Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 54

Auftakt – Kaperstadt

Der Pakt

„Euer Ziel sei mein Ziel, euer Schmerz sei mein Schmerz, euer Blut sei mein Blut. Lasst uns diesen Weg gemeinsam zu Ende gehen, und führte er auch geradewegs in die Hölle.“

Aus dem 1. Akt des Arkheimer Theaterstücks „Flucht nach Fernland“

*** Sternendiamanten ***

„Wuff! Wuff-wuff-wuff! WUFF!“

In den Hohlraum mit Luft, den Tirvo sich beim Eingraben mit Hilfe des Spatens um seinen Oberkörper geschaffen hatte – obwohl er stark vermutete, dass er wenig bis gar nicht atmete, während er seinem Wahnsinn nachging – rieselte Erde: Zunächst nur kleine Krümel, dann immer größere Brocken. Schließlich brach das Erdreich über ihm vollständig ein, und gleißendes Sonnenlicht blendete ihn.

„Wuff! WUFF! WUFF-WUFF!“

Tirvo blinzelte. Direkt vor seinen Augen befand sich Piras hechelnde Zunge. Mit ihren Vorderpfoten buddelte sie ihn eifrig weiter aus.

„Ist ja schon gut, ich komme alleine klar“, rief Tirvo, während er mit kräftigen Ruderbewegungen seine Arme befreite und nach dem Spaten griff. „Wie spät ist es denn?“

Pira bellte eine Antwort, die er natürlich nicht verstand, aber die hoch am Himmel stehende Sonne verriet ihm, dass es um die Mittagszeit sein musste. Tirvo runzelte die Stirn, während er seine Beine freilegte. Offenbar verlor er, wenn er sich eingrub, jedes Zeitgefühl – er hätte geschätzt, dass keine zwei Stunden vergangen wären.

Er krabbelte aus der Grube heraus und streckte sich. „Danke, dass du mich geweckt hast“, wandte er sich der Hündin zu.

„WUFF!“ Pira sah ihn auffordernd an und wedelte mit dem Schwanz.

Tirvo begriff. „Es tut mir leid, aber ich habe kein Geld.“

Die Stöberhündin blickte mit schief gelegtem Kopf und einem aufgestellten Ohr zu ihm hoch. Dann zuckte sie mit den Schultern, drehte sich um und hoppelte davon. Tirvo klopfte sich den gröbsten Dreck von der Kleidung und folgte ihr.

***

„Da bist du ja! Wir wollten schon nach dir suchen lassen. Das Frühstück hast du verpasst, aber zum Mittagessen kommst du gerade rechtzeitig“, begrüßte Mai-shin ihn.

Hungrig setzte Tirvo sich an den kleinen Tisch, den die Grünelben für die Schüler aufgestellt hatten. „Ihr wisst schon.“

Die anderen nickten. „Wir sollten ein Wort dafür haben, das wir benutzen können“, meinte Aurora. „Wie wäre es mit Urlaub machen?“

Tirvo sah sie einen Moment verdutzt an, dann grinste er. „In Ordnung. Ich habe also Urlaub gemacht. Es hat ein wenig länger gedauert, als ich dachte.“

„Leider habe ich gestern Abend niemanden gefunden, der mit mir Urlaub machen wollte“, sagte Aurora mit einem Seitenblick auf Johann und Mai-shin.

„Kein Problem“, versetzte die Lashani, „dann holen wir das eben nach. Das tue ich doch gerne für dich, Aurora.“ Sie schenkte der Elbin ein zuckersüßes Lächeln. Johann sah mit ausdruckslosem Gesicht auf seinen Teller.

Was ist denn hier los?, wunderte sich Tirvo. „Ich helfe dir natürlich auch gerne“, sagte er eilig.

„Danke schön, Tirvo.“ Aurora wirkte erleichtert. „Nach dem Essen?“

„Klaro“, bestätigte Tirvo und fiel hungrig über den Inhalt der Schüssel her, die einer der Grünelben eben vor ihm abgestellt hatte.

***

Nach dem Essen trat Nylia zu ihnen an den Tisch. „Na, hat es euch geschmeckt?“

Sie bejahten.

„Ich habe gerade Nachricht von dem Rudel erhalten, das ihr treffen wollt. Es wird morgen gegen Mittag hier eintreffen.“

„Sehr gut“, freute Mai-shin sich. „Sie können doch für uns dolmetschen?“

Nylia nickte. „So gut ich es vermag. Es gibt immer noch Feinheiten der Hundesprache, die mir Schwierigkeiten bereiten. Gerade wenn es um den Pfotenkrieg geht, benutzen Pfoten manchmal Ausdrücke, die ich nicht richtig deuten kann. Vielleicht sind sie auch unübersetzbar. Unter den Hunden geht zum Beispiel zur Zeit ein Gerücht um, dass die Katzen, welche von diesem Rudel gestellt wurden, ihr Leben mit dem Glitzern des Nachthimmels retten wollten. Schaut mich nicht so verwirrt an – ich weiß auch nicht, was das bedeuten soll. Vielleicht ist da auch etwas bei der Übersetzung von der Katzen- in die Hundesprache verloren gegangen. Ich wollte jedenfalls nicht nachfragen. Der Pfotenkrieg ist kein gutes Konversationsthema mit Hunden.“

„Auf jeden Fall nochmals vielen Dank“, sagte Aurora artig, aber auch ein wenig ungeduldig. Ihr Wahnsinn verlangte nach ihr. „Können wir jetzt, Tirvo? Die… nötigen Sachen habe ich bereits besorgt.“

„Mhm“, nickte dieser, während er sich eine letzte Handvoll Früchte in den Mund schob und aufstand. „Wir können.“

Eigentlich erstaunlich, dass Katzen und Hunde einander verstehen, dachte er. Als er um den Tisch herum ging, um der Elbin zu folgen, bemerkte er, dass Mai-shin und Johann sich in die Augen sahen. Das Lashanimädchen formte lautlos Worte mit ihren Lippen, und Johann nickte leicht.

Er zuckte die Achseln. Was immer zwischen den beiden vor sich ging – es war nicht seine Angelegenheit.

***

Als die ersten Blutstropfen den Rücken des Elbenmädchens hinunter rannen, legte Tirvo die Peitsche beiseite. „Ist es gut so?“, fragte er leise.

„Ja, danke“, gab Aurora schwach zurück. Sie richtete sich langsam auf und zog vorsichtig ihr Hemd wieder an. „Lass uns zurück zu den anderen gehen.“

Sie hatten kaum die Hütte verlassen, als Mai-shin und Johann auch schon auf sie zusteuerten. „Wir müssen reden“, sagte die Lashani.

Aurora öffnete den Mund für eine Frage, doch Johann unterbrach sie. „Nicht hier.“

Verwundert folgten sie den beiden über die Lichtung und einen Pfad entlang, der sie aus Palmenheim heraus führte. Auf einem wiesenbedeckten Hügel hielten sie schließlich an. Mai-shin ging ein paar Schritte abseits und gab Zwitscherlaute von sich. Kurz darauf ließen sich einige Vögel in ihrer Nähe nieder. Sie zwitscherte erneut, und die Vögel stiegen wieder auf. Aurora sah, dass sie in ungefähr zehn Meter Höhe über ihren Köpfen zu kreisen begannen.

Die Lashani kam zu ihnen zurück. „Sie warnen uns, wenn wir belauscht werden“, erklärte sie.

„Wieso sollte uns jemand belauschen?“, wunderte sich Tirvo.

„Pfoten sind oft sehr neugierig“, antwortete Johann.

„Das bin ich jetzt auch“, gestand Aurora. „Was gibt es denn so Geheimnisvolles?“

„Ihr habt doch gehört, was Nylia erzählt hat?“, fragte Mai-shin.

Tirvo nickte. „Das Rudel kommt morgen Mittag nach Palmenheim.“

Mai-shin sah ihn an, als wäre er ein vom Gespräch mit Erwachsenen überfordertes Kleinkind. „Ich rede vom Glitzern des Nachthimmels. Ist dir nicht klar, was das bedeutet?“

Tirvo schüttelte den Kopf.

„Ich weiß auch nicht, worauf du hinaus willst, Mai-shin“, sprang Aurora ihm bei.

Das Lashanimädchen sah sie fassungslos an. „Ihr habt doch erzählt, dass Hugos Schatz aus Edelsteinen besteht. Aus äußerst wertvollen Edelsteinen, wie er betont hat. Und dann reden die Katzen vom Glitzern des Nachthimmels. Das kann doch nur eines bedeuten!“

„Juwelen glitzern?“, schlug Tirvo vor. „Meinst du das?“

Mai-shin stöhnte laut auf. „Wie begriffsstutzig kann man sein?“

„Sie kommen aus Urland, Mai-shin“, mischte Johann sich ein. „Vielleicht hält die Tagmokratie ihre Existenz ja geheim.“

„Wessen Existenz?“, fragte Aurora geduldig.

Die Lashani sah erst Aurora, dann Tirvo in die Augen. „Habt ihr wirklich noch nie etwas von Sternendiamanten gehört?“

Die beiden schüttelten den Kopf. Mai-shin stöhnte erneut.

***

„Sternendiamanten heißen so, weil sie nicht von unserer Welt stammen“, erklärte Johann. „Man findet sie ausschließlich in Gebieten, in denen ein Meteorit niedergegangen ist.“

„Sie kommen also von den Sternen“, begriff Tirvo. „Und sie sind sehr wertvoll.“

„Tausend Mal so wertvoll wie normale Diamanten“, sagte Mai-shin,“ auf Grund ihrer Seltenheit und ihrer besonderen Eigenschaften.“

„Was für besondere Eigenschaften?“, fragte Aurora.

„Sie sind sehr, sehr mächtig – ganz besonders für Grenzenlose“, gab die Lashani zurück.

„Was bedeutet das genau?“, hakte Tirvo nach.

Mai-shin zuckte die Achseln. „Wir werden es herausfinden, wenn wir sie haben.“

„Aber wir werden sie doch gewiss Hartmut übergeben müssen“, erinnerte Tirvo sie.

Mai-shin und Johann wechselten einen Blick.

„Nicht unbedingt“, sagte Johann dann zögernd.

„Aber… Hartmut kann doch Gedanken lesen! Wir können doch vor ihm kein Geheimnis bewahren!“, rief Aurora verwirrt.

Erneut sahen sich die beiden anderen kurz an. Dann sagte diesmal Mai-shin: „Nicht unbedingt“.

Eine kurze Pause trat ein. Schließlich ergriff Johann erneut das Wort.

„Gedanken kann man übermalen“, sagte er.

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Veröffentlicht on Juli 12, 2011 at 3:12 pm  Schreibe einen Kommentar  

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