Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 45

*** Der Sprung ***

„Das klingt wirklich nach einem sehr anstrengenden Tag“, meinte Johann mitfühlend.

Aurora nickte. Dabei habe ich euch das Verstörendste gar nicht erzählt, dachte sie. So lange sie nicht wusste, wie sie die Vision von ihrer Mutter einordnen sollte, schwieg sie lieber darüber, hatte sie beschlossen.

„Naja, genug von mir – was habt ihr herausgefunden?“

Johann gab ihr eine Kurzfassung der Ereignisse. „Und wie geht es jetzt weiter?“

Die Elbin zögerte. Ihr gefiel es gar nicht, für das Gelingen des Auftrags Hartmut gegenüber verantwortlich zu sein. „Was meinst du, Tirvo?“

Der war damit beschäftigt, seine Sachen auszuziehen. „Ich gehe erst einmal ein bisschen ins Wasser.“

„Muss das jetzt sein?“, fragte Aurora ärgerlich, aber Johann sprang ihm bei.

„Lass ihn ruhig baden – ich konnte immerhin den Tag über ein wenig malen.“

Na großartig, dachte Aurora. Johann malt seine Bilder, Tirvo geht ins Wasser – und was mache ich mit meiner Gabe?

Verärgert ließ sie sich auf einen flachen Stein nieder. Dann blinzelte sie plötzlich. „Johann – ist das dort oben nicht Mai-shin? Bei den Engeln – was tut sie denn da bloß?“

Sie sah jetzt angestrengt ganz genau hin. Doch, das war tatsächlich Mai-shins zierliche Gestalt auf einem hoch aufragenden Felsen in ein paar Hundert Metern Entfernung …aber sie würde doch nicht etwa tatsächlich…?

Wie der Wind rannte Aurora auf sie zu. „MAI-SHIN! NICHT!“

Doch entweder hörte das Lashanimädchen sie nicht, oder sie kümmerte sich nicht um ihre Zurufe. Langsam breitete sie ihre dünnen Arme aus, bewegte sie ein paar Mal auf und ab – und sprang. Für einen winzigen Augenblick glaubte Aurora, sie in der Luft stehen zu sehen, aber dann fiel sie erwartungsgemäß wie ein Stein senkrecht hinab.

„MAI-SHIN!“

Innerhalb weniger Sekunden – und doch zu spät, viel zu spät! – erreichte Aurora die Stelle, wo Mai-shin gelandet sein musste. Wenigstens war dort Wasser. Doch wo war ihre Zimmergenossin?

Hektisch suchte die Elbin die Wasseroberfläche mit ihren Augen ab. Dann sah sie in einiger Entfernung Mai-shins regungslosen Körper im Meer treiben. Mit Macht drängte sich der Anblick von Mareikes totem Leib, wie er auf der Bank vor dem Turm aufgebahrt lag, in ihren Sinn. Aurora begann zu schluchzen.

In der Zwischenzeit war Tirvo durch das Wasser heran geeilt. Auch Johann war ihr zwar über den Strand gefolgt, doch sie hatte ihn weit hinter sich gelassen. Tirvo schwamm mit kräftigen Stößen zu Mai-shin hinaus, fasste sie mit einem Arm unter dem Kinn und brachte sie auf diese Weise zum Ufer, wo er das Mädchen im Sand ablegte.

„Was ist mit ihr?“, fragte Aurora ängstlich. Der unterdessen herbei geeilte Johann starrte, laut keuchend, mit entsetztem Gesicht auf die still da liegende Lashani.

„Sie atmet nicht“, sagte Tirvo. „Das Wasser muss aus ihrer Lunge.“

Unsicher legte er seine Hände auf Mai-shins Bauch und drückte mit dem Handballen ein paar Mal ruckartig nach unten.

Nach ein paar Sekunden riss Mai-shin die Augen auf, krümmte sich, hustete einen kleinen Schwall Wasser aus und sog dann hektisch Luft ein. Es dauerte eine Minute, während der sie immer wieder hustete und spuckte, bis sich ihre Atmung wieder einigermaßen beruhigt hatte.

„Mai-shin…“, begann Johann zögernd, aber sie brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.

„Keine Sorge, Johann, ich wollte mich nicht umbringen.“

„Aber warum bist du dann gesprungen?“, fragte Aurora.

Mai-shin hustete ein letztes Mal. „Ich wollte gar nicht springen“, antwortete sie dann. „Ich wollte fliegen. Das Wasser war nur zur Sicherheit unter mir. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass es derartig hart ist, dass ich beim Aufprall das Bewusstsein verliere.“

„Du wolltest – fliegen?“, fragte Tirvo ungläubig nach.

Vorsichtig stand Mai-shin auf. „Warum nicht? Vögel können fliegen, und Vögel sind meine Gabe. Warum sollte ich nicht auch fliegen können? Ich glaube, für einen Moment ist es mir sogar gelungen.“

Sie sah Aurora an. „Ich versuche es noch einmal – kommst du mit?“

Die anderen sahen sie fassungslos an. „Du bist verrückt“, flüsterte Johann.

„Denkst du denn, es wird diesmal klappen?“, fragte die Elbin ungläubig.

„Das kann ich nur herausfinden, indem ich es versuche“, gab Mai-shin zurück.

„Aber wenn du wieder ins Wasser stürzt?“

Mai-shin lächelte Aurora an. „Dann holt Tirvo mich eben noch einmal heraus. Also, was ist nun – bist du dabei?“

Für einen Augenblick trat Schweigen ein. Tirvo verfolgte das Gespräch der beiden Mädchen mit großen Augen. Johann wandte den Blick ab.

Aurora holte tief Luft. „Ich bin dabei.“

***

„Bereit?“, fragte Mai-shin. Sie standen nebeneinander auf dem über dreißig Meter hohen Felsen. Aurora sah hinab auf die Wasseroberfläche. Es ist nicht so hoch wie damals in Schattenland, dachte sie, als sie sich daran zurück erinnerte, wie ihr Vater ihre Grenzenlosigkeit aufgedeckt hatte. Ein Zittern durchfuhr sie.

„Bereit“, sagte sie und fasste nach Mai-shins Hand, doch die Lashani entzog sie ihr.

„Es tut mir leid, Aurora, aber ich muss meine Arme frei bewegen können.“

„Natürlich“, murmelte die Elbin. Für ein paar Augenblicke standen sie bewegungslos da. Mai-shin starrte mit konzentriertem Gesichtsausdruck auf die vor ihnen liegende Leere. Sie sog tief die Luft ein, und Aurora tat es ihr nach.

Dann sprangen sie.

Die Lashani ruderte wild mit den Armen, und Aurora hatte den Eindruck, von gewaltigen Schwingen Luft zugefächert zu bekommen. Mai-shin ist ein riesiger blauer Vogel, dachte sie und musste beinahe lachen. Aber was bin ich?

Sie sah nach unten, zum Wasser hin, das erstaunlicherweise nicht näher zu kommen schien, und die Antwort flog ihr zu. Ich bin leicht wie Luft.

In kaum zwei Armlängen Abstand schwebten sie nebeneinander. Aurora schrie laut ihren Triumph in die Welt hinaus. Auch Mai-shin machte ihrer Freude Luft, doch ihre Jubelschreie klangen eher wie ein lautes Krächzen.

Ich fliege! Ich kann fliegen! Ich kann tatsächlich fliegen!

Nach einigen Sekunden bemerkte die Elbin, dass sie nun doch zu fallen begann, aber nur ganz gemächlich – wie ein Blatt, welches sich zur Erde herab senkte. Neben ihr verlor auch Mai-shin langsam an Höhe.

Gemeinsam stürzten sie lachend ins Wasser, während Tirvo und Johann vom Strand aus Beifall klatschten.

***

„Also abgemacht: Wir warten ab, bis der Goldene Anker schließt, geben den Betreibern noch eine Stunde Zeit um aufzuräumen und schlafen zu gehen und brechen dann ein. Wir sehen nach, ob Hugo tatsächlich von seiner Mannschaft gefangen gehalten wird, und wenn ja, befreien wir ihn.“

Mai-shin sah die anderen Schüler der Reihe nach an. Niemand sagte etwas, und sie deutete dieses Schweigen offensichtlich als Zustimmung. Wer hat dich eigentlich zur Anführerin gemacht?, dachte Tirvo, aber er protestierte nicht – eigentlich war er froh darüber, dass jemand anders nun die Entscheidungen traf.

„Bis dahin sollten wir uns noch ein paar Stunden schlafen legen, damit wir nachher ausgeruht sind. Einige von uns haben schließlich einen ziemlich anstrengenden Tag hinter uns.“ Die Lashani warf Aurora einen Blick zu, und die Elbin fragte sich, ob Mai-shin sich vielleicht über sie lustig machte. Entschuldige bitte, dass ich es im Gegensatz zu dir nicht gewohnt bin, seit dem Erreichen des Kinderalters zwölf Stunden täglich auf den Feldern zu arbeiten, dachte sie, aber es gelang ihr nicht, dabei wütend zu werden – zu deutlich war ihr bewusst, was für eine behütete und verwöhnte Kindheit sie doch im Vergleich zu den anderen – Johann vermutlich ausgenommen – gehabt hatte.

„Was hast du heute eigentlich gemacht, Mai-shin?“, fragte sie.

„Ich habe einige Dinge in Erfahrung gebracht, die nichts mit unserem Auftrag zu tun haben“, gab diese zurück.

„Lass mich raten – hatten sie etwas mit Vögeln zu tun?“, grinste Tirvo.

Die Lashani zuckte die Achseln, drehte sich um und begann um den Felsen, von dem Aurora und sie vor ein paar Minuten hinab gesprungen waren, herum zu gehen.

Sie fanden eine Stelle, die weder vom Goldenen Anker noch vom Meer aus einzusehen war und streckten sich dort im sonnengewärmten, weichen Sand aus.

Doch so erschöpft Aurora auch war – es gelang ihr nicht einzuschlafen. Wann immer sie die Augen schloss, sah sie ihre Mutter vor sich, wie sie an dem kleinen Tisch im Schankraum des Gasthauses saß und weinte. Nachdem sie sich eine Zeit lang immer wieder herum gewälzt hatte, stand sie schließlich auf und erklomm erneut den Felsen. Sie konnte den Goldenen Anker von hier aus sehen – zahlreiche Fackeln beschienen seine Terrasse, die auch jetzt nach Sonnenuntergang immer noch prall gefüllt war. Morgen früh würde sie wieder eines der Mädchen sein, die pausenlos hin und her rannten, um die Wünsche der Gäste zu erfüllen.

Mit einem Seufzen wandte die Elbin sich ab und blickte auf das Meer hinaus – eine unendlich erscheinende dunkle Fläche, auf deren Wellenkämmen sich schwach glitzernd das Mondlicht brach. Sie lauschte dem sanften Rauschen des Wassers und sog die salzige, ein wenig faulig riechende Luft ein. Auf der anderen Seite dieses Ozeans befand sich Schattenland, ihre Heimat, die sie wohl niemals wiedersehen würde. Was war nur aus ihrer Mutter geworden?

„Ich hoffe, du willst nicht erneut springen“, hörte sie Mai-shins Stimme hinter sich. „Die Ebbe hat bereits eingesetzt, da ist das keine so gute Idee.“

Aurora drehte sich zu ihr um. „Keine Sorge, Mai-shin, ich konnte nur nicht schlafen.“

„Ich gehe normalerweise auch erst später zu Bett“, antwortete die Lashani und setzte sich neben sie.

„Ich weiß“, sagte Aurora. Für ein paar Augenblicke saßen die beiden Mädchen stumm zusammen. Aurora wurde bewusst, dass ihre Zimmergenossin so weit von zu Hause fort sein musste wie sie, wenn nicht noch weiter – nur, dass ihr Zuhause sich auf der gegenüber liegenden Welthälfte befand. Wie unterschiedlich sie doch waren: Das Menschenmädchen aus Ostfernland, in Armut und mit schwerster körperlicher Arbeit aufgewachsen, und die junge Elbin aus Urland, die in eine reiche und einflussreiche Familie hinein geboren worden war. Und doch haben wir etwas gemeinsam, dachte Aurora: Wir können beide fliegen!

„Ich wollte mich noch bei dir bedanken“, unterbrach Mai-shin plötzlich die Stille. „Du hattest Recht gehabt.“

„Womit denn?“, fragte Aurora überrumpelt.

„Damit, dass ich zu viel Angst hatte. Das hat mich gelähmt. Aber ich bin eine Grenzenlose – ich muss vor nichts Angst haben, ich muss lediglich bereit für die Konsequenzen meines Tuns sein. Und ganz besonders muss ich keine Angst vor dem Allmächtigen Kaiser haben! Du hattest mit allem, was du über ihn gesagt hast, Recht, Aurora – was für ein erbärmlicher, herrschsüchtiger, machtgieriger Feigling er doch ist! Ich habe mich gefragt, wieso er uns Grenzenlose eigentlich nach Arkheim schickt, anstatt uns in seinem eigenen Reich auszubilden, und ich glaube, ich weiß jetzt die Antwort: Weil er Angst vor uns hat! Wieso sollte ich Angst vor jemandem haben, der Angst vor mir hat? Und wieso sollte ich überhaupt vor irgendetwas Angst haben, wenn doch selbst der mächtigste Herrscher der Welt mich fürchtet?“

Mai-shin sah ihr in die Augen. „Wir sind Grenzenlose, Aurora – und das bedeutet, dass die Welt UNS fürchtet. Das habe ich jetzt begriffen. Danke noch einmal dafür.“

Die Lashani stand auf. „Und jetzt komm mit, Mädchen, und leg dich wieder schlafen! Du musst nachher fit sein.“

Aurora gehorchte wortlos, während sie sich im Stillen über die Veränderung wunderte, welche ihre damaligen Worte in Mai-shin ausgelöst hatten.

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Veröffentlicht on Mai 30, 2011 at 1:35 am  Schreibe einen Kommentar  

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