf zuletzt nicht mehr zu. Eine immer stärker werdende Nervosität hatte ihn ergriffen. Nach dem Waisenhaus-Auftrag und Mareikes Begräbnis hatte es angefangen – oder hatte er es zuvor nur nicht bemerkt? Seit seiner Gefangennahme in seinem Heimatort in Schattenland hatte er schließlich kaum Gelegenheit gehabt, sich auf diese leise, unterschwellige Art schlecht zu fühlen – entweder war es ihm so richtig offensichtlich dreckig gegangen, oder er war schlicht zu beschäftigt gewesen, darauf zu achten. Jetzt aber, wo er Muße und Gelegenheit zur Erholung hatte, spürte er, dass etwas mit ihm nicht in Ordnung war, worauf er nicht den Finger legen konnte.

Ärgerlich verließ er das Wasser wieder und ließ sich am Seeufer nieder. Eigentlich konnte er sich ja auch mit den Büchern befassen, die Hartmut ihnen gegeben hatte. Besonders über die Anstalt wusste er noch kaum etwas. Er vermutete aber, dass er sich sowieso nicht richtig aufs Lesen konzentrieren könnte. Daher saß er stattdessen einfach nur da und starrte auf das Wasser.

Plötzlich unterbrach er sein Brüten und sah mit besonderer Aufmerksamkeit zum See.

Das Wasser hatte sich beruhigt.

Tirvo kam ein Verdacht. Langsam näherte er sich der Wasseroberfläche. Kaum hatte er vorsichtig seinen großen Zeh eingetaucht, bildeten sich wieder leichte Wirbel.

Er trat einen Schritt zurück. Sofort glättete sich die Oberfläche wieder.

Tirvo schluckte, als er begriff: ER war es, der das Wasser aufwühlte! Seine innere Unruhe übertrug sich offenbar auf den See.

Kopfschüttelnd zog er sich an und machte sich auf den Weg zurück zum Turm. Einer Eingebung folgend, entschied er sich jedoch dafür, um den See herum zu gehen. Durch den Abflussstrom und zwei oder drei der größeren Bäche würde er waten müssen, aber das machte ihm nichts aus. Die übrigen ließen sich leicht überspringen.

Ungefähr nach der halben Strecke hielt er an. Auf einem Felsen in einigen Metern Entfernung bewegte sich etwas. Ein Eichhörnchen vielleicht? Er konnte die Gestalt nicht einordnen. Auf jeden Fall schien das Wesen auf zwei Beinen zu stehen.

Neugierig trat er näher. Plötzlich durchzuckte ihn die Erkenntnis: Das Wesen war Bikkapuna, auf kaum mehr als Handgröße geschrumpft! Vor diesem lag ein bürgerlicher Totenschädel, den er sehr eingehend zu betrachten schien, auf Blickhöhe mit seinen leeren Augenhöhlen.

„Bikkapuna?“, sagte er leise, um den Dunkelmenschenjungen nicht zu erschrecken.

Dieser sah zu ihm auf. „Ist Mensch gewesen“, teilte er ihm mit hoher, fiepsender Stimme mit.

„Wahrscheinlich“, stimmte Tirvo ihm zu. „Wo hast du ihn her?“

„Hat Ludwig mir gegeben. Haben Hunde ihm gebracht. Alter Schädel, lag lange im Wald. Sehr lange. Viele hundert Jahre, sagt Ludwig. Mensch hat Orks gejagt, aber dann haben Orks ihn gejagt. Ist in Falle gelaufen. Säbel von Ork hat Schädel von Körper geschlagen.“

„Woher weißt du das denn?“, fragte Tirvo überrascht.

„Ist doch Ludwigs Gabe, Knochen. Erzählen ihm Geschichten.“

Tirvo schüttelte sich ein wenig. Ludwigs Gabe war ihm unheimlich.

„In einigen Jahren, fünfzig, hundert, vielleicht nur zehn, wir auch Knochen“, stellte Bikkapuna fest. Seine hohe Stimme stand in irritierendem Kontrast zu der Morbidität seiner Aussage.

„Ja“, bestätigte Tirvo. Das Gespräch gefiel ihm nicht. „Kommst du mit zum Turm? Es wird bald Abendessen geben.“

„Essen“, wiederholte Bikkapuna. „Fleisch von Tieren, die tot sind. Keine Knochen, die schmeißen wir weg oder geben Hunden. Wir essen tote Tiere und tote Pflanzen. Tiere essen tote Tiere und tote Pflanzen. Wir essen Tod. Und dann, schließlich, Tod isst uns.“

„So kann man es wohl sehen“, murmelte Tirvo. „Ich gehe dann schon einmal vor…“

„Ist kein Leben ohne Tod. Tod ist überall. Leben ist auch nur Tod“, brabbelte Bikkapuna weiter.

Tirvo floh.

***

Beim Abendessen waren sie also doch nur zu sechst, und Marianne schien über den überschüssigen Teller, mit dem sie den Tisch gedeckt hatte, richtiggehend verärgert zu sein.

Obwohl hier keine Unterhaltung über den Tod geführt wurde, war die Stimmung beim Essen nur wenig besser. Marianne schmollte, Tideline schwieg, Aurora wirkte ähnlich angespannt wie er, Mai-shin versuchte während des Essens, sich ihre Notizen einzuprägen, und Johann saß ein wenig abseits und brachte ebenfalls kaum ein Wort heraus. Die einzigen, die gute Laune zu haben schienen, waren die Katzen.

Nach dem Abräumen halfen Aurora und Tirvo Mai-shin dabei, die Stühle aus der Küche nach draußen zu tragen und auf der Terrasse in der dafür vorgesehenen Grube ein kleines Feuer zu entzünden. Die Lashani bat ihn dann, mit ihr zum Schuppen zu gehen und ein kleines Stehpult, welches sich darin befand, zur Terrasse zu bringen.

Als sie gemeinsam das Pult frei räumten, fiel Tirvo ein Spaten auf, der gegen die Schuppenwand lehnte. Aus irgendeinem Grund erschien ihm das wichtig.

Schließlich war alles für Mai-shins Vortrag fertig aufgebaut, und sie warteten nur noch auf Hartmut. Die Lashani lief aufgeregt auf und ab – wie ein aufgescheuchtes Huhn, dachte Tirvo belustigt – und murmelte Satzfetzen vor sich hin. Die anderen Schüler hatten sich ergeben auf den Stühlen niedergelassen und warteten ab. Zwei Katzen saßen auf Mariannes Schoß. Auch Bikkapuna gesellte sich schließlich zu ihnen, wieder in normaler Größe, aber immer noch mit mit recht düsterem Gesichtsausdruck.

Dann erschien endlich Hartmut und nickte Mai-shin zu. „Du kannst anfangen“, sagte er.

***

Betretenes Schweigen herrschte, als die Schüler gemeinsam die Stühle zurück in die Küche trugen.

„Hat irgendeiner von euch begriffen, worüber sie überhaupt geredet hat?“, fragte Marianne schließlich leise.

Die meisten schüttelten den Kopf.

„Ich glaube, es ging darum, dass sich Bürger in Arkheim und Ostfernland auf Grund ihrer Erziehung und Kultur in alltäglichen Situationen unterschiedlich verhalten“, meinte Johann. „Wenn ich sie richtig verstanden habe, werden wir hier in Arkheim dazu ermutigt, selbständig zu handeln und Entscheidungen zu treffen, während Ostfernländer dazu erzogen werden, bei unvorhergesehenen Schwierigkeiten die Obrigkeit zu informieren und Anweisungen einzuholen.“

Marianne starrte ihn an. „Aber warum hat sie das dann nicht einfach so gesagt? DAS habe ich verstanden! Wieso redet sie stattdessen zwei Stunden drum herum und benutzt eine Million Elbwörter, die außer ihr sowieso niemand kennt?“

„Sie wollte eben zeigen, was sie kann“, murmelte Tirvo.

„Und sie hat sich ja auch ganz hervorragend geschlagen – zumindest die ersten beiden Stunden“, warf Aurora ein. „Und dann dieser EINE Verhaspler – du meine Güte, als wenn das so schlimm wäre! Welches Wort war das überhaupt?“

„Authentizität“, sagte Johann.

Die Elbin zuckte mit den Schultern. „Was auch immer! Sie redet die ganze Zeit flüssig und fehlerlos – denke ich jedenfalls – und das, ohne ihre Notizen zu benutzen! – und dann verspricht sie sich EINMAL und kriegt gleich einen Heulkrampf. Das Mädchen ist total überspannt!“

„Ich glaube, sie hat so viel Angst zu versagen, dass sie an gar nichts anderes mehr denken kann“, sagte Johann. „Sie glaubt, dass sie sowieso versagen wird und redet es sich deswegen selbst ein.“

„Sie weint immer noch, oder?“, fragte Tideline.

Aurora nickte.

„Vielleicht sollte jemand hinaus gehen und versuchen, sie zu trösten“, schlug Marianne vor.

Die Elbin bemerkte, dass alle sie anblickten. Natürlich – wen auch sonst? Sie war ja schließlich ihre Zimmergenossin.

„Ich geh dann mal“, seufzte sie.

***

„Mai-shin?“

Das Lashanimädchen blickte aus tränenverschmierten Augen zu ihr auf. Aurora bemerkte, dass einige ihrer blauen Haare in ihrem Gesicht klebten und es leicht hellblau verfärbt hatten.

„Mai-shin, das war ein GROSSARTIGER Vortrag! Niemand von uns hätte auch nur einen annähernd so guten Vortrag halten können!“

Die Angesprochene schüttelte den Kopf. „Ich habe mich völlig blamiert! Vor Hartmut, vor dir, vor Johann… vor allen!“

„Unsinn“, widersprach Aurora entschlossen. „Ich glaube, dir ist gar nicht klar, wie klug du eigentlich bist! Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben bisher noch keinen so klugen Bürger getroffen – und ich habe mehrere Mitglieder des Tagmokratischen Konzils kennen gelernt!“

„Aber wieso mache ich dann immer noch so viele Fehler?“, schluchzte Mai-shin.

„Meine Güte, Mai-shin, wir ALLE machen Fehler, aber du machst viel weniger als alle anderen!“ Aurora erinnerte sich an das, was Johann ihr gesagt hatte. „Und vielleicht machst du auch nur deswegen überhaupt Fehler, weil du so viel Angst davor hast, welche zu machen! Aber du brauchst keine Angst zu haben, Mai-shin! Du bist klug, und ich glaube, du bist auch viel stärker, als du denkst. Du brauchst vor nichts Angst zu haben. Du musst nur an dich selbst glauben!“

„Ich weiß nicht…“, sagte Mai-shin zögernd.

„Ganz sicher ist das so! Weißt du, als ich damals Reiten lernen sollte, hatte ich zuerst auch unheimliche Angst vor Pferden – so riesige Tiere waren das! Und am Anfang bin ich jedes Mal hinunter gefallen. Aber dann hat mir mein Reitlehrer gesagt, dass ich mich viel besser anstellen würde als andere Bürgerkinder in meinem umgerechneten Alter und hat gemeint, ich bräuchte keine Angst zu haben, und ich habe ihm vertraut und bin wieder aufgestiegen, und dann hatte ich gar keine Angst mehr, und auf einmal ging es ganz wie von selbst!“

Mai-shin starrte nachdenklich zu Boden, und Aurora nutzte die Gelegenheit, sich rasch eine Träne aus dem Augenwinkel zu wischen. Sie vermisste Feuerschweif…

„Vielleicht hast du Recht. Vielleicht habe ich zu viel Angst“, räumte Mai-shin leise ein.

„Ganz bestimmt!“, pflichtete Aurora ihr bei. „Aber du brauchst vor nichts Angst zu haben“, wiederholte sie. „Aber weißt du, was du brauchst?“

„Was denn?“ Die Lashani blickte sie fragend an.

„Ein paar Nächte richtig durchschlafen! Das könnten wir beide gebrauchen“, fügte sie etwas leiser hinzu.

Sie legte den Arm um Mai-shin und ging mit ihr zurück in den Turm. In der Küche begegneten sie Tideline, die wohl von Hartmut zum Abwaschen verdonnert worden war und sie nachdenklich ansah.

***

Spät in der Nacht wachte Tirvo auf, weil ihn die Blase drückte – vielleicht war es nicht die beste Angewohnheit, vor dem Schlafen Gehen immer noch einen Krug Wasser zu trinken… Schlaftrunken machte er sich auf den Weg ins Badezimmer.

In der Dunkelheit des Flurs stieß er mit jemandem zusammen. Er blinzelte. „Ludwig?“, fragte er.

Er bekam ein Grunzen zur Antwort.

„Kommst du jetzt erst zurück?“, wunderte sich Tirvo.

„Würfeln hat länger gedauert“, brummte Ludwig kurz angebunden.

„Ach so. Hast du gewonnen?“

Ludwig antwortete nicht und begab sich wortlos in sein Zimmer. Tirvo zuckte mit den Schultern und eilte ins Badezimmer.

zum nächsten Kapitel
zur Kapitelübersicht
Advertisements
Veröffentlicht on März 19, 2011 at 5:06 pm  Schreibe einen Kommentar  

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s