Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 40

*** Konsequenzen ***

Auf dem Rückweg zum Turm ließ Aurora sich ein wenig zurück fallen, um dem unverschämt gut gelaunten Tirvo aus dem Weg zu gehen, der vor Energie nahezu berstend kräftig ausschritt. Mit welchem Recht strahlte der Kerl so vor Vergnügen? Er hatte sich doch keine einzige Minute um ihren Auftrag gekümmert, sondern ausschließlich an seinen Spaß gedacht! Gut, es lag wohl auch an ihr, dass sie bislang so wenig herausgefunden hatten. Aber wenigstens hatte sie sich nicht dermaßen verantwortungslos benommen! Und außerdem arbeitete sie ja ab morgen als Bedienung im Goldenen Anker und würde da gewiss Gelegenheit haben, mehr Informationen zu sammeln.

Sie erinnerte sich an ihr Gespräch mit dem Mann mit der Augenklappe. Sie hatte sich bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, als sie sich mit ihm unterhielt, aber immer, wenn sie ihn direkt ansah, schob sich in ihrem Geist Johanns Zeichnung vor sein Gesicht, und sie musste sich zusammenreißen, um ihr Entsetzen nicht offen zu zeigen.

Jedenfalls war sie erfolgreich gewesen: Er hatte sie ohne zu zögern eingestellt, wenn auch nicht ohne den Hinweis, dass eine junge und hübsche elbische Grenzenlose auf andere Art weitaus mehr Geld verdienen könne – was einige in der Nähe sitzende männliche Gäste auch sogleich mit eindeutigen Angeboten bestätigt hatten.

Offensichtlich hat die Arkheimer Gesellschaft auch keinerlei Probleme damit, die Grenzen des guten Geschmacks und Anstands zu überschreiten, dachte die Elbin empört.

Missgelaunt blickte sie Tirvo hinterher, dessen Benehmen heute kaum vermuten gelassen hatte, dass er ebenfalls in der Tagmokratie erzogen worden war, wenn auch natürlich in weitaus einfacheren Verhältnissen. Er zumindest scheint sich ja ziemlich rasch hier einzuleben.

Ein wenig überrascht stellte Aurora fest, dass auch Johann nicht mit Tirvo und der Lashani Schritt hielt, sondern mit nachdenklichem Gesicht in ihrer Nähe ging. Nach dem heutigen Tag hätte sie erwartet, dass Johann und Mai-shin auf dem Rückweg näher beieinander blieben, aber Mai-shin lief energisch und mit verschlossener Miene neben Tirvo voran, auch wenn sie dazu deutlich raschere Schritte machen musste als der hochgewachsene Junge, und Johann unternahm keinen Versuch, zu ihr aufzuschließen.

Als die beiden an der Spitze schon beinahe außer Sicht waren, sprach Johann sie an:

„Schlechte Laune?“

„Wie kommst du darauf?“, schnappte Aurora.

„Entweder das, oder du übst deine Gabe“, gab der Junge zurück. „Eins von beiden muss für die dicke Luft zwischen dir und Tirvo verantwortlich sein.“

Gegen ihren Willen musste sie lachen. Johann nutzte die Gelegenheit, um nachzufragen:

„Was hat er denn ausgefressen?“

„Ach… eigentlich nichts Großartiges. Er hat sich halt den ganzen Tag über amüsiert.“

„Und du nicht“, folgerte Johann.

„Darum geht es doch gar nicht!“, begehrte sie auf. „Er zeigt einfach überhaupt keine Verantwortung!“

Johann lächelte. „Ich weiß nicht, wie das bei euch in der Tagmokratie war, aber in Arkheim nehmen Mädchen, die nicht schwanger werden wollen, die Frauenwurzel. Mach dir also deswegen keine Sorgen.“

Verblüfft starrte Aurora ihn an. „Woher weißt Du das?“ Dann erinnerte sie sich an die Karikaturen, die Johann gezeichnet hatte. „Ach so – man sieht es ihm wohl an, vermute ich.“

„Er könnte genau so gut mit einem großen Schild herumlaufen, auf dem Ich bin jetzt ein Mann! steht.“

„Oh – du meinst, es war für ihn… aber darum geht es doch gar nicht!“, unterbrach Aurora sich selbst zornig. „Es ist ja nicht nur, dass er sich mit einem Mädchen, dessen Freund direkt dabei ist, in die Dünen verzieht. Er trinkt auch hemmungslos Alkohol, raucht so ein merkwürdiges Kraut, das ganz offensichtlich einen Rausch verursacht und wendet vor allem hemmungslos seine Gabe an – und das inmitten von Vollbürgern!“

Johann schwieg einige Augenblicke. „Du bist eifersüchtig“, stellte er dann fest.

„Was? So ein Unsinn! Von mir aus kann er mit allen Mädchen in Kaperstadt etwas haben, so lange er unseren Auftrag dabei nicht vernachlässigt.“

Johanns Mundwinkel zuckten für einen Moment nach oben. „Das habe ich nicht gemeint. Du bist neidisch darauf, dass er seine Gabe besser beherrscht als du deine.“

Aurora öffnete den Mund, um zu widersprechen und schloss ihn wieder. Sie nickte.

„Wenn er Kraut geraucht hat, kann das der Beherrschung seiner Gabe einen Schub gegeben haben“, erklärte Johann ihr. „Es ist allerdings auch riskant, die Gabe unter dem Einfluss bewusstseinsverändernder Mittel zu benutzen. Manchmal passieren dann merkwürdige Dinge.“

„Siehst du, genau das meinte ich – es hätte ja sonst etwas passieren können! Und dann sagt Hartmut mir wieder, ich wäre genau so schuld daran, weil ich es nicht verhindert hätte. Tirvo ist eben völlig verantwortungslos!“

Johann schüttelte langsam den Kopf. „Ich glaube, du hast noch nicht ganz begriffen, was Hartmut dir beizubringen versucht.“

„Dann erklär du es mir doch!“, entgegnete die Elbin wütend.

Johann blieb stehen, und sie tat es ihm nach. „Aurora… wir sind grenzenlos. Das bedeutet, es liegt in unserer Natur, Dinge zu tun, die Vollbürger nicht tun können oder dürfen. Wir überschreiten Grenzen, und wir brechen Regeln – aber wir müssen die Verantwortung dafür übernehmen. Hat Hartmut euch nicht gestattet, die Vorsteherin des Waisenhauses wegen der geflohenen Kinder anzulügen, wenn ihr bereit wart, dafür zu bezahlen? Ihr dürft und sollt tun, was ihr für richtig haltet – aber ihr müsst bereit sein, die Konsequenzen dafür zu tragen.“

Aurora schwieg, während sie über seine Worte nachdachte.

„Ist euch eigentlich an der ganzen Geschichte mit dem Waisenhaus nichts komisch vorgekommen?“, fragte Johann sie nach einer Pause von einigen Sekunden. „Ich meine zum Beispiel, dass Hartmut euch schon am Abend zuvor erzählt hat, dass er einen Auftrag für euch hätte, obwohl die Kinder erst in der folgenden Nacht geflohen sind. Oder dass die Vorsteherin gegenüber den Katzen so unglaublich naiv war, und dass sie euch eure Lüge einfach so abgekauft hat – nur dass ihr dafür bezahlt hat, nicht sie…“

„Schon“, meinte Aurora. „Wir wollten aber nicht nachfragen.“

„Vielleicht war das eine der Sachen, die Hartmut in Erfahrung bringen wollte, als er euch mit diesem Auftrag betraut hat – welche Entscheidungen ihr treffen und welche Fragen ihr stellen würdet. Womöglich ging es ihm gar nicht in erster Linie um die vollständige Erfüllung des Auftrags, sondern darum zu sehen, wie ihr euch verhalten würdet. Ich glaube, Fürsprecher denken so.“

Sie gingen langsam weiter, immer stärker hinter Tirvo und Mai-shin zurück fallend.

***

Als sie den Turm erreichten, befanden sich die Schüler gemeinsam in der Küche. Auch Hargor war dabei. Hartmut war nicht anwesend, wohl aber zahlreiche Katzen. Marianne, die gerade den Besteckkasten sortierte, schluchzte laut, und als Mai-shin zu Aurora und Johann hinüber sah, erkannte die Elbin auch in den Augen der Lashani Tränen. Die Jungen saßen schweigsam da.

„Was ist passiert?“, fragte Aurora leise.

Zunächst antwortete niemand. Marianne begann, die Messer, Gabeln und Löffel abzuzählen und in den Besteckkasten zurück zu legen. „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben… eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben… eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben… eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben…“

Hargor räusperte sich leise. „Ich habe in den letzten Tagen in Hartmuts Auftrag Tideline beobachtet. Sie hat erneut ihre Gabe eingesetzt – diesmal gegen Vollbürger. Sie hat sich in einem Haus versteckt, und um abends ungestört die Küche benutzen zu können, hat sie die Familie, die dort lebte, in Schlaf versetzt – genau so wie dich und Mai-shin damals.“

„Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben“, zählte Marianne. „Eins, zwei, drei…“ Das Besteck war nun fertig eingeräumt, und sie brach erneut in lautes Schluchzen aus.

„Hartmut war fuchsteufelswild“, sagte Hargor. „Ich habe ihn noch nie so wütend erlebt… ich habe ihn überhaupt noch nie zuvor wütend erlebt.“

„Er hat ihr gesagt, das war es“, jammerte Marianne. „Sie ist jetzt für alle Zeit vogelfrei. Er hat gesagt, seine Entscheidung sei endgültig. Sie wird nie wieder zu uns zurückkehren!“

Sie öffnete den Geschirrschrank und begann ihn auszuräumen. Dann stapelte sie die Teller auf kleine Türmchen. „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben…“ Aurora konnte erkennen, wie Mai-shin einige Sekunden angestrengt auf die Teller starrte und dann, als Marianne sich gerade abwandte, um einen der Stapel zurück in den Geschirrschrank zu stellen, zwei davon heimlich unter ihrem Hemd verschwinden ließ. Dann wandte die Lashani sich rasch um und verließ die Küche.

Aurora folgte ihr. Mai-shin ging auf ihr gemeinsames Zimmer, zog die Teller hervor und schob sie unter ihr Bett. Aurora blickte sie fragend an.

„Es waren vierundvierzig“, erklärte Mai-shin ihr.

In gedrückter Stimmung legte die Elbin sich schlafen. Sie erwartete, dass ihre Zimmergenossin wie üblich noch länger wach blieb, um zu lernen, aber diesmal löschte Mai-shin bereits nach wenigen Minuten das Licht und begab sich ebenfalls zu Bett.

zum nächsten Kapitel
zur Kapitelübersicht
Veröffentlicht on Mai 1, 2011 at 1:08 pm  Schreibe einen Kommentar  

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s