Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 44

*** Die Geißel der Tagmokratie ***

Blattgrund bestand aus kaum einem Dutzend Gebäuden und einem kleinen Pier, an dem wohl nicht mehr als vier kleine Fischerboote anlegen konnten. Im Augenblick war der Pier jedoch leer. Das Gasthaus war an einem Bierkrug zu erkennen, der an einem davor aufgepflanzten kleinen Fahnenmast hochgezogen worden war – ansonsten unterschied es sich von den anderen Häusern wenig, bis man um die Vorderfront herum ging und auf der Strandseite die beiden kleinen Tische und die davor geschobenen Sitzbänke vorfand.

Johann und Tirvo hatten ihr Maultier angebunden und mit Hafer versorgt und sich dann auf einer dieser Bänke niedergelassen. Ohne größere Überraschung registrierte Tirvo, dass Johann bereits wieder seine Malsachen hervorgekramt hatte.

„Was darf ich euch bringen? Ihr seid doch Grenzenlose, oder?“

Tirvo, der sich längst daran gewöhnt hatte, dass sein Status wohl in einer Art unsichtbarer Schrift an seine Stirn geschrieben sein musste, nickte und betrachtete die Frau, die zu ihnen an den Tisch getreten war. Sie befand sich wohl in ihren Mittvierzigern, hatte lange, lockige dunkle Haare und dunkle Augen… wunderschöne dunkle Augen. Es bedurfte nicht allzu viel Phantasie sich vorzustellen, dass sie einst eine äußerst attraktive junge Frau gewesen war: Sie war auch jetzt noch eine sehr attraktive Frau.

„Zwei Brause, bitte“, bestellte Johann, und die Frau verschwand in dem kleinen Haus, um kurz darauf mit zwei Bechern des gewünschten Getränks zurückzukehren.

„Eine ziemlich ruhige Gegend für ein Gasthaus, oder?“, sprach Johann sie an.

Die Wirtin zuckte mit den Schultern. „Es genügt. Abends sind immer ein paar Fischer aus dem Dorf hier, und ich habe auch immer wieder Gäste aus benachbarten Dörfern, die extra hier einen Zwischenhalt einlegen, um etwas zu trinken.“

„Ah, Sie sind so eine Art Ausflugsziel – so ähnlich wie der Goldene Anker in Kaperstadt“, sagte Johann leichthin, doch er weckte damit umgehend das Misstrauen der Wirtin.

„Ihr seid wegen Hugo hier, stimmt’s?“, fragte sie und sah sie scharf an.

Johann antwortete nicht sofort. Tirvo erwog kurz zu lügen, kam aber rasch zu dem Schluss, dass ihm einerseits kein überzeugender anderer Grund für ihren Besuch einfiel, und dass andererseits ein Leugnen es wohl unmöglich machte, dieses Thema noch einmal anzusprechen. „Stimmt“, bestätigte er also. „Unser Fürsprecher hat uns damit beauftragt, ein paar Dinge über den Goldenen Anker herauszufinden.“

Die Frau seufzte leise und setzte sich zu ihnen. „Na schön, ihr müsst natürlich tun, was euer Fürsprecher euch sagt. Aber damit das gleich klar ist. Ich weiß nichts von einem Schatz, und ich glaube auch nicht, dass es einen gibt!“

„Aha – na gut, dann ist das ja geklärt“, stotterte Tirvo überrumpelt. „Aber können Sie uns trotzdem etwas über Hugo erzählen?“

„Darf ich Sie malen, Ludmilla?“, warf Johann ein, als sie gerade zum Antworten ansetzte.

Sie blickte ihn amüsiert an. „Von mir aus. Aber ich werde mich ganz normal bewegen – Modell sitzen kostet extra!“

„Schon in Ordnung“, meinte Johann und begann umgehend mit seiner Zeichentätigkeit.

Ludmilla wandte sich wieder Tirvo zu. „Ich soll dir also etwas über Hugo Eisenarm, die Geißel der Tagmokratie, erzählen? Naja, ich nehme an, du kennst die ganzen Geschichten über ihn bereits. Du denkst, ich kann dir sagen, wie er wirklich war, stimmt’s? Aber ich weiß nur, wie er sich mir gegenüber verhalten hat: Leidenschaftlich, liebevoll und aufrichtig. Über seine Fahrten haben wir nie gesprochen – das wollte er nicht. Vielleicht ist ja an den Gerüchten sogar etwas dran – im Krieg sind Menschen nun einmal anders als daheim, und nach dem, was die Tagmokratie ihm angetan hat, kann ich schon verstehen, wenn er auf Rache aus war. Nein, ich werde nicht über das sprechen, was er mir im Vertrauen mitgeteilt hat. Ich will nur sagen: Der Hugo Eisenarm, den ich kannte, und derjenige, der auf dem Ozean der Versuchung die Schiffe des Meerbundes jagte, das waren zwei verschiedene Personen.“

„Hm.“ Tirvo nippte an seiner Brause. „Wissen Sie vielleicht, wieso er den Goldenen Anker aufgemacht hat?“

Ludmilla lachte leise. „Ja, das weiß ich: Das war meine Idee – oder sagen wir, unsere Idee. Hugo hat immer darüber gesprochen, dass er mit mir zusammen leben wollte, sobald er seinen Dienst in der Flotte beendete. Normalerweise gibt eine Hure nicht viel auf solches Geschwätz – dazu bekommen wir es viel zu oft zu hören. Aber Hugo meinte es ernst, und ich wusste, er besaß etwas Geld, also schmiedeten wir Pläne. Ich hatte im Roten Salon gelernt, dass Kunden bereit sind, zu einem zu kommen, wenn man etwas anbot, was sie interessierte, und dass das, was sie interessierte, häufig das war, wovon ihnen andere erzählt hatten. Daher kam ich auf die Idee, ein Gasthaus außerhalb der Stadt zu errichten, damit die Leute sich fragten: Wieso sollte man extra dorthin gehen, nur um etwas zu essen und zu trinken? Das muss ja etwas ganz Besonderes sein! Und dann würden sie sich probeweise auf den Weg machen, und wenn sie dann feststellten, dass sie dort tatsächlich gut bewirtet wurden – und dass dort nicht an jedem zweiten Tisch ein paar betrunkene Fischer miteinander stritten – dann würde sich das herumsprechen, und es würde bald als schick gelten, dorthin zu gehen.“

„Das war tatsächlich eine gute Idee“, meinte Johann anerkennend. „Aber wieso sind Sie dann jetzt hier in Blattgrund und nicht mit Hugo im Goldenen Anker?“

„Ach… Männer… Wir hatten alles bereits geplant, und die Errichtung des Goldenen Ankers hatte auch schon begonnen, da fing Hugo auf einmal an, sich Gedanken um seine Offiziere zu machen. Was soll denn aus ihnen werden?, hat er mich immer gefragt, ganz so, als wären sie hilflose Kinder ohne ihn. Ich kann sie doch nicht im Stich lassen. Ich fand das schon merkwürdig, aber ich habe auch gespürt, dass er sich ernsthaft Sorgen machte. Irgendetwas war da zwischen ihm und Dietmar und Herbert – und auch Peter, bis der dann bei ihrer letzten Fahrt starb – irgendetwas Besonderes, das sie aneinander schweißte, so dass sie sich nicht voneinander trennen konnten. Ich vermute, es hatte etwas mit dem Krieg zu tun. Jedenfalls sprach Hugo darüber, dass er seine Jungs im Goldenen Anker auch mit an Bord haben wollte, und irgendwann wurde mir klar, dass dann kein Platz mehr für mich sein würde.“

Ludmilla sah den beiden Schülern in die Augen. „Wisst ihr, da habe ich begriffen, dass der wahre Hugo Eisenarm nicht derjenige war, der bei mir im Bett lag, bis er wieder auf Kaperfahrt ging. Der wahre Hugo Eisenarm war die Geißel der Tagmokratie, der mit seinem Schiff und seiner Mannschaft den Meerbund bekämpfte und ab und zu an Land ein wenig Urlaub in meinen Armen machte. Und daran änderte sich auch nichts, als er sich zur Ruhe setzte. Sein Leben, das war der Fliegende Arkheimer, und als sie sein Schiff versenkt hatten, setzte es sich an Land weiter fort – nur eben stattdessen im Goldenen Anker. Hugo hat das am Ende auch eingesehen. Er gab mir genügend Geld, dass ich hier in Blattgrund mein eigenes kleines Gasthaus eröffnen konnte und machte mit Dietmar und Herbert zusammen den Goldenen Anker auf.“

„Aha.“ Tirvo überlegte. „Sie haben ja schon gesagt, dass sie nichts von einem Schatz wissen – aber könnte das nicht auch ein Grund gewesen sein, warum die Offiziere des Fliegenden Arkheimers zusammen bleiben wollten? Vielleicht trauten sie ja einander nicht?“

Ludmilla schüttelte langsam den Kopf. „Nein, das war bestimmt nicht der Grund. Dietmar und Herbert waren immer absolut loyal zu Hugo.“

Tirvo überlegte, ob er Ludmilla von dem vernagelten Fenster erzählen sollte, ließ es dann aber bleiben.

„Ich soll Ihnen übrigens schöne Grüße vom alten Tobias ausrichten“, sagte er stattdessen.

„Von wem?“, fragte Ludmilla verständnislos.

„Von Tobias, ihrem Lieblings-… einem Ihrer früheren Kunden“, erklärte Tirvo.

„Ach so. Danke schön“, entgegnete sie gleichgültig. „War das dann alles? Ihr müsst doch bestimmt heute noch zurück nach Kaperstadt, eurem Fürsprecher Bericht erstatten.“

„Ja, das war wohl alles. Vielen Dank, dass Sie so zuvorkommend waren“, sagte Tirvo höflich.

Johann hatte bereits das Geld für die beiden Becher Brause auf den Tisch gelegt. „Das Bild ist übrigens fertig – wollen Sie es sich ansehen?“

„Nein, danke“, antwortete Ludmilla mit einem Lächeln. „Ich habe mich beinahe mein ganzes Leben durch die Augen anderer gesehen. Ich denke, das genügt.“ Sie nahm das Geld und die beiden leeren Becher und ging zurück ins Haus.

Bevor Johann sie einpackte, warf Tirvo noch einen Blick auf die Zeichnung, die er von Ludmilla Lauerbach angefertigt hatte. Sie zeigte eine in sich ruhende, zufriedene Frau – eine Frau, die mit sich selbst im Reinen war.

Eine Frau mit Augen wie ein Sonnenaufgang über dem Meer.

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Veröffentlicht on Mai 25, 2011 at 5:55 pm  Schreibe einen Kommentar  

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