Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 74

*** Tränen ***

„Wir müssen reden.“ Aurora sah Johann fest in die Augen.

Sie waren aus Kaperstadt zurückgekehrt und saßen nun im Zimmer der Elbin. Mai-shin war nicht anwesend – sie hatte sich nach ihrem Hospitalbesuch mit den Worten verabschiedet, dass sie jetzt, wo ihr Auftrag ausgeführt sei, wieder Geld verdienen wolle. Auroras Bedenken hatte sie mit der selben Erwiderung beiseite gewischt wie das letzte Mal: Wenn ihr jemand weh tun würde, dann würde sie demjenigen eben mehr weh tun. Aurora hatte sich nicht in der Lage gefühlt, mit ihr zu diskutieren – der Anblick Ludwigs hatte wieder jene unbestimmte Unruhe in ihr hervorgerufen, deren Ursache sie nunmehr kannte, und die auch der Grund war, dass sie jetzt das Gespräch mit ihrem menschlichen Freund suchte.

„Wenn du mit mir zusammen sein willst, dann musst du akzeptieren, dass es da etwas gibt, was… ich ab und zu brauche.“ Johann zuckte kurz zusammen, wich aber ihrem Blick nicht aus, als sie weitersprach. „Und wenn du dich dazu nicht in der Lage siehst, dann musst du einverstanden damit sein, dass Tirvo mir dabei hilft.“

Der Junge nickte langsam. „Ich verstehe.“ Er sah zu Boden.

Aurora wartete einige Sekunden ab. Dann stand sie auf. „Ich gehe dann jetzt zu Tirvo.“

Als sie an ihm vorbei gehen wollte, spürte sie eine Berührung am Arm. Sie blieb stehen.

„Kann… kann ich dabei sein?“, fragte Johann schüchtern.

Einen Augenblick zögerte Aurora. „Natürlich“, antwortete sie dann.

***

Nervös zog die Elbin ihr Hemd aus und legte sich auf das Bett. Tirvo schien es nichts auszumachen, dass Johann sie beobachtete, aber sie empfand ein Gefühl der Falschheit dabei, sich von ihm schlagen zu lassen, während ihr Freund dabei zusah.

Sie schloss die Augen und erwartete das Niedersausen der Peitsche. Mit einer gewissen Routine, die er unterdessen erworben hatte, begann Tirvo damit, ihren Rücken zu bearbeiten. Langsam fingen die Spannungen in ihrem Geist an sich aufzulösen…

…und plötzlich hielt Tirvo ein. Die Elbin öffnete die Augen wieder. Johann war an den anderen Jungen heran getreten und streckte seine Hand nach der Peitsche aus, aber dieser war zurückgewichen und schüttelte den Kopf. „Nein!“, sagte er energisch.

„Bitte gib mir die Peitsche“, sagte Johann leise.

„Nein“, wiederholte Tirvo. Dann runzelte er die Stirn. „Oder willst du weiter machen?“

Johann nickte kaum merklich. Mit leichtem Widerstreben reichte Tirvo ihm die neunschwänzige Katze und trat zur Seite.

Johann ging dorthin, wo Tirvo zuvor gestanden hatte und verschwand so aus Auroras Blickfeld. Ergeben schloss sie ihre Augen erneut. Hoffentlich ist er nicht zu ungeschickt – oder zu vorsichtig.

Es dauerte einige Sekunden, dann traf das Leder erneut ihren Rücken. Die Elbin zuckte zusammen. Johann wartete einen Moment ab, dann schlug er erneut zu, an einer etwas anderen Stelle. Wieder zuckte Aurora. Was tat er da? Es fühlte sich so… anders an.

Immer wieder variierte der Junge seinen Rhythmus und den Winkel, aus dem er die Peitsche auf ihren Rücken treffen ließ und schlug im unregelmäßigen Wechsel härter oder sanfter zu, passte sich ihren Reaktionen an, überraschte sie aber auch immer wieder. Es war etwas völlig anderes als die mechanischen, unpersönlichen, kontrollierten Schläge, die Tirvo austeilte: Johann war einfühlsam. Er schlug sie auf eine Art, die…

sinnlich war.

Aurora ließ sich in den Schmerz fallen, tiefer als je zuvor. Kaum registrierte sie, wie Tirvo das Zimmer verließ und die Tür hinter sich schloss. Das Gefühl der Befreiung war immer noch vorhanden, jedoch vermischt mit Lust. Die Peitsche schuf eine Verbindung zwischen Johann und ihr, übertrug Energie von seiner Hand in ihren Leib, die sie erzittern und erschauern ließ.

Er liebt mich wirklich, begriff sie. So sehr wie mein Vater, wenn nicht noch mehr – aber natürlich auf eine andere Art. Sie versank in seinen Schlägen, wurde zu einer Skulptur, die er bearbeitete – oder nein, natürlich zu einem Bild, welches er malte, und das in den Farben des Schmerzes, der Lust und der Liebe gehalten war. Er liebt mich, und ich liebe ihn.

Tränen des Glücks flossen aus ihren Augen, als Johann die letzten Streiche führte und das Gemälde, welches sie darstellte, zu einem Abschluss brachte.

***

„Bist du bereit?“, fragte die Elbin.

Johann nickte. „Wenn du dir das wirklich zutraust.“

Aurora lächelte. Sie fühlte sich großartig, und sie hatte keinerlei Zweifel.

Sie standen einander am Ufer des Turmsees gegenüber. Es war Nacht. Der Scheibe des Mondes spiegelte sich in der Wasseroberfläche, und am nahezu wolkenlosen Himmel glitzerten die Sterne.

Die Elbin griff nach Johanns Händen und schloss ihre Augen. Sie musste sich überhaupt nicht anstrengen, einfach nur ihr inneres Hochgefühl auf ihre beiden Körper übertragen. Als sie nach einigen Sekunden die Augen wieder öffnete, befanden sie sich zusammen hoch in der Luft. Johann lächelte sie an und sah ihr unverwandt in die Augen. Aurora zog ihn langsam zu sich heran.

Bevor sie sich küssten, und Aurora ihre Augen wieder schloss, bemerkte sie, dass zwei Wasserkugeln mit einem halben Meter Durchmesser sie in einem Abstand von einer Armlänge umkreisten.

Hinter einem Felsen hockte Tirvo und beobachtete die Szene, während er sich darauf konzentrierte, das Wasser in gleichmäßigem Tempo auf möglichst perfekten Kreisbahnen schweben zu lassen.

„Wunderschön“, hauchte Marianne, die inmitten mehrerer Katzen in einigen Schritten Entfernung stand. „Aber gut, dass Mai-shin nicht hier ist.“

Nach einigen Minuten sanken sie schließlich langsam wieder zu Boden. Die Nacht war warm, und die Elbin und der Menschenjunge kuschelten sich im Gras aneinander und schliefen ein.

Tirvo, Marianne und die Katzen gingen zum Turm zurück. Am Waldrand sahen sie die zusammen gerollte, schlafende Gestalt von Tideline liegen.

***

Als sie am nächsten Morgen die Küche betraten, verrieten ihre Nasen ihnen sofort, dass ihr Fürsprecher zurückgekehrt war. Hartmut saß mit grimmigem Gesicht am Kopfende des Küchentischs. Neben ihm lag Rogo bäuchlings auf dem Boden, die Nase zwischen seinen Vorderpfoten, die Ohren angelegt, den Schwanz eingezogen.

Schweigend nahmen die Schüler mit niedergeschlagenen Augen am Tisch Platz. Nacheinander sah Hartmann jeden von ihnen einige Sekunden lang eingehend an.

„Erzählt“, sagte er dann schließlich.

Nach einer kurzen Pause räusperte sich Tirvo und ergriff das Wort. „Nachdem du fortgegangen warst, und uns klar wurde, dass wir unsere Grenzenlosigkeit verloren hatten…“

Es wurde eine lange Geschichte. Ab und zu unterbrach Hartmut denjenigen, der gerade mit Erzählen an der Reihe war und wies einen seiner anderen Schüler an, fortzufahren. Bikkapuna war jedoch der einzige, der von seiner, Tidelines und Ludwigs versuchter Flucht berichten konnte. Sein Bericht war konfus – seine Beherrschung der Gemeinsamen Sprache schien sich in den letzten Tagen verschlechtert zu haben, und er sprach ständig davon, wie sie aus einer Welt in die nächste hinüber gewechselt seien.

Aber das ist ja egal, dachte Aurora, schließlich kann Hartmut ja seine Gedanken lesen.

Es wurde beinahe Mittag, bis Aurora schließlich davon erzählte, wie Mai-shin dem im Hospital liegenden Ludwig ihr Bild gezeigt hatte, und wie der schwerkranke Junge darauf reagiert hatte. Rogo jaulte dabei leise, ohne den Kopf zu heben. Dann gab Hartmut ihr ein Zeichen zu schweigen, und erneut trat Stille ein.

Sollte ich ihm auch von dem erzählen, was Johann und ich gestern getan haben?, fragte sich Aurora. Ist das wichtig? Aber er weiß es gewiss eh schon.

„Hat noch jemand etwas zu sagen?“, fragte Hartmut.

„Es tut mir alles so furchtbar leid“, antwortete Marianne zerknirscht.

„Mir auch“, pflichtete Aurora ihr bei. Keiner von ihnen sah die Notwendigkeit, ausdrücklich zu sagen, was ihnen leid tat – Hartmut würde es wissen.

Ihr Fürsprecher sah die Elbin an. „Dann hole sie jetzt herbei.“

Fügsam stand Aurora auf, ging nach draußen und suchte nach Tideline.

***

„Es tut mir alles so furchtbar leid, Hartmut“, beendete Tideline ihre Beichte mit beinahe exakt den selben Worten, die Marianne vorher gebraucht hatte. „Ich habe jetzt eingesehen, dass ich im Unrecht war, und dass ich mit dem verantwortungslosen Umgang mit meiner Gabe viel Schaden angerichtet habe. Ich will es wieder gut machen! Bitte verzeih mir und gib mir noch einmal die Gelegenheit, deine Schülerin zu sein. Ich verspreche auch, dass ich dir in Zukunft in allen Dingen gehorchen werde!“

Zitternd und mit verweintem Gesicht stand das Halblingmädchen vor Hartmut – Wie klein sie doch ist!, dachte Aurora – und sah ihm tapfer, wenngleich auch mit offensichtlicher Überwindung in die Augen.

Dieser musterte sie minutenlang mit unbewegtem Blick. Sie schien unter seinem Blick noch mehr zusammen zu schrumpfen, hielt ihm aber stand. Dann holte er tief Luft.

„Ich nehme dich unter der Bedingung wieder in ein provisorisches Fürsprechverhältnis auf, dass alle meine anderen Schüler zustimmen“, sagte er dann.

Na also!, dachte Aurora.

…aber Tideline brach in lautes Schluchzen aus, verließ die Küche und rannte stolpernd aus dem Turm hinaus zum Waldrand.

Hartmut stand auf. „Ich besuche in einer Stunde mit Rogo Ludwig im Hospital. Ihr könnt mich begleiten, wenn ihr wollt. Tirvo, komm bitte mit, ich habe noch etwas mit dir zu bereden.“

Tirvo und Rogo folgten ihm, als er die Küche verließ. Die anderen sahen einander an.

„Wieso ist sie denn jetzt fortgelaufen?“, fragte die Elbin verwirrt.

„Weil sie weiß, dass nicht alle anderen Schüler Hartmuts zustimmen werden“, antwortete Johann, während Marianne zum Geschirrschrank ging und damit begann, den Tisch für ein spätes Frühstück zu decken.

„Aber… wieso? Hat denn einer von uns etwas dagegen, dass sie wieder mit uns im Turm lebt?“, erkundigte Aurora sich.

Johann legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Nein, Aurora – das glaube ich nicht. Aber auch Ludwig ist einer von Hartmuts Schülern, und er kann nicht zustimmen. Und Tideline weiß, dass das ihre Schuld ist.“

Marianne hatte sieben Gedecke aufgelegt und begann nun damit, sieben Becher mit Milch zu füllen.

***

„Gibt es da nicht noch etwas, was du erledigen müsstest, Tirvo?“, fragte Hartmut.

Der Junge zuckte die Achseln. „Ich wüsste nicht, was.“

„Ist das so?“ Hartmut sah ihn streng an.

„Klar“, gab Tirvo zurück. Du kannst doch meine Gedanken lesen, also kennst du die Antwort schon.

Mit einem Seufzen wandte Hartmut sich ab. „Ich bin enttäuscht von dir, Tirvo. Sehr, sehr enttäuscht.“

Ist mir doch egal, dachte Tirvo.

Aber natürlich war es ihm nicht wirklich egal, und Hartmut wusste es.

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Veröffentlicht on November 9, 2011 at 2:44 pm  Schreibe einen Kommentar  

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