Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 56

*** Traumverloren ***

„Wir hätten es wissen müssen. Wir hätten es wissen müssen. Wir hätten es wissen müssen.“

Immer wieder murmelte Mai-shin diesen Satz, während sie auf und ab lief und ihr Gesicht und ihre Haare mit blauer Malfarbe aus einer von Johanns Tuben einschmierte. Die anderen ignorierten sie jedoch. Tirvo war dem Strand, zu dem sie nach ihrem Aufbruch im Roten Salon wie in Trance gelaufen waren, einige Dutzend Meter weiter gefolgt und grub sich nun mit bloßen Händen in den Sand ein. Johann kniete vor Aurora, hatte ihre Hand ergriffen und stammelte eine Liebeserklärung, welche an Schwülstigkeit alles übertraf, was diese bisher von ihm gehört hatte. Schockstarr da stehend, beachtete die Elbin ihn aber kaum, unfähig, ihre Gedanken von der Erinnerung an den Anblick ihrer Mutter auf Johanns Bild zu lösen. Warum schlug sie niemand? Die anderen mussten doch wissen, dass sie das jetzt brauchte!

Irgendwann gab Johann ihre Hand frei und setzte sich stumm in den Sand, den Blick auf das Meer gerichtet. Aurora ließ sich einfach fallen und verbarg das Gesicht in ihren Händen. Eine Ewigkeit blieb sie so liegen, während die Sonne langsam höher stieg und das Meer näher kam. Schließlich hörte sie, wie Mai-shin sagte: „Ich gehe Tirvo holen.“

Nach einigen Minuten kehrte die Lashani mit ihm zurück, drehte die Elbin nicht allzu sanft auf den Rücken und setzte sich zwischen sie und Johann. Ihr Gesicht, ihre Arme und ihre Beine leuchteten in unterschiedlichen Blautönen. Ein niedergeschlagener, sandverkrusteter Tirvo vervollständigte den Kreis.

„Es tut mir leid“, sagte Aurora leise. Johann machte eine ungeduldige Handbewegung.

„Es ist nicht deine Schuld. Uns allen war bekannt, dass sich deine Mutter irgendwie in deinem Geist befindet. Wir haben nur nicht genügend darüber nachgedacht.“ Er sah zu Boden. „ICH habe nicht genügend darüber nachgedacht.“

„Ich hätte ebenfalls daran denken müssen“, sagte Mai-shin, „aber vor lauter Aufregung habe ich vergessen, mein Gehirn zu benutzen. Doch nun ist es eben passiert, und wir müssen zusehen, dass wir damit zurecht kommen.“

„Was IST eigentlich genau passiert?“, fragte Tirvo. „Sind wir unseren Pakt nun eingegangen?“

„Wir sind ihn eingegangen“, antwortete Johann. „Alle fünf. Auroras Mutter ist jetzt ein Teil davon.“

„Aber was bedeutet das?“, rief die Elbin verzweifelt. „Wir können ja nicht einmal mit ihr sprechen!“

„Hast du es versucht?“, fragte Mai-shin zurück.

„Dafür ist sie doch niemals lang genug da… ich meine, für mich sichtbar. Sobald ich zu ihr hinsehe, verschwindet sie doch immer!“

„WILLST du sie denn sehen?“, fragte Johann.

Die Frage traf Aurora unvorbereitet. Für einen Moment schloss sie die Augen. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein. Doch. Ich weiß es nicht! Ich weiß ja nicht einmal, ob sie wirklich meine Mutter ist, und nicht irgendein Trugbild, oder ein Geist, oder was weiß ich.“

„Du hast Angst“, stellte Johann fest. „Davor, dass sie nicht wirklich deine Mutter ist – oder davor, dass sie es ist?“

Aurora begann zu weinen. „Ich weiß es nicht. Es ist alles so schrecklich.“

Mai-shin fasste sie an der Schulter und schüttelte sie kurz durch. „Hör auf zu jammern, Mädchen! Wenn ein Grenzenloser so wie Johann seine Gabe in einer völlig neuen Weise ausprobiert, können weit schlimmere Dinge schiefgehen. Wir werden aus dieser Erfahrung lernen. Jetzt aber ist das Wichtigste, dass du Kontakt zu ihr aufnimmst.“

„Ich weiß nicht. Ich kann nicht. Ich will nicht!“, stammelte Aurora.

„Ich denke, das ist der Grund, warum sie dich nicht finden kann“, meinte Johann nachdenklich. „Deswegen greift ihre Hand ins Leere, und deswegen verschwindet sie immer, wenn du sie ansiehst. Sie ist auf der Suche nach dir, aber du willst nicht gefunden werden und versteckst dich vor ihr.“

Tue ich das?, fragte Aurora sich entsetzt. Verstecke ich mich vor meiner Mutter? Sie schloss die Augen. Ja, das tue ich. Ich habe alles versucht, um nicht an sie denken zu müssen.

„Du musst versuchen, sie zu finden und mit ihr zu sprechen“, hörte sie Mai-shins Stimme. Johann und Tirvo murmelten zustimmend. Sie konzentrierte sich, blendete ihr eigene Schluchzen aus und lauschte auf das Geräusch eines leisen Weinens. Mutter, bist du da?

Aurora öffnete die Augen wieder. In einigen Schritten Entfernung sah sie ihre Mutter im Sand knien. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, dass die anderen ebenfalls in diese Richtung blickten – sie konnten sie also auch sehen. Unverwandt starrte die Elbin die weinende Frau an. Mutter, geh nicht weg! Ich bin hier! Sieh mich an! Aber ihre Mutter reagierte nicht – doch zumindest verschwand sie auch nicht.

„Geh zu ihr hin“, sagte Tirvo leise.

Aurora nickte, aber sie bewegte sich nicht. Ihre Beine zitterten. Erst als Mai-shin sie mit Nachdruck vorwärts schob, machte sie einen zögernden Schritt auf ihre Mutter zu. „Mutter?“ Sie konnte weiterhin keine Reaktion erkennen. Langsam ging sie durch den Sand zu ihr hinüber.

„Mutter? Ich bin es, Deine Tochter. Ich bin hier!“ Sie stand nun direkt vor der knienden Frau. Aurora konnte die Tränen erkennen, welche ihr Gesicht hinunter liefen. Ihre langen roten Haare fielen aufgelöst und unordentlich in den Sand hinab.

Auch Aurora kniete sich hin und versuchte, ihrer Mutter in die Augen zu sehen, doch diese schaute durch sie hindurch. „Mutter! Sieh mich an!“, rief sie aus. Für einen Augenblick verstummte das Schluchzen. Ihre Mutter hob den Kopf und sah sich um – wie jemand in völliger Dunkelheit, dachte Aurora. Ihre Augen trafen sich erneut – doch wieder sah ihre Mutter durch sie hindurch und an ihr vorbei.

Auch Aurora begann wieder zu weinen. „Mutter, warum siehst du mich nicht? Ich bin direkt vor dir! Hörst du mich nicht? Ich bin bei dir, Mutter! Ich liebe dich!“

Aus einem Impuls heraus griff sie nach der Hand ihrer Mutter. Für den Bruchteil einer Sekunde spürte sie einen Kontakt. Ihre Mutter zuckte zusammen – und plötzlich sah sie sie an.

„Aurora? Kind! Endlich habe ich dich gefunden! Ich habe dich so lange gesucht, und alles war so dunkel… so dunkel…“

Sie umarmten einander, und obwohl sie sich nicht wirklich berührten, hielten sie einander doch fest und weinten gemeinsam.

***

„Was ist denn nur mit dir passiert?“, fragte Aurora schließlich. Sie hatten sich nebeneinander in den Sand gesetzt – zumindest saß Aurora im Sand, ihre Mutter besaß ja keine feste Gestalt – während die anderen Schüler sich ein Stück entfernt hatten. „Ich weiß nur, dass du nicht auf dem Platz der Gerechtigkeit warst, als sie uns anklagten und Vater… als sie Vater getötet haben.“ Sie ballte die Fäuste, um zu verhindern, dass ihr erneut Tränen in die Augen stiegen. Ihre Mutter hingegen hatte zwar aufgehört laut zu schluchzen, aber es rannen immer noch Tropfen ihre Wangen entlang.

„Es tut mir so leid, Kind… Es ist alles meine Schuld! Ich habe dafür gebüßt, aber es war nicht genug. Dein Vater half mir, meine Sünde vor der Welt zu verbergen, doch die Engel lassen sich nicht belügen. Ich habe zu ihnen gebetet, und ich habe den Heiligen Stahl ertragen, jedoch wurde meine Sünde nicht weniger – all die Jahre versteckte sie sich in mir und besudelte meine Seele weiter.“

Den Heiligen Stahl ertragen? Auf einmal blitzte eine Erinnerung aus ihrer frühesten Kindheit in Auroras Gedanken auf, wie sie als kleines Elbenmädchen – gerade erst in der Lage, auf ihren eigenen Beinen erste Schritte zu machen – in das Zimmer ihrer Mutter gestürmt war, die wohl nicht damit gerechnet hatte, dass sie sich bereits so rasch bewegen konnte. Sie war gerade dabei gewesen, sich für die Nacht auszukleiden und stand in ihrer Unterwäsche da. Aurora erinnerte sich an das Glitzern von Metall an ihrem Körper.

„Du… du hast ein Korsett aus Heiligem Stahl getragen? All die Jahre?“ Aurora dachte mit Entsetzen daran zurück, wie unerträglich ihr die Fußfessel des Meerbunds bereits nach kurzer Zeit geworden war.

„Ich musste, Kind, ich musste! Nur so konnte ich es verbergen und die Kontrolle über mich behalten. Es tut mir so leid, Aurora, aber du hast ein Recht darauf, es zu erfahren: Du bist die Tochter einer… einer Grenzenlosen.“ Wieder brach sie in Schluchzen aus.

Ohne darüber nachzudenken, legte Aurora ihr die Hand auf die Schultern. Natürlich griff sie durch die Gestalt ihrer Mutter hindurch, aber sie beließ sie trotzdem dort. „Das ist schon in Ordnung, Mutter. Ich bin auch grenzenlos. Was ist deine Gabe?“

Ihre Mutter fuhr zusammen. „Du auch? Bei den Engeln! Dann habe ich es dir vererbt… ich hätte niemals ein Kind haben dürfen! Mein armes Mädchen – was habe ich dir angetan!“

„Ach, Grenzenlosigkeit ist gar nicht so schlimm“, sagte Aurora mit einer Unbekümmertheit, die sie nicht im Geringsten verspürte. „Meine Gabe ist Luft, weißt du? Ich kann schweben und Wind machen – das ist doch schön! Und meine Freunde“ – sie zeigte auf die anderen Schüler, obwohl sie nicht wusste, ob ihre Mutter sie sehen konnte – „sind auch alle grenzenlos! Tirvo kann schwimmen wie ein Fisch, Mai-shin kann mit Vögeln sprechen, und Johann kann die unglaublichsten Bilder malen!“

Ihre Mutter starrte sie an. „Du sprichst darüber, als ob es nichts Schlimmes wäre, grenzenlos zu sein!“

„Hier in Arkheim – ich meine, in Fernland – ist es das auch nicht“, antwortete Aurora. „Hier sind Grenzenlose ein wichtiger Teil der Gesellschaft“, gab sie wieder, was sie in Hartmuts Büchern gelesen hatte. „Aber was ist deine Gabe? Hat es etwas damit zu tun, dass du in meinem… ich meine, dass du jetzt hier bist?“

„Ich weiß nicht, was eine Gabe ist“, antwortete ihre Mutter. „Für mich ist Grenzenlosigkeit immer nur ein Fluch gewesen. Bevor ich den Heiligen Stahl trug, passierte es mir immer wieder, dass ich in den Gedanken anderer Bürger aufwachte, wenn ich mich schlafen legte! Kannst du dir das vorstellen? Als hätten Dämonen mir meine eigenen Träume genommen und zwangen mich nun, fremde Träume zu träumen! Aber zuerst dachte ich mir nichts dabei – ich nahm eben an, ich träumte meine eigenen Träume – doch eines Tages stellte ich fest, dass ich immer öfter von einem Bürger träumte, den ich vorher nie gesehen hatte, und ich unterhielt mich mit ihm und… tat Dinge, die man in seinen Träumen eben manchmal tut… aber dann traf ich diesen Bürger eines Tages im wirklichen Leben… UND ER ERINNERTE SICH AN MICH!“

Ihre Mutter verbarg das Gesicht in ihren Händen. „Dieser Bürger war Jomal Yirell, Aurora – dein Vater! Er nahm mich dann beiseite und erklärte mir, was es bedeutete, dass ich ihn in seinen Träumen besuchen konnte – nämlich, dass ich grenzenlos war. Grenzenlos! Was hatte ich nur getan, um diese Verdammnis zu verdienen? Ich flehte ihn an, mich nicht zu verraten, und er sagte mir, das würde er nicht tun – aber ich müsste lernen, diesen Fluch zu beherrschen. Er nutzte die Beziehungen seiner Familie aus und verschaffte mir ein Korsett aus Heiligem Stahl, das ich zum Schlafen immer anlegen musste, um nicht wieder in die Träume anderer Bürger einzudringen. Wir haben gemeinsam gebetet, immer wieder, in der Hoffnung, dass die Engel in ihrer Gnade diesen Fluch wieder von mir nähmen, und als unsere häufigen Treffen der Gesellschaft auffielen, verlobte er sich mit mir und heiratete mich sogar – mich, eine Grenzenlose! Und er im tagmokratischen Konzil! Er war so gut zu mir – ich weiß gar nicht, warum.“

„Ich denke, er hat dich geliebt“, sagte Aurora leise. „Mich hat er auch geliebt und versucht meine Seele zu retten… und er musste sterben, weil er nicht bereit war, mich zu verleugnen. Vater hat uns beide geliebt.“ Und das hat sein Schicksal besiegelt, ergänzte sie in Gedanken. Sie spürte das Herannahen eines weiteren Weinkrampfes. „Aber was ist denn nun mit dir geschehen, als die Inquisition kam?“, fragte sie, um sich abzulenken.

„Ich wusste, wir waren verraten worden… Die Ritter der Ordnung hatten das Haus bereits umstellt. Ich besaß nicht den Mut, ihnen gegenüber zu treten. Ich nahm einen zehnfachen Schlaftrunk, um rasch einzuschlafen und nie wieder aufzuwachen. Ich trug mein Korsett nicht, und ich weiß nur noch, dass ich träumte, und dass zahllose fremde Welten auf mich einstürzten… und dass ich mir wünschte, bei dir zu sein. Ich hoffte, dass die Inquisition dich vielleicht verschont hatte – ich wusste ja nicht, dass du auch grenzenlos warst! – und ich wollte dich noch einmal sehen… mein geliebtes Kind! Dann suchte ich dich überall… Aber ich fand dich nicht. So viele Träume! So viele verwirrende und furchteinflößende Gedanken! Irgendwann ertrug ich sie nicht mehr und blieb ihnen fern, versteckte mich in der Dunkelheit… und fand nicht wieder hinaus. Ich verbrachte dort eine Ewigkeit – bis ich auf einmal deine Stimme hörte und deine Berührung spürte.“

Sie sah ihrer Tochter in die Augen. „Ich habe dich nicht finden können, aber du hast mich gefunden. Und ich bin so froh darüber!“

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Veröffentlicht on Juli 23, 2011 at 4:06 am  Schreibe einen Kommentar  

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