Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 4

*** Rettung ***

Die Wassermassen rissen Tirvo mit sich fort. Für Sekunden sah, hörte, spürte er nichts als Wasser um sich herum. Er wurde zu einem Teil der wogenden Flut, ein winziger Tropfen in einem unendlichen Meer. Dann drückte ihn die Strömung gegen einen Baumstamm, und er erinnerte sich, dass er sich auf überspültem Land befand – und dass sein Freund Bilgor gerade ertrank. Ohne nachzudenken, begann er zu schwimmen, gegen den Druck des landeinwärts strömenden Wassers, mit kräftigen, gleichmäßigen Stößen seiner Arme und Beine, ohne den Kopf über Wasser zu halten.

Er fand Bilgor, ohne ihn sehen zu können, getrieben von einem Gefühl, das er sich nicht erklären konnte – eine Ahnung, dass das Wasser hier einen strampelnden Körper umfloss. Der Zwergenjunge befand sich vollständig unter Wasser. Er steckte immer noch fest.

Tirvo tauchte auf, hielt durch unbewusstes Rudern mit den Beinen seine Position und füllte seine Lungen. Dann tauchte er wieder hinab zu Bilgor, presste seinen Mund auf den des Zwergs, der – den Engeln sei Dank! – bislang noch kein Wasser eingeatmet hatte, und pumpte Luft in dessen Lungen. Dies wiederholte er alle fünfzehn bis zwanzig Sekunden, zwischendurch immer wieder laut um Hilfe rufend.

Es dauerte mindestens eine halbe Stunde, bis diese Hilfe kam. Zuerst sah Tirvo den schwachen Lichtschein einer Sturmlaterne, dann hörte er Rufe, die seinen antworteten. Ein Boot mit vier Männern, darunter Bilgors Vater, kämpfte sich gegen die Strömung. Die Männer ruderten angestrengt und kamen doch nur quälend langsam von der Stelle. Erst jetzt wurde Tirvo bewusst, dass der Sturm sich in der Zwischenzeit weiter verstärkt hatte.

Der Schein der Laterne erfasste ihn, und jetzt riefen sie ihn gezielt an:

„Lass dich von der Strömung zu uns treiben, Junge – wir werfen ein Netz aus, an dem du dich festhalten kannst!“

„Ihr müsst hierher kommen“, brüllte Tirvo zurück. „Bilgor ist hier – er steckt fest!“ Erneut tauchte er, um den Zwergenjungen mit Atemluft zu versorgen. Dessen Körper war bereits völlig ausgekühlt, doch noch lebte er. Zwerge sind zäh, erinnerte Tirvo sich an einen weiteren Spruch seines Großvaters. Warum fror er eigentlich nicht? Er schob den Gedanken beiseite und tauchte wieder auf.

„Bei den Engeln – ist mein Sohn tot?“, schrie der Leuchtturmwärter.

„Er lebt noch – aber ihr müsst Euch beeilen!“, gab Tirvo zurück.

Schlag für Schlag kam das Boot näher, wurde jedoch auch immer wieder vom Sturm zurückgetrieben. Endlich war es nahe genug, dass die Männer ihr Netz auswerfen konnten. Tirvo ergriff es sofort und legte einige Maschen um Bilgors Arme. Dann kletterte er in das Boot, um beim Ziehen zu helfen.

Zu fünft bemühten sie sich, die Füße gegen die Bootswand gestemmt, das Netz mit dem darin befindlichen Jungen einzuholen. Es gab einen gewaltigen Ruck, und Bilgor schoss an die Oberfläche – aber gleichzeitig kippte das Boot um, und seine Insassen stürzten in die Fluten.

***

Tirvo erinnerte sich später nur lückenhaft an das, was daraufhin geschehen war. Das Boot, an dem das Netz offensichtlich nicht vertäut gewesen war, war rasch fortgetrieben, und er war ihm nachgeschwommen, um es zurückzuholen – aber wie hatte er dies bewerkstelligt? Nicht alle der Männer hatten die Geistesgegenwart besessen, sich am Netz festzuhalten. Er erinnerte sich an mindestens einen, der um Hilfe rufend im Wasser versunken war, und dem er nachgetaucht war, um ihn zurück an die Oberfläche zu bringen. Und das Netz hatte sich irgendwo unter der Wasseroberfläche verheddert – er hatte es blind entwirren müssen, während die panischen Männer in allen Richtungen daran zerrten. Bilgor schließlich war, als sie ihn mit Gewalt befreit hatten, durch den Schmerz bewusstlos geworden, und er musste den Kopf des Zwergs immer wieder über die Wasseroberfläche zerren. Wie ein Fisch war Tirvo durch das Wasser geschossen, hin und her, auf- und abtauchend, ohne klare Gedanken, ohne ein Gefühl für die verstreichende Zeit.

Irgendwie mussten sie alle zurück ins Boot gelangt sein. Ein Teil der Ruder war fort – das Boot besaß nur zwei Ruderösen, die übrigen waren lose gewesen – aber es schien ohnehin keiner der zitternden Erwachsenen mehr über die Kraft zu verfügen, sie zu bedienen. War er mit dem nunmehr am Boot befestigten Netz in der Hand voraus geschwommen? Konnte das sein? Jedenfalls erreichten sie irgendwann den etwas höher gelegenen Ort, dessen Straßen nur kniehoch unter Wasser standen. Die Bürger, die dort standen, kümmerten sich um sie, aber Tirvo ließen sie rasch allein. Ihm war das Recht – er war vollständig erschöpft und wollte nur noch nach Hause und in sein Bett. Die Menge teilte sich für ihn, doch er beachtete es nicht. Nur ein Wort aus dem allgemeinen Raunen blieb in seinem Gedächtnis haften: „Grenzenlos“. Was mochte das zu bedeuten haben? War ein Fall von Grenzenlosigkeit aufgetreten? Aber das ging ihn nichts an; das war eine Angelegenheit der Erwachsenen. Die Priester und die Bürgerwehr würden sich darum kümmern.

Wie in Trance stapfte er durch die überspülten Straßen nach Hause zurück. Seine Eltern und Kerri waren nicht da – vermutlich halfen sie irgendwo, wichtige Gerätschaften vor dem Wasser zu retten. Nur seine kleine Schwester Megan begrüßte ihn, umarmte ihn erleichtert, als sie sah, dass er lebendig zurückgekehrt war. Er antwortete jedoch nur kurz auf ihre Fragen – er musste jetzt allein sein, für sich, und ausruhen. Aus irgendeinem Grund zog es ihn zu dem natürlich komplett unter Wasser stehenden Keller – doch was wollte er dort? Er riss sich zusammen und stieg zu seinem Zimmer (das er sich mit seinem Bruder teilte) hinauf. Dort warf er sich, ohne mehr als die Stiefel auszuziehen, nass wie er war auf das Bett. Dann versank er in einem tiefen Schlaf, so wie Wasser in einem Loch im Boden versinkt.

***

Laute Rufe aus dem Schankraum weckten ihn. Aus dem Stimmengewirr glaubte er das Brüllen seines Vaters herauszuhören. Tirvo verspürte nicht wirklich Lust hinunterzugehen und in Erfahrung zu bringen, was los war. Doch das war auch nicht nötig. Schon bald polterten zahlreiche Stiefel die Treppe hinauf.

Sekunden, bevor sie die Tür zu seinem Zimmer eintraten, begriff Tirvo, dass sie zu ihm wollten, und dass ihm nichts Gutes bevorstand. Einen Augenblick spielte er mit dem Gedanken, durch das schmale Fenster zu flüchten, doch es war bereits zu spät. Ein halbes Dutzend kräftige Männer, darunter der Priester, dessen Predigt Tirvo noch heute Morgen in der Kirche gelauscht hatte, stürzten sich auf ihn, warfen ihn zu Boden, schlugen und traten auf ihn ein. Ihm wurde ein Sack über den Kopf gezogen, dann riss man ihn wieder auf die Beine.

„Grenzenloser Abschaum!“

„Dämonenkind!“

„Ausgeburt der Hölle!“

Mit Stößen in seinen Rücken und Schlägen auf seinen Hinterkopf wurde er vorangetrieben. Die Treppe, deren Stufen er nicht sehen konnte, warfen sie ihn einfach hinunter. Durch Tritte zwangen sie ihn, wieder aufzustehen, scheuchten ihn weiter, aus der Schänke hinaus, durch die immer noch überfluteten Straßen. Ununterbrochen wurde er dabei beschimpft, wurde sein Name verflucht. Tirvo konnte Kerris Stimme erkennen, die durch besondere Lautstärke hervorstach, doch er war sich nicht sicher, ob dessen Brüllen die Kraft aus Wut oder Angst zog. Sie brachten ihn zur Kirche, wo sie ihn in einen meterhoch unter Wasser stehenden Kerkerraum warfen. Als Tirvo sich reflexhaft an dem Gitter festzuhalten versuchte, mit dem der Zugang zur Kerkergrube verschlossen wurde, trat ihm jemand auf die Finger, und er ließ sich in das stinkende, kalte Wasser fallen.

„Soll die Brut doch ertrinken!“, hörte er, doch der Priester widersprach: „Wasser wird dieses Teufelskind nicht töten. Um diese Seele zu retten, bedarf es der Flammen eines Heiligen Feuers. Ich werde die Inquisition benachrichtigen.“

Tirvo ließ sich treiben, verweigerte sich jedem bewussten Gedanken, versank in Elend und Entsetzen.

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Veröffentlicht on Dezember 15, 2010 at 11:13 pm  Schreibe einen Kommentar  

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