Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 52

*** Hugo Eisenarm ***

„Wir hatten gerade unser erstes tagmokratisches Schiff aufgebracht“, erzählte Hugo schließlich weiter. „Es waren ein paar Grenzenlose an Bord, die als Sklaven nach Wildland gebracht wurden, und Dietmar kam zu mir und fragte mich, was wir mit ihnen machen sollten. Ich wusste, von mir wurde erwartet, sie nach Arkheim zu bringen, aber ich dachte an den Grenzenlosen, der mich und meine Familie verraten hatte. Ich war fest davon überzeugt, die hier würden das selbe tun, wenn ich ihnen die Gelegenheit dazu gab. Mein Bein, das ich nicht mehr hatte, schmerzte an diesem Tag besonders heftig, weil mein Körper sich immer noch daran erinnerte, und ich hatte etwas gegen die Schmerzen genommen, was Maldo mir gegeben hatte, und auch einen Schnaps getrunken, obwohl er mir das verboten hatte, und in manchen Augenblicken dachte ich, ich könnte mein Weib und meine beiden Söhne sehen, wie sie um mich herum standen und mich mit ihren toten Augen anstarrten. Ich möchte gern behaupten, ich war nicht ich selbst, als ich Dietmar meinen Befehl gab – aber ich glaube, in Wirklichkeit war ich gerade in diesem Moment mehr ich selbst als jemals zuvor, und ich sagte zu Dietmar: Bring sie alle um und wirf sie über Bord.“

Aurora erschauerte. Wie viel Glück Tirvo und sie doch letzten Endes gehabt hatten!

„Dietmar schluckte kurz, aber er war ein braver Matrose, und er führte meinen Befehl ohne zu zaudern aus. Der Mannschaft erzählten wir, die angeblichen Grenzenlosen seien in Wirklichkeit getarnte tagmokratische Spione, die sich nach Arkheim einschleichen wollten – und nach allem, was ich wusste, hätte es auch so sein können, verdammt noch mal! Wir hatten beim Entern zwei Leute verloren, darunter die kleine Katrina, die jeder an Bord geliebt hatte, und dementsprechend wütend war die Mannschaft. Ich ließ eine extra Runde Grog austeilen und gab dazu ein neues Motto für unser Schiff aus: Der Fliegende Arkheimer machte keine Gefangenen! Und die Mannschaft stieß darauf an und jubelte.“

Hugo trank erneut, und die Schüler bemerkten, dass sie ihre Krüge mit Brause unangetastet vor sich stehen gelassen hatten.

„Auf der selben Fahrt versenkten wir noch drei weitere Schiffe, und im Verlauf der Jahre unzählige mehr – bei fünfzig hörte ich auf zu zählen. Häufig schossen wir sie einfach mit unseren Kanonen zusammen, bis sie untergingen, aber manchmal dauerte dies zu lange, und wir mussten entern. Wie wir es uns geschworen hatten, ließen wir nie jemanden am Leben, und es war fast immer Dietmar, der die Hinrichtungen durchführte – und wisst ihr auch, warum? Weil ich zu feige dazu war! Den Befehl zu geben, dazu reichte mein Mut, aber wehrlose Bürger zu töten – das brachte ich nicht selbst fertig; das ließ ich jemand anders erledigen. Die Arkheimer Bürger jubelten mir zu, und niemand stellte unbequeme Fragen, weil der Fliegende Arkheimer so erfolgreich im Krieg gegen die Tagmokratie war, aber keiner wusste, dass Hugo Eisenarm, die Geißel der Tagmokratie, in Wahrheit ein erbärmlicher Feigling war.“

Jetzt führte Aurora doch ihren Krug zum Mund – aber sie tat es, um dem alten Mann nicht in die Augen sehen zu müssen.

„Dafür aber hörten wir bald andere Gerüchte“, fuhr Hugo fort. „Wir würden Beute machen und diese für uns behalten, hieß es, und der Magistrat ließe uns machen, weil der Fliegende Arkheimer sein bestes Kriegsschiff war. Was für ein Unsinn! Aber natürlich nahmen die Leute an, dass wir all die Schiffe, die wir versenkten, vorher geentert und geplündert hatten – weil sie selbst es so gemacht hätten, denke ich – und außerdem bemerkten sie, dass es meinen Offizieren und mir nicht an Geld mangelte. Es ist aber einfach so, dass der Magistrat von Arkheim eine Prämie für jedes versenkte tagmokratische Schiff ausgelobt hat, und wir versenkten eben verdammt viele davon! Der Anstalt wäre es natürlich lieber gewesen, wir hätten Grenzenlose von unseren Kaperfahrten mitgebracht, doch der Magistrat war mehrheitlich zufrieden damit, den Meerbund in Angst und Schrecken zu versetzen. Beute hingegen machten wir kaum, und wenn, dann lieferten wir sie auch brav ab, abgesehen natürlich von dem Anteil, welcher unserer Mannschaft regulär zustand. Uns ging es zwar gut – zumindest finanziell – aber Schätze brachten wir von unseren Fahrten keine mit nach Hause. Bis auf dieses eine Mal, heißt das.“

Die Schüler lehnten sich unbewusst ein kleines Stück vor.

„Es war unsere letzte Fahrt, auch wenn wir das damals noch nicht wussten. Sie stand unter keinem guten Stern: Bei einem nachts plötzlich aufgekommenen Sturm knickte der Besanmast um, und als wir uns deswegen auf den Rückweg machten, stießen wir auf ein Schiff des Meerbundes, obwohl sich diese normalerweise nie so weit von der Küste entfernten. Vielleicht war es durch den Sturm abgetrieben worden. Wir schafften es nicht, einem Gefecht auszuweichen – der Sturm trieb uns direkt vor ihre Geschütze. Sie landeten einen Volltreffer auf unserer Backbordseite, der die Hälfte unserer Kanonen zerstörte, und Peter kam dabei ums Leben. Da wir nun weder ausweichen, noch das Feuergefecht gewinnen konnten, blieb uns nur übrig, so rasch wie möglich zu entern, womit wir ansonsten immer warteten, bis unsere Geschütze den Feind dezimiert und demoralisiert hatten. Wir trafen auf erbitterten Widerstand, aber wir kämpften mit Wut im Bauch, und nach wenigen Minuten war das Schiff in unserer Hand.“

Hugo lehnte sich zurück. „Dann erzählte mir Dietmar etwas Merkwürdiges. Er sagte, sie hätten an Bord des tagmokratischen Schiffes eine Grenzenlose getötet – im Kampf, denn sie hätte an der Seite der Matrosen gefochten. Bevor er ihre Leiche über Bord werfen ließ, hatte er sie durchsucht – und dabei hatte er einen Beutel mit Juwelen gefunden. Dietmar war ein braver Junge, und er dachte keine Sekunde daran, die Juwelen für sich zu behalten, also hat er sie mir ausgehändigt.“

Juwelen also, dachte Aurora. Das erklärt, wie die Katzen den Schatz fort bringen konnten.

„Wir segelten also zurück nach Arkheim, so gut es ging, und uns allen war klar: Das war das Ende des Fliegenden Arkheimers. Unsere Backbordseite zog so viel Wasser, dass vier Mann pausenlos mit Schöpfen beschäftigt waren, und wenn der Sturm nicht abgeflaut wäre, hätten wir es niemals geschafft. Vielleicht hätten wir besser auf das Schiff des Meerbundes umsteigen sollen, doch keiner von uns wollte den Fliegenden Arkheimer einfach so auf hoher See in urländischen Gewässern zurück lassen. Aber auf dieser Rückfahrt machte ich mir so meine Gedanken.“

Hugo redete nun mit geschlossenen Augen, als wollte er die beiden Schüler nicht ansehen.

„Wisst ihr, ich hatte über die Jahre in Arkheim einige Grenzenlose kennen gelernt, und irgendwann begriff ich, dass sie auch nur Bürger wie ich waren – Bürger mit einer Bürde, welche vielleicht noch schwerer war als die, die ich mit mir herum trug. Und mir wurde klar, dass es FALSCH war, was ich tat; dass ich nicht besser war als ein feiger Mörder. Aber ich konnte nicht mehr aufhören. Ich konnte nicht vor meine Mannschaft treten und ihr sagen: Wir haben einen Fehler gemacht. Wir haben unschuldige Bürger ermordet. Über Jahrzehnte hinweg hatte ich ihnen befohlen zu morden, hatte ihnen beigebracht, grausam und mitleidslos zu sein. Welches Recht besaß ich also, ihren Glauben daran, gute, tapfere Kämpfer zu sein, zu zerstören? Deswegen schwieg ich.“

„Aber jetzt wusste ich, dass der Fliegende Arkheimer seine letzte Fahrt machte, und Peter war tot“, fuhr er nach einer kurzen Pause fort, „und dann waren da diese Juwelen – äußerst wertvolle Juwelen, das war mir klar, obwohl ich mich mit solchen Dingen nicht auskannte. Und ich dachte bei mir, das ist ein Fingerzeig der Engel! Ich wusste, dass es in Arkheim Armut und Elend gab – besonders in Auswärtshafen, wo ich viele Bürger in den kleinen Kneipen und Bordellen kannte – und ich dachte bei mir, vielleicht kann ich damit ein bisschen wieder gut machen. Ich hatte sowieso schon den Ruf, die Beute meiner Kaperfahrten zu unterschlagen, also war es nur billig, wenn ich ihn mir jetzt auch verdiente. Das redete ich mir jedenfalls ein – als wenn man das Töten Hunderter Unschuldiger durch einen Diebstahl wieder gut machen könnte! Doch es war etwas, woran ich mich klammerte; eine Hoffnung, meinem Leben, das seit Jahrzehnten nur noch aus Krieg und Tod bestand, wenigstens einen versöhnlichen Abschluss zu geben. Aber wie konnte ich die Juwelen vor meinen Jungs geheim halten? Ich wusste, das war unmöglich, also verließ ich mich darauf, dass sie zu mir standen. Und so war es auch: Ich teilte ihnen mit, dass ich beschlossen hatte, den Fund dieser Juwelen dem Magistrat nicht anzuzeigen, und sie akzeptierten das, ohne Fragen zu stellen.“

Ludmilla war zu ihnen hinaus getreten, setzte sich neben Hugo und ergriff dessen Hand. Dieser erzählte weiter:

„Ich beschloss, Dietmar und Herbert im Goldenen Anker mit an Bord zu nehmen. Maldo war daran nicht interessiert – er hatte seine Familie, und er wollte weiter als Arzt arbeiten. Die beiden aber hätten ohne mich nicht gewusst, was sie tun sollten, das war mir klar. Wir eröffneten also das Gasthaus, und ich hielt mich im Hintergrund, weil ich nicht wollte, dass die Leute dorthin kamen, um Hugo Eisenarm, die Geißel der Tagmokratie, zu sehen. Zuerst lief alles gut, und ich begann darüber nachzudenken, was ich nun genau mit meinem Schatz anfangen sollte – aber dann merkte ich, dass die beiden damit begannen, mich misstrauisch zu beäugen und mir nachzuspionieren. Ich fragte sie dann eines Tages geradeheraus, was los war, und sie fragten zurück: Was ist nun mit dem Juwelen? Willst du die für dich allein behalten? Sind die denn nicht für unseren gemeinsamen Lebensabend? Und ich wusste nicht, was ich antworten sollte – ich konnte ihnen ja nicht sagen, dass ich damit Gutes tun wollte, weil wir alle zusammen unser Leben lang Böses getan hatten. Deswegen versuchte ich es mit Autorität – ich sagte ihnen, ich sei ihr Kapitän, und es sei meine Entscheidung, was ich mit diesen Juwelen machte. Aber das schluckten sie nicht. Dies hier sei nicht der Fliegende Arkheimer, sagten sie, und in dieser Angelegenheit seien wir alle gleich. Dafür hätten sie gegenüber dem Magistrat nicht gelogen. Sie bestanden darauf, durch drei zu teilen. Das wollte ich aber nicht akzeptieren – vielleicht dachte ich, dass ich ihre Seelen damit retten könnte, wenn ich mit ihrem Anteil Gutes tat. Vielleicht war ich auch einfach nur alt und starrsinnig geworden. Ich blieb jedenfalls stur, und sie wurden wütend, und schließlich erlaubten sie mir nicht mehr, das Gasthaus zu verlassen, weil sie befürchteten, ich würde mich davon machen. Sie wandten aber noch keine Gewalt an, und sie nahmen mir die Juwelen nicht ab, von denen sie wussten, dass ich sie in meinem Holzbein bei mir trug.“

Also doch!, dachte Tirvo. Die Gerüchte waren gar nicht so falsch gewesen!

„Es gab aber noch einen Ausweg“, nahm Hugo seine Erzählung wieder auf. „Ich hatte in Auswärtshafen zwei junge Katzen kennen gelernt – Kuno und Kati. Die beiden hatten einen schlechten Ruf, weil sie viel im Labyrinth unterwegs waren und im Rostigen Anker ein und aus gingen, der wohl übelsten Kaschemme in ganz Arkheim, aber ich denke nicht, dass sie schlimmere Dinge taten als viele andere Katzen, die in Auswärtshafen ihr Auskommen suchten. Wir freundeten uns an, und ich besuchte sie immer, wenn ich wieder einmal in Auswärtshafen war. Die meisten anderen Katzen hielten sie für ein Pärchen, aber in Wirklichkeit waren sie Geschwister: Sie hatten als Katzenkinder ihre Eltern im Pfotenkrieg verloren und mussten eben sehen, wo sie blieben. Irgendwann hatte ich zu ihnen gesagt, wenn ich mich eines Tages zur Ruhe setzte, sollten sie mich aufsuchen, und wir könnten zusammen leben. Ich hoffte daher, dass die beiden unterdessen in Kaperstadt angekommen wären und ließ unter einem Vorwand nach ihnen schicken. Ich beschrieb ihnen mein Problem, und sie erklärten sich bereit, den Schatz für mich zu verstecken, bis Dietmar und Herbert einsahen, dass es sinnlos war, mich zum Reden bringen zu wollen. Ich habe keine Sekunde daran geglaubt, dass sie mir wirklich etwas antun würden – und das haben sie ja auch nicht.“

Hugo stand langsam auf.

„Doch jetzt sind Kuno und Kati tot, und der Schatz ist fort, und jede Aussicht, unsere Seelen damit frei zu kaufen, ist dahin. Vielleicht ist es besser so. Und das ist alles, was ich euch erzählen kann.“

„Werdet ihr ihn jetzt in Ruhe lassen?“, fragte Ludmilla leise.

Aurora und Tirvo nickten, und die Exhure nahm den früheren Kaperkapitän an die Hand und führte ihn behutsam ins Haus zurück.

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Veröffentlicht on Juli 2, 2011 at 4:23 am  Schreibe einen Kommentar  

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