Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 70

*** Kunst und Bewunderung ***

Nachdem sie einander minutenlang geküsst hatten, ließ Johann das Elbenmädchen schließlich los. Sie bemerkte, dass ein Rudel Hunde einen Halbkreis um sie gebildet hatte, sie ansah und mit den Schwänzen wedelte.

Johann, in dessen Gesicht die Farbe zurückgekehrt war, deutete Auroras verwunderten Blick richtig. „Sie klatschen Beifall“, sagte er mit leicht verschämten Lächeln.

Auch sie errötete ein wenig, nickte den Vierbeinern aber freundlich zu, als Johann sie an die Hand nahm und mit ihr den Kai verließ. Sie sah den Jungen immer wieder an, während er neben ihr her lief: Seine Augen leuchteten, seine Haltung war aufrecht, und er ging mit federnden Schritten. Auch er blickte häufig zu ihr hinüber, und jedes Mal, wenn ihre Augen sich trafen, blieb er für einen Augenblick stehen, legte seine Arme um sie und küsste sie kurz, bevor sie weiter gingen.

Aurora erkannte ihn nicht wieder. Ich habe ihn noch nie glücklich gesehen, begriff sie. Dass er gut aussah – zumindest für einen Menschenjungen – war ihr natürlich aufgefallen, aber seine neu gefundene Lebensfreude ließ ihn so hell erstrahlen, als wenn die Sonne plötzlich hinter einer dünnen Wolkenschicht hervor brach.

Ich bin jetzt also mit einem Menschen zusammen. Der Gedanke war ein wenig furchteinflößend – in der Tagmokratie hätten bereits ihre Küsse ausgereicht, dass sie in ein Kloster geschickt worden wäre, um dort jahrelang Sühne für ihre unordentlichen Gedanken zu tun, bis sie zur Gerechtigkeit zurück fand.

Das ist aber nicht der Grund, warum ich so nervös bin, erkannte sie plötzlich. Johann ist mein erster Freund. Ich mag ihn ja sehr gerne, und er ist auch ziemlich hübsch, und es ist schön, wenn er mich küsst…

…aber ist das bereits Liebe?

***

Sie fanden Tirvo in der Küche vor, wie er vorsichtig auf einer mit Butter bestrichenen, randlosen Brotscheibe herum kaute.

„Wie schaffst du es nur, so viel zu essen?“, wunderte Aurora sich.

„Von Suppe wird man ja nicht satt“, gab der Junge undeutlich zurück.

„Ich habe auch Hunger“, meinte Johann und schnappte sich den Brotlaib und ein Messer.

„Könnte daran liegen, dass du zuletzt fast nichts mehr gegessen hast“, versetzte Tirvo.

„Vermutlich“, gab Johann zu. „Ähm… danke übrigens.“

„Schon gut“, nuschelte Tirvo.

„Ah, die ersten Weintrauben!“ Johann setzte sich an den Tisch und bedeutete Aurora, sich neben ihm nieder zu lassen. Während er selbst ein Butterbrot aß, steckte er dem Elbenmädchen nach und nach die Beeren, die er in der Obstschale vorgefunden hatte, in den Mund.

„Lass mir auch ein paar übrig“, protestierte Tirvo. Verlegen schob Johann ihm die beinahe leere Schale herüber.

Plötzlich betrat Marianne die Küche. Aurora sah alarmiert auf. Das Menschenmädchen war völlig blass. Neben ihr stand eine weiße Katze. „Was ist los, Marianne?“, fragte die Elbin.

„Stimmt es, was die Katzen gesagt haben? Die drei treiben schlafend auf dem Meer?“

Aurora nickte. „Das ist richtig, ja.“

„Aber dann sind sie doch in Gefahr! So etwas konnte ich doch nicht ahnen!“ Marianne rang ihre Hände.

„Hast du uns etwas zu erzählen, Marianne? Dann setz dich besser zu uns und fang an!“, befahl die Elbin ihr.

Das Mädchen gehorchte. Die Katze sprang ihr auf den Schoß.

***

„Ich habe das doch alles nicht gewollt! Die beiden wollten eben Hargor suchen gehen. Sie sagten, ihre Grenzenlosigkeit brächte nur Unglück. Ich weiß schließlich genau, wie das ist: Wenn man es einfach nicht mehr aushält! Wenn man einfach nur noch fort will.“

Die anderen schwiegen, um ihren Redefluss nicht zu unterbrechen. Marianne sammelte sich kurz und fuhr fort:

„Sie hatten vor, gemeinsam mit Tideline loszuziehen. Mit Hilfe der Katzen hatte ich weiter Kontakt zu ihr gehalten – sie war doch schließlich meine Freundin, da konnte ich sie doch nicht einfach so im Stich lassen! Die Vogelfreiheit war so furchtbar für sie – sie hatte die ganze Zeit entsetzliche Angst! Aber ich dachte mir, wenn sie dann zusammen mit Ludwig und Bikkapuna unterwegs wäre, würde sie sich gewiss etwas sicherer fühlen.“

„Aber stattdessen hat sie sich und die beiden anderen in große Gefahr gebracht“, warf Aurora ein. Marianne sah sie merkwürdig an, dann wiederholte sie:

„Aber stattdessen hat sie sich und die beiden anderen in große Gefahr gebracht, ja.“ Bittend blickte sie von Aurora zu Tirvo. „Kann ich etwas tun, um zu helfen? Ich will nicht, dass ihnen etwas zustößt!“

„Ein bisschen spät, Marianne“, sagte Tirvo mitleidlos. „Und Hartmut hat uns ausdrücklich untersagt, uns von dir helfen zu lassen.“

Das Menschenmädchen sah verzweifelt zu Aurora, aber deren Blick ging an ihr vorbei zur Tür. Mai-shin hatte die Küche betreten, von Kopf bis Fuß in leuchtendem Blau angemalt.

Die Elbin lief auf sie zu. „Mai-shin? Du… Du weißt doch, dass ich deine Freundin bin, oder? Ich meine, dass ich dich gern habe.“ Zögernd nahm sie die Lashani in die Arme. Diese bewegte sich nicht. Als ob man einen frisch lackierten Holzpfahl umfasst, dachte Aurora.

Trotzdem hielt sie Mai-shin weiter fest, bis diese sagte: „Wenn du damit fertig bist, können wir uns ja weiter um unseren Auftrag kümmern.“

Niedergeschlagen und verletzt löste Aurora sich von ihr.

***

„Wenn sie mitkommen möchte, sollten wir sie auch mitnehmen“, sagte Mai-shin.

Die vier hatten Marianne in der Küche zurück gelassen und waren zur Terrasse gegangen, wo sie die Sitzbank vor der Turmmauer wegräumten und an dieser eine große Leinwand befestigten, die Johann in seinem Besitz gefunden hatte.

„Ich weiß nicht“, entgegnete Aurora. „Können wir ihr denn trauen?“

„Wenn nicht, wäre das ein weiterer Grund, sie dabei zu haben“, erwiderte die Lashani. „Oder wäre es dir dann lieber, sie bliebe hier zurück, während wir uns in Johanns Bild befinden? Da haben wir doch besser ein Auge auf sie!“

„Aber Hartmut hat gesagt, nein“, erinnerte Tirvo sie, doch Johann widersprach:

„Er wollte nicht, dass sie uns helfen muss, weil er natürlich wusste, dass sie Tideline versprochen hatte, nichts zu sagen. Hartmut wollte sie nicht in diesen Gewissenskonflikt stürzen. Jetzt aber hilft sie uns ja freiwillig.“

„Hm.“ Tirvo war davon nicht überzeugt, aber zumindest Mai-shins Argument leuchtete ihm ein. „Na schön, sie kommt mit.“ Er beobachtete, wie Johann sein Malwerkzeug ausbreitete. „Wie lange wirst du brauchen?“

„Nicht lange“, überraschte ihn Johanns Antwort. „Ich glaube, ich weiß genau, was ich tun muss! Ich fühle mich… einfach gut.“ Er strahlte Aurora an, die unsicher zurück lächelte.

Marianne kam zu ihnen heraus. Die weiße Katze folgte ihr. „Linda hat gesagt, sie möchte auch mitkommen. Sie hat mir und Tideline bei der Absprache der Flucht geholfen, und jetzt macht sie sich auch Sorgen um die drei. Sie fühlt sich mitschuldig an den Geschehnissen.“

Das liegt vermutlich daran, dass sie mitschuldig daran IST, dachte Aurora. Laut sagte sie: „Ich denke nicht, dass das eine gute Idee ist, Marianne. Wir wissen schließlich nicht, ob wir ihr trauen können.“

„Und deswegen gilt für sie das Gleiche wie für Marianne“, warf Mai-shin ein, ohne sich zu ihnen umzudrehen. Sie stand regungslos neben Johann und beobachtete, wie dieser seine Farben mischte. „Und möglicherweise wird sich die Hilfe einer Pfote als sehr wertvoll erweisen. Wir wissen schließlich nicht genau, was uns erwartet.“

Tirvo seufzte. „Dann kommt ihr eben beide mit.“

Gemeinsam sahen sie zu, wie Johann damit begann, mit geübten, raschen Bewegungen Farbe auf die Leinwand zu pinseln. Es war das erste Mal, dass sie ihm beim Malen über die Schulter sehen durften – normalerweise bestand er darauf, keine Zuschauer zu haben, aber heute schien es ihm nichts auszumachen. Mit geradezu irrwitziger Geschwindigkeit verwandelte er das matte Weiß der Leinwand in eine vergrößerte Version der bunten Szene auf dem Bild, welches er ihnen vor zwei Tagen gezeigt hatte, und das nun als Referenz auf einer kleinen Staffelei neben ihm stand, obwohl er es kaum ansah. Stattdessen drehte er sich immer wieder zu Aurora um und lächelte diese für einen Augenblick glücklich an, um sich dann mit frischem Schwung erneut seinem Gemälde zuzuwenden. Wenigstens kaut er diesmal nicht wieder diese Pilze, dachte Tirvo.

Marianne, die neben ihm stand, seufzte leise. „Ich kann gar nicht verstehen, wie Aurora ihn nur so lange zappeln lassen konnte“, murmelte sie. Verträumt folgte ihr Blick den selbstbewussten, eleganten Bewegungen Johanns.

Tirvo trat einen Schritt zurück und ließ die Szene, die sich ihm bot, auf sich wirken. Alle drei Mädchen starrten gebannt auf den malenden Jungen.

Das ist nicht gut, dachte er. Das ist gar nicht gut.

***

In kaum einer halben Stunde war es Johann gelungen, die beinahe zwei mal vier Meter große Leinwand in ein Landschaftspanorama zu verwandeln, das – obwohl man es zweifelsfrei als gemalt erkannte – unglaublich real wirkte.

„Fantastisch“, hauchte Aurora.

Tirvo war ebenfalls sehr beeindruckt, konzentrierte sich aber auf den wesentlichen Aspekt. „Wo sind die drei geblieben?“

„Sie haben sich offensichtlich bewegt“, antwortete Mai-shin. „Siehst du denn nicht die Spuren im Sand? Denen werden wir folgen müssen.“

„Und wann können wir hindurch gehen?“, fragte Tirvo.

„Wenn das Bild nicht mehr feucht ist“, sagte Johann. „Die Harzfarben der Anstalt trocknen sehr schnell, und die Bedingungen hier draußen sind ideal – warm, trocken und leicht windig – aber sicherheitshalber sollten wir mindestens eine halbe Stunde warten.“ Er warf einen Blick auf seine Farbtuben. „Gut, dass wir bald zur Anstalt kommen. Ich habe meine Vorräte praktisch aufgebraucht.“

Zu sechst, Linda mitgezählt, warteten sie gemeinsam ungeduldig auf der Terrasse. Das bedeutet es also, Farbe beim Trocknen zuzusehen, dachte Tirvo.

Nach einiger Zeit, als die Sonne gerade untergegangen war, fragte Aurora: „Können wir es jetzt nicht versuchen? Ich finde, das Bild sieht trocken aus.“

„Ich weiß nicht“, gab Johann zurück. „Wenn die Farben verschmieren, könnte das gefährlich werden. Ich weiß auch selbst nicht genau, was wir da eigentlich tun werden.“ Seine Selbstsicherheit war wieder von ihm abgefallen, und er sah besorgt aus. Vorsichtig näherte er seine rechte Hand der Leinwand.

„Du nicht!“, hielt ihn Mai-shin in scharfem Tonfall zurück. „Einer muss hier bleiben und auf das Bild aufpassen, und das bist natürlich du! Wenn uns etwas passiert, kannst du vielleicht irgendwie eingreifen.“

Johann sah kurz zu Aurora hinüber, dann nickte er. „Du hast Recht.“

„Wer probiert es also?“, fragte die Elbin zögernd. „Soll ich?“

Johann und Mai-shin setzten gleichzeitig zu einer Antwort an, doch vorher miaute Linda kurz auf, sprang von Mariannes Schoß…

…und sprang in Johanns Bild hinein. Plötzlich saß sie dort im Sand und blickte die Schüler auffordernd an.

Mai-shin murmelte etwas auf Ostfernländisch und fasste nach Tirvos und Mariannes Händen. Tirvo wiederum ergriff Auroras Hand. Johann gab der Elbin noch rasch einen Kuss, und dann betraten sie gemeinsam das Gemälde.

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Veröffentlicht on Oktober 11, 2011 at 3:22 pm  Schreibe einen Kommentar  

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