Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 71

*** Im Bild ***

Als Allererstes schlossen sie kurz die Augen. Die von Johann gemalte Sonne war hier real und gleißend hell. Unter ihren Füßen spürten sie heißen Sand. Die Luft war warm und ein wenig schwül, und ihnen stieg gleichzeitig der frische, leicht salzige Geruch des Meeres und der süße Duft fremdartiger Blüten in die Nase. Vielstimmiges Vogelgezwitscher wurde vom leisen, an- und abschwellenden Rauschen der Wellen untermalt.

Sobald ihre Augen sich an das Sonnenlicht gewöhnt hatten, folgten sie den Fußspuren im Sand, die sie zum Rand des nahen Waldes führten. Der Gesang der Vögel wurde ein wenig lauter, aber nicht viel, und sie hörten keine unangenehm schrillen Schreie. Ebenso bemerkten sie kein Sirren von Insekten, wie sie es aus den Wäldern um Kaperstadt gewohnt waren. Lediglich bunte Schmetterlinge flatterten lautlos von Blüte zu Blüte.

„Was für ein wunderschöner Ort“, sagte Marianne leise.

„Traumhaft schön“, versetzte Mai-shin mit unüberhörbarem Sarkasmus.

Sie gelangten an einen breiten Sandweg, der in den Wald hinein und vermutlich zur Mitte der Insel, auf der sie sich wohl befanden, führte. Obwohl die Vegetation zu seinen beiden Seiten dicht und undurchdringlich schien, war der Weg selbst völlig frei von Bewuchs, und es hingen auch keine Ranken vom Schatten spendenden Blätterdach über ihren Köpfen herab.

Sie waren diesem Weg ein oder zwei Minuten gefolgt, da sahen sie, wie sich etwas vor ihnen bewegte: Eine Katze, so groß wie ein Pony, schritt ihnen langsam und würdevoll entgegen. Sie besaß langes, silbern schimmerndes, seidenweich erscheinendes Fell und tiefblau funkelnde Augen. Sie war…

…traumhaft schön, erkannte Aurora. Überirdisch schön. Unwirklich schön.

„War wohl doch gut, dass wir Marianne und Linda mitgenommen haben“, murmelte Tirvo.

Marianne starrte das Wesen mit offen stehendem Mund an. Linda schien ein paar Mal kurz zu niesen, dann lief sie voraus und begrüßte die fremde Katze mit lautem Miauen.

Diese legte ihren Kopf schief und betrachtete Linda aufmerksam, antwortete jedoch nicht. Linda miaute nun lauter und begann schließlich, leise zu fauchen.

„Es tut mit leid“, entschuldigte sich die große Katze in einem angenehmen, melodischen Tonfall in der Gemeinsamen Sprache, „aber ich verstehe dich nicht. Kannst du nicht richtig sprechen?“

Linda setzte sich überrascht auf ihre Hinterpfoten und starrte die andere Katze einen Augenblick lang an. Dann fauchte sie erneut kurz, drehte sich um und lief mit hoch erhobenem, langsam wedelnden Schwanz zu den Schülern zurück.

„Äh… hallo“, ergriff Aurora das Wort. „Wir suchen unsere Freunde, Ludwig, Bikkapuna und Tideline. Weißt du vielleicht, wo wir sie finden können?“

„Sie sind bestimmt auf der Lichtung in der Mitte des Waldes“, entgegnete die Katze sanft.

„Natürlich. Vielen Dank!“, antwortete die Elbin.

Sie machten der majestätisch dahin schreitenden Katze Platz und drangen tiefer in den Wald ein. Es dauerte nicht lange, da gelangten sie tatsächlich an eine große, mit kurzem, hellen Gras bewachsene Lichtung. Tideline lag lang ausgestreckt und mit geschlossenen Augen in deren Mitte, ein glückliches Lächeln auf ihrem Gesicht.

Was auch sonst, dachte Aurora. Selbst in ihrem Traum schläft sie.

Am Rand der Lichtung, wo der Boden etwas sandiger war, saßen Ludwig und Bikkapuna einander im Schneidersitz gegenüber. Sie schienen ein kompliziertes Spiel zu spielen, welches auf einem in den Sand gezeichneten Feld mit vielen unterschiedlich geformten Bereichen stattfand, und für welches sie zahlreiche kurze Aststückchen zu benötigen schienen, welche sie auf diesem Feld in den Sand steckten und immer wieder versetzten. Zwischendurch würfelten sie mit Ludwigs hölzernen sechsseitigen Würfeln und gaben kurze Laute des Triumphs oder der Enttäuschung von sich.

„He, was, hast du nicht gesagt, man kann mit Rittern fliegende Pferde nicht angreifen?“, beschwerte sich Bikkapuna gerade lauthals, als sie näher traten. „Und was ist jetzt? Machst du genau das!“

„Schon, ich habe ja auch einen Pasch gewürfelt“, brummte Ludwig. „Dann geht das. Die Ritter haben eben Bogenschützen dabei.“

„Was ist das für neue Regel?“, empörte sich der Dunkelmenschenjunge. „Weißt du was? Ich glaube, du erfindest Regeln, einfach so, damit du gewinnst! Du schummelst, das tust du!“

„Kann schon sein“, grinste Ludwig. Beide begannen laut zu lachen.

„Ihr scheint euch ja gut zu amüsieren“, sprach Tirvo die beiden vorwurfsvoll an. Sie sahen zu ihnen auf.

„Klar“, bestätigte Ludwig. „Wir erfinden gerade ein neues Spiel.“ Er musterte sie eingehend. „Wer seid ihr denn?“ Sein Blick blieb an der Elbin hängen, und er legte seine Stirn in Falten.

„Mädchen ist ganz blau, komisch“, stellte Bikkapuna fest und wies mit dem Zeigefinger auf Mai-shin.

„Mein Name ist… Padme“, antwortete Aurora. Sie bemerkte, dass Mai-shin ihr einen irritierten Blick zuwarf. Was denn? Es ist mein zweiter Vorname, dachte sie, also habe ich nicht gelogen.

Ludwig schüttelte kurz den Kopf. „Ich dachte… ich hätte dich schon mal gesehen. Egal. Kommt ihr von einer anderen Insel?“

„Ja“, ergriff Tirvo das Wort. „Da ist es auch sehr schön. Ihr solltet mitkommen und sie euch ansehen!“

„Klar“, brummte Ludwig. „Nach dem Spiel, in Ordnung?“

„Wann ist Spiel eigentlich fertig?“, fragte Bikkapuna.

„Äääh…“, begann Ludwig.

„Schon klar, denkst du dir noch aus!“, grinste Bikkapuna. Die beiden Jungen lachten erneut.

Marianne und Linda waren in der Zwischenzeit zu Tideline gegangen, und das Menschenmädchen legte der Halblingin ihre Hand auf die Schulter. „Tideline? Tideline, wach auf!“

Linda näherte ihr Gesicht dem schlafenden Mädchen und kitzelte sie mit ihren Schnurrhaaren unter der Nase. Mit einem lauten Fiepen setzte Tideline sich auf. „Hiii!“

„Tideline? Ist alles in Ordnung mit dir?“, sorgte Marianne sich.

„Ja, natürlich, danke… Wer seid ihr beide eigentlich?“

„Ich bin’s doch, Marianne“, antwortete das Menschenmädchen unglücklich. „Erinnerst du dich denn nicht mehr?“

„Marianne? Ich weiß jetzt gar nicht… Und wer bist du?“ Tideline sah nun Linda an. Diese miaute laut und stapfte mit ihren Vorderpfoten auf Tidelines Oberschenkeln herum.

Die Halblingin wandte sich erneut Marianne zu. „Kann das arme Ding denn nicht richtig sprechen?“ Dann schrie sie laut auf. „AU! Sie hat mich gekratzt!“

„Zu Recht“, mischte Mai-shin sich ein. „Deine Vorstellung einer idealen Katze ist schließlich nicht besonders schmeichelhaft für sie.“

„Ich verstehe nicht“, gab Tideline zurück. „Wer bist du überhaupt? Und warum bist du so blau?“

Die Lashani setzte zu einer Antwort an, doch in diesem Moment erschütterte ein gewaltiger Schlag den Untergrund, der Boden neigte sich zur Seite, und nahe der Sonne begann der Himmel zu brennen.

Marianne und Tideline schrien laut auf und hielten sich aneinander fest.

„Was ist los?“, brüllte Ludwig panisch. „Was passiert mit der Insel?“

„Sie geht unter!“, antwortete Tirvo gedankenschnell. „Deswegen müsst ihr mit uns zu unserer Insel kommen. Rasch!“

Aurora rannte voran, so schnell es auf dem schrägen Untergrund möglich war. Die anderen folgten ihr.

„Luft brennt!“, rief Bikkapuna entsetzt. „Wie kann Luft brennen?“

Eine verdammt gute Frage!, dachte Tirvo. Was stellte Johann bloß mit dem Bild an? Oder brannte vielleicht das Boot, in dem die drei schliefen? Befanden sie sich nun eigentlich in Johanns Bild, oder in Tidelines Traum? Und was würde passieren, wenn…

Ein weiterer Schlag erschütterte den Erdboden, und dessen Schräge verstärkte sich. Tirvo beschloss, das Nachdenken über diese Fragen zunächst zurück zu stellen und sich aufs Rennen zu konzentrieren.

***

Nach kaum mehr als einer Minute erreichten sie die Stelle am Strand, wo sie das Bild betreten hatten, markiert von einem nebligen Schimmer in der Luft mit dessen Ausmaßen. Gedämpft und verzerrt drangen Schreie an ihr Ohr.

„Hier hindurch“, rief Aurora und wies mit dem Arm auf die Stelle in der Luft. Erleichtert registrierte sie, dass niemand ihre Anweisung in Frage stellte. Einer nach dem anderen sprangen die Schüler und Linda durch das seltsame Portal.

Die Elbin sah sich hektisch um. Fehlte da nicht jemand? Aber es war keiner mehr zu sehen, und es blieb keine Zeit – die Flammen nahmen bereits den größten Teil des Himmels ein, und das Blätterdach des Waldes begann Feuer zu fangen. Sie spürte schon dessen sengende Hitze. Energisch sprang sie durch das Bild…

…in eine Schlachtszene hinein. Ein halbes Dutzend Katzen sprang mit lautem Fauchen und ausgestreckten Krallen zwischen einer Bande männlicher, menschlicher Jugendlicher herum, die mit Knüppeln auf sie eindrangen. Aurora erkannte Bruno, der mit mächtigen Schwüngen den gerade dem Bild entstiegenen Tirvo vor sich her trieb. Zusammengesunken an der Turmmauer lag Johann mit einer blutenden Wunde am Kopf. Eine zerschmetterte Öllampe schien die Leinwand in Brand gesetzt zu haben.

Zwischen der Elbin und Ludwig wuchs plötzlich Bikkapuna aus dem Boden. Die beiden Jungen wirkten völlig desorientiert, ebenso wie Tideline, die mit großen Augen auf das chaotische Geschehen starrte. Mai-shin war zu Johann gelaufen und kniete neben ihm nieder.

„Ich bring dich um, du verdammte Missgeburt!“, hörte Aurora Bruno brüllen. Sie versuchte, Tirvo zu Hilfe zu eilen, aber einer der anderen Jungen stellte sich ihr in den Weg. Sie taucht unter dessen ungeschicktem Schlag hindurch und fegte ihn mit einem kräftigen Tritt gegen seine Knie von den Beinen. Er schrie auf und brach zusammen. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Tirvo im Rückwärtslaufen zu Boden stürzte. Bruno hob den Knüppel über seinen Kopf. „Tirvo!“, schrie sie, unfähig rechtzeitig zu ihm zu gelangen, um einzugreifen.

Just in diesem Augenblick sprang Linda Bruno an, der kurz ins Wanken geriet, sie jedoch mit einem kräftigen Schlag seiner linken Hand von sich stieß. Erneut hob er seine Waffe…

… und Tirvo sprang auf und rammte dem älteren Jungen kraftvoll seinen Dolch in den Bauch. Blut spritzte, und Bruno sank in sich zusammen.

Aurora sprang auf die Füße und sah sich hastig um. Der Angriff der Jugendlichen schien zurückgeschlagen. Der Junge, den sie getreten hatte, lag am Boden und hielt sich wimmernd sein linkes Knie. Die anderen beiden ließen ihre Knüppel fallen und flohen.

„Aurora?“, hörte sie Ludwigs zögernde Stimme. „Was… was ist… DEIN BILD!“

Böses ahnend drehte sie sich zu ihm um. „Nicht, Ludwig!“, rief sie – aber es war zu spät. Der große Junge hatte sich bereits umgedreht und war zurück in das brennende Gemälde gesprungen.

„Ah… Bild! Bild von Aurora! Schöne Bild!“ Auch in Bikkapunas Augen glomm Erinnerung auf.

„Was ist mit dem verdammten Bild?“, rief sie. Angestrengt starrte sie auf Johanns Gemälde, von dem bereits über die Hälfte verbrannt war. Durch den Rauch glaubte sie darin Ludwig zu erkennen, wie er im Sand hockte. „Ludwig, komm‘ zurück!“, schrie sie. „Was tust du denn da?“

„Ludwig hat Bild vergraben“, sagte Bikkapuna. „Vergraben, und dann vergessen. Schade. Schöne Bild.“

„Ludwig!“, rief Aurora erneut. Der Junge im Bild hatte sich ihr jetzt zugewandt. Sie sah, dass er nun Johanns Bilderköcher, in eine Ölhaut eingewickelt, hielt. Er streckte seinen Arm nach ihr aus, und der Köcher ragte plötzlich aus dem Gemälde. Sie griff danach und warf ihn beiseite. „Jetzt komm endlich heraus!“

Der unverbrannte Teil der Leinwand war kaum noch größer als der Deckel eines Weinfasses. Unter lautem Brüllen zwängte Ludwig seinen Oberkörper hindurch – und blieb stecken. Aurora zog an seinen Armen. Tirvo kam ihr zu Hilfe, und kurz darauf auch Bikkapuna und Marianne. Gemeinsam zerrten sie den großen Jungen, dessen Brüllen bald in Husten überging, Stück für Stück aus dem brennenden Bild, während Mai-shin in die Küche rannte. Ludwigs Haut wurde knallrot, wo sie mit Feuer in Berührung kam, und an einigen Stellen löste sie sich ab, und rohes Fleisch kam zum Vorschein. Schließlich kehrte Mai-shin mit einem Eimer voll Wasser zurück und übergoss die Reste der Leinwand damit, und mit einem letzten Ruck zogen sie den blutenden, verbrannten, bewusstlosen Ludwig aus deren sich auflösenden Fetzen auf den Steinboden der Terrasse.

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Veröffentlicht on Oktober 18, 2011 at 7:23 am  Schreibe einen Kommentar  

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