Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 38

*** Wasserspaß ***

„Hier ist es“, verkündete Schorsch unnötigerweise – vor ihnen war deutlich eine schon mehrfach benutzte Feuerstelle in einem Ring von Steinen zu erkennen, und seine Begleiter luden bereits ihre Sachen ab. Natürlich entzündeten sie noch kein Feuer, breiteten aber Decken aus und ließen sich darauf im Kreis um die Feuerstelle nieder.

Schorsch bot Aurora einen Platz auf seiner Decke an, und die Elbin ließ sich mit angezogenen Knien etwas unsicher darauf nieder. Neben ihnen rutschte Pia etwas näher an ihren Sitznachbarn heran, der besitzergreifend seinen Arm um ihre Schulter legte, und schuf so Platz für Tirvo. Dieser streckte sich ungehemmt der Länge nach aus und platzierte seinen Kopf auf einem Rucksack.

Aurora beobachtete, wie Schorsch einen Lederbeutel hervorzog, in dem sich getrocknete Kräuter befanden, etwas von dessen Inhalt in eine schmale Pfeife stopfte und diese mit einem Streichholz aus einer kleinen metallenen Box anzündete. Sie rümpfte die Nase. Der Geruch war merkwürdig intensiv und schwer und ganz anders als der von Tabak.

„Was sind das für Kräuter?“, fragte sie misstrauisch.

„Gutes Zeug“, antwortete Schorsch mit einem breiten Lächeln. Er nahm einen tiefen Zug aus der Pfeife und reichte diese dann an sie weiter, während er langsam und genüsslich den Rauch ausatmete.

„Nein danke“, wehrte Aurora entschieden ab. Mit einem Achselzucken beugte Schorsch sich vor und übergab die Pfeife an Pia, die ebenfalls einen tiefen Zug daraus nahm. Dann stieß sie den neben ihr liegenden Tirvo an.

„Was ist mit dir?“

Der Junge, der die Arme um sie geschlungen hatte, griff nach der Pfeife. „Er ist noch zu jung dafür.“

Pia hielt die Pfeife mit ausgestrecktem Arm außerhalb seiner Reichweite. „Aber er ist grenzenlos, oder? Also wird er wie ein Volljähriger behandelt.“

Sie nahm noch einen Zug, beugte den Kopf ein wenig zu Tirvo hinunter und blies ihm ein wenig Rauch ins Gesicht. „Und? Willst du auch mal ziehen?“

„Klaro“, antwortete Tirvo, setzte sich auf, griff nach der Pfeife und nahm ebenfalls einen tiefen Zug.

***

Einige Minuten später war die immer wieder im Kreis weiter gegebene Pfeife zum fünften Mal bei Tirvo angekommen, und er inhalierte den würzigen Rauch daraus bereits mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie die älteren Jugendlichen. Zuhause in Schattenland hatte er ein paar Mal heimlich mit Freunden an einer Pfeife gezogen, aber das war etwas ganz anderes gewesen – der beißende Tabakrauch hatte in seinem Hals gekratzt und ihn zum Husten gebracht, und danach war ihm übel geworden. Jetzt aber fühlte er sich gut. Seine Gedanken waren klarer und freier als sonst, und die Welt um ihn herum ergab irgendwie mehr Sinn, rückte jedoch gleichzeitig auch etwas in den Hintergrund. Tirvo war sich plötzlich bewusst, dass er sich bewusst war, dass er sich bewusst war… ach Unsinn, er war sich einfach bewusst! Ohne dies zu verheimlichen, betrachtete er die neben ihm sitzende Pia: Ein drei oder vier Jahre älteres Mädchen, gerade voll ausgewachsen, schlank, aber mit betonten weiblichen Rundungen, apfelgroßen Brüsten, langen schwarzen Haaren, dunklen Augen und vollen Lippen. Was er sah, gefiel ihm, und er bemerkte, dass sie ihn häufig anlächelte.

„Lasst uns Schwimmen gehen“, schlug jemand vor. Sofort sprang Tirvo auf und lief zum Wasser. Was für eine großartige Idee! Warum war er nicht darauf gekommen?

„Willst du mit deiner ganzen Kleidung hineingehen?“, rief Pia ihm nach.

Er hielt inne. Natürlich – er musste sich ausziehen. Aber ging das denn, wenn Mädchen dabei waren?

Doch die anderen Jugendlichen hatten damit offensichtlich keinerlei Probleme. Jungen und Mädchen zogen sich beide bis auf die Unterhosen aus, und Tirvo tat es ihnen gleich. Dann liefen sie gemeinsam ins Wasser. Tirvo warf sich sofort der Länge nach hinein. Ich bin in meinem Element, dachte er. Ich bin Teil des Wassers, und das Wasser ist ein Teil von mir.

Er tauchte kurz und schnellte dann rasch wieder empor, wie ein Lachs, der eine Stromschnelle übersprang. Vor ihm stand Pia, mit nacktem Oberkörper, glitzernd vor Nässe. Sein Blick fiel auf einen winzigen Wassertropfen auf ihrer Schulter, der ganz langsam an ihrer linken Brust entlang hinab zu rinnen begann.

„Was glotzt du so, Grenzenloser?“ Mit einer plötzlichen Bewegung ihrer beiden Hände spritzte sie ihn voll. Tirvo rührte sich nicht. Sie spritzte ihn erneut nass. „Willst du dich nicht wehren?“

Langsam hob er die Hände über den Kopf. Pia zuckte die Achseln. „Wenn du keine Lust hast…“

In diesem Augenblick griff Tirvo mit aller Kraft ins Wasser – aber nicht mit seinen Händen, sondern mit seinen Gedanken! Eine meterhohe Welle entstand, die Pia ins Stolpern brachte und umwarf. Er lachte.

Prustend richtete das Mädchen sich wieder auf. „Wie hast du das gemacht?“, fragte sie.

Grinsend ließ Tirvo sich rückwärts ins Wasser fallen. „Ich bin grenzenlos – schon vergessen?“

„Krass“, staunte Pia. „Was kannst du noch so?“

Alles, was ich will, dachte Tirvo. Jedenfalls fühlte er sich so.

„Reiterspiel!“, rief einer der Jungen. Ein Mädchen saß auf seinen Schultern und klammerte sich mit ihren Oberschenkeln fest. Der Junge, der neben Pia auf der Decke gesessen hatte, blickte in ihre Richtung, aber sie machte einen Schritt auf Tirvo zu. „Bist du stark genug, mich zu tragen?“

„Klaro“, versicherte er ihr und ging in die Hocke. Sie stieg auf seine Schultern, und er spürte ihren Schlüpfer an seinem Hals. Dann richtete er sich auf und rannte mit lautem Brüllen auf das andere Pärchen zu, das seinem Ansturm nicht gewachsen war und hilflos ins Wasser stürzte.

„Gewonnen!“, jubelte Pia. „Gibt es hier keine richtigen Gegner?“

Tirvo grinste bis über beide Ohren. Kommt nur, dachte er. Im Wasser bin ich unbesiegbar.

***

Als sie schließlich wieder das Wasser verließen, sah er Aurora schweigend neben dem leise auf seiner Gitarre klimpernden Schorsch sitzen. Sie wirkte verärgert, aber Tirvo beachtete sie nicht.

„Jetzt habe ich Hunger“, sagte Pia. „Wer holt Sandwiches?“ Einer der Jungen – Tirvo glaubte, dass er Paul hieß – erklärte sich bereit. „Aber beeil dich!“, forderte Pia. „Ich habe Kohldampf!“

„Eine Viertelstunde wirst du es schon noch aushalten müssen, auch wenn ich laufe“, entgegnete der Junge.

„Wenn ich schwimme, geht es vielleicht schneller“, meinte Tirvo.

Die anderen starrten ihn an. „Du bist ja verrückt!“, meinte Paul. „Niemals schwimmst du schneller als ich laufe!“

„Wetten wir?“, gab Tirvo lässig zurück.

„Au ja, ein Wettrennen!“, rief Pia.

„Von mir aus“, meinte Paul. „Das Ganze ist doch lächerlich!“

„Auf die Plätze…“, kommandierte Pia. Tirvo warf erneut seine Kleidung beiseite und lief ins Wasser. Paul schüttelte den Kopf und stellte sich in Position.

„…fertig …LOS!“

Paul begann zu rennen, und Tirvo sprang ins flache Wasser. Er schwamm ein paar Meter weit hinaus und konzentrierte sich dann darauf, eins mit dem Wasser zu werden, genau so wie damals beim Wettschwimmen mit Ludwig und Rogo. Die Welt um ihm herum verschwamm, und er schoss pfeilschnell durch die Fluten.

Im Wasser bin ich unbesiegbar.

***

Aber als er an dem kleinen Anlegesteg aus dem Wasser sprang, erwartete Paul ihn bereits, wenn auch schwer atmend.

„Unglaublich!“, keuchte dieser. „Fast hättest du es tatsächlich geschafft! Noch nie habe ich jemanden so schnell schwimmen sehen!“

„Wohl nicht schnell genug“, murmelte Tirvo enttäuscht. „Du hast gewonnen, gratuliere.“

„Aber das war einfach der völlige Wahnsinn!“ Paul konnte sich gar nicht beruhigen. „Ich hatte vielleicht dreißig Sekunden Vorsprung! Wenn ich nicht so ein guter Läufer wäre…“

„Tja.“ Tirvo begann in Richtung Gasthaus zu gehen, aber Paul hielt ihn zurück.

„Äh… So solltest du da vielleicht nicht reingehen.“

Ach richtig – er war ja nackt bis auf die Unterhose.

„Warte einfach im Wasser. Ich hole rasch die Sandwiches, und wir gehen dann gemeinsam zurück.“

„In Ordnung“, stimmte Tirvo zu und sprang zurück ins Meer. Dreißig Sekunden! Wenn er sich nur etwas mehr angestrengt hätte, hätte er gewinnen können. Mit sich selbst unzufrieden ließ er sich auf dem Rücken treiben.

Es dauerte nicht lange, dann kehrte Paul mit einem Korb zurück, in dem sich ein Dutzend in Tücher eingewickelte Sandwiches befanden. Bevor sie sich auf den Rückweg machten, fragte Tirvo ihn: „Hast du vielleicht meine Freunde dort sitzen sehen – ein Lashanimädchen mit blau gefärbten Haaren und einen sehr gut angezogenen blonden Jungen?“

Paul nickte. „Ja, habe ich. Die beiden sind auch grenzenlos, nicht wahr? Sie trinken Wein und… naja… scheinen sich über ziemlich private Dinge zu unterhalten. Soll ich ihnen Bescheid geben, wo ihr seid?“

„Nicht nötig“, winkte Tirvo ab. „Sie haben jetzt bestimmt viel zu besprechen.“

Sie gingen zurück.

Als sie wieder bei den anderen eintrafen, fragte Pia sofort. „Und? Wer hat gewonnen?“

Tirvo öffnete seinen Mund, aber Paul kam ihm mit der Antwort zuvor. „Er hat es tatsächlich geschafft! Es ist unglaublich, einfach unglaublich!“

Pia strahlte ihn an, und Tirvo sagte nichts.

***

Jemand hatte einen großen Schlauch mit Wein mitgebracht und ließ diesen herumgehen, während sie die Sandwiches verzehrten. Aurora lehnte dankend ab – sie hatte schließlich gerade erst einen Becher Wein gehabt. Was würde Hartmut dazu sagen, wenn sie sich sinnlos betränke? Und was dachte Tirvo sich eigentlich? Erst rauchte er dieses merkwürdige Kraut, und dann setzte er hier mitten unter Vollbürgern seine Gabe ein, einfach so – nur zum Spaß! Das war doch völlig verantwortungslos! Und Wein trank er natürlich auch.

Nach dem Essen begannen die Jugendlichen dann zu musizieren. Das war auch nicht ganz das, was die Elbin sich vorgestellt hatte: Schorsch spielte mehr schlecht als recht auf seiner Gitarre, Paul klopfte ohne erkennbares Talent auf einer Handtrommel herum, und alle gemeinsam sangen dazu Lieder, deren Texte es Aurora vorzog, besser nicht zur Kenntnis zu nehmen. Sie hatte bislang die Stücke, welche fahrende Bänkelsänger in Schattenland auf Feiern zum Besten gaben, für ordinär und aufdringlich gehalten, aber im Vergleich zu dieser Strandmusik erschienen sie ihr geradezu zurückhaltend und geschmackvoll! Und die Mädels sangen sogar am lautesten mit…

In einer kurzen Gesangspause musste sie ein weiteres Mal den Schlauch abwehren, den Schorsch ihr an die Lippen zu setzen versuchte. Was tun wir hier eigentlich? Haben wir nicht einen Auftrag auszuführen?

Pia entwand Schorsch den Weinschlauch und nahm einen tiefen Zug daraus. Tirvo wollte danach greifen, aber sie schüttelte den Kopf und reichte ihn weiter. Kommt sie etwa zur Vernunft?, fragte sich Aurora – nur um diese Frage unmittelbar darauf zu verneinen, als Pia sich zu Tirvo vorbeugte, ihre Lippen auf die seinen presste und ihm den Wein aus ihrem Mund zu trinken gab. Der Junge neben ihr sah sie wütend an, und plötzlich wurde Aurora klar, dass er ihr Freund war.

Das gibt Ärger, dachte sie. Kurz darauf sah sie ihre Vermutung bestätigt, als Pia Tirvo etwas ins Ohr flüsterte, und die beiden dann aufstanden und gemeinsam zwischen den Dünen verschwanden.

Ihr Freund wirkte für einen Moment entschlossen, ihnen zu folgen, aber die anderen hielten ihn zurück.

„Gönn ihr doch den Spaß, Bruno“, meinte Paul beruhigend. „Er ist schließlich grenzenlos. Die Gelegenheit kriegt sie so schnell nicht wieder.“

Erneut reichte Schorsch ihr den Weinschlauch, und Aurora stieß diesen ungehalten aus seiner Hand.

Für dich bietet sich hier keine Gelegenheit, Schorsch.

***

Tirvo lag mit geschlossenen Augen da, während Pia ihn auszog und seinen Körper mit Küssen bedeckte. Dann streifte auch sie ihre Kleidung ab und legte sich zu ihm. Zuerst wusste er nicht genau, was er tun sollte, aber sie zeigte es ihm, und plötzlich war da eine ungeheure Kraft in ihm – wie Wasser, das sich hinter einem Damm staute. Er hielt sie fest an den Schultern und versank in ihr, wie er zuvor beim Schwimmen im Meer versunken war; bewegte sich kräftig und rhythmisch, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein.

Der Druck in seinem Innern wurde immer stärker, wurde beinahe unerträglich – bis der Damm in ihm schließlich brach und er Pia mit seiner Sturzflut überschwemmte.

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Veröffentlicht on April 21, 2011 at 4:27 pm  Schreibe einen Kommentar  

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