Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 31

*** Ausruhen ***

„Aurora? Aurora? AURORA!“

Das Elbenmädchen durchstieß den schweren Schleier ihres Schlafes nur mit äußerstem Widerwillen. Als sie mühsam ihre Augen öffnete, stellte sie fest, dass sie bereits mehr oder weniger aufrecht stand – Tirvo schien sie an den Armen aus dem Bett gezogen zu haben. Erstaunt bemerkte sie, dass die Sonne schon hoch am Himmel stand.

„Ist ja gut, ich bin ja wach“, nuschelte sie.

„Na endlich“, beschwerte sich Tirvo. „Ich dachte schon, ich kriege dich gar nicht aus dem Bett!“

„Ich war wohl sehr müde“, verteidigte sie sich schwach. „Wie spät ist es denn genau?“

„Du bist gerade dabei, das Mittagessen zu verpassen“, informierte Tirvo sie.

„Oh.“ Aurora rieb sich die Augen. „Mai-shin schläft ja auch noch, wie ich sehe!“

„Wie ein Stein. Hast du eine Ahnung, wie lange ich bereits an die Tür gehämmert und gerufen habe, bevor ich herein gekommen bin?“

„Ich habe nichts gehört“, gestand Aurora kleinlaut ein.

Tirvo rollte mit den Augen. „Euren Schlaf möchte ich haben. Weckst du Mai-shin?“

„Ja… ja, mache ich“, versprach Aurora. Eigentlich hätte sie sich ja lieber gleich wieder hingelegt. Reiß dich zusammen, Mädchen!, ermahnte sie sich selbst.

„In Ordnung. Ich gebe Marianne Bescheid, dass sie euch zwei Portionen warm halten soll.“

„Danke sehr.“

Tirvo verließ das Zimmer. Aurora streckte sich und gähnte herzhaft. Dann ging sie zu dem schlafenden Lashanimädchen hinüber.

„Mai-shin? Wach auf! Es ist schon Mittagszeit!“

Ihre Zimmergenossin lag friedlich und regungslos da. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig.

„Ach, Mai-shin, es ist ja schön, dass du endlich einmal richtig schläfst, aber jetzt übertreibst du es!“

Sie schüttelte die Lashani, ohne eine Wirkung zu erzielen. Ratlos setzte sie sich aufs Bett. Wie weich Mai-shins Matratze doch war! Und ihr blaues Kopfkissen wirkte so einladend.

„Na gut“, murmelte sie, „für fünf Minuten lege ich mich noch zu dir, aber dann stehen wir beide auf, ja?“

Die Elbin wartete nicht ab, ob sie eine Antwort erhielt, sondern ließ sich gleich neben Mai-shin ins Bett sinken. Noch bevor sie ihre Augen geschlossen hatte, war sie bereits wieder eingeschlafen.

***

Fassungslos betrachtete Tirvo die beiden da liegenden Mädchen. „Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu“, flüsterte er. Sie hatten beinahe eine weitere Stunde auf die beiden gewartet, bevor er sich entschlossen hatte, erneut nach ihnen zu sehen, und nun fand er sie erneut tief schlafend vor, nur diesmal beide in Mai-Shins Bett.

Vorsichtig näherte er sich ihnen und streckte seine Hand aus. „Mädels?“ Mit einer sanften Bewegung zog er die Decke ein wenig zurück. Naja, wir sind ja alle zuletzt ein wenig angespannt, dachte er. Vielleicht würde mir ein kurzer Mittagsschlaf ja auch gut tun…

Ruckartig riss er seine Hand zurück, stand auf und machte einige Schritte vom Bett weg. Beinahe hätte es mich auch erwischt!, dachte er entsetzt.

Eilig verließ er das Zimmer. Die Angelegenheit war ihm nicht geheuer – besser, Hartmut kümmerte sich darum.

„Sie schlafen immer noch, oder schon wieder“, informierte er in der Küche Marianne und Tideline, die heute ausnahmsweise einmal früh aufgestanden war. „Irgendetwas stimmt da nicht.“

„Lass sie doch einfach schlafen“, sagte Tideline leise.

„Na toll“, beschwerte sich Marianne. „Dann hätte ich ja gleich nur sieben Portionen zubereiten müssen.“

„Wisst ihr, wann Hartmut zurückkommt?“, fragte Tirvo.

Die beiden Mädchen zuckten mit den Schultern. „Er ist schon vor dem Frühstück verduftet“, meinte Marianne.

Einige der anwesenden Katzen schnurrten und bewegten dabei ihre Köpfe auf und ab, aber Tirvo war nicht nach Lachen zumute.

„Witzig. Macht ihr euch gar keine Sorgen um die beiden?“

„Ein bisschen Schlaf schadet doch niemandem“, murmelte Tideline.

„Gebt ihm einfach Bescheid, sobald ihr ihn seht“, gab Tirvo ärgerlich zurück und verließ die Küche.

***

Draußen traf er Ludwig an, der sich über einen kleinen Baumstamm gebeugt hatte und diesen mit seiner Axt bearbeitete.

„Hast du den Baum gefällt?“, fragte Tirvo.

Ludwig nickte nur.

„Warum?“

„Ist gutes Holz.“

„Wofür?“, ließ er nicht locker.

„Kann ich verkaufen.“

„Aber bevor das Holz nicht ordentlich getrocknet ist, ist es doch kaum etwas wert“, erinnerte sich Tirvo daran, was ihm sein Vater erzählt hatte. „Lohnt sich das denn?“

Entnervt ließ Ludwig seine Axt sinken.

„Hast du nichts Besseres zu tun, als mich auszufragen? Warum gehst du nicht zum See und ärgerst die Fische?“

„Ist ja schon gut.“ Tirvo zog sich zurück. Was war heute nur mit allen los?

***

Auf dem Weg zum See begegnete ihm Bikkapuna. Auch das noch, dachte Tirvo – nicht noch ein Gespräch über den Tod!

Aber der Dunkelmenschenjunge schien heute besserer Stimmung zu sein und begrüßte ihn mit einem breiten Lächeln.

„Gehst du wieder Schwimmen? Ist heiß heute.“

„Ja“, antwortete Tirvo, obwohl er sich noch nicht entschieden hatte, ob er das Wasser wirklich wieder mit seiner inneren Unruhe aufwühlen wollte. „Aber offenbar nicht zu heiß für Ludwig, um zu arbeiten.“

„Braucht Geld, Ludwig, denke ich“, meinte Bikkapuna mit nachdenklichem Gesicht. „Weißt du schon.“

„Du meinst, er hat Spielschulden? Aber das dauert ja ewig, auf diese Art zu Geld zu kommen! So eine Holztrocknung braucht doch Monate – und so lange sind wir ja gar nicht mehr hier – aber ungetrocknet kann er es doch kaum für mehr verkaufen als Brennholz! Das muss er doch wissen!“

„Weiß er auch, bestimmt“, pflichtete Bikkapuna ihm bei. „Weiß Bescheid über Holz, Ludwig. Braucht wohl dringend Geld.“

„Aber gerade dann bringt das doch nichts!“

Bikkapuna zuckte mit den Schultern. „Musst du Ludwig fragen.“

„Nö, der ist mir zu schlecht gelaunt. Hat wahrscheinlich auch kaum geschlafen, er ist ja erst am frühen Morgen aus Kaperstadt zurück gekommen.“

„Neinnein“, widersprach Bikkapuna, „ist gleich nach Vortrag zurück. Schlau von Ludwig, musste langweiligen Vortrag nicht hören.“

„Hä?“ Tirvo kratzte sich am Kopf. „Das ist komisch. Aber egal, geht mich ja nichts an.“

Er winkte Bikkapuna zu und ging weiter zum See.

***

Das Wasser reagierte auf seine nervöse Stimmung genau so empfindlich wie gestern, als er vorsichtig hinein stieg. Das hat keinen Sinn, dachte Tirvo. Ich muss irgendetwas anderes tun.

Der Spaten aus dem Schuppen kam ihm auf einmal in den Sinn. Ich könnte ja ein Loch graben.

Unerklärlicherweise erschien ihm das wie eine großartige Idee. Dort, neben dem Felsen, da wäre doch ein guter Platz!

Darauf verzichtend, diese merkwürdige Eingebung in Frage zu stellen, machte er sich auf den Rückweg zum Turm.

***

Eine knappe Stunde später hatte er ein einen knappen Meter tiefes und nicht ganz so breites Loch gegraben. „Noch nicht tief genug“, murmelte er und grub weiter.

Nach weiteren zwanzig Minuten stützte er sich auf seinen Spaten und betrachtete zufrieden sein Werk. Ja, das sah gut aus.

Vorsichtig stieg er in die Grube hinein. Nein – es fehlte noch etwas. Er krabbelte wieder hinaus und nahm den Spaten an sich. Dann sprang er erneut hinein und begann damit, die aufgeschichtete Erde vom Rand des Loches zurück zu schaufeln. Als er bis zu den Schultern eingegraben war, steckte er den Spaten quer fest, um einen Hohlraum für Atemluft zu schaffen und bedeckte sich vollständig mit Erde.

So war es richtig.

Jetzt konnte er endlich ruhen.

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Veröffentlicht on März 24, 2011 at 12:22 pm  Schreibe einen Kommentar  

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