Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 61

*** Verzweifelt ***

Es war ein Tag ohne Sonne. Das Grau der Wolken entzog der Welt die Farbe, und das leise Prasseln des stetigen Nieselregens verdeckte ihre Geräusche. Die Zeit verging langsam und ziellos, ein endloser, trüber, zähflüssiger, ins Nichts führender Strom der Hoffnungslosigkeit.

Unbewegt lag Aurora auf der Wiese vor dem Turm, ließ die Regentropfen widerstandslos auf ihr Gesicht und ihre geöffneten Augen prasseln. Sie hätte nie geglaubt, dass sie sich dermaßen leer fühlen könnte. Erst jetzt, da ihre Gabe sie verlassen hatte, begriff sie wirklich, welch ein bedeutsamer Teil von ihr diese gewesen war. Mit einem Schlag war ihr gesamtes Leben sinnlos geworden.

Die Elbin verspürte eine tiefe Erschöpfung, die nicht körperlich war. Zwar hatte sie nicht geschlafen – und auch nicht geträumt, so weit sie sich erinnerte, auch nicht von ihrer Mutter – doch sie war nicht müde, nur eben… leer: Eine Hülle ohne Inhalt, die mit jeder Sekunde unter ihrem eigenen nutzlosen Gewicht mehr in sich zusammen fiel. Der Regen benetzte ihre Wangen und ersetzte die Tränen, die zu weinen sie nicht genügend Willen aufbrachte.

***

Nachdem er stundenlang ziellos herumgeirrt war, betrat Tirvo wieder die Küche des Turms. Er war nass bis auf die Haut, aber das Wasser berührte ihn nicht – es war nur feucht und kalt und lief seinen Körper hinunter. Es besaß keine Verbindung mehr zu ihm. Es war nicht mehr sein Freund, bloß eine fremde Substanz, die ihn mit der selben Gleichgültigkeit einhüllte, mit der sie auch Steine und Grashalme bedeckte. Doch eigentlich war es nicht das Wasser, welches ihm fremd war: Er selbst war der Fremdkörper, in dieser Welt befindlich und doch von ihr ausgeschlossen. Bedeutungslos. Heimatlos.

Marianne schälte auf dem Küchentisch mit langsamen, bedächtigen Bewegungen Kartoffeln. Eine weiße Katze lag zusammengerollt auf dem Stuhl neben ihr und sah ihr mit halb geschlossenen Augen zu. Wortlos setzte sich Tirvo dazu.

„Wahrscheinlich hätte ich genau so gehandelt“, unterbrach Marianne auf einmal die Stille. Tirvo antwortete nicht.

„Ich meine, vielleicht hätte mir der Mut gefehlt. Aber ich kann nachvollziehen, dass ihr diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen wolltet, und ich glaube, ich verstehe auch Hargor… Wenn man eine Möglichkeit sieht, aus seinem bisherigen Leben auszubrechen… seine Wünsche zu verwirklichen… Ich denke, ich hätte beinahe alles getan, um dem Haus des Anstands zu entkommen. Manchmal ist eine Flucht eben die einzige Möglichkeit, sein Leben zu verändern. Und vielleicht ist es ja das Beste so. Immerhin sind wir jetzt genau sieben Schüler.“ Sie hob den Kopf und lächelte Tirvo an, aber es wirkte nicht echt.

„Vor ein paar Tagen war übrigens ein Menschenmädchen hier, eine Vollbürgerin“, wechselte sie plötzlich das Thema. „Lange schwarze Haare, ziemlich hübsch, ein paar Jahre älter als du. Sie hat nach dir gefragt, aber du warst ja nicht da.“

„Mhm“, war Tirvos einzige Reaktion. Marianne zuckte die Achseln und wandte sich wieder ihren Kartoffeln zu.

***

Beim Abendessen waren Bikkapuna und Ludwig nicht anwesend. Marianne nahm die leer gebliebenen Plätze, welche dafür verantwortlich waren, dass sie zu fünft anstatt zu siebent am Tisch saßen, mit untypischer Gleichgültigkeit zur Kenntnis.

Nachdem sie mehr aus Gewohnheit als aus jedem anderen Grund ihre Portionen aufgegessen hatten, stand Johann auf und sah sie an. „Wir müssen reden.“

Zu viert verließen sie die Küche und überließen den Abwasch Marianne, die nicht protestierte. Der Regen hatte unterdessen aufgehört, aber die Sonne blieb weiterhin hinter der Wolkendecke verborgen. Sie gingen hinüber zum See und setzten sich dort auf Felsen, ohne wirklich zu registrieren, dass diese immer noch nass waren.

Johann räusperte sich. „Was geschehen ist, ist geschehen, und wir sollten nun nach vorn blicken. Unser Pakt bindet uns auch im Unglück aneinander. Wir müssen also gemeinsam mit unserer neuen Situation fertig werden. Wir sind immer noch Grenzenlose, daran ändert auch der Verlust unserer Gaben nichts – nicht nur, weil das BdW dies sagt: Grenzenlosigkeit ist doch letztlich eine Frage der Einstellung! Auch als Gabenlose müssen wir die uns gesetzten Grenzen nicht akzeptieren. Wir können gemeinsam unseren eigenen Weg finden. Die Welt wird von Vollbürgern regiert – warum sollten wir sie also nicht auch ohne unsere besonderen Gaben verändern können? Das Wichtigste ist doch, dass wir zusammen halten…“

„Glaubst du eigentlich selbst ein Wort von dem Mist, den du da redest?“, unterbrach ihn Mai-shin.

Johann verstummte und sah zu Boden.

„Ich möchte das klar stellen: Ich kann und will ohne meine Gabe nicht leben“, sagte Mai-shin mit ruhiger, entschlossener Stimme. „Ich werde in den nächsten Tagen alles tun, um sie zurück zu bekommen, und wenn ihr möchtet, werde ich auch euch dabei helfen. Wenn aber der Tag kommt, an dem sich entscheidet, ob wir als vollwertige Grenzenlose oder als… Krüppel… zur Anstalt fahren, dann werde ich zum Alten Greifensteig gehen, seine höchste Spitze erklettern und springen… und dann werde ich entweder fliegen, oder… nicht.“

„Ich werde bei dir sein“, sagte Aurora leise.

Tirvo sagte nichts, aber er dachte an den Ozean.

***

Am nächsten Morgen holte Mai-shin den Handwagen aus dem Schuppen und machte sich auf den Weg nach Kaperstadt. Darauf angesprochen, was sie dort wollte, antwortete sie nur: „Dinge besorgen.“

Wenigstens schien heute die Sonne, aber die Stimmung Auroras und Tirvos besserte sich dadurch kaum. Tatsächlich stellte das hellere Licht ihre Hilflosigkeit nur noch unbarmherziger dar, schloss der sommerliche Tag, der seine Musik und seine Farben wiedergefunden hatte, sie nur um so nachdrücklicher aus. Die Welt war wieder bunt, und die Vögel sangen, aber sie befanden sich außerhalb davon, wie durch eine Schicht aus dünnem Glas vom wahren Leben getrennt.

***

Tirvo schwamm im See. Obwohl er bereits nach wenigen Minuten eine Müdigkeit in seinen Gliedern verspürte, die für ihn noch vor kurzem unvorstellbar gewesen wäre, wenn er sich im Wasser befand, zwang er sich, weiter seine Bahnen zu ziehen und immer wieder zwischendurch bis zum Grund zu tauchen. Wenn er möglichst lang und intensiv mit dem Wasser Kontakt hielt, würde er sich vielleicht wieder an seine besondere Verbindung dazu erinnern – oder vielleicht würde das Wasser sich wieder an ihn erinnern?

Erst, als seine Arme und Beine so sehr schmerzten, dass er ernsthaft befürchten musste, zu ertrinken – was für ein niederschmetternder Gedanke doch die bloße Vorstellung dieser Möglichkeit war! – schwamm er widerstrebend zum Ufer zurück, um sich auszuruhen. Kraftlos verließ er auf allen Vieren das Wasser, zitternd vor Erschöpfung und Kälte.

„Grenzenloser.“

Tirvo blickte in die Richtung, aus der er angesprochen worden war und sah eine Faust auf sich zu rasen. Sie traf ihn direkt unter seiner Nase und schlug ihm die Vorderzähne aus. Er wurde auf den Rücken geworfen und spuckte Blut. Ein schwerer Körper setzte sich auf ihn, drückte ihn mit seinem Gewicht zu Boden und nahm ihm den Atem. Tirvo glaubte den Jungen zu erkennen, der damals beim Lagerfeuer am Strand neben Pia gesessen hatte – Bruno hieß er, erinnerte er sich.

„Du verdammte Höllenbrut, was hast du mit meinem Mädchen gemacht?“ Bruno wartete keine Antwort auf seine Frage ab, sondern prügelte auf ihn ein, links und rechts, immer abwechselnd. Tirvo spürte einen weiteren Zahn abbrechen. Ein Schlag landete mit voller Wucht auf seinem Auge und ließ es anschwellen. Verzweifelt versuchte er sich zu befreien, aber der andere Junge war älter, größer und stärker als er, und seine Wut schien ihm zusätzliche Kräfte zu verleihen. Der Schmerz in Tirvos Gesicht nahm weiter zu, doch gleichzeitig entfernte er sich auch immer mehr von ihm, wurde diffuser, verschwamm. Tirvo begriff, dass er dabei war, das Bewusstsein zu verlieren, doch Bruno hörte nicht auf, auf ihn einzuschlagen. Er schloss die Augen und stellte seine Bemühungen, sich zu wehren, ein.

Doch mit einem Mal hörten die Schläge auf, und der Druck auf seiner Brust verschwand. Rasch wälzte sich Tirvo beiseite. Bruno war ein paar Schritte zurück gewichen und hielt sich den Hinterkopf. Zwischen ihnen stand Mai-shin. In den Händen hielt sie einen großen, funkelnagelneu aussehenden Spaten.

„Lass ihn in Ruhe!“, zischte sie.

„Der Scheißkerl hat mein Mädchen geschwängert!“, ereiferte sich Bruno. „Obwohl sie die Frauenwurzel nimmt! Er hat bestimmt seine Gabe benutzt!“

„Lass ihn in Ruhe“, wiederholte Mai-shin.

„Und wenn nicht?“ Bruno richtete sich zu seiner vollen Größe auf und machte einen Schritt auf sie zu. Er wirkte wie ein wütender Kampfhahn, der auf einen Sperling zulief.

Mai-shin ließ den Spaten fallen und streckte beide Arme in seine Richtung aus. „Dann verwandle ich dich in eine blaue Kröte!“ Ihre Augen blitzten wütend, und in diesem Augenblick nahm selbst Tirvo ihr ab, dass sie dazu fähig war.

Bruno stolperte zurück, fluchte kurz in ihre Richtung, drehte sich dann aber um und rannte davon.

Mühsam richtete Tirvo sich auf. „Danke, Mai-shin.“

Sie drückte ihm den Spaten in den Hand. „Hier, der ist für dich. Lass Dich von Marianne verarzten und mache dann ausführlich Urlaub. Vielleicht kommt deine Gabe dadurch wieder.“

Sie wandte sich von ihm ab und lief mit energischen Schritten zum Turm zurück.

***

Aurora legte den Pinsel aus der Hand und betrachtete Mai-shins und ihr Werk. Die Lashani hatte in Kaperstadt eimerweise blaue Farbe gekauft, und die beiden Mädchen hatten die letzten Stunden damit verbracht, ihr Zimmer komplett blau anzustreichen. Jetzt waren nicht nur die Wände blau, sondern auch die Decke, der Fußboden und alle Möbel. Die restliche Farbe hatte Mai-shin in dicken Schichten auf ihrem eigenen Körper verteilt.

„Und du meinst, das hilft?“, fragte die Elbin erneut.

Mai-shin antwortete nicht, sondern verließ das Zimmer. Wenig später kam sie zurück. Sie hatte sich ein Paar von Johanns Malhandschuhen übergezogen und hielt in ihren Händen eine schwarze Lederpeitsche, die in mehrere einzelne Schnüre auslief – eine neunschwänzige Katze, wie diese Art Gerätschaft in Schattenland genannt wurde.

„Zieh dich aus und leg dich hin“, forderte Mai-shin sie auf. Aurora nickte, streifte ihr Hemd über den Kopf und streckte sich bäuchlings mit ausgebreiteten Armen auf ihrem Bett aus.

Dann schlug die Lashani sie, und Aurora stöhnte auf und biss sich auf die Lippen. Der Schmerz war viel schlimmer, als wenn Tirvo sie peitschte – nicht, weil Mai-shin kräftiger zuschlug, sondern weil es einfach nur weh tat. Das Gefühl der Erleichterung stellte sich nicht ein. Anstatt der Gewissheit, Buße zu tun, verspürte sie nichts als die nackte Gewalt der Schläge auf ihrem Rücken, wünschte sich nur, dass es endlich vorüber war.

Nach einem Dutzend Hiebe ließ Mai-shin die Peitsche schließlich sinken. „Hilft es?“, fragte sie.

Aurora sammelte ihre Kräfte für eine Antwort. „Mach weiter“, flüsterte sie. Erneut sauste die neunschwänzige Katze auf ihren Rücken hinab. Die Elbin gab ihre Selbstbeherrschung auf und schrie laut auf, doch Mai-shin ignorierte dies und schlug sie weiter, bis Aurora nur noch wimmerte und schließlich verstummte. Dann endlich ließ sie von ihr ab.

Nahe einer Ohnmacht nahm sie wahr, wie jemand das Zimmer betrat. „Was hast du mit ihr getan?“, hörte sie Johanns entsetzte Stimme.

„Stell keine dummen Fragen!“, antwortete Mai-shin brüsk. „Ich lasse euch beide jetzt alleine. Wenn du ihr etwas Nettes sagen möchtest, wäre jetzt vielleicht ein guter Augenblick.“

Doch Johann schwieg. Aurora spürte, wie er vorsichtig ihren Rücken mit einem Tuch abtupfte und dann eine kühle Salbe darauf auftrug. Der Schmerz nahm etwas ab, und sie entspannte sich ein wenig und verlor das Bewusstsein.

***

„Kind? Da bist du ja! Ich dachte, ich hätte dich schon wieder verloren.“

In einer schemenhaften Traumwelt sah Aurora ihre Mutter auf sich zulaufen. Sie umarmte sie kräftig, und das Mädchen stöhnte auf – offenbar hatte sie ihren wunden Rücken mit in den Traum genommen.

„Oh, Aurora! Du musst mir helfen!“, schluchzte ihre Mutter, während sie sich an sie klammerte. „Ich… ich fürchte, ich werde wahnsinnig!“

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Veröffentlicht on August 18, 2011 at 11:58 am  Schreibe einen Kommentar  

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