Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 34

*** Ergebnislose Bemühungen ***

Fünf Jahre sind nur ein Richtwert dafür, wie lange ein Grenzenloser Kursschüler bleibt. Besonders talentierte Schüler werden teilweise bereits nach drei Jahren zu Auftragsschülern ernannt. Bei anderen entscheidet ihr Fürsprecher, dass sie noch ein oder zwei Jahre länger Kurse besuchen müssen, bevor sie für die Aufgaben von Auftragsschülern geeignet sind. Es kommt auch vor, dass bereits zu Auftragsschülern ernannte Grenzenlose noch einmal ein oder zwei Kursjahre einlegen.

In den ersten beiden Kursjahren besuchen alle Schüler die acht Grundkurse Gesellschaftskunde, Gesundheit, Konzentration, Mathematik, Metaphysik, Naturkunde, Ritualisierung und Symbolismus. Es wird allen Schülern nachdrücklichst empfohlen, diese Kurse in der dafür vorgesehenen Zeit von zwei Jahren zu bestehen. Es ist zwar möglich, jedoch nicht gern gesehen, einige dieser Kurse zu wiederholen. Spätestens mit seinem dritten Kursjahr sollte ein Schüler jedoch alle Grundkurse bestanden haben, ansonsten läuft er Gefahr, dass sein Fürsprechverhältnis aufgelöst wird.

Eine überzeugende Motivation, dachte Aurora. Und ich kann mir nur unter der Hälfte dieser Kursbezeichnungen überhaupt etwas vorstellen.

In ihren ersten drei Jahren bewohnen Anstaltsschüler Doppelzimmer, bei deren Belegung ihre Wünsche berücksichtigt werden. Danach erhalten sie, sofern sie noch Kursschüler sind, Einzelzimmer zugewiesen.

Die Anstalt versorgt ihre Schüler mit allen Notwendigkeiten des täglichen Lebens und zahlt ihnen darüber hinaus ein wöchentliches Taschengeld von 100 Kupferkreuzern aus. Persönlichen Besitz, sowie über das Grundlegende hinaus gehenden Bedarf (zum Beispiel an Nahrung und Kleidung) muss der Schüler von diesem Taschengeld, sowie von Geld, welches er sich mit Zustimmung seines Fürsprechers zusätzlich verdient, bezahlen. (In der Anstalt selbst gibt es Zuverdienstmöglichkeiten, aber findige Schüler werden außerhalb weit besser bezahlte Arbeit erhalten können.) Zuwendungen seitens seiner Familie oder vollbürgerlicher Freunde sind strikt untersagt, und bisherigen Besitz hat der Schüler bei Eintritt in sein Fürsprechverhältnis bei seinem Fürsprecher abzugeben, wobei begründete Ausnahmen für Objekte wie Musikinstrumente, Waffen oder vergleichbare Gegenstände, welche im Zusammenhang mit den Fähigkeiten des Schülers stehen, gemacht werden können.

Vollbürger dürfen das Anstaltsgelände nur betreten, wenn sie dort arbeiten, etwas anliefern oder abholen oder in offiziellem Auftrag handeln. Fürsprecher können jedoch Ausnahmegenehmigungen erteilen. Zu den in der Anstalt arbeitenden Vollbürgern ist jeglicher Kontakt auf das Notwendige zu beschränken. Ansonsten dürfen Grenzenlose jedoch außerhalb der Anstalt Beziehungen zu Vollbürgern, ebenso wie zu Pfoten, unterhalten.

Die Anstalt nimmt im Pfotenkrieg offiziell eine neutrale Position ein, und keinem ihrer Angehörigen ist es erlaubt, Pfoten eine dauerhafte Freistatt zu bieten, oder sich öffentlich für eine Kriegspartei auszusprechen. Das Anstaltsgelände mit Ausnahme des Hafengebietes ist Katzenland, der Hafen ist Hundeland.

Aurora legte das Buch wieder weg und öffnete stattdessen die schmale Broschüre mit dem Titel „Das Kursjahr 562“. Sie studierte einige Minuten lang die darin abgedruckten Kurspläne. So viele faszinierende Kurse! Gewiss würde sie „Luftzauber“ belegen und vermutlich auch „Levitation“… vielleicht auch „Wetterzauber“?

Seufzend lehnte sie sich zurück und sah zum Himmel hinauf. Sie wusste mit ihrer Gabe ja noch kaum etwas anzufangen, zumindest bewusst. Manchmal, bei ihren Kampfübungen, war sie für Augenblicke leicht wie Luft, und offenbar konnte sie auch schweben, wie ihr Vater ihr bewiesen hatte.

Aurora setzte sich auf. Wenn sie wusste, dass sie das konnte, musste sie doch auch in der Lage sein, es zu üben?

Sie ging einige Schritte vom Bach weg, bis sie außer Sichtweite Mai-shins war. Dann schloss sie die Augen und versuchte sich auf das Gefühl von Leichtigkeit zu konzentrieren.

Nichts geschah. Sie versuchte es erneut, diesmal deutlich länger. Vor Anstrengung begannen ihre Knie zu zittern. Dann jedoch hob sie sich ein oder zwei Zentimeter vom Boden – oder bildete sie sich das nur ein? Kaum hatte sie die Augen geöffnet um nachzusehen, kehrte das Gefühl der Schwere in ihren Leib zurück, und sie fiel auf ihre Fußballen zurück – aber das bewies ja, dass sie geschwebt HATTE!

Oder hatte sie vielleicht nur auf den Zehenspitzen gestanden?

Aurora wollte einen dritten Anlauf unternehmen, aber es ging nicht mehr – sie fühlte sich vollständig erschöpft, wenngleich auch nicht körperlich. Sie beschloss, zum Turm zurückzukehren und Hartmut zu suchen.

***

Tirvo saß am Grund des Sees und hielt die Luft an. Er wusste nicht, wie lange er bereits dort unten war – er hatte vergessen zu zählen – aber es waren gewiss bereits mehrere Minuten. Er war sich sicher, dass er ohne seine Gabe längst ertrunken wäre, aber nun begann er doch zu spüren, wie der Druck auf seine Lungen langsam unerträglich wurde. Wenn das Wasser mein Freund ist, warum kann ich dann nicht darin atmen?, fragte er sich, während er widerwillig zurück zur Oberfläche schwamm.

Obwohl er sich körperlich gut fühlte und auch die innere Unruhe der letzten Tage verschwunden war, wusste er, dass er jetzt keinen zweiten Versuch mehr unternehmen konnte. Etwas in seinem Inneren hatte sich geleert und musste sich langsam wieder auffüllen.

Immerhin glaubte er jetzt zumindest so ungefähr zu verstehen, wie das mit seiner Grenzenlosigkeit funktionierte: Ab und zu musste er seinem Wahnsinn nachgeben – also sich eingraben – um sich sozusagen geistig zu „reinigen“. Das gab ihm dann für einige Zeit wieder die Kraft, um an der Beherrschung seiner Gabe zu arbeiten.

Nachdenklich ließ Tirvo sich auf dem Rücken treiben. Eigentlich war Grenzenlosigkeit gar nicht so schlimm – auf jeden Fall aber höchst interessant!

***

„Hartmut?“

Ihr Fürsprecher sah sie an. Aurora wusste nicht so recht, wie sie das Gespräch beginnen sollte. Konnte er denn ihre Fragen nicht in ihrem Geist lesen?

„Gewiss kann ich das, aber du solltest sie mir trotzdem stellen“, teilte Hartmut ihr mit.

„Ah… na gut. Hartmut, ich möchte gerne an der Beherrschung meiner Gabe arbeiten. Aber ich weiß nicht, wie! Kannst du mir nicht irgendwie helfen?“

Hartmut schüttelte den Kopf. „Nicht direkt, nein. Deine Gabe ist gänzlich anderer Natur als meine. In der Anstalt wirst du gewiss einen Fürsprecher – oder in deinem Fall vermutlich eine Fürsprecherin – finden, der sie besser versteht und dir dabei Hilfestellung geben kann.“

„Ich würde aber gerne schon ein bisschen etwas können, wenn ich in der Anstalt ankomme.“

Hartmut nickte. „Du hast meine Erlaubnis, selbständig zu üben. Allerdings nur dann, wenn du niemanden – und insbesondere keine Vollbürger! – damit gefährdest! Setze niemals deine Gabe leichtfertig ein, so wie Tideline es getan hat.“

Aurora senkte den Kopf, als sie an das Halblingmädchen dachte. „Jawohl, Hartmut.“ Sie wandte sich zum gehen, aber Hartmut hielt sie zurück.

„Da ist noch etwas.“

Sie sah ihn fragend an.

„Der Vorfall mit dem Bilderköcher.“

„Oh… ich weiß ja jetzt, dass es Ludwig war. Er hat sich bei mir entschuldigt und versprochen, den Köcher so bald wie möglich wieder auszulösen“, sagte die Elbin.

„Und damit ist die Angelegenheit für dich erledigt?“, fragte Hartmut.

„Naja, ich denke schon… Es ist halt sein… sein Wahnsinn“, antwortete Aurora, die es für albern hielt, ihrem Fürsprecher gegenüber (der noch dazu ihre Gedanken lesen konnte!) du weißt schon zu sagen. „Und er will es ja wieder gut machen.“

„Und was ist mit dem Bild selbst?“

„Was soll damit sein?“, wunderte sich Aurora.

„Ich hatte dir gesagt, du sollst dafür Sorge tragen, dass es niemand sonst zu Gesicht bekommt“, entgegnete ihr Fürsprecher.

„Ich weiß… aber was soll ich denn damit machen? Es vergraben?“

Hartmut antwortete nicht und wandte sich ab, und Aurora begriff, dass das Gespräch nun zu Ende war.

***

Spät abends schlich sich die Elbin mit dem Bild unter ihrem Arm aus dem Zimmer, als Mai-shin gerade im Badezimmer war. Der Spaten, den sie suchte, lehnte an der Tür zum Schuppen. Offenbar hat ihn kürzlich jemand benutzt, dachte sie. Aber wofür?

Sie nahm ihn und ging in Richtung des Sees. Dort hatte sie von ihrem Fenster aus einen allein stehenden Felsen gesehen. Wenn sie das Bild schon vergrub, dann an einer Stelle, die sie von ihrem Zimmer aus im Auge behalten konnte, und die sie ohne Schwierigkeiten wiederfand. Schließlich war es ein sehr hübsches und sehr kostbares Bild.

Doch als sie den Felsen erreichte, stellte sie schockiert fest, dass just an dieser Stelle vor kurzem jemand gegraben hatte! Das war seltsam und beunruhigend.

Sie sah sich um. Wo sonst wäre ein geeigneter Ort? Ihr Blick schweifte durch die Nacht. Sie glaubte, am Waldrand einige Augenpaare zu erkennen. Katzen, dachte Aurora. Ob sie mich beobachten?

Auf einmal kam ihr in den Sinn, dass es völlig sinnlos war, in der Nähe des Turms etwas zu vergraben! Nicht nur, dass sie dabei, egal ob Tag oder Nacht, möglicherweise von Pfoten gesehen wurde: Jeder Hund wäre in der Lage, ihrer Spur zu folgen und – vielleicht lediglich aus reiner Neugierde – das Bild wieder auszugraben!

Das hat keinen Sinn, entschied sie. Überhaupt war das Ganze eine alberne Idee. Das hat Hartmut gewiss nicht gemeint!

Sie ging zurück zum Turm. Einen sichereren Platz als unter ihrem Bett hatte sie eben nicht zur Verfügung. Und außerdem konnte sie auf diese Weise das Bild auch ab und zu betrachten – wozu sonst hatte Johann es schließlich gemalt?

So ein wunderschönes Bild.

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Veröffentlicht on April 5, 2011 at 11:36 am  Schreibe einen Kommentar  

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