Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 72

*** Selbstzweifel ***

Es war still geworden am Turm, zumindest im Vergleich zum Kampfeslärm und den Schreien zuvor. Der von Aurora verletzte Angreifer hielt sich leise wimmernd sein Knie. Einige Katzen saßen etwas abseits zusammen und maunzten traurig. Tideline lehnte an der Turmmauer und weinte kaum hörbar. Bikkapuna stand neben Ludwig und sah mit leerem Blick auf den schwer verletzten Jungen hinab.

Aurora, Tirvo und Mai-shin traten zu dem bewusstlosen Johann. „Er atmet“, sagte die Lashani. „Wir sollten ihn in ein Bett bringen – hier können wir ihn nicht warm halten.“ Aurora und Tirvo hoben den Menschenjungen vorsichtig an, während Mai-shin sich Marianne zuwandte, die bei den Katzen stand.

„Pedro ist tot – sie haben ihn erschlagen“, schluchzte Marianne. „Einer dieser Verrückten hat ihn voll getroffen.“

„Das tut mir leid“, antwortete Mai-shin. „Aber wir haben hier einige Verletzte, die dringend ärztliche Hilfe benötigen. Könntest du die Katzen fragen…“ Doch noch bevor sie die Frage fertig ausgesprochen hatte, sprangen zwei der Katzen bereits los und rannten in Richtung Kaperstadt.

Sie brachten Johann in Mariannes Zimmer, um ihn nicht eine weitere Treppe hinauf tragen zu müssen, und legten ihn in Tidelines ehemaliges Bett. Mai-shin folgte ihnen. „Bruno ist tot“, sagte sie. „Ich habe eine Decke über Ludwig gebreitet, aber ich denke, wir sollten ihn besser nicht bewegen – er sieht wirklich schlimm aus. Der andere Junge ist nicht in Lebensgefahr.“

„Weswegen haben sie überhaupt angegriffen?“, fragte Aurora.

„Das sollten wir ihn fragen“, antwortete die Lashani. „Offenbar hatte es mit Tirvo zu tun.“

„Dann frage ich ihn“, murmelte Tirvo und verließ das Zimmer.

Aurora holte eine Schale mit Wasser und ein paar Tücher aus dem Badezimmer und begann vorsichtig damit, Johanns Kopfwunde zu waschen und dann zu verbinden, wie ihr Kampfkunstlehrer es sie gelehrt hatte. Mai-shin beobachtete sie wortlos. Als die Elbin sich schließlich neben den bewusstlosen Jungen ans Bett setzte und dessen Hand hielt, räusperte sie sich. Aurora sah zu ihr auf.

„Hör zu…“, begann die Lashani. „Offenbar scheinst du ihn ja wirklich zu mögen… und ich weiß ja, dass ich gegen eine Elbin sowieso nicht ankommen kann.“ Aurora öffnete den Mund zu einer Entgegnung, aber Mai-shin schnitt ihr das Wort ab. „Nein, sag nichts. Ich lasse euch jetzt allein. Werde glücklich mit ihm. Ich muss eben zusehen, dass ich einen anderen gut aussehenden, charmanten, klugen, einfühlsamen, talentierten, wohlhabenden Jungen finde…“

Sie lächelte schief, drehte Aurora den Rücken zu und ging zur Tür, wandte sich jedoch dort noch einmal zu ihr um.

„Wenn du ihn unglücklich machst, töte ich dich“, sagte sie leise. Dann ging sie.

Aurora glaubte ihr.

***

„Es war wegen Bruno“, sagte der Junge. Tirvo hatte ihn nicht nach seinem Namen gefragt – es war ihm egal, wie er hieß. „Er hat gesagt, du seist schuld.“

„Schuld woran?“, hakte Tirvo nach.

Der Junge sah zu Brunos totem Körper, welcher in einer kleinen Pfütze aus Blut lag, die bereits zu trocknen begonnen hatte, und schluckte. Tirvo legte wie unbeabsichtigt die Hand an den Griff des Dolches, welchen er jetzt wieder an seinem Gürtel trug.

„An Pias Tod. Er sagte, sie sei deinetwegen gestorben.“

„Pia ist tot?“, fragte Tirvo ungläubig. „Wie ist das passiert? Und was habe ich damit zu tun?“

„Ich weiß auch nicht genau. Es stand wohl alles in dem Brief.“

„Was für ein Brief?“, fragte Tirvo geduldig nach.

„In ihrem Abschiedsbrief. Ich kann dir nicht sagen, was genau drin steht, aber Bruno müsste ihn eigentlich bei sich haben.“

Der Junge blickte zur Seite, als Tirvo ihn scharf ansah, bevor er zu Brunos Leiche hinüber ging. In dessen Brusttasche fand er einen handgeschriebenen, zusammengefalteten Zettel, den er hervor zog, entfaltete und glatt strich.

Es tut mir leid, Bruno, aber so kann ich nicht weiterleben. Lebe wohl, Pia, las er.

„Was ist mit ihr?“, fragte er erneut den Jungen. „Hat sie sich umgebracht?“

„Sie ist ins Wasser gegangen“, antwortete dieser.

Ins Wasser?

Tirvo konnte es nicht begreifen.

***

Johann stöhnte, fasste sich an seinen bandagierten Kopf, zuckte kurz zusammen, richtete sich auf und sah sich um. „Aurora?“

„Ich bin hier“, erwiderte die Elbin leise.

„Was ist passiert? Habt ihr die drei gefunden? Geht es allen gut? Bruno war plötzlich mit ein paar anderen Jungen am Turm. Er hat irgendetwas über Tirvo gebrüllt und mich niedergeschlagen.“

„Ich weiß“, antwortete Aurora. „Die Katzen haben sie von deinem Bild fern gehalten, und wir konnten zurückkehren. Eine der Katzen ist dabei gestorben, glaube ich. Tirvo hat Bruno erstochen.“

„Oh… wie schrecklich!“

Aurora räusperte sich: „Da ist noch etwas… Ludwig geht es auch nicht gut. Er… Er ist noch einmal in das brennende Bild gesprungen, um das Portrait zu holen, das du von mir gemalt hast. Er hat es gerade so zurück geschafft, aber er ist schwer verletzt und nicht bei Bewusstsein. Die Katzen sind unterwegs, einen Arzt zu holen.“

Johann wollte eine weitere Frage stellen, aber Aurora hielt ihn zurück. „Ruh dich jetzt aus. Wir können morgen früh über alles reden.“

Gehorsam ließ der Menschenjunge sich zurück ins Kissen sinken. „Ich liebe dich, Aurora“, flüsterte er und schloss seine Augen.

„Ich liebe dich doch auch, Johann“, erwiderte die Elbin nach einigen Sekunden, aber sie war sich nicht sicher, ob er es noch hörte oder bereits wieder eingeschlafen war.

Während sie stumm seine Hand hielt, fragte sie sich, ob ihre Worte Wahrheit oder Lüge gewesen waren.

***

Es dauerte beinahe eine Stunde, bis Prudo schließlich mit den beiden Katzen auf einem Maultierkarren eintraf. Ludwig war in der Zwischenzeit nicht wieder zu sich gekommen. Der Halbling untersuchte ihn kurz, schüttelte besorgt den Kopf und gab ihm eine Injektion mit einer gefährlich aussehenden metallenen Spritze. Er beantwortete keine Fragen, sondern wandte sich zuerst dem Jungen zu, den Aurora verletzt hatte und schiente dessen Knie.

Dann sah er sich Johanns Kopfwunde an und lobte die Elbin für den Verband, welchen diese ihm angelegt hatte. Er wies Johann, der erneut aufgewacht war, an, sich in sein eigenes Bett zu begeben, und instruierte die übrigen Schüler, stattdessen Ludwig in Mariannes Bett zu bringen, was diesen unter großen Mühen auch gelang. Er unterrichtete sie, dass er den Schwerverletzten morgen früh mit einigen Helfern und einem Ochsenkarren in ein Kaperstädter Hospital bringen würde. Dann ließ er sie Brunos Leiche auf den Maultierkarren laden und fuhr mit dem anderen Jungen damit zurück in die Stadt.

Bikkapuna erklärte sich bereit, nachts an Ludwigs Bett zu wachen, und Marianne schlief stattdessen in seinem und Ludwigs Zimmer. Aurora verbrachte die Nacht in Hargors ehemaligem Bett bei Johann. Tideline nahm sich eine Decke und rollte sich auf der Wiese vor dem Turm neben einem kleinen Felsen zusammen. Außer Johann schliefen nur Tirvo und Mai-shin diese Nacht in ihren eigenen Betten.

Tirvo lag noch lange wach. Er dachte über den Brief nach, den er bei Brunos Leiche gefunden hatte, noch mehr jedoch über Johanns Gabe: Dessen Bild hatte ihnen nicht nur ermöglicht, den von Tideline, Bikkapuna und Ludwig gemeinsam geträumten Traum zu betreten – es hatte die drei Schüler auch aus diesem Traum heraus von dem Boot, in welchem sie auf dem Ozean trieben, zurück zum Turm gebracht, und das mitsamt ihrem Besitz – insbesondere dem Portrait von Aurora! Und was war mit diesem Bild wiederum los? Warum hatte Ludwig es gestohlen, und warum hatte er sein Leben dafür aufs Spiel gesetzt?

Johann hatte wohl Recht gehabt: Es passierten tatsächlich immer Katastrophen, wenn er seine Gabe anwendete.

Und das ist wiederum der Grund, warum Ludwig geflohen ist, erinnerte sich Tirvo, dass unsere Grenzenlosigkeit nur Unglück bringt. Eine Meinung, die Bruno wohl geteilt hatte, als dieser ihn für Pias Tod verantwortlich machte.

Tirvo seufzte. Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Am besten ist es wohl, einfach nicht mehr darüber nachzudenken.

***

Nachdem sie gemeinsam Prudo verabschiedet hatten, der den auf einer Trage auf dem Ochsenkarren festgeschnallten Ludwig ins Hospital fuhr, beschloss Aurora, das Gespräch mit Tideline zu suchen.

„Hast du hier draußen übernachtet?“

Das Halblingmädchen nickte. „Wo sollte ich denn sonst hingehen?“ Ihre Haare waren zerzaust und ihre Augen verweint, aber Aurora verspürte nicht allzu viel Mitleid mit ihr.

„Einfach einschlafen und nicht wieder aufwachen ist jedenfalls keine Lösung! Hast du die beiden Jungen denn überhaupt gefragt, ob sie mit dir in den Tod gehen wollten?“, schimpfte die Elbin.

„Was? Aber… nein… wir wollten doch nicht sterben!“, stammelte Tideline.

„Von Traumessen konntet ihr euch ja wohl kaum ernähren! Ihr wärt innerhalb weniger Tage verhungert – ach was, zuerst wärt ihr verdurstet! Wenn ihr nicht vorher mit eurem Boot auf dem Meer gekentert und ertrunken wärt, heißt das!“

„Aber… nein! Das war doch kein dauerhafter Schlaf! Wir wären doch bald wieder aufgewacht! Und das Meer um uns herum ist auch still geblieben, dafür habe ich doch gesorgt! Und die Strömung hätte uns doch wieder an die Küste getrieben, das weiß ich doch von den Fischern! Ich wollte uns doch nicht umbringen!“, schluchzte die Halblingin.

„Nein?“, fragte Aurora verblüfft nach. „Aber… Was sollte das Ganze denn dann!“

„Es war doch nur wegen dieses verdammten Bildes! Ludwig konnte an überhaupt gar nichts anderes mehr denken! Stundenlang hat er nur darauf gestarrt und kaum jemand anderes einen Blick darauf werfen lassen. Aber dann hat Bikkapuna sich ganz klein gemacht und es heimlich auch angeschaut, und bald fing er auch schon damit an – ich wollte doch nur, dass die beiden es endlich vergessen! Und es hatte ja auch geklappt, aber dann seid ihr ja gekommen…“

„Oh.“ Aurora schluckte kurz, fing sich dann aber rasch wieder. „Jetzt mach aber nicht uns dafür verantwortlich, was passiert ist! Dir musste doch klar sein, dass wir euch suchen würden – selbst wenn Hartmut uns nicht den Auftrag dazu gegeben hätte. Was du getan hast, war einfach nur furchtbar gefährlich und verantwortungslos! Und hatte Hartmut dein Fürsprechverhältnis nicht gerade deswegen aufgelöst, weil du deine Gabe immer wieder auf andere ohne deren Einverständnis angewandt hast?“

„Ja, du hast ja Recht“, heulte Tideline. „Ich weiß doch, dass ich schon wieder Mist gebaut habe, und dass es meine Schuld ist, was mit Ludwig passiert ist. Und es tut mir auch entsetzlich leid!“

„Schon gut“, gab die Elbin nach einigen Sekunden bekümmert zurück. „Es ist ja nicht nur deine Schuld.“ Es ist mindestens eben so sehr meine, gestand sie sich ein. „Du konntest schließlich nicht wissen, dass so etwas passieren würde.“

Eine höchst ungemütliche Gesprächspause trat ein, in der das Halblingmädchen weinte und Aurora von einem Fuß auf den anderen trat.

„Hör mal…“, begann sie dann vorsichtig. „Du hast deine Fehler doch jetzt eingesehen, und es tut dir wohl auch aufrichtig leid, was du getan hast… meinst du nicht, dass es Hartmut nicht vielleicht darauf bei seiner Strafe angekommen ist? Warum bittest du ihn nicht einfach um Verzeihung, wenn er wieder zurück kommt, und sagst ihm, dass du bereust, was du getan hast, und dass du wieder seine Schülerin sein möchtest… Vielleicht nimmt er dich ja wieder auf? Und du möchtest doch nicht weiter vogelfrei sein, oder?“

Tideline schüttelte den Kopf. „Das geht nicht… das kann ich nicht. Er kann doch Gedanken lesen! Wie soll ich mich denn bei ihm entschuldigen, wenn er ganz genau weiß, dass ich ihn hasse?“

„Hasst du ihn wirklich so sehr?“, fragte Aurora nach. „Weil er dich bestraft hat? Oder weil er so stinkt?“

„Ja… nein, das ist es nicht. Es ist… weißt du, immer wenn ich in seiner Nähe bin, muss ich genau an diejenigen Dinge denken, an die ich am allerwenigsten denken will! Ich kann einfach nicht anders! Und dann weiß ich, dass er alle diese Gedanken in meinem Geist lesen kann… und dann fühle ICH mich schmutzig… verstehst du?“

Aurora sah sie an, und nun verspürte sie doch Mitleid mit der weinenden Tideline. „Ich verstehe“, sagte sie leise.

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Veröffentlicht on Oktober 26, 2011 at 6:17 pm  Schreibe einen Kommentar  

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