Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 60

*** Verschwunden ***

Die Sonne war gerade untergegangen, als sie wieder beim Turm eintrafen. Hartmut und die übrigen Schüler erwarteten sie auf der Veranda.

„Setzt euch“, forderte ihr Fürsprecher sie auf. „Nicht du, Mai-shin. Geh zu Bett und schlafe.“

Das Lashanimädchen nickte nur kurz und gehorchte. Die übrigen setzten sich.

„Erzählt“, sagte Hartmut.

Stockend begann Aurora ihren Bericht. Sie fing ganz vorne an, mit dem Besuch zusammen mit Marianne bei Kunibert Katzenfreund. Abwechselnd sprangen Tirvo und Johann ein, um Passagen zu ergänzen, bei denen die Elbin nicht anwesend gewesen war.

Als sie zu der Stelle gelangte, an der Nylia ihnen vom Glitzern des Nachthimmels erzählt hatte, bemerkte Aurora plötzlich, dass ihre Erinnerungen sich… verzweigten. Einerseits waren da die Ereignisse, von denen sie wusste, dass sie tatsächlich stattgefunden hatten, aber andererseits auch parallele Geschehnisse, bei denen sie sicher war, dass sie nicht passiert waren, die ihr aber trotzdem klar vor ihrem inneren Auge standen, und die sich sogar in den Vordergrund ihrer Gedanken drängten, so dass sie ohne Mühe auf diese falschen Erinnerungen zurückgreifen konnte, während sie erzählte. Natürlich war dabei niemals von Sternendiamanten oder von ihrem Pakt die Rede.

„Wir haben dann noch alles abgesucht, aber wir konnten das Versteck nicht finden“, schloss sie schließlich.

„Vielleicht haben die Katzen uns hereingelegt“, sagte Johann. „Möglicherweise haben sie die Juwelen nicht am Ende ihres Wegs versteckt, wo sie alle diese auffälligen Spuren gelegt haben, sondern irgendwo zwischendurch. Ein rascher Sprung auf einen niedrigen Ast würde ja bereits ausreichen, um einen Hund von ihrer Fährte abzubringen, wenn sie im Anschluss daran ihren Weg fortsetzten. Oder sie hatten den Schatz bereits ganz woanders hin gebracht, ohne Hugo davon zu erzählen, und haben diese Spur nur gelegt, falls ihnen jemand nachschnüffelt. Oder…“

Mit einer Handbewegung brachte Hartmut ihn zum Schweigen und wandte sich Tirvo zu.

„Greife in deine Tasche, hole den darin befindlichen Beutel heraus und leere ihn auf den Tisch aus.“

Tirvo zuckte zusammen. Dann tat er, wie ihm geheißen war. Was blieb ihm anderes übrig?

Vorsichtig schüttete er den Inhalt des Beutels auf die hölzerne Tischoberfläche. Dann sog er heftig die Luft ein, und Aurora und Johann taten es ihm gleich.

Auf dem Tisch lag nichts als ein kleines Häufchen Glassplitter – von der Sorte, wie sie Bikkapuna in seinem Zimmer für den Fall aufbewahrte, dass ihn sein Wahnsinn überkam.

***

„Was du getan hast, war wirklich brillant – absolut brillant“, sagte Hartmut mit ruhiger Stimme, während er den bleichen Johann mit festen Blick ansah. „Es hätte sogar funktionieren können.“

Mit einem tiefen Seufzen lehnte Hartmut sich zurück. „Es hat jedoch nicht funktioniert, weil ich euch überwachen ließ.“ Er nickte Hargor kurz zu, der mit ausdruckslosem Gesicht dasaß. „Ich hatte geahnt, dass es sich bei diesem Schatz um Sternendiamanten handeln konnte, und selbstverständlich konnte ich nicht riskieren, dass ihr sie für euch behieltet, wenn die Versuchung für euch zu groß würde.“

„Du… du hast sie ausgetauscht“, flüsterte Tirvo in Hargors Richtung. Dieser zeigte keinerlei Regung.

„Ein solcher Schatz ist zu kostbar… und zu mächtig… um sich in Schülerhänden zu befinden“, ergriff Hartmut wieder das Wort. „Die Gefahr, die von ihm ausgeht, ist zu groß. Das hättet ihr wissen müssen.“

Erneut wandte er sich Johann zu. „Das war wirklich unglaublich brillant – und unglaublich dumm.“

Ihr Fürsprecher stand auf und sah sie alle an. „Ich sollte euch für euren Ungehorsam bestrafen – aber die Konsequenzen eures Handelns sind für euch wohl schlimmer als alles, was ich bereit wäre, euch anzutun.“

„Welche… Konsequenzen?“, brachte Johann mühsam heraus.

Hartmut schüttelte müde den Kopf. „Darüber werden wir morgen früh sprechen, wenn sich das Ausmaß dieser Tragödie vollends offenbart hat.“

Ohne ein weiteres Wort betrat er den Turm.

***

Auch die übrigen Schüler zogen sich zurück, ohne mit ihnen zu sprechen. Rogo schlich mit gesenktem Kopf neben Ludwig her, und als Tirvo ihn ansprach, reagierte er nicht.

Unglücklich sahen Aurora, Tirvo und Johann einander an. Dann kam Tirvo plötzlich ein schrecklicher Gedanke. „Ich muss etwas überprüfen“, stieß er hervor, während er hastig aufstand und in die Küche lief.

Dort füllte er ein Glas mit Wasser und stellte es vor sich auf dem Tisch ab. Noch bevor er es wirklich versuchte, wusste er, dass es ihm nicht gelingen würde, die darin befindliche Flüssigkeit zum Schweben zu bringen. Er konnte sie nicht mehr spüren.

Er konnte das Wasser nicht mehr spüren.

Aurora und Johann traten neben ihn, und in ihren Augen konnte er lesen, dass auch sie es begriffen hatten.

Sie alle hatten ihre Gaben verloren.

***

Als sie am nächsten Morgen am Frühstückstisch zusammenkamen, war Mai-shin wieder bei ihnen. Sie saß mit leerem Blick auf ihrem Stuhl, aß nichts und sprach kein Wort. Auch die anderen beschränkten ihre Unterhaltung auf das Allernotwendigste. Erst als Hartmut sich zu ihnen setzte, bemerkten sie, dass ein anderer Platz frei geblieben war, obwohl sich dort ein Gedeck befand: Hargor fehlte.

Eine Minute saß Hartmut wortlos da, den Kopf in seine Hände gestützt. Dann sah er auf und sprach leise zu seinen Schülern:

„Es ist solch eine Bürde, vorher bereits zu wissen, was geschehen wird – und es nicht verhindern zu können. Hargor war ein guter, vielleicht mein bester Schüler, und ein Freund… Aber die Versuchung wurde zu stark für ihn, und als er sich für den Verrat entschied, konnte ich ihn nicht mehr aufhalten.“

Er ist mit den Sternendiamanten geflohen, begriff Tirvo. Und weil er so schnell ist, konnte Hartmut nichts dagegen tun.

„Ich fürchte, es wird nicht gut für ihn ausgehen… Und was euch und euren Pakt anbetrifft: Ich kann euch nicht sagen, ob und wann eure Gabe zu euch zurückkehren wird. Ich kann nur erkennen, dass sie sich nicht mehr in euch befindet.“

Er sah die vier der Reihe nach an. „Ihr bleibt bis auf Weiteres meine Schüler. Das Buch des Wandels sieht nicht vor, dass Grenzenlose ihren Status verlieren und wieder zu Vollbürgern werden können. Eine solche Situation wie die eure tritt wohl zu selten ein. Ihr seht also, ihr habt etwas ganz Besonderes vollbracht.“ Er blickte in Johanns Richtung, als er diesen letzten Satz sagte, und der Junge krümmte sich zusammen.

Hartmut stand auf. „Ich habe keinen Hunger. Ihr könnt frühstücken, sobald ich aufgebrochen bin. Erwartet mich nicht allzu bald zurück – ich reise zur Anstalt, um der Meisterin persönlich Bericht zu erstatten.“

Die Schüler blickten ihm nach, als er den Turm verließ. Es regnete, und in dem grauen Licht unter der dichten Wolkendecke wirkte die gebeugte Gestalt ihres Fürsprechers klein und verloren. In einigen Dutzend Metern Abstand trottete Rogo mit hängenden Schultern hinter ihm her.

zum nächsten Kapitel
zur Kapitelübersicht
Veröffentlicht on August 13, 2011 at 8:00 pm  Schreibe einen Kommentar  

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s