Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 50

*** Zweisamkeit ***

Mai-shin hatte offenbar die Möglichkeit einer Übernachtung im Freien vorhergesehen, und so konnten sich die Schüler, als die Dunkelheit herein brach, in die auf ihr Geheiß mitgebrachten Decken kuscheln. Aurora fühlte sich leer – bei ihrem Versuch, dem Wind Worte zu entlocken, hatte sie sich innerlich verausgabt, obwohl sie gar nicht genau hätte sagen können, womit. Zwar hatte sie erst zwei Tage zuvor ihren Wahnsinn bedient, doch die Unruhe war bereits erneut zu ihr zurückgekehrt, und sie wusste auch warum: Sie schlief schlecht. Ihre Träume waren zwar zumeist wirr, und sie konnte sich an keine Einzelheiten erinnern, doch sie war sich sicher, dass ihre Mutter darin eine Rolle spielte. Am heutigen Nachmittag war es ihr allerdings gelungen, zwei oder drei Stunden zu dösen, bis die anderen wiederkamen, und jetzt war sie nicht mehr müde genug, um erneut einzuschlafen – erschöpft, ja, aber eben nicht schläfrig.

Sie drehte sich auf die andere Seite, schloss erneut die Augen und versuchte, die Gedanken, die sich durch ihren Geist drängelten, nicht zu beachten. Sie beiseite zu schieben, würde ihr nicht gelingen, das wusste sie, aber vielleicht war es möglich, sie einfach tanzen zu lassen, ohne bewusst Anteil an ihnen zu nehmen.

Doch auch das schaffte sie nicht – wie konnte sie den Anblick ihrer weinend da sitzenden Mutter ignorieren? Die Erinnerung an sie stand so klar vor ihren Augen, wie ein Bild, das sie betrachtete – nur dass ihre Gestalt sich nicht mehr im Schankraum des Goldenen Ankers befand, sondern am Rand der steil abfallenden Flussböschung hockte. Gelegentlich übertönte ihr Schluchzen das muntere Plätschern des Wassers.

Aurora setzte sich mit einem Ruck auf. Wie konnte es sein, dass sie ihre Mutter nicht nur vor ihrem inneren Auge sah, sondern auch hörte? Träumte sie etwa doch? Aber sie fühlte sich so wach, wie man sich nur fühlen konnte – sie spürte das Gras unter ihren Knien und den kühlen Luftzug des sanften Westwinds an ihren Ohren; sie roch den leicht bitteren Geruch der Blätter eines ihr unbekannten Strauchs zu ihrer Rechten und den unaufdringlichen, frischen Duft der Salbe, die Johann, bevor er sich neben ihr zum Schlafen hingelegt hatte, in seine Hände einmassiert hatte. Ich bin eindeutig wach, stellte sie fest.

Sie kniff die Augen kurz zusammen und öffnete sie dann wieder. Die Stelle am Flussufer war leer, ihre Mutter weder zu hören noch zu sehen. Ich muss lernen, meine Phantasie zu zügeln, schalt sie sich selbst. Sie wandte sich entschlossen ab und griff nach ihrer Decke, um sich erneut darin einzuwickeln. Dabei bemerkte sie, dass Tirvo aufgewacht war – er hatte sich halb aufgesetzt und sah in ihre Richtung, ebenso wie Pira, die dabei nervös den Kopf hin und her warf.

„Was war das für eine Frau?“, fragte er.

Aurora starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an und antwortete nicht.

***

„Wenn Tirvo sie auch gesehen hat, hast du sie nicht nur geträumt“, stellte Mai-shin fest.

Die anderen nickten. Nachdem Aurora schließlich Tirvo ihre Visionen gestanden hatte, hatten sie die übrigen Schüler geweckt, und die Elbin hatte sie ebenfalls eingeweiht und ihnen auch in kurzer Form von dem, was sie über das Leben ihrer Mutter daheim in Schattenland wusste, berichtet – von ihrer merkwürdigen Krankheit, dass sie sie kaum zu Gesicht bekommen hatte, und dass sie bei dem Prozess auf dem Platz der Gerechtigkeit nicht anwesend gewesen war.

„Vielleicht strahlst du ja irgendwie ihr Bild aus deinem Geist nach außen?“, schlug Tirvo vor. „Johann jedenfalls könnte so etwas bestimmt.“

Aurora schüttelte langsam den Kopf. „Ich besitze aber nicht Johanns Gabe. Ich weiß nicht, was das mit Luft zu tun haben sollte. Und ich glaube auch nicht, dass es aus mir heraus kommt – als ich sie das erste Mal sah, hatte ich vorher überhaupt nicht an sie gedacht.“

„Vielleicht hattest du ja gerade deswegen ein schlechtes Gewissen?“, mutmaßte Johann.

„Vielleicht“, gestand Aurora müde ein. „Aber das erklärt trotzdem nicht, warum auch andere sie sehen können.“

„Du solltest Hartmut fragen, wenn er wieder da ist“, meinte Mai-shin. „Nicht nur, weil er dein Fürsprecher ist – seine Gabe ermöglicht es ihm vielleicht, dieses Phänomen zu verstehen.“

„Dieses was?“, fragte Tirvo, bevor Aurora es konnte.

„Dieses beobachtete Ereignis“, erklärte Mai-shin. „Der Begriff wird in der Regel dann benutzt, wenn noch keine Erklärung für das entsprechende Ereignis gefunden wurde.“

„Du hast ein Wörterbuch verschluckt“, murmelte die Elbin. „Und was soll ich jetzt tun?“

„Versuche wieder einzuschlafen“, antwortete die Lashani. „Wenn du sie wieder siehst, unternimm keine Anstrengungen aufzuwachen – ich denke, sie erscheint dir nur, wenn du dich im Halbschlaf befindest. Behalte sie im Auge und wecke uns leise.“

Doch obwohl es Aurora schließlich gelang, einzuschlafen, sah sie ihre Mutter in dieser Nacht nicht erneut, oder sie konnte sich zumindest nach dem Aufwachen nicht mehr daran erinnern.

***

Als sie am nächsten Tag Pira nach Palmenheim zurück begleiteten, erfuhren sie, dass es zwar noch keine Nachricht vom Rudel gab, dass aber ihr Fürsprecher wieder im Turm anwesend war, und sie machten sich unverzüglich auf den Weg dorthin.

Hartmut erwartete sie schon auf der Terrasse. Rogo lag zu seinen Füßen. Sie erstatteten ihrem Fürsprecher Bericht über ihre Unternehmungen während der letzten Tage. Aurora hoffte, dass er etwas zu Mai-shins Beschluss, sich mit ihrem Körper Geld zu verdienen, sagen würde, aber er gab keinen Kommentar dazu ab.

Als sie fertig waren, sagte Hartmut: „Ihr müsst lernen, die Konsequenzen eurer Handlungen zu antizipieren. Alles, was ihr tut – oder auch nicht tut – hat Folgen, die ihr bedenken müsst.“

„Antizipieren bedeutet, das mögliche Eintreten eines Ereignisses in Betracht zu ziehen“, erklärte Mai-shin, bevor einer der anderen Schüler die Frage stellte. „Aber was meinst du, Hartmut? Geht es um unseren Einbruch im Goldenen Anker?“

„Unter anderem. Das Gasthaus wurde seitdem nicht mehr geöffnet, und heute haben die Büttel offiziell festgestellt, dass es leer steht.“

Erschüttert schwiegen die Schüler. Das warf ihre Pläne nahezu komplett über den Haufen!

„Was werdet ihr jetzt also tun?“, fragte Hartmut. Mai-shin setzte zu einer Antwort an, aber Hartmut richtete seinen Blick auf Aurora und Tirvo, und sie verstummte.

„Wir werden mit dem Rudel sprechen“, sagte Aurora nach einer kurzen Pause. „Vielleicht hilft uns das weiter.“

„Und ich werde mich noch einmal am Hafen umhören, was ich über die ehemalige Besatzung des Fliegenden Arkheimers in Erfahrung bringen kann“, meinte Tirvo. „Vielleicht gehe ich am besten direkt zur Hafenbehörde – so etwas gibt es doch auch in Kaperstadt, oder?“

„Natürlich“, bejahte Johann. „Auch in Arkheim gehen alle Dinge einen geregelten Gang. Du wirst jedoch möglicherweise Geld brauchen – ich gebe dir besser ein paar Schillinge.“

„Komm doch einfach mit“, schlug Tirvo vor, aber Johann schüttelte den Kopf. „Ich will ein bisschen malen… und außerdem kann Aurora bei ihrem Problem vielleicht meine Hilfe gebrauchen… du weißt schon, Bilder im Geist und so…“

Tirvo zuckte die Achseln. „Wie du meinst.“

Johann griff nach seinem Geldbeutel, aber Hartmut legte ihm die Hand auf den Arm.

„Natürlich bekommt ihr solche Auslagen erstattet.“

Er gab Tirvo drei Schillinge. Johann erhielt kein Geld – Tirvo nahm an, dass dessen Ausgaben später ausführlich abgerechnet werden würden. Sie waren ja auch nicht alle unbedingt für den Auftrag notwendig, dachte er und erinnerte sich an Johanns Einladung zum Essen im Goldenen Anker, an die Karrenfahrt nach Blattgrund, oder auch an die Annahme von Piras überteuertem Angebot, sie zum Alten Greifensteig zu führen.

„Ich gehe dann schon einmal los“, sagte er. Hartmut nickte, und er machte sich auf den Weg.

„Lasst uns jetzt allein“, sagte ihr Fürsprecher dann, zu Johann und Mai-shin gewandt. Die beiden verzogen sich, und Hartmut bedeutete Aurora, ganz nah an ihn heran zu treten.

„Lege deine Stirn an meine“, sagte er.

Hartmut saß, und darum musste Aurora sich dazu ein wenig bücken. Jetzt, in unmittelbarer Nähe, stank ihr Fürsprecher beinahe unerträglich: Von seinen Achseln stieg ranziger Schweißgeruch auf, und seinem Mund entfloh ein fauliger Atem, als hätten sich darin ein Dutzend kleine Tiere versteckt, die die vor einigen Tagen verstorben waren und nun verwesten. Aurora hätte es nicht für möglich gehalten, dass ein Bürger dermaßen stinken konnte – selbst, als sie damals mit Tirvo zusammen wochenlang zwischen ihren eigenen Körperausscheidungen gelegen hatte, war der Gestank nicht dermaßen intensiv gewesen.

Allerdings hatte ich mich damals auch daran gewöhnt, dachte sie. Sie versuchte nicht, den Gedanken an ihren Ekel zu verbergen – sie konnte Hartmut sowieso nicht täuschen, und er WUSSTE ja, dass er abscheulich stank. Stattdessen schloss sie ihre Augen und konzentrierte sie sich auf das Vertrauen, welches sie ihrem Fürsprecher trotzdem entgegen brachte.

„So ist es richtig, Mädchen“, lobte Hartmut sie, und Wolken fauliger Luft drangen in ihre Nase, als er sprach. „Öffne mir deinen Geist – lass mich sehen, was sich in seinen Tiefen versteckt…“
Minutenlang stand sie so da, bis ihr Fürsprecher sie schließlich mit einer sanften Handbewegung ein Stück von sich fort schob. Sie setzte sich auf einen Stuhl und sah ihn bang an. Was würde er in ihrem Geist entdeckt haben?

„Ich gratuliere, Aurora“, sagte Hartmut mit einem leichten Lächeln. „Du bist nicht mehr allein. In irgendeiner Form befindet sich deine Mutter in deinem Kopf. Ihr habt allerdings noch nicht gelernt, miteinander geregelt zu kommunizieren.“

„Aber… wie um alles in der Welt ist das möglich?“, stammelte die Elbin. „Und was bedeutet das: Sie ist in meinem Kopf? Wie ist sie dort hinein gekommen?“

Hartmut zuckte langsam und sehr betont mit den Achseln. „Darauf kann ich dir leider keine Antwort geben. Ich verstehe selbst nicht, was hier geschehen ist. Weißt du, Aurora: Diese Welt ist voller Rätsel, und viele davon können auch wir Fürsprecher nicht erklären – obwohl es in der Anstalt möglicherweise jemanden gibt, der dies kann. Ich weiß nur so viel: Es ist jemand in deinem Geist, und dieser Jemand scheint deine Mutter zu sein. Ob es sich dabei um ihre Seele handelt, ob sich deine Erinnerung an sie irgendwie verfestigt hat, oder ob sie von irgendwo ihren Geist ausgesandt hat, um den deinen aufzusuchen – ich kann es dir nicht sagen. Ein solcher Fall ist mir zuvor noch nie begegnet.“

Aurora war niedergeschmettert. Sie hatte all ihre Hoffnung darin gesetzt, dass Hartmut ihr erklären könnte, was geschehen war.

Ihr Fürsprecher lächelte erneut. „Dass ich Gedanken lesen kann, macht mich nicht allwissend, Aurora. Aber vielleicht bist du den Antworten auf deine Fragen ja näher als ich. Und vielleicht musst du ja auch erst lernen, die richtigen Fragen zu stellen.“

Na großartig, dachte Aurora. Nichts als vage Andeutungen und Vorwürfe, dass ich nicht genügend nachdenke. Ein bisschen konkrete Hilfe oder wenigstens ein paar klare Aussagen sind offensichtlich zu viel verlangt. Ich bin doch erst seit ein paar Wochen grenzenlos, verdammt noch mal! Wieso erwartet Hartmut von mir, dass ich schon alles alleine kann?

Die letzte Frage richtete sie, ohne sie laut auszusprechen, gezielt an ihren Fürsprecher, doch dieser ging darauf nicht ein.

„Marianne kocht gerade Mittagessen. Du solltest ihr ein wenig zur Hand gehen – vielleicht bringt dich das auf andere Gedanken.“

Missmutig begab Aurora sich in die Küche, in der sie erstaunlicherweise auch Johann vorfand, der Marianne ab und zu ein Kochgerät zureichte, aber insgesamt recht fehl am Platz wirkte. Wortlos setzte sie sich an den Küchentisch und begann ungeschickt und mit Wut im Bauch damit, das Gemüse zu würfeln. Johann gab den Versuch auf, beschäftigt zu wirken und setzte sich neben sie, aber sie ignorierte ihn.

Woher soll ich denn bitteschön wissen, welche Fragen ich stellen muss?

zum nächsten Kapitel
Zur Kapitelübersicht
Advertisements
Veröffentlicht on Juni 23, 2011 at 3:17 pm  Schreibe einen Kommentar  

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s