Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 64

*** Schuldgefühle ***

„Du machst Abendessen?“

Marianne, die gerade mit einem Hackmesser Fleisch klein schnitt, beantwortete Auroras überflüssige Frage mit einem Nicken.

„Und für Tirvo ist noch Suppe vom Mittagessen da, nehme ich an“, fuhr die Elbin fort.

Das Menschenmädchen nickte erneut.

Vielleicht sollte ich einfach zur Sache kommen, dachte Aurora. Doch dann begann Marianne plötzlich zu reden:

„Eigentlich geschieht ihm das ganz Recht!“

„Bitte?“, fragte Aurora überrumpelt.

„Immerhin hat er das Mädchen geschwängert und sich dann um nichts mehr gekümmert!“

„Oh… Du hast davon gehört“, murmelt Aurora betreten.

„Linda hat es mir erzählt.“ Marianne wies mit dem Kopf zu der weißen Katze, die auf einem Stuhl zusammen gerollt schlief. „Offenbar hat er gar nicht die Absicht, mit ihr darüber zu reden! Findest du das etwa in Ordnung?“

„Ich weiß nicht… Ich meine, es ist Tirvos Angelegenheit. Und er hat es ja auch nur von Bruno gehört. Vielleicht stimmt es ja gar nicht.“

„Und dann tut er nichts, um es heraus zu finden? Wie verantwortungslos kann ein Kerl sein?“ Marianne hatte sich jetzt zu ihr umgedreht und blitzte sie wütend an.

„Ich finde, du solltest nicht so über ihn urteilen. Immerhin hat er ebenso wie ich deinen Freunden aus dem Waisenhaus geholfen!“ Dann eben so.

„Was hat das damit zu tun?“ Marianne starrte sie an.

„Tirvo und ich haben die Vorsteherin angelogen, damit die anderen Kinder nicht dorthin zurück mussten, erinnerst du dich? Und seither haben wir beide zwei Goldmark Schulden bei der Anstalt. Nicht zuletzt auch deinetwegen“, betonte Aurora. „Vielleicht bist du also nicht die Richtige, um ihm Vorwürfe zu machen – insbesondere, da du dich zuletzt ja auch nicht gerade einwandfrei verhalten hast!“

„Was meinst du damit?“, gab Marianne unsicher zurück.

„Ich meine damit, dass Ludwig und Bikkapuna verschwunden sind, und dass du etwas darüber weißt! Und jetzt sind Tirvo und ich dafür verantwortlich, die beiden zurück zu bringen, und du hilfst uns dabei nicht, obwohl wir dir damals geholfen haben, und du machst stattdessen Tirvo Vorwürfe wegen einer Sache, die dich überhaupt nichts angeht!“ Aurora hatte sich erfolgreich in Rage geredet, und Marianne wich ein wenig vor ihr zurück.

„Ich meinte ja nur…“, begann sie kleinlaut, aber die Elbin schnitt ihr das Wort ab.

„Und ICH meine nur, dass du uns noch etwas schuldig bist, Marianne! Denk einmal darüber nach!“

Aurora stürmte in einer berechneten Zurschaustellung von Wut aus der Küche. Ich glaube, es hat gewirkt, dachte sie. Ein schlechtes Gewissen hat sie jedenfalls.

***

Nach dem Abendessen, bei dem Marianne die meiste Zeit mit gesenktem Kopf still da gesessen hatte, bat Johann Mai-shin, Tirvo und Aurora in sein Zimmer.

„Was hast du denn nun den ganzen Tag über getan?“, fragte Aurora neugierig.

„Ich habe versucht, die drei zu malen“, antwortete Johann.

„Aus dem Gedächtnis?“, fragte Tirvo.

„Nein… ja, auch. Ich musste mich natürlich an sie erinnern, um sie zu malen. Meine Absicht war allerdings, ein Bild zu schaffen, dass sie jetzt zeigt.“

„Jetzt?“ Mai-shin blickte ihn prüfend an. „Du meinst…“

„Dort, wo sie gerade sind. Ja.“

„Und – hat es geklappt?“, fragte Tirvo ungeduldig.

„Urteilt selbst.“ Johann schlug die Abdeckung einer Staffelei zurück, die neben ihm stand.

Sie blickten auf einen Strand aus feinem, weißen Sand, der von Palmblättern eines nahen, dichten Waldes beschattet wurde, in dem zahllose Blüten in allen Farben zu erkennen waren. Ebenso bunte Vögel saßen überall im Gehölz, und schillernde Schmetterlinge flatterten herum. Das Wasser wiederum war tiefblau und beinahe ruhig, gerade so weit bewegt, dass das Sonnenlicht glitzernde Reflexionen darauf erzeugte. Die Küstenlinie verlor sich in der Ferne in einem leichten Bogen, der andeutete, dass es sich bei diesem Ort um eine Insel handeln mochte.

Und im Sand, nebeneinander friedlich schlafend, lagen Ludwig, Bikkapuna und Tideline. Keine Spur verriet, wie sie dorthin gekommen waren. Das gesamte Bild strahlte völlige Entspannung und Zeitlosigkeit aus.

„Was ist das für ein Ort?“, fragte Aurora leise.

Johann zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich kenne keine vergleichbare Landschaft. Aber ich bin überzeugt, dass die drei sich dort befinden.“

***

Am nächsten Morgen wurde Aurora durch lautes Klopfen geweckt.

„Ja?“, nuschelte sie verschlafen. Blinzelnd sah sie sich in ihrem von der Morgensonne beschienenen Zimmer um. Sie war allein – Mai-shins Bett war leer. Ausgeflogen, dachte Aurora belustigt. Kein Wunder – sie steht schließlich mit den Vögeln auf!

Marianne betrat den Raum. Schnurstracks steuerte sie auf das Bett der Elbin zu.

„Hier“, versetzte sie schroff, während sie einen kleinen Lederbeutel hervor zog und diesen auf Auroras Bettdecke plumpsen ließ.

„Was ist das?“, wunderte Aurora sich.

„Vier Goldmark. Zwei für dich, und zwei für Tirvo. Nun bin ich euch nichts mehr schuldig.“ Das Menschenmädchen blickte sie trotzig an.

„Was? Danke… Aber wieso… ich meine, woher hast du denn das Geld?“

Marianne zuckte die Achseln. „Meine Angelegenheit. Wir sind jetzt quitt.“

Sie wandte sich um und verließ das Zimmer. Aurora starrte ihr nach.

***

Beim Frühstück war Marianne nicht anwesend. Auch von den Katzen ließ sich keine blicken. Wahrscheinlich habe ich mich unbeliebt gemacht, dachte Aurora.

Neben ihr saß Tirvo und kaute vorsichtig an einer Scheibe Butterbrot, deren Ränder er mit einem Messer abgeschnitten hatte. Aurora räusperte sich. „Tirvo?“

„Mhm?“, entgegnete der Junge mit vollem Mund und wandte sich ihr zu.

„Marianne hat uns das Geld gegeben, das wir der Anstalt schulden. Ich weiß nicht, wie sie daran gekommen ist. Ich… hatte ihr gestern ein bisschen ein schlechtes Gewissen gemacht, damit sie uns vielleicht hilft, aber… naja, egal. Hier sind jedenfalls deine zwei Goldmark.“

Einen Moment sah Tirvo verdutzt die beiden Münzen an, dann lächelte er schief. „Immerhin… jetzt fehlen nur noch drei Goldmark.“

„Hä? Wofür brauchst du denn so viel Geld?“, fragte Aurora verblüfft.

Tirvo erzählte ihr von seinem Besuch bei Prudo Pinienkern.

„Oh… weißt du was: Nimm meine beiden Goldstücke auch, dann fehlt dir nur noch eines! Wir werden in der Anstalt bestimmt eine Möglichkeit finden, uns etwas dazu zu verdienen.“

„Ganz bestimmt“, mischte Mai-shin sich ein. Auch sie griff in ihre Tasche und zog eine Münze hervor, die sie zu Tirvo hinüber schnipste. „So, jetzt kannst du dein Gesicht in Ordnung bringen lassen – es ist ja nicht mit anzusehen, wie du isst!“

„Mensch – danke, Mädels! Das ist wirklich sehr nett von euch. In der Anstalt gebe ich euch das Geld dann wieder, versprochen!“ Gerührt steckte Tirvo die Münzen ein.

„Gehst du dann gleich zum Arzt?“, wollte Aurora wissen.

Tirvo schüttelte den Kopf. „Erst wenn wir diesen Auftrag erledigt haben. Das geht jetzt vor.“

„Womit wir beim Thema wären“, sagte Johann. „Wie gehen wir weiter vor, Chef?“

Tirvo rollte ein wenig mit den Augen. „Ich denke, wir sollten uns am Hafen umhören. Er bietet die beste Möglichkeit, Kaperstadt zu verlassen, und wenn die drei wirklich auf einer Insel sind, müssen sie wohl ein Boot oder Schiff genommen haben.“

***

Es nieselte ein wenig, als sie sich auf den Weg zum Kaperstädter Hafen machten. Sie legten den Weg schweigend zurück. Aurora dachte an ihre Mutter. War sie diesmal für immer fort? War sie überhaupt wirklich bei ihr gewesen? Sie verstand diese Dinge nicht.

Energisch schüttelte sie ihren Kopf. Dabei besprühte sie mit Tropfen aus ihren langen roten Haaren Johann und Tirvo, die dies beide kaum zur Kenntnis nahmen. Auch die beiden Jungen schienen in Gedanken versunken. Mai-shin schritt ihnen energisch voran.

Plötzlich drehte die Elbin sich um. Beim Kopfschütteln hatte sie aus den Augenwinkeln etwas gesehen – oder, genauer, jemanden: Jemanden, der ihnen folgte.

Die Gestalt huschte rasch in einer kleinen Seitengasse in Deckung, aber Aurora hatte sie bereits erkannt. Sie fasste Tirvo an der Schulter.

„Was ist?“, fragte dieser sie.

„Uns folgt jemand.“ Sie machte eine kurze Pause. „Pia.“

„Warum sollte sie uns folgen?“, gab Tirvo überrascht zurück.

Für einen Moment konnte das Elbenmädchen nachempfinden, was Mai-shin fühlen musste, wenn einer von ihnen etwas Dummes sagte, weil sie mit dem blitzschnellen Verstand der Lashani nicht mithalten konnten. Sie verkniff sich eine entsprechende Bemerkung. „Ich denke, sie will mit dir reden“, antwortete sie.

„Hm.“ Tirvo dachte einen Augenblick nach, dann schüttelte er den Kopf. „Nicht jetzt. Nach dem Auftrag.“

Auch Johann war unterdessen stehen geblieben, und Mai-shin war zu ihnen zurück gekehrt. „Nach dem Auftrag ist es vielleicht zu spät“, sagte sie.

„Zu spät wofür?“, fragte Tirvo verwirrt.

Mai-shin atmete hörbar aus. „Was denkst du denn, worüber sie mit dir sprechen will?“

„Naja…“, setzte der Junge an und verstummte dann.

„In jedem Fall möchtest du doch nicht, dass sie uns die ganze Zeit über folgt, während wir versuchen, unseren Auftrag zu erfüllen – oder?“, drang Aurora auf ihn ein.

„Wir warten dann am Kai auf dich“, sagte Johann und ging weiter. Die beiden Mädchen folgten ihm. Tirvo blieb zurück und sah sich unsicher um. Nach einigen Sekunden bemerkte er dann Pia, die auf die Straße heraus trat und sich ihm näherte.

„Hallo“, sagte sie leise.

„Hallo“, antwortete der Junge, ohne sie anzusehen.

Der Nieselregen hüllte sie ein, und sie standen schweigend nebeneinander.

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Veröffentlicht on September 5, 2011 at 4:54 pm  Schreibe einen Kommentar  

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