Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 39

*** Gezeichnet ***

Nachdem sie sich eine Zeitlang schlafend gestellt hatte, damit Schorsch sie endlich in Ruhe ließ, nickte Aurora tatsächlich ein – die Sonne war warm, und als der Gesang der Jugendlichen aufhörte, weil noch weitere Pärchen sich außer Sichtweite begaben, wirkte Schorschs leises Gitarrenklimpern durchaus einschläfernd. Vielleicht trug auch der Rauch des Krautes, der immer noch in der Luft lag, dazu bei.

Als sie wieder erwachte, weil das Singen erneut begann, stand die Sonne bereits tief. Schorschs Pfeife und der Weinschlauch zirkulierten wieder. Tirvo hielt Pia im Arm und wirkte sehr mit sich zufrieden. Bruno sah sie nicht.

Aurora stand wortlos auf und entfernte sich von der Gruppe, um sich die Beine zu vertreten, ein wenig durchzuatmen und einen Platz zum Pinkeln zu finden. Sie spazierte einige Minuten den Strand entlang. Je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr ärgerte sie Tirvos Verhalten.

An einer sichtgeschützten Stelle hielt sie an. Nachdem sie ihre Blase entleert hatte, beschloss sie, noch einmal zu versuchen zu schweben. Tirvo hatte so beeindruckende Fortschritte mit seiner Gabe gemacht, und sie hatte ihre noch kaum unter Kontrolle!

Doch auch diesmal verzeichnete sie keinen erkennbaren Erfolg. Vielleicht lenkte ihr Ärger sie zu sehr ab – oder vielleicht hätte sie doch ebenfalls ein wenig von diesem Kraut rauchen sollen? Tirvo schien es ja nicht geschadet zu haben. Auf jeden Fall hatte er sich im Gegensatz zu ihr gut amüsiert.

Frustriert und wütend – auf sich selbst oder auf Tirvo, da war sie sich nicht ganz sicher – kehrte sie zu den anderen zurück.

***

Die Jugendlichen hatten in der Zwischenzeit Holz gesammelt und ein Feuer angezündet. Aurora steuerte geradewegs auf Tirvo zu, der ausgestreckt auf einer Decke lag und sich von Pia die Schultern massieren ließ.

„Wir sollten langsam nach den anderen sehen, meinst du nicht?“

Tirvo antwortete einen Augenblick nicht, dann stimmte er zu und erhob sich. Pia stand ebenfalls auf, und sie umarmten und küssten einander.

„Mach’s gut, Grenzenloser“, verabschiedete sie ihn mit einem Lächeln. Die anderen winkten ihnen kurz zu, und sie machten sich auf den Rückweg zum Goldenen Anker.

Dort sahen sie zunächst nur Johann. Er saß, von einem guten Dutzend Leuten umringt, an einem kleinen Tisch und zeichnete mit einem Kohlestift die Gesichter von Bürgern, die mutig genug waren, ihm Modell zu sitzen. Einige Stapel mit Kupferkreuzern verrieten, dass er gut damit verdiente.

Aurora warf einen Blick auf seine Werke. Johann hatte die Gesichtsmerkmale der von ihm porträtierten Bürger in einer Weise überbetont, dass sie den Eindruck hatte, ihnen direkt in die Seele sehen zu können – mehr noch, seine Bilder schienen Geschichten über sie zu erzählen: Da war ein lebenslustiges, sehr hübsches Mädchen, dessen blitzende Augen eine Einladung an jeden männlichen Bürger darstellten, sich ihr zu nähern – aber dahinter verbarg sich eine tief sitzende Unsicherheit, Angst vor Einsamkeit und Sehnsucht nach Geborgenheit. Ein anderes Bild zeigte einen wohlhabenden jungen Zwergenmann, der großzügig seinen Reichtum mit anderen teilte – allerdings war seine Freigiebigkeit in Wahrheit wohlkalkuliert, um seine Mitbürger in ein Netz von Abhängigkeiten und Gefälligkeiten zu verstricken, die er eines Tages mit Gewinn würde einfordern können.

„Ich bin gleich soweit“, sagte Johann, als er sie bemerkte. Mit raschen Bewegungen entwarf er ein Porträt des vor ihm sitzenden, fortwährend kichernden Halblingmädchens, welches wohl gerade erst das Schüleralter erreicht hatte und in Begleitung seiner Eltern war. Es zeigte ein ohne Mangel aufgewachsenes, von allen Seiten verhätscheltes Kind, das jedoch hinter seiner Albernheit eine geheimnisvolle Traurigkeit versteckte. Aurora beobachte fasziniert, wie unter Johanns geschickten Fingern immer mehr Details erkennbar wurden: Das Kind hatte einen Verlust erlitten, über den es aber mit niemandem sprechen durfte, weil er in ihrer Familie totgeschwiegen wurde – vielleicht ein älterer Bruder oder eine Schwester. Aber wieso durfte es nicht darüber reden?

Mit einigen letzten Strichen veränderte Johann die Augen des Kindes ein wenig, ließ es in eine unerreichbare Ferne blicken, an einen Ort, den ihre Familie nicht bereit war zu akzeptieren. Mit einem Schock begriff Aurora, dass das Geschwisterkind des Mädchens grenzenlos war, und dass seine Familie es deswegen verstoßen hatte.

Bedrückt wandte sie ihren Blick ab, als Tirvo sie anstupste. „Das solltest du dir ansehen“, sagte er leise.

Er zeigte auf ein weiteres von Johanns Porträts. Darauf war ein vernarbter Mensch mit einer Augenklappe, der früher zur See gefahren war, zu erkennen, aber das war nicht das erste, was Aurora bemerkte, als sie es ansah: Dieses Bild zeigte einen Mann, der in seinem Leben Hunderte hilfloser Bürger mitleidlos getötet hatte.

Es zeigte einen Mörder – und dessen einäugiger, erbarmungsloser Blick war direkt auf sie gerichtet.

Aurora wurde ohnmächtig.

***

„Geht es dir wieder besser?“ Die Elbin schlug die Augen auf und sah in Johanns besorgtes Gesicht.

„Du solltest etwas Wasser trinken. Ich war auch schon ganz ausgetrocknet.“ Tirvo drückte ihr einen Krug in die Hand. Sie nahm ein paar Schlucke daraus.

„Danke, es geht schon wieder. War ich lange weg?“

Johann schüttelte den Kopf. „Nur ein paar Sekunden.“

Aurora trank den Rest Wasser in einem Zug aus und stand auf. „Deine Bilder sind wirklich äußerst beeindruckend. Wo ist eigentlich Mai-shin?“

„Sie ist in den Wald gegangen, um Vögel zu finden.“

„Lasst sie uns suchen gehen“, schlug die Elbin vor.

Johann packte rasch seine Sachen zusammen. Die Kupferkreuzer, die er sich mit seinen Zeichnungen verdient hatte, ließ er sich von einer Bedienung in zwei Silberschillinge wechseln und überließ ihr die restlichen als Trinkgeld. Dann gingen sie in Richtung des nahen Waldes, um den Goldenen Anker herum.

„Das ist merkwürdig“, sagte Johann. Er wies auf ein Fenster im Obergeschoss des Gasthauses, dessen Fensterläden von außen mit einem Brett vernagelt waren.

„Ob sie darin jemanden gefangen halten?“, mutmaßte Tirvo. „Wir sollten uns im Goldenen Anker genauer umsehen.“

„Sagtest du nicht, sie suchen noch eine Bedienung?“, fragte Aurora nach. „Vielleicht kann ich mir ja ein wenig Geld verdienen und dabei etwas herausfinden.“

Sie erreichten den Waldrand und riefen nach Mai-shin. Eine Antwort erhielten sie nicht, aber kurz darauf flatterte eine Elster vor ihnen auf und flog auf einen Baumast in einiger Entfernung, wo sie sich ihnen zuwandte und sie anblickte.

Zögernd gingen sie auf den Vogel zu. Als sie den Baum, auf dem dieser saß, erreicht hatten, flatterte dieser erneut auf und flog in ihrer Laufrichtung ein Stück weiter.

Auf diese Art fanden sie schließlich Mai-shin, auf einer kleinen Lichtung sitzend, umgeben von bestimmt einem halben Hundert Vögel verschiedener Arten. Die Lashani blickte sie an und sagte leise: „Bewegt euch bitte langsam, damit ihr sie nicht aufschreckt.“

Vorsichtig ließen sie sich im Gras nieder. Einige der Vögel behielten sie misstrauisch im Auge und hüpften ein Stück von ihnen fort, aber keiner floh.

„Woher wissen sie, dass sie keine Angst vor uns haben müssen?“, fragte Aurora.

„Ich habe es ihnen gesagt“, antwortete Mai-shin, während sie mit einem Finger zart über den Kopf einer Blaumeise strich, die in ihrer offenen Hand saß.

„Du kannst mit ihnen reden – so wie Marianne mit Katzen?“

„Unsinn“, entgegnete Mai-shin in tadelndem Tonfall, jedoch in gleicher Lautstärke wie bisher. „Vögel sind nicht intelligent wie Pfoten, und sie haben keine eigenen Sprachen. Ich kann ihnen jedoch gewisse grundlegende Konzepte vermitteln, die sie verstehen, so wie zum Beispiel das Gefühl von Sicherheit. Und ich kann sie nach ihren Erinnerungen fragen, auch wenn sie natürlich nicht in der Lage sind, diese in geordneter Form wiederzugeben, aber ich erhalte Eindrücke davon.“

„Genau das habe ich in den letzten Stunden getan“, fuhr sie fort. „Sie haben mir bestätigt, dass es im Goldenen Anker weder Ratten noch Mäuse gibt oder in letzter Zeit gab – das würden sie wissen, da diese Tiere ihre Nahrungskonkurrenten bei von Menschen verursachten Abfällen sind. Außerdem treiben sich normalerweise auch keine Pfoten in der Nähe des Gasthauses herum – vielleicht habt ihr ja das Schild gesehen: Pfoten unerwünscht! – aber in den letzten Wochen haben sie gelegentlich ein Katzenpärchen beobachtet, und ein paar Mal ist dieses auch in den Wald gelaufen.“

„Wissen sie vielleicht, ob im Goldenen Anker jemand gefangen gehalten wird?“, fragte Tirvo.

Mai-shin schüttelte behutsam ihren Kopf. „Das würden sie auch nicht verstehen. Wie kommt ihr darauf?“

Sie erzählten ihr von dem vernagelten Fenster, sowie von dem Bild, das Johann von dem Mann mit der Augenklappe gezeichnet hatte.

„Das war richtig unheimlich, Mai-shin – Johann hat die Leute nicht so gezeichnet, wie sie aussehen, sondern so, wie sie SIND – zwar ganz verzerrt, aber irgendwie ECHTER als normal, verstehst du?“ Auroras Stimme verriet ihre Aufregung, und jetzt flatterten doch einige Vögel in ihrer Nähe auf.

„Das nennt man Karikaturen, Aurora“, dozierte Mai-shin. „Es ist eine künstlerische Ausdrucksform, die durch Überzeichnung charakterliche Wesenszüge hervorhebt. Johann kann das mit seiner Gabe natürlich ganz besonders gut.“

Eine künstlerische Ausdrucksform, die durch Überzeichnung charakterliche Wesenszüge hervorhebt“, wiederholte Aurora. „Bist du sicher, dass du nicht versehentlich ein Wörterbuch verschluckt hast? Aber egal – wie gehen wir jetzt weiter vor? Ich hatte überlegt, mich als Bedienung anstellen zu lassen.“

„Wir anderen könnten uns umhören, was die Leute so über den Goldenen Anker wissen“, schlug Tirvo vor. „Vielleicht ist es aber besser, wenn wir das nicht direkt hier tun, das könnte zu viel Aufmerksamkeit erregen. Ich könnte die Hafenkneipen abklappern – Seeleute reden eigentlich ganz gerne, und es sieht so aus, als wenn der Wirt hier ein ehemaliger Seefahrer wäre. Auch der Name Goldener Anker deutet ja darauf hin. Irgendjemand kennt ihn vielleicht und kann mir etwas über ihn erzählen.“

„Machen wir es so“, stimmte Aurora zu.

Mai-shin erhob sich, und die Luft war plötzlich voller Flügelschläge. Einige Sekunden später hatten alle Vögel die Lichtung verlassen.

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Veröffentlicht on April 25, 2011 at 7:52 pm  Schreibe einen Kommentar  

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