Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 55

*** Überzählig ***

„Versteht ihr denn nicht, was das für eine Gelegenheit für uns bedeutet? Sternendiamanten! Ein ganzer Beutel davon! Damit könnten wir die Welt verändern!“, redete Mai-shin eindringlich auf sie ein.

„Wollen wir das denn?“, fragte Aurora leise.

Tirvo dachte an den Platz der Gerechtigkeit. „Einige Dinge sollten sich besser ändern.“

„Einige Dinge müssen sich ändern! Denkt daran, wie die Tagmokratie mit Grenzenlosen verfährt! Oder wie der Allmächtige Kaiser seine Untertanen tyrannisiert! Und auch in Arkheim sind die Dinge nicht alle in Ordnung“, ereiferte sich Mai-shin.

„Wir werden damit nicht nur unseren Fürsprecher belügen, sondern uns auch gegen die Anstalt stellen, nicht wahr?“ Aurora versuchte, die Bedeutung dieses Gedanken zu erfassen. Hatte sie nicht gerade erst ihren Platz in ihrem neuen Leben gefunden?

Mai-shin, die aufgeregt auf und ab gelaufen war, blieb stehen und sah ihr in die Augen. „Aurora – wir werden uns gegen GANZ ARKHEIM stellen! Der Magistrat gestattet den Privatbesitz von Sternendiamanten nicht. Sobald jemand davon erfährt, werden wir vogelfrei sein… frei wie die Vögel.“ Sie lächelte. „Aber mit der Macht dieser Diamanten, und wenn wir zusammenhalten, können wir das durchstehen.“

„Wir sind Grenzenlose“, erinnerte Johann sie leise. „Es ist unsere Bestimmung, Grenzen zu überschreiten.“

„Genau.“ Mai-shin stellte sich neben Johann und ergriff dessen Hand. „Wenn es uns bestimmt ist, diese Sternendiamanten zu finden, dann ist es uns auch bestimmt, sie zu benutzen. Niemand kann von uns erwarten, dass wir diese Gelegenheit verstreichen lassen. Aber wir müssen zusammenhalten. Wir vier… gegen den Rest der Welt.“

„Wir müssen einen Pakt eingehen“, sagte Johann. Er blickte kurz Aurora an, und dann Tirvo. „Ein Bündnis, das uns zusammenschweißt, und das es uns unmöglich macht, einander zu verraten. Seid ihr dabei?“

„Klaro“, sagte Tirvo, ohne darüber nachzudenken. Es erschien ihm einfach zwingend. Und es klang spannend.

„In Ordnung“, stimmte Aurora zögernd zu. Wenn die anderen es alle für eine gute Idee hielten… Immerhin waren sie ihre einzigen Freunde. Was würde ihr noch bleiben, wenn sie sich ihnen entgegen stellte?

Sie fasste nach Mai-shins und Tirvos Händen, und dieser vervollständigte den Kreis, indem er Johanns Hand ergriff. „Ist unser Pakt damit geschlossen?“, fragte die Elbin schüchtern.

Johann schüttelte den Kopf. „Ich werde ein Bild malen.“

***

Als Aurora und Tirvo sich dem Roten Salon näherten, stand vor dessen Eingang wieder jener muskulöse, fistelnde Glatzkopf, den Tirvo bereits kannte. Mai-shin hatte vorgeschlagen, einen Raum in diesem Bordell zu mieten, damit sie das Ritual ungestört durchführen konnten. Sie war voraus gegangen, um diese Angelegenheit zu regeln, während Johann sich auf die Suche nach speziellen Utensilien gemacht hatte, die er für dieses Bild nach seiner Aussage benötigte. Tirvo war in einem kleinen See ein wenig schwimmen gegangen und hatte seine Sachen gewaschen, während Aurora sich von den Grünelben etwas Heilsalbe hatte geben lassen, ihren Rücken damit eingerieben und sich ein wenig ausgeruht hatte. Dann hatten auch sie sich auf den Weg gemacht.

Zögernd näherte Tirvo sich dem Mann. Was, wenn er sie nicht herein ließ? Sie hatten kein Geld dabei.

„Mai-shin hat von sechs Uhr abends bis Mitternacht einen Raum für uns gemietet“, sagte er. Zumindest war das der Plan des Lashanimädchens gewesen.

Der Mann sah nicht von dem Messer auf, mit dem er an seinen Fingernägeln herum puhlte. „In Ordnung“, sagte er mit seiner merkwürdig hohen Stimme und trat einen halben Schritt beiseite. „Im zweiten Stock, Zimmer 3.“

Was denkt er wohl, was wir vier dort vorhaben?, fragte sich Aurora, als sie hinter Tirvo die mit weinrotem Stoff beschlagene Treppe hinaufstieg. Aber das kann mir eigentlich egal sein.

Mai-shin und Johann erwarteten sie bereits. Zimmer 3 wurde von einem riesigen Himmelbett beherrscht, in dem problemlos vier Bürger gleichzeitig schlafen …oder eben auch andere Dinge tun konnten. Die Fenster waren geschlossen und die Vorhänge zugezogen, und es war stickig und warm – beinahe so, wie damals im Turmzimmer, als Hartmut sie mit dem Spiegel der Erkenntnis konfrontiert hatte, nur dass es hier drinnen nicht stank. Stattdessen hing ein etwas süßlicher, aber nicht allzu unangenehmer Duft schwer in der Luft und vermischte sich mit dem Rauch der Kerzen, die überall im Raum brannten und den Raum zusätzlich erwärmten. Offenbar gehören Kerzen zu Ritualen dazu, dachte Aurora.

Johann hatte seine Staffelei direkt neben der Bettkante aufgebaut – etwas niedriger als sonst. Vermutlich wollte er im Sitzen malen. Gerade rührte er mit merkwürdig abwesendem Gesichtsausdruck auf seiner Palette Farben zusammen.

Mai-shin begrüßte sie kurz. „Seid ihr bereit?“ Das Gesicht der Lashani wirkte angespannt.

Aurora und Tirvo nickten.

„Dann kommt“, sagte Mai-shin. Sie führte sie um das Bett herum zur Staffelei. „Setzt euch.“ Mit einer beiläufigen Bewegung griff sie in die Tasche von Johanns Kittel, ohne dass dieser es zu bemerken schien. „Wir sollten alle etwas nehmen.“

Als Mai-shin ihre Handfläche öffnete, bemerkten sie darin etwas, was wie drei kleine, seltsam gefärbte Pilze aussah. Gehorsam griffen sie zu, und als Mai-shin ihren Pilz in den Mund steckte und darauf herum zu kauen begann, taten sie es ihr nach.

Dann setzten sie sich nebeneinander auf die Bettkante und hielten sich an den Händen – Johann ganz rechts, damit er seine Malhand frei hatte, neben ihm Mai-shin, dann Tirvo und schließlich Aurora.

Die weiche Matratze federte unter ihrem Gewicht, und sie schwankten ein wenig. Beinahe wie auf einem Schiff, dachte Tirvo. Der Gedanke hatte etwas Beruhigendes. Er schloss die Augen und ließ sich treiben.

Aurora wurde schwindlig. Es schien, als ob der Raum, in dem sie sich befanden, sich auflöste, und sie in der leeren Luft schwebten – würden sie sich nicht an den Händen halten, trieben sie gewiss voneinander fort. Sie umklammerte Tirvos Hand fester und krallte sich mit der anderen in der Matratze fest.

Eigenartig schwach, wie das Zwitschern eines weit entfernten Vogels, hörte sie Mai-shins Stimme:

„So, wie wir für immer auf diesem Bild zusammen festgehalten sind, wollen wir auch für alle Zeiten zusammen handeln. Wir schwören, gemeinsam unseren Weg durch die Welt zu gehen, gemeinsam unsere Geheimnisse zu wahren, gemeinsam unsere Ziele zu verfolgen, gemeinsam jeden Widerstand zu bekämpfen und allzeit füreinander einzustehen.“

Sie wiederholte diese Worte, und nach und nach fielen die übrigen Schüler ein. Wieder und immer wieder sprachen sie gemeinsam den Schwur. Aurora wurde von der Größe dieses Augenblicks ergriffen – oder war das nur die Wirkung des Pilzes? Ihre Gedanken verflüchtigten sich wie der Rauch einer Kerze im Wind, und sie glaubte, sich selbst weinen zu hören.

***

„Hey, ihr da drinnen! HEY!“ Jemand hämmerte kräftig gegen die Tür. „Es ist gleich sechs Uhr morgens, und dann ist Eure Vorauszahlung aufgebraucht! Entweder ihr zahlt nach, oder ihr müsst das Zimmer verlassen!“

Mit schwerem Kopf kam Aurora zu sich. Ihre Augen ließen sich kaum öffnen.

„Schon in Ordnung!“, hörte sie Mai-shin rufen. „Wir sind in fünf Minuten draußen!“

„Sechs Schillinge verschwendet“, murmelte die Lashani, während sie die Vorhänge aufzog – das plötzlich herein fallende Licht überzeugte Aurora, ihre Augen erneut fest zu schließen. „Wer hätte erwartet…“, begann Mai-shin.

Sie brach mitten im Satz ab. Aurora hörte sie keuchen.

„Was ist?“, nuschelte die Elbin. Mühsam richtete sie sich von dem weichen Bett auf, auf dem sie sich offenbar zum Schlafen ausgestreckt hatte. Sie blinzelte. Tirvo und Johann hatten sich bereits aufgesetzt und starrten gemeinsam mit Mai-shin auf das Bild… natürlich, das Bild! Der Pakt! Die Erinnerung an den gestrigen Abend kehrte wie eine Windbö zu ihr zurück.

Niemand antwortete ihr, und sie beugte sich vor und schob Tirvo, der ihr die Sicht versperrte, ein Stück beiseite.

Auf dem Bild, so lebensecht, als schaute man in einen Spiegel, waren sie dargestellt, wie sie auf der Bettkante saßen – Johann ganz außen, mit einem Pinsel in der Hand, welcher das Bild von der Innenseite her zu berühren schien; an seiner anderen Hand Mai-shin, die entschlossen drein blickte; an Mai-shins anderer Hand Tirvo, leicht zurückgelehnt, mit friedlich geschlossenen Augen; an seiner Hand wiederum Aurora, in verkrampfter Haltung, zur Decke starrend, einen Fingerbreit über der Bettkante schwebend.

Und neben Aurora, nur wenige Zentimeter von ihr entfernt, kniete ihre Mutter auf dem Boden vor dem Bett, weinend, und streckte ihre Hand nach ihrer Tochter aus – doch sie griff ins Leere.

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Veröffentlicht on Juli 18, 2011 at 1:42 am  Schreibe einen Kommentar  

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