Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 66

*** Stillstand ***

„Woher hatte Deine Mutter diese Blumen, Johann? …Johann?“ Mai-shin musste den Jungen erst anstupsen, bevor er seinen Blick von einem vermutlich am Horizont liegenden Punkt löste und sie ansah. „Hat sie sie selbst gepflückt?“

„Nein… Nein, ich glaube nicht. Ich denke, sie hat sie bei den Rosenblatts gekauft“, murmelte Johann.

„Das sind Halblinge?“, fragte Tirvo.

„Ja, eine Familie von Pflanzenzüchtern hier in Kaperstadt. Sie verkaufen Saatgut, Zwiebeln und Sprösslinge von Nutz- und Zierpflanzen, aber auch Topfpflanzen und Schnittblumen.“ Johann spulte seine Antwort gleichmäßig und teilnahmslos ab, ohne einem von ihnen in die Augen zu schauen.

„Also so ähnlich wie die Tulpendufts in Schattenland“, bemerkte Mai-shin. „Lasst uns den Rosenblatts einen Besuch abstatten. Vielleicht kennen sie Tideline ja sogar? Immerhin hat das Mädchen schon einige Wochen in Kaperstadt gelebt.“

***

„Tideline Tulpenduft? Ja, die hat uns vor einigen Tagen besucht! Wir hatten natürlich von den Tulpendufts gehört – es kommen ja immer wieder Flüchtlinge aus Schattenland nach Kaperstadt. Ein paar Familien bringen dabei Pflanzen aus Tulpenduftscher Züchtung mit, die uns immer sehr beeindrucken. Ich fürchte, unser Saatgut ist nicht annähernd so gut entwickelt – wir sind, ehrlich gesagt, sehr froh, dass die Tulpendufts sich nun in Dammdorf angesiedelt haben und uns nicht direkt hier Konkurrenz machen!“

Die umgerechnet etwa vierzigjährige Halblingfrau, zu der ihnen am Einlass des ausgedehnten Geländes der Weg gewiesen worden war, topfte einige sehr stachlig aussehende kleine Sträucher um, während sie sich mit ihr unterhielten. Sie erinnerte Aurora ein wenig an die Gärtnerin, welche die Parkanlagen des Yirellschen Anwesens mit Hilfe eines Dutzends menschlicher Hilfskräfte betreut hatte.

„Wissen Sie, wann genau sie hier gewesen ist?“, hakte Mai-shin nach.

„Wann war das denn… das muss vier Tage her sein, denke ich. Wir haben uns eine Weile unterhalten – das Mädchen war wirklich sehr nett und höflich, und sie verstand natürlich viel von Pflanzenzucht.“

„Ist ihnen irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen?“, fragte Aurora.

Die Halblingfrau stand auf, klopfte sich die Hände an ihrer Schürze ab und sah sie an. „Ich nehme an, ihr fragt aus einem besonderen Anlass? Nun ja… da war schon etwas, was mir merkwürdig vorkam. Ich konnte ihr natürlich nicht ununterbrochen meine Aufmerksamkeit widmen, deshalb ließ ich sie immer mal wieder für einige Minuten allein. Ich dachte mir nichts dabei – wir haben im öffentlich zugängigen Bereich nichts, was Besucher nicht in Augenschein nehmen dürften, und in jedem Fall bezweifle ich, dass die Tulpendufts darauf angewiesen sein könnten, unsere Geheimnisse zu stehlen. Und dann war sie ja auch eine Grenzenlose und Schülerin der Anstalt!“

Sie hat also nicht verraten, dass sie eine Vogelfreie ist, dachte Aurora.

„Ich habe sie daher nicht die ganze Zeit über im Auge behalten. Als sie dann schließlich gegangen war… das heißt natürlich, erst einige Zeit später… stellte ich dann fest, dass ein paar unserer Schnittblumen fehlten. Nichts übermäßig Wertvolles, nur ein paar Schlummerblumen. Ich wollte deswegen nicht zum Turm gehen – es war wirklich keine große Sache, und ich konnte mir auch gar nicht sicher sein, dass wirklich Tideline dafür verantwortlich war. Aber ich habe mich natürlich ein wenig gewundert.“

„Hat Tideline etwas von sich erzählt? Zum Beispiel, was sie in nächster Zeit vor hatte?“, fragte Tirvo.

Die Gärtnerin schüttelte den Kopf. „Nein, sie hat mir nur von ihrer Flucht über den Ozean berichtet, dass ihre Familie in Dammdorf eine Pflanzenzucht eröffnen will, und dass sie Schülerin der Anstalt ist. Es war ein reiner Höflichkeitsbesuch – oder zumindest wirkte es so auf mich. Hat sie denn etwas angestellt?“

„Sie ist vogelfrei“, sagte Mai-shin unverblümt, „und wir sind von der Anstalt beauftragt worden, sie zu suchen. Wenn Sie also irgendetwas über ihren Verbleib wissen, teilen Sie es uns bitte mit!“

„Vogelfrei? Bei den Engeln! Das arme Mädchen! Sie… sie ist doch nicht gefährlich, oder?“

Zuerst antwortete keiner der Schüler. Dann sagte Aurora zögernd: „Nein… nein, ich denke nicht. Nicht wirklich.“ Doch ihr war bewusst, dass sie nicht allzu überzeugend klang – vielleicht, weil sie selbst nicht wirklich überzeugt war. War Tideline gefährlich? Und was war mit Ludwig und Bikkapuna?

Was würde geschehen, wenn sie die drei fänden?

***

Nach dem Gespräch mit Frau Rosenblatt kehrten die Schüler zum Turm zurück. Es war zwar erst Nachmittag, aber sie wussten nicht, was sie als Nächstes tun sollten – es gab einfach keine Spur, der sie folgen konnten. Außerdem hatten sie Hunger.

Marianne hielt sich wohl in ihrem Zimmer auf – jedenfalls war die Küche leer. Keiner von ihnen verspürte Lust, sie zu suchen. Tirvo machte sich schließlich daran, Abendessen zuzubereiten. Aurora ging ihm ein wenig zur Hand, ohne jedoch eine allzu große Hilfe zu sein. Jetzt, wo das Menschenmädchen sich nicht mehr um die Mahlzeiten im Turm kümmerte, wurde ihnen erst richtig bewusst, wie sehr sie sich daran gewöhnt hatten, bekocht zu werden.

Als sie schließlich gemeinsam am Tisch saßen, verzehrten sie ihr Essen schweigend. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Aurora versuchte, sich an ihre Mutter zu erinnern – bereits jetzt fiel es ihr schwer zu glauben, dass diese sich für einige Tage in ihrem Geist befunden hatte. Wo mochte sie jetzt sein?

Sie sah zu Tirvo hinüber. Was hatte der Menschenjunge mit Pia besprochen? Aurora konnte zwar erraten, auf welche Weise sich diese Angelegenheit „geklärt“ hatte – aber wie dachte Tirvo darüber? Was fühlte er? Bedeutete ihm das Ganze überhaupt etwas?

Auch Johann und Mai-shin waren still. Besonders der Junge hatte nach dem Gespräch mit Helmut kaum noch den Mund aufgemacht. Die Elbin erinnerte sich an die Unterhaltung – oder genauer, den Streit – den sie mit Mai-shin in Palmenheim gehabt hatte. War an ihrer Geschichte vielleicht doch etwas dran gewesen? Und was mochte die Lashani fühlen?

Wieso zur Hölle sind wir nur diesem unsinnigen Pakt eingegangen? Die Sternendiamanten, für die Aurora sich letztlich nie wirklich interessiert hatte, waren nun fort, doch sie vier waren weiterhin durch Johanns Bild aneinander gebunden. Was bedeutete das eigentlich? Welcher Dämon hatte sie dazu geritten, solch eine Entscheidung zu treffen, deren Konsequenzen sie nicht annähernd verstanden?

Ich hatte Angst vor dem Alleinsein, erkannte sie. Ich wollte Freunde. Aber konnte man auf diese Weise Freundschaft erzwingen? Was würde geschehen, wenn sie sich mit den anderen entzweite?

Und wieso hatte die kluge Mai-shin sich diesem Bündnis angeschlossen – mehr noch, es gemeinsam mit Johann vorgeschlagen? Plötzlich begriff Aurora, dass sich die Antwort darauf vielleicht in der Frage selbst versteckte: Gemeinsam mit Johann. Vielleicht war es Mai-shin in Wahrheit gar nicht um die Sternendiamanten gegangen? Die Lashani war in den Jungen verliebt – aber er wohl nicht in sie. Nichtsdestotrotz waren beide jetzt aneinander gebunden. Für alle Zeiten. Genau so wie sie selbst. Aber wenn Mai-shin Recht hatte, was Johanns Gefühle für sie anging – wie konnte das gut gehen mit ihnen dreien? Und Tirvo mittendrin! Wie dachte der Junge wohl darüber? Spürte er die Spannungen, die zwischen ihnen bestanden? Sann er auch gerade darüber nach, was der Pakt für ihn bedeutete?

Tirvo betrachtete für eine Sekunde nachdenklich seinen mit Suppe gefüllten Löffel, bevor er ihn vorsichtig zum Mund führte. Suppe ist letztlich nur schmutziges Wasser, dachte er. Er nahm einen weiteren Löffel. Ich könnte die Suppe schweben lassen.

Schweigend aßen die vier Schüler weiter.

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Veröffentlicht on September 15, 2011 at 2:49 pm  Schreibe einen Kommentar  

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