Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 36

*** Kuno und Kati ***

„Ich verstehe nicht, was die Leute an Hunden finden“, schimpfte Marianne. „Das sind doch nichts als primitive, mordlüsterne Bestien!“

Aurora und Tirvo dachten daran, wie Ludwig von den Berglöwen zerfleischt worden war, aber sie schwiegen lieber, während Marianne weiterhin ihrem Zorn über das Rudel, welches die beiden Katzen gerissen hatte, Luft machte.

Marianne führte sie zu einer Kaperstädter Katzenfreistatt – nach ihren Worten die größte im südlichen Arkheim. Sie selbst war noch nicht dort gewesen, sagte sie, aber natürlich hatten ihre Katzenfreunde ihr davon erzählt.

Ihr Ziel befand sich im Süden der Stadt, eigentlich sogar bereits ein wenig außerhalb: Eine große Villa mit mehreren Nebengebäuden auf einem großzügig eingezäunten Grundstück, auf dem es – wie natürlich zu erwarten gewesen war – vor Katzen wimmelte.

„Das müssen ja Hunderte sein!“, staunte Tirvo.

„An manchen Tagen mehr als tausend“, bestätigte Marianne. „Viele Katzenfamilien leben dauerhaft hier.“

„Und wer wohnt hier?“, wollte Aurora wissen. „Ich meine, welche Bürger?“

„Ein Mensch namens Kunibert Katzenfreund. Den Namen hat er natürlich angenommen. Er ist wohl sehr vermögend und finanziert diese Freistatt aus seinen privaten Mitteln. Außerdem arbeiten hier noch ein Dutzend Bedienstete, die ihm dabei helfen, sich um seine Katzenfreunde zu kümmern.“

Kaum hatten sie das Gelände betreten, wurde ihr Kommen durch vielstimmiges Miauen angekündigt. Die Tür zum Haupthaus stand weit offen, und Katzen liefen ununterbrochen hinein und heraus, aber die Schüler warteten höflich, bis sie hinein gebeten würden. Marianne hatte sich auf die Türschwelle gesetzt und unterhielt sich bereits angeregt mit zahlreichen Katzen in deren Sprache.

Nach wenigen Minuten eilte dann ein kleiner, etwas dicklicher grauhaariger Herr in einem weißen Seidenmantel herbei, begrüßte sie und bat sie herein. Er führte sie in ein gemütliches Wohnzimmer, wo sie sich vorsichtig zwischen nur unwillig beiseite rutschenden Katzen in sehr weiche Sessel niederließen.

„Ihr kommt von Hartmut, nicht wahr? Kann ich euch etwas anbieten?“, fragte ihr Gastgeber sie, noch bevor sie den Zweck ihres Hierseins erklären konnten. „Ich habe Milch in zehn verschiedenen Geschmacksrichtungen, probiert einmal!“

Rasch stand eine Auswahl an Kannen vor ihnen, und sie tranken abwechselnd Milch mit Erdbeer-, Blaubeer-, Bananen- und Kakaogeschmack, sowie noch einige Sorten mehr. Kunibert erklärte ihnen, wie diese Getränke durch Mischung mit aus verschiedenen Früchten und Zucker eingekochtem Sirup entstanden, und sie bestätigten ihm wahrheitsgemäß, dass sie tatsächlich sehr lecker schmeckten. Auch den anwesenden Katzen schenkte ihr Gastgeber immer wieder in kleine, flache Tassen nach, die er auf den Boden stellte.

Irgendwann gelang es Tirvo dann, das Gespräch auf den Grund ihres Besuchs zu lenken.

„Aber natürlich dürft ihr euch umhören! Stört nur bitte nicht die Katzenmütter im Geburtsflügel.“

Marianne sprang sofort auf und begann voller Begeisterung, die Freistatt zu erkunden.

„Wir verstehen die Katzensprache nicht“, erklärte Aurora entschuldigend, warum Tirvo und sie sitzen blieben.

„Das ist auch eine sehr seltene Gabe“, sagte Kunibert. „Ich wünschte, ich besäße sie. Was sind eure Gaben, wenn ich fragen darf?“

Sie machten ein wenig oberflächliche Konversation. Ihr Gastgeber bekundete zwar höflich Interesse an ihnen, lenkte aber schon bald das Gespräch auf die Katzen, die bei ihm lebten. Die beiden Schüler bemühten sich, seinen Erzählungen zu folgen, aber es prasselten einfach viel zu viele Namen auf sie ein.

„Woher kennen Sie eigentlich die Namen all der Katzen?“, fragte Tirvo, als Kunibert gerade selbst einen Schluck Milch nahm. „Ich meine, Sie verstehen doch die Katzensprache nicht, also können die Katzen sie Ihnen nicht sagen.“

„Es sind sowieso nicht ihre richtigen Namen“, erklärte ihnen Kunibert, „nur Rufnamen, die ihnen von Bürgern gegeben wurden. Viele Katzen, die eine Freistatt zum ersten Mal betreten, haben solche Rufnamen noch gar nicht und erhalten sie dann von den Bürgern, die dort leben. Andere, denen schon ein Rufname gegeben wurde, oder die eine Vorstellung davon besitzen, wie sie von Bürgern genannt werden wollen, kommunizieren diesen irgendwie, häufig in geschriebener Form.“

„Wie viele Katzen können denn lesen und schreiben?“, erkundigte sich Tirvo.

„Das ist sehr unterschiedlich. Wild lebende Katzen lernen das nur sehr selten, bei Stadtkatzen ist es schon eher üblich, auch abhängig von ihrem Umgang und ihren Interessen. Katzen, die in bürgerlichen Familien leben, lernen es fast immer. Von denen, die den Großteil ihrer Zeit in einer bestimmten Freistatt verbringen, vielleicht knapp die Hälfte – sie haben ja immer eine schreibkundige Mitkatze in der Nähe, wenn sie sie benötigen. Es kommt natürlich auch auf die Natur der Freistatt an: Die Anstaltskatzen können, so weit ich weiß, fast alle lesen! Bei Katzen, die viel zwischen verschiedenen Freistätten und bürgerlichen Siedlungen herumstreunen, ist es vielleicht jede vierte, auch abhängig von den Orten, an denen sie sich am meisten aufhalten. Palaststädter Katzen beispielsweise sind generell gebildeter als solche aus Auswärtshafen, genau so wie es auch bei den dort lebenden Bürgern der Fall ist. Die allermeisten Stadtkatzen sind aber zumindest in der Lage, ihren eigenen Namen zu schreiben. Nicht zuletzt deswegen sind unsere Rufnamen für Pfoten auch üblicherweise kurz.“

„Bei Hunden ist es genauso, vermute ich?“, fragte Aurora gedankenlos.

Einige Katzen fauchten. Kunibert zuckte kurz zusammen. „Das nehme ich an, aber darüber mache ich mir keine Gedanken.“

„Und Sie können sich alle diese Namen merken?“, fragte Tirvo hastig.

„Nein, natürlich nicht alle, nur diejenigen, deren Träger näheren Umgang mit mir haben. Diese beiden, von denen ihr gesprochen habt, Kuno und Kati, sagen mir zum Beispiel nichts – ich habe zwar in meinem Leben einige Katzen kennen gelernt, die diese Namen trugen, aber keine, die ich mit eurer Geschichte in Verbindung bringen würde. Möglicherweise wissen meine Bediensteten mehr, aber wenn eure Freundin, die die Katzensprache beherrscht, sich hier umhört, wird sie sicher etwas über die beiden herausfinden.“

***

Nach einer knappen Stunde kehrte dann Marianne, über das ganze Gesicht strahlend, zu ihnen zurück.

„Das ist wirklich ein wundervoller Ort hier, Herr Katzenfreund! Wenn ich eine Katze wäre, würde ich auch hier leben wollen. Sie haben ja sogar eine kleine Katzenbibliothek! Und eine Küche, die extra Katzengerichte zubereitet! Im Waisenhaus haben wir Kinder jedenfalls weit schlechter gegessen. Kostet das denn nicht furchtbar viel Geld?“

Kunibert lächelte. „Andere Bürger geben ihr Geld für Juwelen aus, für teure Kleider, für Kunstgegenstände, oder für einen Reitstall. Ich bevorzuge es, meine Katzenfreunde zu unterstützen.“

„Bewundernswert!“, himmelte Marianne ihn an.

„Hast du etwas in Erfahrung gebracht?“, unterbrach Tirvo sie etwas ungeduldig.

„Ach so – ja. Also, Kuno und Kati scheinen ein etwas älteres Katzenpärchen gewesen zu sein, das vor etwa eineinhalb Jahren aus Arkheim nach Kaperstadt gekommen ist. Die beiden hatten einen ziemlich schlechten Ruf, und es heißt, sie hätten Arkheim verlassen, weil sie in Auswärtshafen in krumme Geschäfte verwickelt waren, und ihnen dort der Boden unter den Füßen zu heiß geworden wäre. Sie hatten keinen besonders engen Kontakt zu ihren Mitkatzen. Auch hier in Kaperstadt hätten sie sich häufig in Kneipen und Bordellen herumgetrieben und allgemein nicht den besten bürgerlichen Umgang gepflegt.“

„Willst du damit sagen, die beiden waren kriminelle Katzen?“, fragte Aurora ungläubig.

„Naja, sagen wir, sie waren auf jeden Fall zwielichtige Gestalten. Vermögend scheinen sie aber nicht gewesen zu sein. Zumindest besaßen sie in dieser Freistatt kein Schließfach.“

„Manche Katzen häufen Besitz an“, erklärte Kunibert ihnen auf ihre fragenden Blicke hin. „Da sie diesen in der Regel nicht mit sich herumtragen, benötigen sie einen Bürger ihres Vertrauens, der ihn für sie verwahrt. Für diesen Zweck haben wir hier ein paar Dutzend Schließfächer, deren Schlüssel ihre Besitzer entweder bei sich tragen oder bei mir oder einem meiner Bediensteten in Verwahrung gegeben haben.“

Tirvo nickte. Er erinnerte sich, wie Rogo seine Schulden bei ihm bezahlt und das Restgeld Ludwig zur Aufbewahrung gegeben hatte. Hier auf dem Grundstück hatte er auch die eine oder andere Katze mit einem kleinen Lederbeutel um den Hals herumlaufen gesehen.

„Eines war aber merkwürdig“, fuhr Marianne fort. „Hier in der Freistatt fragen ja gelegentlich Bürger nach, die Katzen zur Erfüllung bestimmter Aufgaben suchen, meistens als Rattenfänger. Vor ein paar Wochen wurde ein Laufbursche mit einer solchen Anfrage hierher geschickt, und der soll sich gezielt nach Kuno und Kati erkundigt haben, obwohl es in Kaperstadt erheblich bekanntere und erfahrenere Rattenfänger gibt.“

„Weißt du, von wem diese Anfrage stammte?“, fragte Tirvo.

„Das ist noch so eine Sache: Es gibt wohl im Norden von Kaperstadt eine Gaststätte, die sich Zum Goldenen Anker nennt. So weit es den Kaperstädter Katzen bekannt war – und das ist eine Angelegenheit, in der sie üblicherweise Bescheid wissen – hatte dieser aber vorher noch nie Probleme mit Ratten oder Mäusen gehabt. Jetzt aber sollten Kuno und Kati plötzlich einmal die Woche regelmäßig dort arbeiten. Und das haben sie auch getan, aber vorgestern sind sie dann nicht mehr zurückgekehrt.“

„Sie waren wohl unvorsichtig“, sagte Kunibert traurig. „Offenbar waren sie es gewohnt, sich mit allerlei Tricks durch das Leben zu mogeln, aber die Geschichte mit dem Schatz haben die Hunde ihnen wohl nicht abgekauft, oder sie waren schlicht zu blutgierig, um überhaupt darüber nachzudenken.“

„Das mit dem Schatz glaubt hier auch niemand“, sagte Marianne. „Dass sie einem unvorsichtigen Bürger vielleicht seinen Geldbeutel geklaut hätten, das traute man ihnen zu, aber mehr auch nicht.“

Katzen sind ja ideale Diebe!, schoss es Aurora durch den Kopf. Wenn ich jemals wieder kostbaren Besitz haben sollte, der klein genug ist, dass eine Katze ihn forttragen kann, muss ich ihn gut wegschließen.

Sie bedankten sich bei Kunibert für seine Gastfreundschaft und verabschiedeten sich, um ihrem Fürsprecher Bericht zu erstatten.

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Veröffentlicht on April 13, 2011 at 7:36 pm  Schreibe einen Kommentar  

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