Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 69

*** Hoffnungslosigkeit, Glück und Unglück ***

„Und was tun wir jetzt?“, fragte Tirvo. Er blickte ratlos in die Runde.

„Mieten wir uns ein Boot, und suchen wir sie“, schlug Aurora vor.

Der Junge schüttelte den Kopf. „Du kannst niemanden finden, der auf dem Meer treibt, Aurora! Das ist unmöglich!“

„Aber Mai-shin hat sie doch schon einmal gefunden – mit Hilfe der Möwen“, gab die Elbin zurück. „Warum soll ihr das nicht wieder gelingen?“

„Ich habe Glück gehabt“, erinnerte die Lashani sie. „Und ich denke auch nicht, dass ich Möwen dazu bringen kann, von einem fahrenden Boot aus Erkundungsflüge zu machen und wieder zu uns zurückzukehren. Jedenfalls nicht mehrmals. Vögel haben ihr eigenes Leben, und Möwen entfernen sich nicht gerne weit von der Küste. Die Möwe, die sie gesehen hat, war vorher einem Schiff gefolgt und nur zufällig auf dem Rückweg auf das Boot gestoßen.“

„Außerdem haben sie bereits einigen Vorsprung. Wenn wir kein schnelles Segelschiff zur Verfügung haben, kann es Tage dauern, bis wir sie einholen“, versetzte Tirvo.

„Dann können wir also gar nichts machen?“, fragte Aurora.

„Ich wüsste nicht, was“, antwortete Tirvo niedergeschlagen.

Mai-shin zögerte einen Augenblick. Dann sagte sie: „Vielleicht gibt es etwas. Johann hatte da eine Idee…“

Doch dieser schüttelte energisch den Kopf. „Nein! Das war eine dumme Idee. Ich denke nicht, dass ich das wirklich kann. Außerdem passieren immer nur Katastrophen, wenn ich meine Gabe anwende.“

Tirvo verspürte nicht direkt das Bedürfnis, ihm zu widersprechen, aber er fragte trotzdem nach: „Und was ist das nun für eine Idee?“

„Nein“, wiederholte Johann. „Es ist zu gefährlich. Viel zu gefährlich. Denkt daran, wie wir alle unsere Gaben verloren haben! Und… ich fühle mich auch nicht gut. Ich kann das nicht.“

„Jetzt hast du uns neugierig gemacht“, gab Aurora zu. „Nun sag schon – was ist es?“

Johann schwieg. Mai-shin antwortete für ihn: „Er könnte eine größere Version des Bildes von dem Traum, in dem sich die drei befinden malen – groß genug, dass wir durch dieses Bild zu ihnen gelangen können.“

„WAS?“, stießen Aurora und Tirvo gleichzeitig hervor.

„Du hast Recht“, stimmte Tirvo Johann dann zu. „Das klingt wirklich gefährlich. Und verrückt.“

„Aber wenn es die einzige Möglichkeit ist, unsere Freunde zu retten?“, gab Aurora zu bedenken.

„Ich denke, das ist es“, erwiderte Mai-shin. „Aber ich fürchte, wir können es tatsächlich nicht riskieren, so lange… so lange es Johann nicht besser geht.“

„Ich gehe auf mein Zimmer“, murmelte Johann verließ fluchtartig die Küche.

Aurora rutschte nervös auf ihrem Stuhl. Wieso schauen die beiden mich so an?

***

Entschlossen stieß Tirvo die Tür zu Johanns Zimmer auf. „Wir müssen reden.“

Johann, der mit dem Gesicht zur Wand auf seinem Bett gelegen hatte, schreckte hoch. Tirvo schob mit einem kräftigen Ruck eine Staffelei beiseite, nahm einen leeren Wassereimer, drehte ihn um, stellte ihn neben die Bettkante und setzte sich darauf. Johann wich ein wenig zurück und sah ihn mit elendem Gesicht an.

„Pass auf – ich weiß doch, was mit dir los ist“, begann Tirvo. Ich brauche ihm ja nicht zu verraten, dass Mai-shin es mir erst erklären musste. „Du machst keinen Urlaub, obwohl du ihn dringend bräuchtest, weil du in Aurora verknallt bist, aber du traust dich nicht, ihr das zu gestehen.“

Der Junge im Bett antwortete nicht. Tirvo seufzte. „Jetzt hör mal zu – du musst es ihr sagen! Alles andere hat doch keinen Sinn!“

Johann schüttelte langsam den Kopf. „Das geht nicht.“

„Wieso nicht? Im schlimmsten Fall hast du dann Gewissheit. Im besten Fall mag sie dich auch. Du hast nichts zu verlieren!“

Johann schüttelte erneut nur seinen Kopf.

„In Ordnung – wenn du das nicht auf die Reihe kriegst, dann frage ich sie eben.“

„Das tust du nicht!“ Johann richtete sich ruckartig auf.

„Oh doch, das tue ich! Wir haben einen Auftrag zu erfüllen, verdammt noch mal, und du bist in deinem jetzigen Zustand zu nichts nütze!“ Tirvo hatte seine Stimme erhoben und sah sein Gegenüber mit wütendem Blick an. „Außerdem machst du dich selbst kaputt! Willst du denn lieber so lange abwarten, bis dein Wahnsinn sich verselbständigt, weil du dich weigerst ihm nachzugeben?“

Johann öffnete den Mund, aber Tirvo schnitt ihm das Wort ab. „Du hast es selbst gesagt: Ich bin zur Zeit der Chef! Und deswegen gebe ich dir jetzt eine Anweisung: Löse dein Problem – oder ich tue es für dich!“

„Aber…“, setzte Johann zu einer Antwort an, doch Tirvo stand auf, schob mit einem Tritt den Eimer beiseite, ging zur Tür hinaus und warf diese mit einem Knall hinter sich zu.

Hoffentlich kriegt er jetzt endlich seinen Arsch hoch!

***

„Es ist immer noch besser, als gar nichts zu tun.“

Aurora schien sich selbst mindestens so sehr wie die anderen überzeugen zu wollen. Sie waren zu dritt erneut nach Kaperstadt unterwegs – Johann hatte sich geweigert, sein Zimmer zu verlassen.

Etwas völlig Sinnloses zu tun ist nicht unbedingt besser, als nichts zu tun, dachte Tirvo, aber er sagte nichts. Schließlich würden sie aufs Meer hinaus fahren! Und vielleicht – wer konnte es schon mit Sicherheit sagen – ergab sich tatsächlich etwas? Immerhin war das Wasser sein Freund! Möglicherweise würde es ihm helfen, die drei zu finden.

Oder ich suche einfach nur eine Ausrede, um den Ozean zu befahren, obwohl ich weiß, dass es keinen Sinn hat. Tirvo zuckte mit den Schultern. Zumindest verlangte im Augenblick niemand von ihm, Entscheidungen zu treffen: Die beiden Mädchen gingen zielstrebig zum Hafen hinunter, und er musste ihnen nur folgen.

„Warum fragen wir nicht Helmut? Er war doch immer sehr nett und hilfreich“, schlug Aurora vor. Keiner der beiden anderen widersprach, also lenkten sie ihre Schritte wieder zu der Stelle, an der sie den Fischer bereits zwei Mal angetroffen hatten.

„Wieso ist er eigentlich immer hier?“, fragte Mai-shin, als Helmuts Boot in ihr Sichtfeld kam. „Fährt er denn nie zum Fischen aus?“

„Üblicherweise sind Fischer morgens und abends um die Dämmerung herum unterwegs, weil der Fang da am besten ist“, antwortete Tirvo. „Größere Schiffe bleiben meistens den ganzen Tag draußen, aber für Bootsfischer lohnt es sich mehr, ihren morgendlichen Fang frisch auf den Markt zu bringen. Die Mittagszeit nutzen sie dann dafür, ihr Boot in Schuss zu halten, zu schlafen, oder… naja, halt in Kneipen zu gehen.“

„Aha“, meinte Mai-shin. „Ich hatte mich schon gewundert, warum die Fischerkneipen tagsüber bereits so gut besucht sind.“

„Dein Heimatdorf liegt nicht an der Küste?“, fragte Aurora.

„Nein“, antwortete die Lashani. „Das Meer ist viele Tagesmärsche entfernt. Ich habe es zum ersten Mal gesehen, als ich nach Kaperstadt gebracht wurde – das heißt, zuerst in unsere Hauptstadt, dann weiter nach Hatachi und schließlich hierher.“

Sie hatten Helmuts Anlegeplatz erreicht, und der Fischer begrüßte sie freundlich. „Wo ist denn euer künstlerisch begabter Freund?“, wollte er wissen. „Er ist doch nicht krank?“

Gute Frage, dachte Tirvo. Laut sagte er: „Nein, ihm geht es gut. Er hat nur gerade etwas anderes zu tun.“

„Wir wollten fragen, ob wir dein Boot mieten können“, kam Mai-shin direkt zur Sache.

Helmut zog die Augenbrauen hoch. „Mein Boot? Für wie lange denn?“

„Vermutlich für mehrere Tage. Wir können es noch nicht genau sagen. Freunde von uns treiben auf dem Meer, und wir wollen versuchen sie zu finden.“

Der Fischer schüttelte den Kopf. „Kinder, das ist völlig hoffnungslos! Das ist so, als wolltet ihr einen Stecknadelkopf finden, den jemand irgendwo in Kaperstadt versteckt hat!“

„Das wissen wir“, erwiderte Mai-shin. „Wir haben nur leider keine Alternative.“

„Und gefährlich ist es zudem.“ Erneut schüttelte Helmut den Kopf. „Tut mir leid, Kinder, dafür gebe ich mein Boot nicht her. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt damit, und ich werde es nicht bei einem derartig sinnlosen Unterfangen aufs Spiel setzen. Den Ozean absuchen! Schlagt euch das besser aus dem Kopf!“

„Gewiss ist das doch nur eine Frage des richtigen Preises?“, hakte Mai-shin nach.

Der Fischer lachte. „Natürlich, wenn ihr mir zehn Goldstücke bietet, dann nehme ich das Geld, lasse mir ein neues Boot bauen und genieße in der Zwischenzeit das Leben! Aber ist es euch das wert?“

„Wir wollen das Boot mieten, nicht kaufen„, versetzte Mai-shin. „Aber für den Fall, dass wir es nicht zurück bringen, wird die Anstalt es dir gewiss ersetzen.“

„Wir könnten auch arbeiten“, schlug Tirvo vor. „Ich könnte dir beim Fischfang helfen, oder mit Reparaturen am Boot und so.“

„Unsinn“, fuhr die Lashani ihm über den Mund. „Solche Arbeit ist viel zu wenig wert und kostet viel zu viel Zeit. Wenn wir Geld benötigen, dann kümmere ich mich darum – ich kann an einem Tag so viel verdienen wie du mit diesen Aushilfsarbeiten in einem Monat.“

„Du verdienst auf diese Art Geld?“, zeigte Helmut sich plötzlich interessiert. „Gilt das auch für deine Freunde? Vielleicht lässt sich dann ja doch etwas machen…“

„Was?“ Aurora zeigte sich schockiert. „Nein! Auf gar keinen Fall! Das ist… so etwas ist nicht mein Ding.“

„Er hat nicht dich gemeint, Süße“, stellte Mai-shin mit einem spöttischen Lächeln fest.

„Nein? Aber… aber wen dann?“, stammelte die Elbin. Dann folgte sie Mai-shins und Helmuts Blick. Auch Tirvo drehte sich um. Hinter ihnen stand, mit wachsbleichem Gesicht, Johann.

„Geht es dir nicht gut?“, fragte Helmut ihn besorgt. „Hör mal, das war nur so eine Idee von mir… Ich meine, ihr könnt mein Boot gern auch so mieten, wenn die Anstalt im Zweifelsfall für einen Verlust aufkommt. Du musst dich jetzt nicht verpflichtet fühlen…“

Der Junge beachtete seine Worte jedoch nicht. Stattdessen fiel er vor Aurora auf die Knie.

Oh oh, jetzt geht es los, dachte Tirvo. Hoffentlich ist er bis Sonnenuntergang fertig.

„Aurora“, begann der Junge tapfer, „…ich liebe dich. Ich möchte mit dir zusammen sein.“ Dann sah er ihr in die Augen und verstummte.

Hilflos blickte die Elbin auf ihn hinab. Was soll ich jetzt nur tun? Endlose Sekunden vergingen. Sie spürte die Blicke der anderen auf sich ruhen. Unverwandt schaute sie auf den vor ihr knienden Menschenjungen, der sich mit seinem Geständnis endlich ihrem Urteil unterworfen hatte. Er tat ihr leid.

„Ich will auch mit dir zusammen sein, Johann“, sagte sie schließlich. Seine Augen begannen zu strahlen. Unbeholfen stand er auf, nahm sie in den Arm und küsste sie, zuerst zögernd, dann zunehmend selbstbewusster. Sie ließ es geschehen. Er roch gut, und seine Haut war weich und angenehm. Eigentlich fühlte es sich gut an, von ihm geküsst zu werden.

Tirvo wandte sich taktvoll ab. Neben ihm stand Mai-shin und sah auf das Meer hinaus. Von ihren Augen verlief Schminke zu wässrig blauen Tropfen, die ihre Wangen hinunter rannen.

Nach einigen Minuten ging die Lashani schließlich zu Helmut hinüber, der etwas abseits von ihnen damit begonnen hatte, eines seiner Netze zu entwirren. „Offenbar benötigen wir dein Boot jetzt doch nicht“, sagte sie. „Aber vielen Dank für das Angebot.“ Dann drehte sie sich mit einem Ruck um und lief mit raschen Schritten zurück in Richtung Turm. Tirvo, der ihr folgte, hatte Mühe, mit ihr Schritt zu halten.

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Veröffentlicht on Oktober 5, 2011 at 2:51 pm  Schreibe einen Kommentar  

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