Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 51

*** Der Fliegende Arkheimer ***

„Bin ich hier richtig, wenn ich eine Auskunft über ein Schiff benötige?“, fragte Tirvo schüchtern. Die Hafenbehörde Kaperstadts bestand aus einer Ansammlung grau verputzter, langgestreckter, zweistöckiger Gebäude, deren Zimmer nach einem System nummeriert waren, welches keiner für ihn nachvollziehbaren Logik zu folgen schien. Sein Versuch sich durchzufragen hatte ihn immer weiter aus dem stark frequentierten, dem Kai zugewandten Bereich heraus geführt, bis er schließlich in diesem nur durch ein schmales Fenster erhellten, schäbigen kleinen Büro angekommen war, in dem ein hagerer alter Mann mit einer abgewetzten Bordmütze auf dem Kopf auf einem kleinen Hocker zwischen Aktenschränken saß. „Es sollte Zimmer K17 oder K19 sein.“

Der alte Mann kicherte zwischen seinen Zahnstümpfen hindurch. „Dies hier ist Zimmer K17, aber wenn du ein Auskunftsbüro suchst: So etwas haben wir hier nicht! Du befindest dich im Sekretariat des öffentlich zugängigen Archivs.“

„Ach so.“ Tirvo versuchte, diesen Begriff gedanklich zu sortieren. „Heißt das, Sie können mir helfen, die Informationen, die ich suche, zu finden?“

Der Mann kicherte erneut. „Nein, mein Junge – das heißt, du sagst mir, wonach du suchst; ich sage dir, ob wir diese Information haben, und was sie kostet; und wenn du dann bezahlst, suche ich sie dir heraus.“

Tirvo nickte. Johann hatte ihn ja vorgewarnt, dass er Geld benötigen würde. „Wie teuer wären denn Informationen über den Fliegenden Arkheimer?“

„Aha!“ Der Mann wies plötzlich mit dem Finger auf ihn, als hätte er ihn beim Diebstahl eines Apfels auf dem Markt ertappt. „Du willst die Schatzauskunft! Ich hätte es mir denken können – es kommt ja sonst kaum jemals jemand hierher. In den letzten Monaten hatte aber niemand mehr nachgefragt,“

„Ja, die Schatzauskunft“, bestätigte Tirvo resigniert. „Was kostet die?“

„Einen halben Schilling“, antwortete der Mann, während er eine schmale braune Mappe aus einem Regal an der Wand zog. „Dafür erhältst du aber auch eine handgeschriebene Ausfertigung mit allen wichtigen Informationen zum Mitnehmen. Alles Kundendienst!“

Tirvo wunderte sich über nichts mehr. Er bezahlte, und der Mann zog ein Blatt aus der Mappe hervor, setzte seine Unterschrift darauf, stempelte es ab und reichte es ihm. „Die Auskunft selbst ist deine Quittung“, erklärte er.

„In Ordnung“, meinte Tirvo. Er warf einen Blick auf das Blatt. Darauf befanden sich einige Daten zum Schiff selbst, so wie zum Beispiel das Jahr seines Stapellaufs, seine Länge und seine Mannschaftsstärke; ein grober Überblick über seine Fahrten bis zu dem Jahr, in dem es außer Betrieb genommen, ausgeschlachtet und versenkt worden war; und eine Liste mit den Namen seiner Offiziere.

Der Mann zwinkerte ihm zu. „Und weil du so ein netter junger Bursche bist, gebe ich dir noch einen Tipp gratis dazu: Die Schatzkarte hat der alte Hugo in seinem Holzbein versteckt!“

Tirvo grinste. Dieses Gerücht hatte er auch in den Kneipen bereits ständig zu hören bekommen. „Danke für den Hinweis! Jetzt werde ich den Schatz bestimmt finden.“

Der alte Mann lachte. „Wenn du ihn gefunden hast, komm vorbei und erzähl mir davon! Ich habe so selten Besuch, und fast nie von so jungem Volk.“

„Mach ich“, versprach Tirvo. Er rollte das Blatt zusammen, verstaute es in seinem Ärmel und machte sich auf den Rückweg zum Turm.

***

Ein Teller vom Mittagessen war für Tirvo aufgehoben worden, und während er sich mit gutem Appetit darüber her machte, sahen sie sich gemeinsam das Informationsblatt an, das er bei der Hafenbehörde gekauft hatte.

„Ich denke, das einzige Bedeutsame sind die Namen der Offiziere“, sagte Mai-shin. „Den Ersten Offizier, Dietmar Wulf, und den Dritten Offizier und Schiffskoch, Herbert Bauermann, kannten wir ja schon, und natürlich den Kapitän, Hugo Eisenarm. Der Zweite Offizier und Oberste Kanonier, Peter Grimmig, ist also auf der letzten Fahrt des Fliegenden Arkheimers verstorben. Bleibt noch der Schiffsarzt und Vierte Offizier Maldo Sommertag – das klingt wie ein Halblingname.“

„Es ist einer“, bestätigte Johann. „Es gibt ein sehr gutes Restaurant in Kaperstadt im Besitz der Sommertags, die Sommertagsklause. Ich bin mit meiner Familie ab und zu dort essen gegangen. Es existiert aber schon deutlich länger als der Goldene Anker.“

„Dann wurde es vermutlich nicht von Maldo eröffnet“, folgerte Mai-shin. „Trotzdem sollten wir es uns einmal ansehen. Vermutlich sind die Betreiber mit ihm verwandt.“

„Warum gehst du nicht mit Johann heute Abend dort essen?“, fragte Aurora. „Er kennt es ja schon, und ihr beide könnt es euch ja auch leisten“, konnte sie sich mit dem Gedanken an Mai-shins Begründung, warum sie sich eigenes Geld verdienen wollte, nicht verkneifen. „Tirvo und ich jedenfalls besitzen für einen Besuch dort keine angemessene Garderobe.“

„Natürlich“, antwortete Mai-shin knapp.

„Ihr seid die Chefs“, murmelte Johann.

„Und was tun wir?“, fragte Tirvo.

„Ich dachte, wir fahren noch einmal nach Blattgrund“, schlug Aurora vor, die beim Mittagessen Machen ein wenig über ihr weiteres Vorgehen nachgedacht hatte. „Ludmilla kannte Dietmar und Herbert ein wenig. Vielleicht hat sie eine Idee, wohin die beiden verschwunden sein könnten.“

„Machen wir es so“, stimmte Mai-shin zu. „Und am Abend treffen wir uns dann in Palmenheim. Ich ziehe nur rasch mein gutes blaues Kleid an.“

Aurora und Tirvo mussten lachen, aber Johann verzog nur sein Gesicht ein wenig und stand wortlos auf, um sich ebenfalls umzuziehen.

***

Auch diesmal mieteten sie sich für den Weg einen Karren bei Fudor – Johann hatte Aurora dafür Geld gegeben, welches diese mit nur ein bisschen schlechtem Gewissen angenommen hatte. Es war ein leicht bewölkter, aber trotzdem sehr warmer Tag, und Aurora und Tirvo lagen während der Fahrt schweigend nebeneinander und dösten ein wenig – das Maultier, welches sie gemietet hatten (das selbe Tier wie letztes Mal, hatte Tirvo bemerkt) war tatsächlich ausgezeichnet dressiert und benötigte keinerlei Führung.

In Blattgrund angekommen, setzten sie sich wieder auf die kleine Bank hinter dem Gasthaus (für Aurora war es natürlich das erste Mal), und es dauerte auch nicht lange, bis Ludmilla zu ihnen hinaus kam.

„Ah, du bist es wieder. Und du bist auch grenzenlos, nehme ich an? Was kann ich euch bringen? Ihr seid aber diesmal nicht wieder hier, um Fragen zu stellen – oder doch?“

Tirvo musterte die Wirtin eingehend. Sie wirkte diesmal viel hektischer als bei seinem letzten Besuch – das war nicht die mit sich zufriedene, in sich ruhende Frau, die Johann vor ein paar Tagen gemalt hatte.

„Waren Dietmar und Herbert hier?“, fragte er auf gut Glück. „Haben sie Sie bedroht?“

Ludmilla stemmte ihre Hände in die Hüften. „Was soll diese Fragerei? Habe ich dir nicht letztes Mal schon alles erzählt? Könnt ihr einen alten Mann nicht einfach in Ruhe lassen?“

„Wir haben einen Auftrag“, entgegnete Tirvo trotzig. „Außerdem sind Dietmar und Herbert verschwunden, und Sie machen den Eindruck, als wüssten sie etwas darüber.“

„Ich weiß nicht, wo die beiden sind – und ich will es auch gar nicht wissen.“

„Und macht es ihnen auch nichts aus, dass sie Hugo Eisenarm im Goldenen Anker gefangen hielten, und dass sie ihn jetzt entführt haben?“, fragte Tirvo scharf.

Ludmilla setzte zu einer wütenden Antwort an, aber sie wurde von einer Stimme aus dem Gasthaus unterbrochen: „Lass gut sein, Mädchen – ich rede mit den Grenzenlosen.“

Das Gesicht eines alten Mannes war hinter einem Fenster im ersten Stock erschienen. „Ich bin in einer Minute unten“, sagte dieser müde. „Bring uns etwas zu trinken, ja?“

„Wie du meinst, Hugo“, antwortete Ludmilla mit sanfter Stimme und ging zurück ins Haus.

***

„Ich werde euch die ganze Geschichte erzählen, aber ich sage euch gleich: Ich weiß auch nicht, wo Dietmar und Herbert sind. Sie haben mich hier abgesetzt und sind fort gesegelt. Das erste Mal ohne ihren alten Käpt’n unterwegs… Hoffentlich passen sie auf sich auf.“

Aurora blickte den alten Mann erstaunt an. „Sie machen sich Sorgen um sie? Nach dem, was sie Ihnen angetan haben?“

Hugo lachte bitter. „Was haben sie mir schon angetan? Was ich ihnen angetan habe, das war viel schlimmer…“

Ludmilla brachte ihnen zwei kleine Krüge mit Brause und einen großen, aufwändig verzierten Humpen mit Wein für Hugo. Dieser nahm einen tiefen Zug daraus und seufzte.

„Man hört es mir nicht mehr so an wie euch jungen Hüpfern, aber auch ich komme aus der Tagmokratie – aus Ostland. Ihr beide klingt eher nach Schattenland. Den Zungenschlag hatte ich schon lange nicht mehr gehört… Ich war damals schon ein paar Jahre Kapitän meines eigenen Schiffs, und aus Gründen, die hier nichts zur Sache tun, beschloss ich, mit meiner Familie nach Fernland zu fliehen. Ich kannte einen, der war heimlich grenzenlos, und natürlich wollte der mitkommen. Zusammen planten wir unsere Flucht und stachen schließlich an einem ruhigen Tag in See. Natürlich hatten wir nicht wirklich genug Besatzung für das Schiff, aber meine beiden Jungs waren schon tüchtige Matrosen, und auch mein Weib hatte gelernt, wie man ein Segel refft und konnte mit Hand anlegen. So fuhren wir also aufs Meer hinaus, und nachdem wir den ersten Tag hinter uns hatten, dachten wir, wir hätten es geschafft. Doch in der Nacht, als der Grenzenlose Schicht auf der Brücke hatte, warf der verdammte Kerl Anker und gab ein Signal, und am nächsten Morgen wurden wir von einem Schiff des Meerbundes gekapert.“

Hugo sah sie zornig über den Rand seines Trinkgefäßes hinweg an. „Könnt ihr euch das vorstellen? Ein Grenzenloser im Dienst der Inquisition! Dieses verlogene, heuchlerische Pack!“

Er stellte den Humpen mit einem Knall ab.

„Natürlich ließen wir uns nicht einfach so entern – wir haben uns gewehrt. Selbst meine Matilda, mögen die Engel sie behüten, hat gekämpft wie ein Kerl. Und diesem verfluchten Grenzenlosen hab ich’s höchstpersönlich besorgt! Aber wir hatten selbstverständlich keine Chance. Ich sah noch, wie sie mein Weib und meine Jungs niederhauten, dann bekam ich einen Armbrustbolzen in den Oberschenkel und kurz darauf einen Knüppel über den Schädel, und der Kampf war vorbei.“

Aurora dachte an Jessikas Verrat und den Tod ihres Vaters. Sie konnte Hugos Hass auf die Tagmokratie gut nachvollziehen.

„Sie wollten mir den Prozess machen, aber sie hatten offenbar nicht damit gerechnet, dass das Signal des Grenzenlosen auch von einem Arkheimer Kaperer gesehen wurde. Der brachte das Schiff des Meerbundes auf und nahm mich an Bord, und als ich wieder zu mir kam, war ich endgültig auf dem Weg nach Fernland – aber meine Familie war tot, und mein Bein hatten sie mir abnehmen müssen.“

Hugo nahm einen weiteren Schluck Wein.

„Ich schwor also Rache. Die Arkheimer Flotte konnte einen Seemann, der sich in urländischen Gewässern auskannte, gut gebrauchen, und so erhielt ich schon bald auch hier mein Kapitänspatent. Gerade war der Fliegende Arkheimer vom Stapel gegangen – ein sehr schnelles Schiff, aber ziemlich leicht und nicht in der Lage, allzu viele oder starke Geschütze zu tragen. Er war eigentlich eher für Erkundungsfahrten nahe der urländischen Küste als für Kaperfahrten gedacht, und deswegen erhielt ich das Kommando. Ich merkte aber rasch, dass schwere Geschütze nicht so wichtig sind, wenn das eigene Schiff schneller und wendiger ist, und wenn die eigenen Kanonen weiter schießen als die gegnerischen – das Arkheimer Knallpulver ist einfach besser als das tagmokratische. Und unsere Kugeln waren zwar nicht so groß, aber unser Kanonier, der Peter, besaß ein Talent dafür, die richtigen Stellen zu treffen. Bald schon überfielen wir die Flotten des Meerbundes, aber auch ostländische und schattenländische Schiffe in Gewässern, in denen die Tagmokratie sich vor Arkheimer Kaperern sicher wähnte, und der Fliegende Arkheimer wurde zum berüchtigsten Schiff unserer Flotte.“

Es ist egal, wie stark sie sind, so lange sie dich nicht treffen, dachte Aurora. Ja, sie verstand dieses Prinzip.

„Eine gute Mannschaft hatte ich“, fuhr Hugo versonnen fort. „Alles junge, mutige Burschen und Mädels, mit denen man in die Hölle und zurück segeln konnte. Und das haben wir auch getan, ja… nur, ob wir wirklich zurück gekommen sind, das ist die Frage! Der Meerbund glaubte, dass ein Dämon seine Schiffe versenkte – und ich denke, er hatte recht. Sie hatten mich in die Hölle geschickt, und ich hatte die Hölle mit mir zurück gebracht – und meine Jungs mit hinein gezogen.“

Er nahm einen weiteren Schluck Wein, wischte sich den Mund ab und starrte dann eine Weile schweigend aufs Meer hinaus.

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Veröffentlicht on Juni 27, 2011 at 8:17 pm  Schreibe einen Kommentar  

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