Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 37

*** Der Goldene Anker ***

Sie konnten erst im Verlauf des nächsten Vormittags mit Hartmut sprechen, da dieser die Nacht in Kaperstadt verbracht hatte und erst nach dem Frühstück zum Turm zurückgekehrt war. Er hörte ihnen schweigend zu. Dann fragte er sie:

„Und was denkt ihr?“

„Ich weiß nicht“, sagte Aurora. „Es deutet alles darauf hin, dass die Katzen die Geschichte erfunden haben. Aber die Sache mit dem Gasthaus ist merkwürdig.“

„Vielleicht sollten wir uns dort einmal umschauen“, schlug Tirvo vor.

„Das denke ich auch“, stimmte Hartmut zu. „Ich erteile euch hiermit offiziell den Auftrag, diese Angelegenheit im Namen der Anstalt zu untersuchen. Nehmt diesmal Johann und Mai-shin mit. Es ist möglich, dass wir uns die nächsten Tage nicht sehen. Ich vertraue jedoch darauf, dass ihr in der Lage seid, eigenständig Entscheidungen zu treffen.“

***

„Wieso errichtet jemand eine Gaststätte eine halbe Stunde nördlich der Stadtgrenze?“, wunderte sich Aurora, während sie einem Pfad folgten, der den Strand entlangführte.

„Es ist wohl eine Art Ausflugslokal“, meinte Johann. „Es wird besonders von Jugendlichen aufgesucht, denen die Kneipen im Hafengebiet nicht zusagen, aber auch Familien machen gelegentlich einen Spaziergang dorthin.“

„Du kennst es?“, fragte Tirvo.

Johann schüttelte den Kopf. „Ich habe nur davon gehört. Meine Schwester war ein paar Mal dort.“

„Und du nicht?“

„Nein. Einmal war ich zu jung – wenn man kein Grenzenloser ist, wird man in den meisten Lokalen ohne Begleitung der Eltern erst mit siebzehn, wenn man volljährig ist, eingelassen. Naja, und außerdem wollte ich meine Freizeit nicht unbedingt am selben Ort wie meine Schwester verbringen.“

„Ich habe den größten Teil meines Lebens zusammen mit meinen Geschwistern verbracht“, sagte Mai-shin. „Freizeit hatten wir allerdings nicht gerade viel.“

„Ich war ein Einzelkind“, sagte Aurora.

„Was ist mit dir, Tirvo?“, fragte Mai-shin. „Hast du Geschwister?“

Der dachte daran, wie Kerri und Megan ihn auf dem Platz der Gerechtigkeit verleugnet hatten. „Jetzt nicht mehr“, antwortete er.

Sie legten den Rest des Wegs schweigend zurück.

***

Der Goldene Anker befand sich nur gut dreißig Meter vom Strand entfernt. Auf einer mit Kies bestreuten Terrasse standen zwei Dutzend von Sonnenschirmen beschattete Tische und Stühle. Am Strand selbst, der an dieser Stelle aus feinem Sand bestand, saßen weitere Bürger auf Decken und in Strandkörben. Nicht weit entfernt lagen an einem kleinen Steg einige Paddelboote, mit denen die Gäste gegen eine Mietgebühr ein Stück aufs Meer hinaus rudern konnten.

Das Lokal war bereits zur Mittagszeit gut gefüllt, auch wenn es noch einige freie Plätze gab. Nicht weniger als drei Bedienungen servierten Limonade, Bier, Wein, Salate, Fisch- und Gemüsesuppe, sowie die Spezialität des Goldenen Ankers: Gegrillte Sandwiches mit Fleisch und Käse. Das Publikum war tatsächlich größtenteils jung, hauptsächlich Menschen und Zwerge, aber an einem Tisch saß auch eine Gruppe Halblinge. Aurora schien allerdings die einzige Elbin zu sein. Pfoten sahen sie keine.

„Setzen wir uns doch hierhin“, schlug Johann vor und wies auf einen gerade frei gewordenen Tisch am Rand der Terrasse.

„Ich fürchte, wir haben vergessen, Hartmut um Spesengeld zu bitten“, sagte Aurora kleinlaut.

„Ich trinke einfach ein Glas Wasser“, meinte Tirvo.

„Ach was, wenn wir schon hier sind, können wir uns auch ein wenig amüsieren – ich lade euch ein!“, verkündete Johann großzügig. Er ignorierte Auroras halbherzigen Protest und winkte eine der Bedienungen heran. Nachdem diese sich vergewissert hatte, dass sie Grenzenlose waren, nahm sie ihre Bestellungen auf: Ein Becher Wein (die teurere der beiden angebotenen Sorten), ein Sandwich und einen Fischsalat für jeden.

Den Wein erhielten sie bereits nach kurzer Zeit, aber auf das Essen mussten sie recht lange warten. Offenbar saßen auch im Goldenen Anker selbst noch einige Gäste, und die Küche war gut ausgelastet.

Tirvo machte sich mit gesundem Appetit über Salat und Sandwich her. Die beiden Mädchen ließen es ein wenig langsamer angehen. Johann stocherte geistesabwesend nur ein wenig im Salat herum und biss zwei Mal von seinem Sandwich ab.

„Schmeckt es dir nicht?“, fragte Aurora ihn. „Es ist doch eigentlich ganz ordentlich zubereitet.“ Seit ihrer Gefangennahme durch die schattenländische Inquisition war sie beim Essen nicht mehr besonders wählerisch.

„Geht so“, murmelte Johann.

„Mir schmeckt’s!“, bekannte Tirvo mit vollem Mund.

„Mir auch“, pflichtete Mai-shin ihm bei. „Vielen Dank für die Einladung, Johann!“

Dieser wandte sich ihr zu. „Aber ich bitte dich, Mai-shin, das ist doch nicht der Rede wert – für ein so zauberhaftes Mädchen wie dich sind diese einfachen Speisen doch völlig unangemessen, und diese armselige Flüssigkeit, die sie hier als Wein verkaufen, ist doch gar nicht würdig, deine zarten Lippen zu benetzen! Was brauche ich diese kümmerliche Nahrung, wenn ich mich doch am Anblick deiner strahlenden Augen nicht satt sehen kann; was wäre selbst der edelste Wein gegen die bloße Hoffnung, einen Kuss von dir zu erhaschen?“

Tirvo und Aurora tauschten Blicke. „Wir gehen uns dann mal ein wenig umsehen“, sagte Tirvo. Sie standen eilig auf und ließen Johann und Mai-shin alleine.

***

Während Aurora die Umgebung erkunden wollte, betrat Tirvo das Gasthaus. Das knappe Dutzend Tische hier drin war kaum weniger gut besetzt als der Terrassenbereich, hauptsächlich von Zwergen. Am rückwärtigen Ende des Raums stand ein kleiner Tresen, neben dem eine Schwingtür den Durchgang zur Küche ermöglichte. An der linken Wand führte eine mit einer Kordel abgesperrte Treppe in das obere Stockwerk.

Tirvo trat an den Tresen. Dahinter zapfte ein ungefähr fünfzig Jahre alter Menschenmann mit einer Augenklappe Bier. Seine Kleidung, sein Auftreten und sein verwittertes, vernarbtes Gesicht wiesen alle darauf hin, dass er ein ehemalige Seemann war.

Der Mann wandte sich ihm zu. „Willst du etwas trinken, Junge? Du bist doch grenzenlos, oder?“

Tirvo bejahte die zweite Frage. „Ich wurde aber schon bedient, danke. Ich wollte fragen, ob ich mir hier vielleicht ein wenig Geld verdienen könnte. Meine Eltern in Urland haben eine Hafenkneipe betrieben, und ich kenne mich damit ganz gut aus.“

Der Mann sah ihn kurz prüfend an und schüttelte dann den Kopf. „Wir suchen eigentlich nur eine weitere Bedienung, und da kommt ein Kerl nicht in Frage. Die Jungs aus der Stadt wollen Röcke sehen. Außerdem würdest du kaum Trinkgeld kriegen, und jede Menge dumme Sprüche zu hören.“

„Schon klar“, meinte Tirvo.

„Ansonsten bräuchten wir höchstens noch jemanden, der die Latrinen reinigt – aber das ist wohl eher nichts für dich, oder?“

Tirvo schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich.“

Während er noch überlegte, wie er das Gespräch fortsetzen konnte, brachte eine der Bedienungen einen Haufen neue Bestellungen, und der Mann kümmerte sich ums Zapfen und ignorierte ihn.

Er schlenderte langsam wieder Richtung Eingang, als er aus einer Nische heraus angerufen wurde: „He – Grenzenloser!“

Tirvo ging auf den Rufer zu. Zwei offensichtlich bereits zu dieser Zeit leicht angetrunkene Zwerge grinsten ihn an.

„Wir haben gehört, du willst dir ein bisschen Geld verdienen?“

„Ja“, bestätigte Tirvo.

„Da wüssten wir schon etwas für einen jungen Grenzenlosen wie dich.“

„Was denn?“, fragte Tirvo.

Das Grinsen der beiden wurde breiter. „Du hast doch bestimmt kräftige Hände?“

„Ich denke schon“, antwortete er zögernd. „Was soll ich denn machen?“

Einer der Zwerge bildete einen Ring mit seinen Fingern und bewegte diesen rasch auf und ab. „Das kannst du doch bestimmt, oder? Na, wie wär’s, Grenzenloser? Ein Silberstück für uns beide?“

Die beiden Zwerge lachten. Tirvo stand sekundenlang mit verwirrtem Gesicht da, bevor er plötzlich begriff und ihm die Röte ins Gesicht schoss.

„Nein… danke… eher nicht.“ Er wandte sich hastig zum Gehen.

„Überleg’s dir, Bürschchen – ist leicht verdientes Geld für Grenzenlose!“

Erschüttert floh Tirvo hinaus ins Freie. Er war doch noch ein Schüler, und sie waren Zwerge – MÄNNLICHE Zwerge! Und sie hatten ihm in aller Öffentlichkeit Geld geboten!

In der Tagmokratie wäre das völlig undenkbar gewesen.

***

„Hi, ich bin der Schorsch.“

Überrascht sah Aurora den Menschenjungen an, der sie plötzlich angesprochen hatte, als sie den Strand entlang spaziert war. Er war wohl so gerade eben volljährig, trug lässige, ein wenig bunte Kleidung, die sie entfernt an die von Bänkelsängern erinnerte und hatte auch tatsächlich eine abgewetzt aussehende Gitarre über seiner Schulter hängen. Er blickte sie aus leicht glasigen Augen über einem noch nicht vollständig entwickelten Bart an, der ebenso wie seine langen Haare einen struppigen Eindruck machte.

„Hallo. Ich heiße Aurora“, antwortete sie höflich.

„Du scheinst nichts Besonderes vorzuhaben, und da dachte ich, vielleicht hast du Lust, mit mir und ein paar Kumpels mitzukommen? Wir wollen uns eine nette Stelle am Strand suchen und ein bisschen musizieren und so und später ein Lagerfeuer machen.“

„Musizieren?“ Aurora überlegte kurz. Das klang doch eigentlich ganz interessant! Sie mochte Musik – in der Tagmokratie hatte sie Cembalo-Unterricht genommen – und sie war neugierig, was für Stücke in Arkheim wohl gespielt würden. Außerdem schien ihr das eine gute Gelegenheit zu sein, mit Leuten ins Gespräch zu kommen.

„Klar, warum nicht? Ich frage nur rasch die anderen.“

„Die anderen?“, fragte Schorsch irritiert nach.

„Meine Freunde, mit denen ich hier bin. Die können doch auch mitkommen, oder?“

„Äh – klaro, natürlich. Kein Ding.“

Aurora sah sich suchend um. Gerade in diesem Moment kam Tirvo aus dem Gasthaus heraus gelaufen. Er schien es eilig zu haben. Sie winkte ihm zu.

„Tirvo! Hier!“

Er gesellte sich zu ihnen. „Komische Bürger gibt es hier“, murmelte er.

Aurora stellte ihm rasch Schorsch vor und fragte ihn, ob er mitkommen wolle. Tirvo nickte. „Sicher.“

Johann und Mai-shin saßen noch am Tisch. Johann hatte die Hand der Lashani ergriffen, und die beiden schienen sich mit einander zugeneigten Köpfen leise und ernsthaft zu unterhalten.

„Ich denke, die kommen eine Zeit lang alleine zurecht“, meinte Tirvo.

Aurora stimmte zu.

Schorsch führte sie zu einer Gruppe menschlicher Jugendlicher, ein halbes Dutzend Jungen und Mädchen in seinem Alter, die gerade im Aufbruch begriffen waren.

„Ihr seid Grenzenlose, nicht wahr?“, fragte sie ein dunkelhaariges Mädchen. „Ich bin Pia.“

Nach allgemeinem Händeschütteln gingen sie in nördlicher Richtung den Strand entlang.

zum nächsten Kapitel
zur Kapitelübersicht
Advertisements
Veröffentlicht on April 17, 2011 at 4:50 pm  Schreibe einen Kommentar  

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s