Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 41

*** Tagtraum ***

„Drei mal den Fischsalat, einer davon eine kleine Portion, einmal Salat mit Hühnchen, vier gegrillte Sandwiches – aber bitte einmal ohne Käse – zwei Bier, einen Becher von dem guten Wein und eine Limonade.“

„He, Grenzenlose, wo bleibt unser Bier?“

„Entschuldigung, ich hatte Gemüsesuppe bestellt, aber Sie haben mir Fischsuppe gebracht.“

„Hallo, wir wollen noch einmal fünf Sandwiches – hallo? HALLO, BEDIENUNG!“

„Na, Süße, willst du dir nicht lieber richtig Geld verdienen?“

Aurora rotierte. Sie war nur für ein Dutzend Tische zuständig, und einige davon waren an diesem Vormittag noch gar nicht belegt, aber trotzdem kam sie nicht eine Minute zur Ruhe. Die Bestellungen gingen so schnell ein, dass sie sie sich kaum merken konnte, und zeitweise weit schneller, als Küche und Keller sie liefern konnten, wofür die Gäste allerdings sie verantwortlich machten. Schon mehrfach hatte sie etwas durcheinander gebracht – die falsche Suppe oder die falsche Weinsorte serviert, die Bestellungen zweier Tische verwechselt oder einen Sonderwunsch vergessen. Eine Gruppe Zwerge, die zwei Tische zusammengeschoben hatte und das Bier nach ihrer Einschätzung schneller trank, als der Wirt es zapfen konnte, beschwerte sich am häufigsten, und sie hegte den Verdacht, dass diese sie absichtlich auf Trab hielten, um sie zu ärgern. So anstrengend hatte sie sich das nicht annähernd vorgestellt!

Besonders viel Zeit verlor sie beim Abrechnen. Die übrigen Kellnerinnen kassierten erst, wenn die Gäste aufbrachen – dann gab es mehr Trinkgeld, behaupteten sie – aber bei ihr bestand der Wirt darauf, dass sie sich das Geld sofort beim Servieren geben lassen sollte, da er ihr noch nicht zutraute, Zechpreller rechtzeitig aufzuhalten. Aurora war zuerst ein wenig beleidigt deswegen gewesen, aber unterdessen war sie sehr froh darüber, dass sie nicht auch noch darauf achten musste.

Ihr war gesagt worden, dass sie Fehlbeträge aus eigener Tasche ersetzen musste, und sie rechnete daher mit den ihr ungewohnten Münzen sehr sorgfältig. Zwar bot der Goldene Anker nur ein knappes Dutzend verschiedene Speisen und Getränke an, aber sie schielte doch immer wieder zu der großen, neben dem Eingang aufgestellten Tafel hin, auf der alle Preise mit Kreide aufgeschrieben waren. Darüber hinaus gab es aber noch bei Salaten und Suppen kleinere, sogenannte Kinderportionen, die etwas billiger waren, ebenso wie halbe Sandwiches, die etwas mehr als die Hälfte eines ganzen Sandwiches kosteten. Beim Wein gab es Spezialpreise, wenn man an Stelle einzelner Becher gleich einen ganzen Krug bestellte, und beim Bier erhielt man jeweils bei einem Dutzend Krüge einen umsonst, wovon die Zwergenrunde auch reichlich Gebrauch machte. Oh, und dann war da noch das häufig genutzte Sonderangebot für Familien ab vier Mitgliedern mit mindestens einem Kind im offiziellen Kinderalter, die Sandwiches und Limonade vergünstigt bekamen! Aurora hätte es nicht beschwören können, aber sie glaubte, dabei im Verlauf des Vormittags das selbe Kind an zwei verschiedenen Tischen mit zwei verschiedenen Familien gesehen zu haben…

Außer Atem ratterte sie dem Wirt die neuesten Bestellungen herunter, hielt kurz inne, verbesserte sich selbst und kreuzte die Finger, dass sie diesmal alles richtig in Erinnerung hatte.

Der Wirt sah sie an, während er ohne den Blick darauf zu richten Krüge mit Bier füllte. Sie zwang sich, nicht reflexartig seinem einäugigen Blick auszuweichen. Er ist ein Mörder, aber ich darf ihm nicht zeigen, dass ich das weiß.

„Atme mal einen Augenblick durch, Aurora. Du schlägst dich gut für deinen ersten Tag. Wirklich.“

„Danke schön… Dietmar“, erinnerte sie sich an den Namen, mit dem er sich ihr vorgestellt hatte.

„In einer halben Stunde kommt Johanna. Mach dann eine Stunde oder so Pause, in Ordnung?“

„Aber wenn es dann voll ist?“

Dietmar lächelte. Aurora wusste nicht, ob jemand, der Johanns Zeichnung nicht kannte, es ebenso wahrgenommenen hatte, aber sie empfand sein Lächeln als furchteinflößend, geradezu bedrohlich.

„Die letzten Tage sind wir auch ohne dich ausgekommen. Du bist uns also auf jeden Fall eine Hilfe. Und mir ist es lieber, du lässt es heute ein wenig langsamer angehen, als dass du morgen nicht wiederkommst.“

Aurora nickte dankbar. „In Ordnung.“

„GRENZENLOSE! WO BLEIBT UNSER BIIIIER!“

Dietmar stellte eine Reihe Krüge auf ihr Tablett. „Na los, Grenzenlose – lass unsere Gäste nicht warten!“

Er zwinkerte ihr mit seinem gesunden Auge zu, und Aurora zuckte leicht zusammen. Dann nahm sie rasch das Tablett und eilte wieder hinaus.

***

Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, sich in ihrer Mittagspause unauffällig etwas umzusehen, aber dann verbrachte Aurora diese Zeit doch nur damit, am Strand zu sitzen und ihre wundgelaufenen Füße im Wasser zu kühlen. Das erste, was ich mir von meinem Lohn kaufe, sind bessere Schuhe, dachte sie. Sie hatte zwischenzeitlich versucht, barfuß zu laufen, aber der Kies auf der Terrasse des Goldenen Ankers war zu spitz und in der Mittagssonne zu heiß dazu. Warum kann ich nur nicht durch die Luft schweben?, ärgerte sie sich. Auch das hatte sie kurz probiert, aber sie war in dem ganzen Trubel nicht in der Lage gewesen, sich zu konzentrieren.

Und das alles für vier Kreuzer die Stunde! Nun ja, plus Trinkgeld, gestand sie sich ein. Tatsächlich überstieg dieses ihren eigentlichen Verdienst um ein Mehrfaches, und ihr war wohl bewusst, dass sie dies hauptsächlich ihrem hübschen elbischen Gesicht und ihrem Status als Grenzenlose zu verdanken hatte. Hoffentlich werden die anderen Mädchen nicht neidisch.

Sie dachte kurz über die wenigen Dinge nach, die sie bisher in Erfahrung gebracht hatte. Da gab es den mit einer Kordel und einem Schild Kein Zutritt – privat! abgesperrten Aufgang ins Obergeschoss, das sie gerne ein wenig ausgekundschaftet hätte, aber sie sah keine Möglichkeit, dies unbemerkt zu tun. Dann war ihr aufgefallen, dass Dietmar sich einige Male mit dem Koch unterhalten hatte, und zwar nicht in der kurzen, geschäftsmäßigen Art, in der er mit den beiden Küchenjungen sprach, sondern in freundschaftlicher, vertrauter Weise – so, als wenn sie einander schon länger kannten. Sie waren auch beide ungefähr im gleichen Alter. Vielleicht waren sie früher zusammen zur See gefahren? Von ihren leisen Gesprächen hatte Aurora wenig mitbekommen, aber sie hatte sich gemerkt, dass der Name des Kochs Herbert war.

Und das war eigentlich auch schon alles, außer, dass der Goldene Anker – zumindest jetzt in den Sommermonaten – für seinen Besitzer eine wahre Goldgrube sein musste. Aurora seufzte. Zwischen den Gewinnen eines gut gehenden Gasthauses und einem Schatz sah sie dann aber doch noch einen Unterschied. Nein, eigentlich hatte sie bislang noch nichts Wichtiges herausgefunden.

Widerwillig zog sie ihre Füße aus dem kühlen Wasser und erhob sich, um ihre Arbeit wieder aufzunehmen.

***

Abends, als die Sonne tief über dem Meer stand, war der Goldene Anker bis zum Platzen gefüllt. Alle Tische, drinnen und draußen, waren belegt, und alle paar Minuten kamen zusätzlich Gäste vom Strand herein, um einen Korb mit Sandwiches und einen Schlauch mit Wein zum Mitnehmen zu kaufen, so wie Paul es gestern getan hatte. In der Küche arbeiteten nun neben dem Koch vier Küchenjungen, und auch Dietmar hatte jetzt eine Aushilfe, die ihn beim Zapfen und Abfüllen unterstützte. Aurora war eine von vier Kellnerinnen, und obwohl das bedeutete, dass sie sich nun um einen etwas kleineren Bereich zu kümmern hatte als mittags, war sie noch gestresster als vorher. Immerhin hatte sie unterdessen die Preisliste des Gasthauses verinnerlicht, und ihre Abrechnung ging erheblich rascher vonstatten. Trotzdem war sie unaufhörlich in Bewegung und befand sich am Rande der Erschöpfung.

Als eine Halbling-Großfamilie, die zu einem gemeinsamen Paddelausflug auf dem Meer aufbrach, sich für diesen Kurzausflug mit genügend Nahrung und Getränken für ein ganzes Wochenende eindeckte und somit Dietmar und den Jungen neben ihm für einige Minuten mit Beschlag belegte, musste Aurora warten, bis sie ihre Bestellungen weiterleiten konnte und lehnte sich erschöpft gegen den Tresen. Ich könnte auf der Stelle einschlafen, dachte sie. Für einen kurzen Moment schloss sie ihre Augen.

Als sie diese wieder öffnete, sah sie ihre Mutter an einem Tisch in einer Ecke sitzen.

Aurora ließ beinahe ihr Tablett fallen. Deutlich erkannte sie das Profil ihrer Mutter; die Haltung, in der diese immer in ihrem Lieblingssessel in ihrem Zimmer gesessen hatte; das weite, dunkelgrüne Kleid, welches sie so häufig getragen hatte; ihre langen, feuerroten Haare. Ihre Mutter sah zur Wand, hielt eine Hand vor ihr Gesicht und weinte offensichtlich.

Aurora stürzte auf sie zu, wobei sie sich durch die Halblingfamilie hindurch drängeln musste. Als sie jedoch den Tisch erreichte, war ihre Mutter verschwunden. Lediglich ein rothaariger Zwerg mit einem langen Bart saß dort mit einem Zechkumpanen. Sie rieb sich die Augen.

„Das nenne ich doch mal eine eifrige Bedienung“, grinste der Rothaarige sie an.

„Äh… Entschuldigung… ich dachte einen Augenblick, ich hätte hier… eine Frau gesehen… war hier vielleicht gerade eben eine?“, stammelte Aurora.

Der Zwerg grinste sie weiter an. „Hier war keine Frau – aber wir könnten schon eine brauchen!“

Aurora schlug die Augen nieder und wandte sich ab. Hinter sich hörte sie die Stimme des anderen Zwergs:

„Weißte, Kumpel, vielleicht isses ja nur das Bier – aber für nen Moment dachte ich auch, da sitzt ne Elbin auf deinem Stuhl…“

Der erste Zwerg lachte. Aurora wankte zum Tresen zurück. Dort sprach Dietmar, dem ihr merkwürdiges Verhalten wohl trotz seiner hektischen Betriebsamkeit aufgefallen war, sie an:

„Du machst jetzt Schluss, Mädel. Es ist gleich 18 Uhr, und du bist schon ganz blass.“

„Aber… muss ich meine Pause nicht nacharbeiten?“, fragte Aurora ungewollt schwach.

„Geschenkt“, winkte Dietmar ab. „Versprich mir nur, dass du morgen wiederkommst.“

„Natürlich“, murmelte Aurora. Nachdem sie ihre Schürze abgelegt, ihre letzte Bestellung weiter gegeben und rasch abgerechnet hatte, verließ sie schleunigst das Gasthaus und lief zum Strand hinunter, wo sie sich der Länge nach im Sand ausstreckte und ihre nackten Füße vom Wasser umspülen ließ. Was für ein furchtbarer Tag.

Für den Abend war sie hier mit den anderen Schülern verabredet. Ob diese mehr herausgefunden hatten?

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Veröffentlicht on Mai 8, 2011 at 6:44 am  Schreibe einen Kommentar  

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