Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 42

*** Gesprächsbedarf ***

„Und du meinst wirklich, die reden mit einem Dreizehnjährigen?“

Johanns Skepsis ärgerte Tirvo – hauptsächlich deswegen, weil sie berechtigt war. Natürlich, in der Kneipe seiner Eltern zu Hause (in meinem EHEMALIGEN Zuhause, verbesserte er sich in Gedanken) hatten die Fischer sich öfter mit ihm unterhalten, weil sie ihn gut kannten, und weil sie sich vielleicht auch mit seiner Familie gut stellen wollten, um das eine oder andere Freigetränk zu ergattern. Doch welchen Grund hatten die Kaperstädter Seeleute, mit einem halbwüchsigen Jungen zu sprechen? Dass er grenzenlos war, mochte helfen, aber andererseits konnte es auch nur erst recht dafür sorgen, dass sie sich nicht mit ihm abgeben würden.

„Wenn die ein bisschen was getrunken haben, reden sie mit jedem“, antwortete er in lässigem Tonfall. „Man muss halt den richtigen Augenblick abpassen.“

Sie hatten das Hafengebiet erreicht. Zwar blickten die Leute immer wieder zu ihnen herüber, und alle paar Minuten beschnüffelte sie ein Hund, aber besondere Aufmerksamkeit schienen die drei jungen Grenzenlosen nicht zu erregen.

Tirvo deutete auf einen Fischer, der mit einer halb vollen Flasche Wein in der Hand allein am Kai saß. „Der dort zum Beispiel hat gerade niemanden zum Reden. Da versuche ich es mal.“

Mai-shin und Johann blieben zurück, und er schlenderte auf den Mann zu, ließ sich im Schneidersitz neben ihm nieder und nickte ihm zu. Dieser sah ihn misstrauisch an.

„Bist du’n Grenzenloser?“

Tirvo grinste ihn an. „Das sieht man wohl, was? Stimmt, ich bin einer. Gerade erst vor ein paar Tagen aus Urland geflohen. Aber das hört man wohl auch, nehme ich an.“

„Mhm.“ Der Mann nahm einen Schluck aus seiner Flasche und sah wieder auf das Wasser hinaus.

„Ganz schön was los hier“, meinte Tirvo beiläufig. „In der Tagmokratie gibt es ja auch sehr große Häfen, aber hier ist alles viel lebendiger. Und man sieht viel mehr Frauen hier! Das Schiff, das mich hierher gebracht hat, hatte sogar eine Kapitänin. Gisela Grambein hieß sie. Vielleicht kennst du sie ja?“

„Mhm“, wiederholte sein Gesprächspartner und nahm einen weiteren Schluck.

„Ich will ja auch später zur See fahren“, plauderte Tirvo weiter. „Hat mich immer schon gereizt, da draußen zu sein, mit nichts als Wasser in allen Richtungen.“

Jetzt wandte der Mann sich ihm zu. „Hör mal, Junge…“

„Tirvo.“ Tirvo streckt seine Hand aus. Der Mann ignorierte sie.

„Wenn ich Lust auf ein Schwätzchen habe, setze ich mich in eine Kneipe. Ich sitze aber nicht in einer Kneipe, sondern hier draußen. Also?“

Tirvo wurde rot. „Also wollen Sie in Ruhe gelassen werden.“

„Mhm“, grunzte der Mann, wandte sich wieder ab und setzte erneut die Flasche an seinen Mund. Beschämt stand Tirvo auf und ging zurück zu den anderen.

„Wir sollten es vielleicht besser in einer Kneipe versuchen“, murmelte er. Johann zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts.

„Ich denke, dafür braucht ihr mich nicht, oder?“, fragte Mai-shin. „Ich lasse euch dann mal allein. Wir treffen uns dann heute Abend am Goldenen Anker.“

„Was hast du vor?“, fragte Johann.

Die Lashani zuckte mit dem Schultern. „Privatangelegenheiten. Jedenfalls nichts, was euch etwas anginge. Bis später also!“

Mit raschen, entschlossenen Schritten begann sie, sich zu entfernen. Johann sah ihr mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck hinterher.

„Versuchen wir es in der Kneipe dort drüben“, schlug Tirvo vor, und sie machten sich auf den Weg.

***

„Turbo heißt du also? Komischer Name.“

„Tirvo“, verbesserte dieser geduldig. „Und das ist mein Freund Johann.“

„TIR-VO. Komischer Name.“ Der Mann zuckte mit den Achseln und widmete sich wieder seinem Bierkrug.“

„Ich… ich kannte mal ’nen Tirvo“, lallte sein Nachbar. „War’n patenter Kerl, der Tirvo. So’n kleiner Dicker, aber ziemlich kräftig. Musste immer halb in ein Fass hinein krabbeln, wenn er etwas raus holen wollte. Ich meine, wenn das Fass schon halb leer war. Weil seine Arme halt so kurz waren. Aber war schon ’n patenter Kerl, der Tirvo.“

„Ist trotzdem ein merkwürdiger Name.“ Der andere Mann winkte der Bedienung zu, die zur Antwort nickte und sich aufmachte, eine weitere Runde Bier heran zu schaffen.

„Einmal war’n wir in so’n Sturm geraten, richtig schlimm, und der Klüverbaum drohte abzubrechen, weil der Außenklüver flatterte. Jemand musste raus an den Bug und ihn nochmal richtig einholen, und auch wenn Tirvo nicht derjenige war, der’s verbockt und den Klüver nicht richtig eingeholt hatte, ging er nach vorne, obwohl er bei dem Wetter mehr rollte als lief – echt ’n patenter Kerl, der Tirvo!“

Der Mann leerte seinen Bierkrug. „Obwohl… Augenblick mal… der hieß ja gar nicht Tirvo. Der hieß Torsten. Nee, auch nicht: Torben. Jawoll, Torben hieß der! Aber war echt’n patenter Kerl, dieser Torben… Aber wer war dann noch mal Tirvo?“

Sein Nachbar zeigte mit der Hand auf Tirvo. „Der Grenzenlose da.“

„Ach ja, richtig… Das is‘ aber’n komischer Name, oder?“

„Sag‘ ich doch.“

Die Bedienung kam und tausche die leeren Bierkrüge gegen volle aus.

„Aber ich bin sicher, ich kannte mal ’nen Tirvo… nee… nicht Tirvo… Thilo hieß der, Thilo! Das war aber’n Halbling.“

„Halblinge haben auch immer so komische Namen.“

Johann warf Tirvo einen Blick zu. Dann legte er Geld für das Bier, zu dem sie die beiden ehemaligen Seeleute eingeladen hatten, auf den Tisch, stand auf und verließ die Kneipe. Halb verärgert, halb belustigt folgte Tirvo ihm.

***

„Lass es uns diesmal auf meine Art versuchen“, schlug Johann vor, als sie vor der nächsten Kneipe standen.

„Von mir aus“, stimmte Tirvo mürrisch zu. „Aber hier wird es keinen Sinn haben, da ist ja alles leer.“

„Um so besser“, meinte Johann und ging vor. Er setzte sich an einen Tisch nah am Fenster, der hell von der Sonne bestrahlt wurde und zog seine Zeichenutensilien hervor.

Die Bedienung kam. „Ihr seid Grenzenlose, nicht wahr? Was darf ich euch bringen?“

„Einen Becher Wein für mich und ein Glas Wasser für meinen Freund, bitte“, antwortete Johann mit einem Lächeln.

Tirvo sah sich im Raum um. Außer ihnen war der einzige Gast ein bestimmt achtzig Jahre alter Mann, der mit einer erloschenen Pfeife im Mund an die Wand gelehnt da saß und offensichtlich eingeschlafen war. Sie verschwendeten doch nur ihre Zeit hier!

Die Bedienung kehrte zurück und stellte Wein und Wasser vor ihnen ab.

„Danke sehr“, sagte Johann. „Sagen Sie – wenn Sie gerade nicht zu viel zu tun haben, dürfte ich Sie vielleicht malen?“

Unsicher trat die Bedienung von einem Fuß auf den anderen. Sie war eine Menschenfrau in ihren Vierzigern, mit einem nichtssagenden Gesicht, einer eher plumpen Figur und mausgrauen, größtenteils unter einem Kopftuch verborgenen Haaren. „Ich weiß nicht…“

„Bitte!“, drängte Johann. „Sie haben so ein interessantes Gesicht, das muss ich unbedingt festhalten!“

Tirvo sah zur Seite, um unauffällig mit den Augen rollen zu können, aber die Bedienung gab nach.

„Na gut… aber nur, wenn es nicht zu lange dauert.“

Mit einem strahlenden Lächeln stand Johann auf, rückte einen Stuhl so zurecht, dass das Sonnenlicht auf diesen fiel und bedeutete der Frau, sich darauf zu setzen.

***

„Oh ja, vom Goldenen Anker habe ich auch schon viel gehört – eigentlich eine merkwürdige Idee, ein Gasthaus nicht etwa dort zu bauen, wo die Leute schon sind, sondern irgendwo, wo sie nur deswegen hinkommen sollen! Scheint aber gut zu laufen, sagt man.“

„Das tut es“, bestätigte Johann, während er mit bedächtigen Strichen – Tirvo hatte ihn noch nie zuvor dermaßen langsam malen sehen! – die Gesichtskonturen der Frau zeichnete.

„Überhaupt, wer hätte das gedacht, dass Hugo Eisenarm – die Geißel der Tagmokratie! – eines Tages ein Gasthaus eröffnen würde? Dabei wurde doch gemunkelt, er habe auf seinen Fahrten gewaltige Reichtümer angehäuft, die er angeblich unterschlagen hat, und der Magistrat habe ihn nur deswegen machen lassen, weil er halt ihr erfolgreichster Kaperkapitän war – aber da sieht man es mal wieder: Nichts als neidisches Geschwätz! Wenn er so reich wäre, hätte er es ja wohl kaum nötig, auf seine alten Tage noch hinter einem Tresen zu stehen, oder?“

„Das tut er auch nicht“, warf Johann ein. „Der Mann an der Bar heißt Dietmar, und der Name des Kochs ist Herbert, glaube ich.“

„Ach so – die gehören dann wohl zu seiner ehemaligen Mannschaft. Ich glaube, Dietmar war der Name seines ersten Offiziers gewesen. Ist das nicht komisch, wie Männer, die gemeinsam zur See gefahren sind, im Alter oft zusammen bleiben? Seine Mannschaft soll für ihn ja auch durchs Feuer gegangen sein, hat man sich erzählt. Alle seine Offiziere haben dann ja auch den Dienst gekündigt, als er in den Ruhestand trat, wenn ich mich richtig erinnere. Wollten wohl unter keinem anderen Kapitän mehr dienen. Vielleicht hätte sie aber auch kein anderer Kapitän gewollt – der Fliegende Arkheimer war zwar das erfolgreichste Kaperschiff der Arkheimer Flotte, aber es gab schon Leute, die sich wunderten, warum er im Gegensatz zu anderen Schiffen nie Gefangene nach Arkheim zurück brachte.“

Tirvo bemerkte, dass Johann zum größten Teil nur noch so tat, als ob er malte und stattdessen seinen Zeichenstift über das Papier gleiten ließ, ohne es zu berühren.

„Aber Krieg ist eben Krieg, nicht wahr? Und wenn Hugo wirklich so reich gewesen wäre – wo ist das ganze Geld dann geblieben? Klar, er hat es eine Zeit lang im Roten Salon ziemlich wild getrieben, aber das tun doch viele Offiziere. Wahrscheinlich brauchen Männer das eben, wenn sie vorher monatelang auf See waren. Aber mehr als seine normale Heuer wird er wohl nicht bei den Huren gelassen haben. Das ist eben typisch Mann: Alles Geld wird verprasst und verhurt, und wenn sie dann alt werden, stellen sie fest, dass sie nichts mehr auf der hohen Kante haben. Naja, aber wenn der Goldene Anker jetzt so gut läuft, dann ist ja alles in Ordnung.“

„Das tut er“, bestätigte Johann erneut. In diesem Augenblick kam ein halbes Dutzend Fischer zur Tür herein, die vermutlich gerade von ihrer morgendlichen Ausfahrt zurückgekehrt waren, und die Bedienung stand auf.

„Ich muss jetzt aber wirklich weiter arbeiten… ist das Bild denn noch nicht fertig?“

„Dochdoch, eine Sekunde nur noch“, entgegnete Johann, während er in seiner üblichen raschen Art die letzten Striche auf das Papier warf. Dann legte er seinen Block auf den Tisch, so dass sie seine Zeichnung sehen konnte.

Auch Tirvo sah neugierig darauf. Das Bild zeigte die Frau, welche Johann Modell gesessen hatte – und doch wieder nicht. Jeder, der sie kannte – da war Tirvo sich sicher – hätte sofort gewusst, dass es sie darstellte, und doch… Die Frau auf dem Bild war SCHÖN. Nicht von dieser offensichtlichen, strahlenden Schönheit, welche Männer sofort in ihren Bann zog und Verlangen und Sehnsucht in ihnen weckte, aber von einer unaufdringlichen, gleichzeitig verborgenen und doch unübersehbaren Schönheit, die von innen heraus zu wirken schien, und die dafür sorgte, dass man ihr Bild mit Wohlgefallen betrachtete.

Sprachlos starrte die Porträtierte auf Johanns Zeichnung, die Zurufe der Fischer, welche unterdessen Platz genommen hatten, ignorierend.

Vorsichtig trennte Johann das Blatt vom Block. „Ich schenke es Ihnen.“ Er legte noch ein paar Kreuzer zur Begleichung ihrer Rechnung daneben, und dann gingen Tirvo und er wieder hinaus zum Hafen, die immer noch stumm da stehende Frau zurück lassend.

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Veröffentlicht on Mai 15, 2011 at 10:06 am  Schreibe einen Kommentar  

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