Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 65

*** Peinliche Augenblicke ***

„Du bist verletzt“, sagte Pia schließlich, nachdem einige Minuten vergangen waren. „Hat… war das Bruno?“

Tirvo nickte. „Er hat gesagt… er meinte, du…“ Er riss sich zusammen. „Er sagte, du würdest ein Kind bekommen. Von mir.“

Pia sah zu Boden. In den Pfützen auf der lehmigen Gasse spiegelte sich der grau bewölkte Himmel. „Es gibt kein Kind mehr“, erwiderte sie leise.

„Oh.“ Auch Tirvo blickte betreten nach unten.

Eine erneute Gesprächspause trat ein. Tirvo fühlte Wasser seinen Rücken hinab rinnen. Spürte es. Er konzentrierte sich auf dieses Gefühl. Das Wasser erreichte schließlich den Boden, wo es entweder langsam versickern, oder, sobald es wieder sonnig war, verdunsten, in den Himmel aufsteigen und Wolken bilden würde. Wasser war immer in Bewegung – es sei denn, es sammelte sich tief unter der Erde an einer Stelle, von der aus es keinen Abfluss zum Meer fand. Dort stand es dann still, stagnierte, ausgeschlossen vom ewigen Kreislauf des Wassers – und dem des Lebens.

„Es tut mir leid“, sagte er irgendwann leise.

Zunächst antwortete Pia nicht. Nach ein paar Sekunden hob sie dann ihren Kopf und sah ihn an. „Ich werde Bruno heiraten.“

Tirvo nickte langsam.

„Ich werde Bruno heiraten“, wiederholte Pia, „und eines Tages werde ich seine Kinder bekommen.“

„Wieso sagst du mir das?“, fragte Tirvo.

Pia blickte zur Seite. „Ich wollte nur, dass du Bescheid weißt.“

„Ja, natürlich. Danke.“ Tirvo fühlte, dass der Regen aufgehört hatte. Das Wasser, welches sich jetzt noch in der Luft befand, konnte von dieser getragen werden.

„Leb wohl, Grenzenloser.“ Pia gab ihm einen raschen Kuss auf die Wange. Dann drehte sie sich um und lief fort. Ihre nackten Füße ließen das Wasser der Pfützen hochspritzen.

Tirvo ging zu den anderen Schülern zurück, die sich am Kai niedergelassen hatten. Ein leichter Westwind trieb Wellen heran, die sich an der Mauer brachen. Die Luft roch nach Salz und nach Algen.

„Und?“, fragte Johann ihn.

„Alles geklärt“, antwortete Tirvo. Die drei sahen ihn an.

„Lasst uns unseren Auftrag erfüllen.“ Er drehte sich um und steuerte auf die erstbeste Hafenkneipe zu.

***

„Ein sehr großer, kräftiger, Menschenjunge, vermutlich mit einer Axt? Nein? Oder ein wildländischer Junge, möglicherweise nackt, der… ein bisschen komisch aussieht? Auch nicht? Vielleicht ein Halblingmädchen, braune Haare, grüne Augen, nicht besonders schlank, aber recht hübsch, das immer müde zu sein scheint?“

Es fühlte sich für Aurora wie das einhundertste Mal an, dass sie diese Fragen stellte und nur Kopfschütteln als Antwort erhielt. Seufzend drehte sie sich zu Mai-shin um. „Ich glaube, wir sind einfach auf der falschen Spur… Was ist?“

Mai-shin blickte sie amüsiert an. „Meinst du nicht, es genügt zu fragen, ob jemand in den letzten Tagen einen oder mehrere Grenzenlose in unserem Alter gesehen hat?“

„Und wenn den Leuten nicht aufgefallen ist, dass sie grenzenlos sind?“, gab die Elbin leicht gereizt zurück.

Mai-shin lächelte. „Ich denke, wir können davon ausgehen, dass jemand, der das nicht bemerkt, sie überhaupt nicht wahrgenommen hätte.“

„Wenn du meinst. Dann übernimm du doch nächstes Mal die Fragerei.“ Aurora stapfte missmutig aus der Kneipe hinaus.

„Es müsste Zeit sein, die Jungs wieder zu treffen“, antwortete diese. „Vielleicht hatten sie ja mehr Erfolg.“

Aber auch Tirvo und Johann schüttelten nur ihre Köpfe. Niemand schien die drei Grenzenlosen gesehen zu haben.

„Und was nun, Chef?“, wandte sich Johann an Tirvo.

„LASS DAS! Du kannst gerne selbst einen Vorschlag machen“, regte der Angesprochene sich auf.

„Vielleicht stellen wir die falschen Fragen“, meinte Mai-shin. „Oder Fragen stellen ist überhaupt falsch.“

„Wie meinst du das?“, wunderte sich Aurora.

„Offenbar haben die drei sich ja eher unauffällig verhalten. Also hat es keinen Sinn zu fragen, ob sie jemandem aufgefallen sind“, erklärte das Lashanimädchen.

„Und was sollen wir stattdessen machen? Fragen, wer ihnen nicht aufgefallen ist?“, versuchte Tirvo sich an Sarkasmus.

„Nein.“ Johann schien begriffen zu haben, worauf Mai-shin hinaus wollte. Nicht zum ersten Mal wunderte Tirvo sich, warum Hartmut nicht den beiden anderen Schülern die Verantwortung für diesen Auftrag übertragen hatte – waren sie nicht schlicht klüger als Aurora und er?

„Nicht fragen – zuhören!“, fuhr der Johann fort. „Lassen wir die Leute einfach erzählen, was in den letzten Tagen hier so passiert ist! Vielleicht ist irgend jemandem etwas Ungewöhnliches widerfahren. Wenn Grenzenlose irgendwo unterwegs sind, geschehen rasch merkwürdige Dinge.“

„Was für merkwürdige Dinge?“, fragte Aurora.

„Zum Beispiel können junge Mädchen schwanger werden, obwohl sie die Frauenwurzel nehmen“, schlug Mai-shin mit einem spöttischen Seitenblick auf Tirvo vor.

„Können wir bitte beim Thema bleiben?“, erwiderte dieser genervt.

„Entschuldigung, Chef! Natürlich, Chef!“ Mai-shin deutete eine Verbeugung an, und Tirvo rollte mit den Augen. „Ich denke, wir sollten ein paar Fischern eine Runde Schnaps ausgeben und zuhören, was sie so reden. Was hältst du davon, Chef?“

„Wenn ihr endlich mit diesem Chef aufhört – von mir aus“, stöhnte Tirvo.

„Versprochen, Chef“, entgegneten Mai-shin und Johann im Chor und brachten sich in Sicherheit, bevor dieser Gelegenheit hatte, eine Wasserkugel aus dem Hafenbecken aufsteigen zu lassen.

***

„Merkwürdig? Was soll daran merkwürdig sein, wenn ein Kerl sich früh am Morgen schon so betrinkt, dass er vergisst, mit seinem Boot raus zu fahren?“

„Aber Helmut trinkt nicht! Jedenfalls nicht morgens. Und er sagt, er sei eingeschlafen. Einfach so, von einer Sekunde auf die andere, ohne müde gewesen zu sein!“

„Schon klar! Die Nacht vorher durchgezecht, und dann am nächsten Tag die Augen nicht mehr offen halten können. Also, meiner Frau könnte ich mit dieser Geschichte jedenfalls nicht kommen!“

„Helmut hat keine Frau, wie du genau weißt. Weshalb hätte er sich die Geschichte also ausdenken sollen?“

„Was weiß ich – vielleicht, damit du ihm einen ausgibst, während er sie erzählt?“

„Da gibt’s aber wirklich bessere Geschichten! Wenn der Hotte zum Beispiel sein Seemannsgarn vom Stapel lässt, dann ist das auch die paar Kreuzer für das Bier wert! Weißt du noch – die Sache mit der Meerjungfrau, die ihn nicht mehr gehen lassen wollte? Das war eine Geschichte! Aber im Hafen in seinem Boot liegen und schlafen? Geht’s bitteschön noch etwas langweiliger?“

„Was weiß ich. Ich weiß nur eines: Für die meisten merkwürdigen Geschehnisse in der Welt ist der Schnaps verantwortlich!“

„Das ist wahr – und das ist auch gut so!“

Nun, da die beiden Fischer ihren gemeinsamen Nenner gefunden hatten, stießen sie klirrend miteinander an. Die Schüler warfen einander Blicke zu.

„Entschuldigung“, wandte Aurora sich zaghaft an die Trinkenden. „Könnten Sie uns sagen, wo wir diesen Helmut finden?“

Nachdem sie eine Wegbeschreibung erhalten hatte, verließen die Schüler rasch die stickige Kneipe.

„Endlich“, atmete Johann auf. „Ich habe insgesamt bestimmt zwei Silber für Bier und Schnaps ausgegeben. Naja – wenigstens musste ich das Zeug nicht selbst trinken. Glaubt ihr denn, dass wir jetzt auf der richtigen Spur sind?“

Aurora erinnerte sich daran, wie sie auf Mai-shins mit Tidelines Schlafzauber belegtem Bett niedergesunken war. „Ja“, antwortete sie. „Ich denke schon.“

***

„Sind Sie Helmut?“, sprach Tirvo den ungefähr dreißig Jahre alten Menschenmann an, der aufrecht in einem kleinen, einmastigen Fischerboot stand und gerade damit beschäftigt war, den Mast einzufetten.

Der Mann drehte sich zu ihm um. „Der bin ich. Und wer bist du, mein Junge?“

„Ich heiße Tirvo – Tirvo Banrus. Ich bin Schüler der Anstalt. Hartmut Widermann ist mein Fürsprecher.“

„Und deine Begleiter sind ebenfalls Grenzenlose?“

„Ja. Das sind Aurora Yirell, Mai-shin und Johann Turecht“, stellte Tirvo die anderen vor. „Wir sind auf einem Auftrag und wollten Sie etwas fragen.“

„Dann fragt!“ Helmut lächelte sie an.

„Ja… danke. Wir haben gehört, Sie seien neulich eines Morgens ohne besonderen Grund eingeschlafen. Können Sie uns mehr dazu erzählen?“

„Das kann ich! Es ist jetzt drei Tage her. Ich hatte mich für meine morgendliche Ausfahrt fertig gemacht und wollte gerade die Leine lösen, als mich urplötzlich eine unerklärliche und unwiderstehliche Müdigkeit überkam. Ich legte mich auf der Stelle hin – eigentlich sackte ich geradezu zusammen – und schlief ein. Als ich erwachte, war es bereits früher Nachmittag. Und dabei hatte ich die Nacht zuvor gut geschlafen! Oh, und mein Frühstück war auch verschwunden. Und dies hier habe ich gefunden.“ Helmut, der seine Geschichte rasch und flüssig erzählt hatte, so als habe er sie auswendig gelernt, zog aus seiner Jackentasche eine münzengroße, bereits verwelkte, weiße Blüte hervor.

Die Schüler betrachteten die Blüte mit großem Interesse. „Das ist eine Schlummerblume“, sagte Johann.

„Du kennst dich mit Blumen aus, ja? Nicht viele Jungen tun das.“ Helmut hatte sich in die Hocke begeben und musterte aus dieser Position heraus Johanns Gesicht. „Aber du bist ein Künstler, stimmt’s? Man sieht es dir an. Du strahlst Empfindsamkeit aus.“

„Ich male“, murmelte Johann verlegen. „Und diese Blumen kenne ich aus meiner Familie. Meine Mutter hatte sie häufig in ihrem Schlafzimmer in einer Vase. Sie sagte, sie ließen sie ruhiger schlafen.“

„Könnten solche Blumen einen Bürger in Schlaf versetzen?“, fragte Aurora.

Johann schüttelte den Kopf. „Sie verströmen einen beruhigenden Geruch, ja, mehr aber auch nicht. Es kann sein, dass Heiler sie zur Herstellung von Schlaftrünken benutzen, aber ich weiß nicht wirklich etwas darüber.“

„Eine Ritualkomponente“, mischte Mai-shin sich ein. „Da viele Bürger diese Blumen mit Schlaf assoziieren, eignen sie sich zur Verstärkung von Schlafzaubern.“

Helmut zog eine Augenbraue hoch. „Deine ostfernländische Freundin spricht unsere Sprache ja ganz ausgezeichnet!“, bemerkte er, immer noch Johann ansehend. „Und so viele Elbwörter!“

„Was? Ja… nein… sie ist nicht meine Freundin… also, sie ist natürlich schon meine Freundin, aber…“ stammelte Johann.

„Aber ihr seid nicht zusammen? Dann ist diese hübsche junge Elbin vielleicht deine Freundin?“

„Was? Nein… Nein, ich…“ Johann machte einen Schritt zurück und sah zu Boden.

„Ich verstehe schon“, lächelte Helmut. „Kann ich euch sonst noch irgendwie helfen?“

„Danke, das war es erst einmal“, ergriff Mai-shin das Wort. „Vielleicht kommen wir später noch einmal auf Sie zurück.“ Sie wandte sich energisch um und verließ das Boot. Die anderen Schüler folgten ihr.

zum nächsten Kapitel
zur Kapitelübersicht
Advertisements
Veröffentlicht on September 10, 2011 at 4:33 am  Schreibe einen Kommentar  

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s