Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 33

*** Zahlenspiele ***

Obwohl ihr Rücken sie schmerzte, und obwohl sie deswegen die ganze Nacht auf dem Bauch schlafen musste, und dies auch noch auf dem lediglich durch einige Kissen und eine Decke zum Lager umfunktionierten Boden, fühlte Aurora sich am nächsten Morgen besser – weit besser! Sie war unternehmungslustig und tatendurstig. Unsicherheit und Unruhe waren komplett von ihr abgefallen.

Mai-shin war, wie immer, bereits aufgestanden, befand sich aber nicht mehr im Zimmer. Vorsichtig wusch Aurora sich ihren wunden Rücken und zog sich dann an.

Auf dem Weg zum Frühstück hörte sie lautes Schluchzen aus Mariannes und Tidelines Zimmer. Behutsam trat sie näher. Marianne saß auf ihrem Bett, mit zahlreichen Katzen auf ihrem Schoß oder an ihren Körper gekuschelt und weinte. Tidelines Bett war leer.

„Was ist geschehen?“, fragte Aurora leise.

„Tideline ist fort, sie ist jetzt vogelfrei“, schluchzte Marianne.

„Oh – das ist ja schrecklich! Für immer?“

„Nicht für immer, es ist nur vorübergehend“, antwortete Marianne. „Aber das ist schlimm genug für sie. Sie hat solche Angst vor der Vogelfreiheit!“

„Wie lange denn?“, fragte die Elbin nach.

„Für drei Tage, hat Hartmut ihr gesagt.“ Marianne zog ein Taschentuch hervor und schnaubte sich mehrfach die Nase.

„Naja, diese Zeit wird sie doch gewiss überstehen, oder?“, versuchte Aurora das Menschenmädchen aufzumuntern.

„Das arme Mädchen ist völlig in Panik! Etwas Schlimmeres könnte Hartmut ihr kaum antun!“

„Er war wohl sehr wütend, dass sie sich seinen Anweisungen widersetzt hat“, entgegnete Aurora, die sich an das erinnerte, was Tirvo ihr gestern noch erzählt hatte.

„Sie hatte es doch nur gut gemeint!“, empörte sich Marianne. „Ich glaube, dass Hartmut sie einfach hasst!“

„Nein“, schüttelte Aurora den Kopf, „das glaube ich nicht. Auch wenn es hart für sie ist – er will ihr bestimmt nur eine Lektion erteilen.“

„Sie tut mir ja so furchtbar leid!“, jammerte Marianne.

Irgendetwas an diesem Gespräch kam Aurora merkwürdig vor, aber sie konnte nicht den Finger darauf legen. „Willst du nicht mitkommen, frühstücken?“

„Nein danke, Aurora, ich habe keinen Hunger“, lehnte die Angesprochene ab.

Aurora zuckte mit den Schultern – eine Bewegung, die ihr ihren geschundenen Rücken in Erinnerung rief. „Wie du meinst. Aber vielleicht möchtest du trotzdem mit hinunter kommen?

Marianne schüttelte den Kopf. „Ich bleibe mit meinen sieben Freunden hier.“

„Na gut. Aber mach dir nicht zu viel Sorgen – ich bin sicher, mit Tideline ist alles in Ordnung, und in ein paar Tagen ist sie ja wieder da!“, versuchte die Elbin sie zu trösten.

„Hoffentlich macht sie nicht noch mehr Dummheiten“, sagte Marianne leise.

„Bestimmt nicht“, versicherte Aurora ihr und verließ das Zimmer.

***

Nach dem Frühstück wollte sich die Elbin sogleich wieder an ihr Training machen, aber sie sah rasch ein, dass dies keine besonders gute Idee war, so lange ihr Rücken nicht ein wenig besser verheilt war – sie würde sich ihre Wunden nur wieder aufreißen. Stattdessen beschloss sie, ihre Nase in einige von Hartmuts Büchern über Arkheim zu stecken. Sie griff sich einen kleinen Stapel und begab sich zu der Biegung des Baches, an der sie auch Mai-shin vorfand, die dort inmitten eines guten Dutzends Vögel auf dem Bauch lag und lernte. Aurora grüßte sie kurz, ließ sich nieder und begann zu lesen.

Das Land Arkheim ist in seiner Gesamtheit erheblich weniger dicht besiedelt als die Tagmokratie. Mehr als ein Zehntel seiner Einwohner leben in Groß-Arkheim und dessen näherer Umgebung. Die Besiedlung des Landes folgt weitestgehend seinen Hauptverkehrswegen, also den Küstenlinien, dem Bogenfluss, dem Schlangenfluss, dem Blutfluss und der Großen Heerstraße. Eine Verlängerung der Bergstraße von Osthafen nach Goldstadt bis Wagenfurt ist geplant und wird gewiss zu weiteren Ansiedlungen am Rand der Himmelberge führen.

Aurora sah sich die Karte Arkheims noch einmal genau an. An der westlichen Küstenlinie war Nordhafen der nördlichste eingezeichnete Ort. Von dort gelangte man, der Küste in südöstlicher Richtung folgend, nach Groß-Arkheim und nach einem Schwenk zurück in etwas westlicherer Richtung nach Kaperstadt auf der Südwestspitze Arkheims. Arkheims Südküste nach Osten folgend, erreichte man am Rand der Himmelberge, die sich von der Küste zuerst nach Norden, rasch aber in nordöstlicher und dann östlicher Richtung zogen, schließlich Osthafen. Von dort ging eine Straße zum in dessen Norden am Knick der Himmelberge nach Nordosten gelegenen Goldstadt ab, deren geplante nördliche Verlängerung Wagenfurt erreichen sollte, den am weitesten flussaufwärts liegenden schiffbaren Punkt des Bogenflusses und das östliche Ende der Großen Heerstraße, von dem aus gelegentlich Handelskarawanen in die Zentaurengebiete nördlich der Himmelberge aufbrachen.

Der Bogenfluss floss von Wagenfurt zunächst nach Norden, später jedoch immer westlicher, bis er bei Trutzburg seinen nördlichsten Punkt erreichte und wieder Richtung Süden umkehrte. Bei seiner Mündung in die Arkheimer Bucht bei Groß-Arkheim floss er bereits in südsüdwestlicher Richtung, und die Stadt Arkheim befand sich ungefähr auf der gleichen geografischen Breite wie Wagenfurt. Der Grund für den ungewöhnlichen Verlauf des Bogenflusses waren vermutlich das ausgedehnte Hügelland im Zentrum Süd-Arkheims – die Quellmark – sowie die Waldberge im Nordwesten Arkheims. In der Quellmark entsprangen zwei weitere große Flüsse: Der Schlangenfluss, der bis hinauf nach Grünhausen schiffbar war, in dessen Umland zahlreiche Grünelben siedelten – so nannten sich in Arkheim diejenigen Elben, welche das Stadtleben ablehnten – und der in zahlreichen Windungen nach Westnordwest fließend den Bogenfluss bei Grenzbrück erreichte; sowie der Blutfluss, benannt nach der siegreichen Schlacht gegen die Orks an seinen Ufern, der, die Quellmark nach Norden hin verlassend, bis Traubenstadt schiffbar war und bei Trutzburg in den Bogenfluss mündete.

Die Große Heerstraße verlief von Arkheim bis Grenzbrück den Bogenfluss entlang, schnitt dann jedoch dessen nördlichen Bogen ab und verlief geradewegs nach Osten, den Blutfluss bei Kreuzbrück, nördlich von Traubenstadt, überquerend und in Wagenfurt endend.

Die offiziellen Grenzen Arkheims waren also größtenteils natürliche Grenzen: Von Nordhafen aus die Küste entlang bis zu den Himmelbergen, dann deren Rand folgend bis zur Quelle des Bogenflusses, schließlich diesem folgend bis kurz vor Grenzbrück. Von dort allerdings zog sich die Landesgrenze, von zahlreichen Garnisonen markiert, nach Nordwesten durch die Waldberge bis Nordhafen. In diesem Gebiet kam es offenbar am häufigsten zu Zusammenstößen mit Orks. Einigen der Bergbausiedlungen in den Waldbergen würde vermutlich innerhalb der nächsten Jahrzehnte das Stadtrecht zuerkannt werden, hieß es.

Die Stadt Arkheim war in sieben Stadtbezirke aufgegliedert: Altstadt, mit dem historischen Zentrum Arkheims und dem Großen Marktplatz; südlich davon Schwertstadt, ein hauptsächlich von Arbeiterfamilien und Soldaten bewohnter Bezirk, in dem sich die Arkheimer Arena befand; östlich und südöstlich von Altstadt Waldstadt, ein äußerst ausgedehnter, aber eher dünn besiedelter Bezirk, auf dem sich Güter und Anwesen der wohlhabendsten Arkheimer Familien befanden, und der große Wald-, Wiesen- und Ackergebiete einschloss; westlich von Altstadt, am alten Delta des Bogenflusses, Auswärtshafen, das einen wirtschaftlichen Abstieg erfahren hatte, seit der Hauptarm des Bogenflusses nach Norden umgeleitet worden war; nördlich von Auswärtshafen Einwärtshafen an eben diesem neu geschaffenen Hauptarm des Bogenflusses, von welchem der Flussverkehr den Bogenfluss hinauf ausging; nördlich von Altstadt Palaststadt, in dem sich die Amtsgebäude des Arkheimer Magistrats befanden, und wo die reichsten und bedeutsamsten Familien Arkheims wohnten beziehungsweise Stadtwohnungen unterhielten; schließlich nordöstlich von Altstadt Dammdorf, der jüngste Arkheimer Bezirk, der aus Arbeitersiedlungen während des Dammbaus entstanden war, sich jedoch bald zu einem eher gehobenen Wohnviertel entwickelt hatte. Offenbar gab es Überlegungen, das nur wenige Kilometer von Dammdorf entfernte Grenzbrück ebenfalls zu einem Arkheimer Stadtbezirk zu erklären, aber der Junker von Grenzbrück wehrte sich vehement gegen diese Pläne.

Aurora fand eine Tabelle mit den geschätzten bürgerlichen Einwohnerzahlen aller Arkheimer Siedlungen mit Stadtrecht:

(Groß-Arkheim 480.000)
Osthafen 120.000
Altstadt 100.000
Einwärtshafen 100.000
Auswärtshafen 90.000
Dammdorf 80.000
Schwertstadt 70.000
Grenzbrück 60.000
Kaperstadt 50.000
Kreuzbrück 40.000
Palaststadt 30.000
Grünhausen 20.000
Traubenstadt 20.000
Goldstadt 10.000
Nordhafen 10.000
Trutzburg 10.000
Wagenfurt 10.000
Waldstadt 10.000

Arkheim ist gegenüber der Tagmokratie wirklich klein, dachte sie. Allein Genessos besitzt mehr als drei mal so viele Einwohner wie alle diese Städte zusammen, und Heiligenhafen ist bereits so groß wie ganz Groß-Arkheim.

Einige Seiten später fand sie eine Bestätigung dessen, was sie vermutete:

Würde die Tagmokratie ihre militärische Macht gegen Arkheim richten, könnte dieses nicht bestehen. Glücklicherweise hindern aber gerade jene tagmokratischen Dogmen, welche so viele Urländer dazu bewogen haben, sich in Fernland eine neue Heimat zu suchen, die Tagmokratie daran, den Ozean der Versuchung zu überqueren. Trotzdem müssen wir die politischen Entwicklungen dort genau im Auge behalten. Insbesondere ist es wichtig, den Meerbund durch Attacken auf dessen Handelsschiffe gezielt zu schwächen, da dessen Führer am ehesten dazu bereit wären, diese Grenze zu überschreiten.

Dann sind die Kaperfahrten der Arkheimer Flotte also nicht nur bloße Piraterie, begriff Aurora. Aber wie behielt der Arkheimer Magistrat die Politik in der Tagmokratie im Blick? Bestimmt hat die Anstalt etwas damit zu tun, ahnte sie. Sie griff nach einem Buch mit dem Titel „Leben in der Anstalt“.

Von insgesamt über 200 Fürsprechern sind nur gut ein Viertel als Kursfürsprecher mit Lehrauftrag oder in anderer Funktion in der Anstalt selbst ansässig. Die übrigen sind reisende Fürsprecher, deren Aufgaben darin bestehen, der Anstalt neue Schüler zuzuführen, sowie die Tätigkeiten reisender Auftragsschüler zu koordinieren; und Verbindungsfürsprecher, welche in geeigneten Positionen dafür verantwortlich sind, die Beziehungen der Anstalt zu anderen Arkheimer Institutionen zu gestalten. Die Ernennung zum Fürsprecher der Anstalt durch die Meisterin hängt nur bedingt von der Beherrschung der Gabe und den schulischen Leistungen eines Grenzenlosen ab, obgleich diese sich natürlich positiv auswirken, sondern hauptsächlich davon, ob dieser geeignet ist und benötigt wird, eine mit einem Fürsprecher zu besetzende Funktion zu erfüllen.

Das Verhältnis zwischen Fürsprechern und Schülern beträgt ungefähr 1 zu 10. Etwa die Hälfte der Anstaltsschüler sind Kursschüler, was bedeutet, dass sie sich in der Anstalt befinden und die dort unterrichteten Kurse besuchen. Die übrigen sind Auftragsschüler und üblicherweise im Auftrag der Anstalt unterwegs, um Aufgaben in deren Interesse zu erfüllen. Auch Kursschüler können jedoch jederzeit zur Erledigung solcher Aufgaben herangezogen werden. Tatsächlich stellen diese häufig praktische Prüfungen dar, in welchen die Schüler über den Kursbesuch hinaus ihre Fähigkeiten beweisen.

Viele Anstaltsaufträge sind äußerst gefährlich, und das Versagen auf einem solchen Auftrag stellt die Haupttodesursache unter Grenzenlosen dar. (Die zweithäufigste Todesursache ist das Eintreten des endgültigen Wahnsinns.) Kursschüler sind jedoch auf Grund ihrer Unerfahrenheit, aber auch der Schwierigkeit mit ihrem Leben als Grenzenlose umzugehen, kaum weniger gefährdet als Auftragsschüler. Nur knapp die Hälfte der Schüler übersteht die ersten fünf Kursjahre. Die übrigen sterben, verfallen endgültig ihrem Wahnsinn oder werden vogelfrei.

Aurora starrte das Buch in ihren Händen an. Knapp die Hälfte. Sie dachte an die anderen Schüler im Turm. An Mareike, die es nur wenige Wochen geschafft hatte. An Tirvo und sich selbst. Knapp die Hälfte.

Aber in der Tagmokratie sterben alle Grenzenlosen, erinnerte sie sich. Hier hatte sie immerhin eine Chance.

Sie las weiter.

zum nächsten Kapitel
zur Karte von Westfernland
zu Informationen über die Geografie Westfernlands
zu Informationen über die Stadt Arkheim
zur Kapitelübersicht
Advertisements
Veröffentlicht on April 1, 2011 at 12:07 pm  Schreibe einen Kommentar  

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s