Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 5

*** Verraten ***

Der Schauprozess fand in Heiligenhafen, ehemals Freihafen, statt, der Hauptstadt von Schattenland an der Mündung des Schattenflusses in den Ozean der Versuchung, welche nach der Niederschlagung der von hier ausgegangenen ketzerischen Aufstände vor 80 Jahren umbenannt wurde und nun der Hauptsitz der Inquisition war. Nachdem die Rebellion gegen den Tagmokraten in einer Schlacht vor der Stadt endgültig niedergeworfen war, verfügte dieser, dass die besiegten Ketzer als Buße mit ihren eigenen Händen den Weg der Gemeinde zurück in die Ordnung errichten sollten. In jahrzehntelanger Arbeit entstand so die Straße der Sühne, ein steinerner Weg, der von den Toren Heiligenhafens zum ehemaligen Schlachtfeld führte, welches eingeebnet, gepflastert und in Platz der Gerechtigkeit umbenannt wurde. Dieser hatte die Größe von zehn Marktplätzen, und in seiner Mitte war ein gewaltiges steinernes Podest mit einer Feuergrube erbaut worden. In dieser wurde nach Fertigstellung des Platzes denjenigen Aufständischen, welche die Zwangsarbeit im Steinbruch, beim Straßenbau und beim Pflastern des Platzes überlebt hatten, endlich vor den Augen der kodextreuen Bürger die Gnade des Heiligen Feuers gewährt. Damit erklärte der Tagmokrat die Sühne der Gemeinde für die von ihr verübten Verbrechen für vollzogen, und die Bewohner Heiligenhafens erlangten ihre vollen Bürgerrechte zurück.

Weder Tirvo noch Aurora hatten zuvor den Platz der Gerechtigkeit betreten, auf dem alle paar Wochen Bürger der Grenzenlosigkeit angeklagt wurden, und wo auch immer sofort das Urteil vollstreckt wurde. Tirvo war überhaupt noch nie in Heiligenhafen gewesen, aber die junge Yirell hatte ihren Vater einmal auf einer Reise in die Hauptstadt begleitet. Obwohl sie gelernt hatte, die Ehrerbietungen anderer Bürger als selbstverständlich hinzunehmen, war ihr doch aufgefallen, dass die Ehrfurcht, mit der sie hier behandelt worden waren, das normale Maß weit zu überschreiten schien.

Ehrfurcht kommt von Furcht, Aurora, hatte ihr Vater damals zu ihr gesagt. Aber uns müssen sie doch nicht fürchten?, hatte sie gefragt. In Schattenland muss jeder jeden fürchten, war seine Antwort gewesen. Sie hatte nicht begriffen, was er damit meinte, und als sie wieder zurück auf dem heimatlichen Gut war, vergaß sie seine Worte bald wieder.

Nun aber blickte sie in die Gesichter Zehntausender Heiligenhafener Bürger, und sie sah, dass Furcht ebenso gut wie mit Ehrerbietung auch mit Hass einherging. Ritter der Ordnung hielten mit Waffengewalt die tobende Menge davon ab, das Podest zu erstürmen, auf dem sie an eine steinerne Säule gebunden stand, die Armbrüste zweier Ritter auf ihre Brust gerichtet, für den Fall, dass sie irgendeine Teufelei versuchte.

Neben ihr, an einer weiteren Säule, stand ein Menschenjunge gebunden, etwa in ihrem umgerechneten Alter, groß und kräftig, mit schulterlangen blonden Haaren. Sein Blick war leer und teilnahmslos. Er war also auch grenzenlos, ebenso wie sie. Ob er wenigstens verstand, was das bedeutete?

***

Tirvo hatte Durst. Sein Körper schien nach den Misshandlungen der letzten Tage nur noch aus Schmerzen zu bestehen, die rasende Menge forderte sein Blut, und er wusste, dass er bald lebendig verbrannt werden würde, doch das einzige Gefühl, welches sein Denken beherrschte, war Trockenheit. Zu seinen Füßen, unter dem gepflasterten Boden, befand sich Wasser – er glaubte es spüren zu können. Könnte er doch einfach im Boden versinken, sich den Schreien und hasserfüllten Blicken der Schattenländer Bürger entziehen und in den feuchten, kühlen Grund eintauchen!

Plötzlich wurde es still – so still jedenfalls, wie ein Platz mit zehntausend Bürgern es werden konnte. Das Prasseln der Flammen des Heiligen Feuers, welches bereits angezündet worden war, wurde zum lautesten Geräusch.

Die Inquisitorin betrat die Bühne. Ein Schleier aus Angst legte sich auf Tirvos Herz. Was war nur mit dieser Zwergin, dass ihr bloßer Anblick genügte, um Furcht, Schuld und Verzweiflung hervorzurufen? Niemand wagte es, sie direkt anzusehen. Selbst die Ritter der Ordnung wandten die Augen ab.

Sie trat auf ihn zu. Tirvo konnte ihrem Blick nicht standhalten.

„Tirvo Banrus, du bist der Ausübung von Grenzenlosigkeit angeklagt. Da deine Schuld offenbar ist, und da ein grenzenloser Geist keine Wahrheit kennt, ist es sinnlos, dich anzuhören. Deswegen wirst du schweigen, bis das Urteil an dir vollstreckt ist.“

Tirvo schwieg. Ihm war bewusst, dass jedes Wort von ihm nutzlos sein würde.

„Doch wie konnte es geschehen, dass solch ein dämonischer Geist inmitten rechtschaffener, ordentlicher Bürger unbemerkt entstehen konnte?“, fuhr die Inquisitorin fort. „Dies festzustellen, ist nun die vordringliche Aufgabe der Inquisition.“

Sie trat einen Schritt beiseite und gab den Rittern ein Zeichen. „Ich rufe Georg Banrus, den Vater des Angeklagten, als Zeugen auf.“

Sein Vater stürmte die Stufen hinauf, die von dem kleinen, in das steinerne Podest eingelassenen Raum, in dem die Zeugen des Prozesses von Rittern bewacht wurden, emporführten.

„Bürger von Schattenland, schenkt einem rechtschaffenen Mann Gehör: Dieser Junge ist nicht mein Sohn! Immer habe ich darauf geachtet, ein geordnetes Leben zu führen. Alles habe ich dafür getan, um auch meinen Kindern die Wahrheiten des Kodex zu vermitteln. Doch was nützt die rechtschaffenste Absicht, wenn die Seele eines Dämonenkindes sich längst für die Hölle entschieden hat? Ich kann nicht glauben, dass dieser Abschaum mein Fleisch und Blut ist! Weiß ich, mit wem mein Weib sich herumgetrieben hat? Welchem Teufel hat sie sich hingegeben, um diesen Balg zu empfangen? Ich verleugne diesen Jungen, und ich verstoße ihn, und ich bitte um Verzeihung dafür, dass ich nicht früher bemerkt habe, welch verdorbene Frucht in meinem Haus herangereift ist.“

Nie zuvor hatte Tirvo seinen Vater so lange am Stück sprechen hören. Als er fertig war, buhte die Menge, bis die Inquisitorin sie mit einer Handbewegung zum Schweigen brachte.

„Danke für deine Aussage, Georg Banrus. Doch es ist nicht die Aufgabe deiner Mitbürger, noch diejenige der Inquisition oder selbst des Tagmokraten dir zu verzeihen; dies steht alleinig den Engeln zu, die direkt in deine Seele schauen können, und die du nicht belügen kannst.“

Die Ritter führten ihn wieder hinab.

„Ich rufe Lisa Banrus, die Mutter des Angeklagten, auf.“

Die Stimme seiner Mutter überschlug sich geifernd, als sie ihre Aussage auf den Platz hinausschrie:

„Dieses Balg kann nicht mein Kind sein – niemals hätte ich einem Dämon wie diesem das Leben schenken können! Es muss vertauscht worden sein, das ist die einzige Erklärung! Wenn mich meine fehlgeleitete Liebe nicht blind gemacht hätte, wenn ich nur erkannt hätte, welches grenzenlose Monster sich den Weg in mein Mutterherz erschlichen hatte – ich hätte diese Brut mit meinen eigenen Händen erwürgt!“

„Mutter!“, stieß Tirvo hervor. Er erkannte sie nicht wieder.

Sie beachtete ihn nicht. Minutenlang zeterte sie weiter, sich ständig wiederholend, bis die Inquisitorin schließlich ihrer Aussage ein Ende setzte.

Dann war sein Bruder an der Reihe.

„Ich weiß, ich bin noch jung an Jahren; kaum mehr als ein Schüler, doch ich weiß auch, dass dies keine Entschuldigung sein kann: Wir alle sind zur Wachsamkeit verpflichtet, müssen jederzeit dafür sorgen, dass Unordnung und Grenzenlosigkeit in unserer Mitte keinen Fuß fassen; und hier habe ich versagt. Ja, ich hätte erkennen müssen, dass die jugendliche Wildheit meines Bruders Ausdruck eines tieferliegenden Übels ist, aber ich habe nicht genügend auf sein Verhalten geachtet, und daher bin ich bereit, für meine Mitschuld Buße zu tun. Ich hoffe, dass die Inquisition es mir zum Vorteil anrechnet, dass ich dabei mitgeholfen habe, diesen Ketzer festzunehmen… Möge er seine gerechte Strafe erleiden!“

Keiner aus seiner Familie hatte ihn bisher angesehen. Doch nun wurde seine Schwester aufgerufen, und als diese langsam die Treppe heraufkam, schaute sie zu ihm herüber – und brach in Tränen aus.

Die Inquisitorin winkte sie zu sich.

„Komm näher, Kind. Weinst du um deinen Bruder?“

Die Menge raunte. Nein, Megan, schrie Tirvo in Gedanken – NEIN!

Sie murmelte etwas, doch die Inquisitorin schalt sie. „Sprich laut und deutlich, damit deine Mitbürger dich verstehen können!“

Einen Augenblick stand sie stumm da. Er konnte sie zittern sehen. Dann holte sie tief Luft und sprach mit lauter, klarer Stimme:

„Nein, ich weine nicht um diesen Jungen, der gewiss nicht mein Bruder ist. Ich weine, weil es so viel Böses in der Welt gibt, und weil wir, die gerechten Völker, immer wieder zulassen, dass es sich in unserer Mitte einnistet. Ich weine um unser aller Sünden, deretwegen die Welt in Unordnung ist. Aber ich hoffe, dass ich mich bessern kann, und dass ich ein gerechtes Leben führen werde, so dass die Welt wieder in Ordnung gerät.“

Einige der umstehenden Bürger klatschten, doch die Inquisitorin brachte sie rasch zum Verstummen.

„Wahre Reue bedeutet mehr, als nur eine geeignete Passage aus dem Kodex zu zitieren, Megan Banrus. Doch ich will deine Jugend berücksichtigen. Vertrauen in die Wohlordnung der Welt bedeutet auch Hoffnung. Mögest du diese Hoffnung, die ich in dich setze, nicht enttäuschen.“

Nun wurde seine gesamte Familie auf das Podest geführt, um den Urteilsspruch der Inquisitorin zu hören:

„Georg Banrus, Lisa Banrus und Kerri Banrus: Ich verurteile euch wegen fahrlässiger Unterstützung von Grenzenlosigkeit in eurer Familie zu einer Sühne von zehn Jahren Zwangsarbeit in den Steinbrüchen, einhergehend mit dem Verlust eurer Bürgerrechte in dieser Zeit. Euer Besitz fällt der Kirche zu. Megan Banrus, du wirst den Rest deiner Schülerzeit unter priesterlicher Aufsicht in einem Erziehungsheim verbringen und dort Buße tun.“

Tirvos Mutter brach zusammen. Sein Vater ballte die Fäuste. Plötzlich begriff Tirvo, dass der Hass in ihren Blicken nicht nur gespielt gewesen war.

Er hatte das Leben seiner Familie zerstört.

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Veröffentlicht on Dezember 17, 2010 at 11:32 pm  Schreibe einen Kommentar  

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